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Daniela Sixt

Gib mir ein

weises Herz Wie innere Stärke und geistliches Wachstum entstehen


Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen haenssler.de Die Bibelverse sind, falls nicht anders vermerkt, folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen Weitere verwendete Bibelübersetzungen sind: Elberfelder Bibel, überarbeitete Übersetzung mit Strong Sprachschlüssel nach James Strong, Copyright © 2003 Edition CSV, Hückeswagen, (ELB) Schlachter Übersetzung, Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft, (SÜ) Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. (NGÜ) Lektorat: Katharina Töws Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart Titelbild: freepik Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-6319-4 Bestell-Nr. 396.319


Inhalt Sehnsucht nach Weisheit

7

Weisheit – Klugheit, die tiefer geht

10

Aufrichtigkeit – Schlüssel zur Standfestigkeit

36

Selbstbeherrschung – Weg in die Freiheit

56

Kommunikation – hören und reden mit Herz und Verstand

82

Kritikfähigkeit – lernen und wachsen durch Feedback

110

Liebe – Essenz wahrer Reife

135

Reife – mehr als nur älter werden

163

Ausdauer – durchhalten mit Ewigkeitsperspektive

189

Wort auf den Weg

209

Dank

211

Anmerkungen

213


Sehnsucht nach Weisheit

Montags ist bei uns ein »Omi- und Opi-Tag«: ein Tag voller Energie, Ideenreichtum und gelegentlicher Grenzerfahrung für alle Beteiligten. An einem Montag vor einiger Zeit nahm die Kreativität eine eher ungünstige Wendung: Die Kinder bauten mithilfe alter Matratzen einen akrobatischen Übungsplatz, stellten sich der Reihe nach an, nahmen Anlauf und übertrafen sich in halsbrecherischen Saltoflügen. Währenddessen fand eines der Kinder eine stillere Beschäftigung: Es entfernte fein säuberlich das etwas abstehende Furnier des in der »Einflugschneise« stehenden Dielenschrankes. Irgendwann lagen undefinierbare Holzschnitzel auf dem Boden, deren Herkunft zunächst niemand einordnen konnte – ihr Unterhaltungswert für die Kinder war aber unüberhörbar. Durch dieses aufgeregte Kindergeschrei alarmiert, schaute ich nach dem Rechten und erkannte sofort eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Holzkonfetti und der danebenstehenden Kommode. Ich brauchte sämtliche Selbstbeherrschung, um meinem Unmut nicht lautstark Luft zu machen, was mir ehrlicherweise nur mäßig gelang. Ziemlich verärgert stellte ich meine Pappenheimer zur Rede. Unschuldige Kinderaugen blickten mich an. Niemand wollte etwas kaputt gemacht haben. Dass nicht alles stimmte, war offensichtlich. Angesichts meines inner7


lich erreichten Siedepunktes wagte es jedoch niemand, die Wahrheit zu sagen. Was sollte ich nun tun? Die Sache auf sich beruhen lassen? Das wollte ich nicht. Die Kinder weiter scharf zurechtweisen? Das hätte unsere Beziehung belastet. Beleidigt zu reagieren, wäre weder erwachsen noch hilfreich gewesen. Was ich in diesem Moment tat – und ob es weise war –, ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist: Ich spürte einmal mehr, wie sehr ich ein weises Herz brauche. Es war eine von vielen Situationen, in denen ich um Weisheit und um reifes, erwachsenes Verhalten rang. Vielleicht kennst du solche Momente, in denen alles gleichzeitig auf dich einstürmt – Erwartungen, Emotionen, kleine Katastrophen. Du weißt genau, dass impulsives Handeln nicht weiterführt, und sehnst dich danach, mit Weisheit, innerer Ruhe und einem klaren Herzen reagieren zu können. Du sehnst dich nach Weisheit, so zu reden und zu handeln, dass sich schwierige Situationen klären, Beziehungen gestärkt und Herausforderungen auf gute Weise gemeistert werden können. Nach Weisheit, Entscheidungen zu treffen, die Gottes Willen entsprechen. Hier wird deutlich, dass Weisheit etwas anderes meint als kluge Antworten auf schwierige Fragen. Informative Antworten sind heute – auch dank KI – jederzeit verfügbar. Wissen ist jedoch nicht Weisheit, und Klugheit bewirkt noch kein gelingendes Leben. Dafür braucht es keinen intelligenten Algorithmus, sondern ein nach Weisheit suchendes Herz. Ein Herz, das um seine eigene Unvollkommenheit weiß und wie Salomo um ein »hörendes Herz«1 bittet. Salomo sehnte sich danach, sein Leben an Gottes Maßstäben auszurichten. Er wollte Zusammenhänge aus Gottes Perspektive verstehen und entsprechend handeln. Diese Bitte gefiel Gott, und er schenkte ihm ein hörendes und damit weises Herz. Gott will auch uns Weisheit schenken, wenn wir unser Herz auf Jesus Christus ausrichten und es von ihm verändern lassen – er ist die 8


Quelle aller Weisheit. In der Verbindung mit ihm beginnt ein Prozess: Innere Stärke und geistliches Wachstum entstehen. Seele und Geist reifen, und das zeigt sich im Alltag. Wie geschieht nun diese Veränderung von innen heraus und wie entwickelt sich ein weises Herz im normalen Leben? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich acht Themenfelder ausgewählt. Es sind Charaktereigenschaften und Themen, die mir wiederholt begegnen, mich selbst herausfordern und im Beratungskontext meiner Praxis häufig zur Sprache kommen. Dabei nähern wir uns diesen Themenfeldern nicht nur theologisch, sondern alltagsnah, persönlich und praktisch. Die Kapitel bauen nicht aufeinander auf, deshalb kannst du die Kapitel in einer dir beliebigen Reihenfolge lesen, allerdings mit einer Ausnahme: Das erste Kapitel und der Schluss sind bewusst als Auftakt und Abschluss gesetzt. Dieses Buch ist jedoch kein christlicher Ratgeber, der leichte Lösungen verspricht. Es ist viel eher ein Praxisbuch, das dazu einlädt, sich mit seelischer und geistlicher Reifung auseinanderzusetzen. Alles, was du dafür brauchst, ist ein aufrichtig nach Weisheit suchendendes Herz, das sich danach sehnt, nicht nur älter, sondern innerlich stark und geistlich reif zu werden. Wenn du den vollen Nutzen aus diesem Buch ziehen möchtest, brauchst du dazu nicht nur die aufgeschlagene Bibel. Du brauchst noch ein weiteres heute stark umkämpftes Gut – Zeit. Genau diese ist unerlässlich für einen fruchtbringenden Reifeprozess. Auch wenn wir es gewohnt sind, nach Abkürzungen zu suchen, bleibt in Bezug auf ein weises Herz das alte Sprichwort wahr: Gut Ding will Weile haben. Reife ist ein Weg, den es zu beschreiten gilt und auf den ich dich mithilfe dieser Lektüre mitnehmen möchte. Nicht weil ich die Weisheit bereits schon besitzen würde, sondern weil ich genauso wie du auf diesem Weg bin – von einem suchenden zu einem weisen Herzen. Machen wir uns gemeinsam auf diese Reise? 9


Weisheit – Klugheit, die tiefer geht Lerne, weise zu sein, und schule deinen Verstand. Vergiss meine Worte nicht und lass sie nicht außer Acht. Bemühe dich immer um Weisheit, dann wird sie dich beschützen. Liebe sie, und sie wird dich bewahren. Weisheit zu erwerben ist das Wichtigste im Leben! Und alles, was du hast, setze dafür ein, Verstand zu erwerben. Wenn du die Weisheit ehrst, wirst du Anerkennung erlangen. Liebe sie und sie bringt dich zu Ehren. Sie wird dir einen schönen Kranz auf den Kopf setzen und dir eine prächtige Krone schenken. Sprüche 4,5-9

Als Gott mich lehrte, nach Weisheit zu fragen »Wenn du so weitermachst, will ich bald keinen Kontakt mehr zu dir! Mich nervt, dass du dich dauernd nach meinem Ergehen erkundigst. Unsere Gespräche drehen sich ständig um meine Krankheit. Bitte hör auf damit!« Wumms, die verbale Ohrfeige saß! Meine Tochter machte 10


mir unmissverständlich klar, dass sie mein sorgenvolles Verhalten als grenzüberschreitend und unpassend empfand. Ich gebe zu, dass sich mit der Diagnosestellung meine Gedanken vor allem um die Krankheit unserer jüngsten Tochter drehten. Sie war kurz nach ihrer Hochzeit im jungen Alter von 21 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Der Beginn war fulminant und von mehreren aufeinanderfolgenden Schüben geprägt. Ich machte mir große Sorgen und befürchtete, dass sie innerhalb weniger Jahre im Rollstuhl sitzen könnte. Deshalb erkundigte ich mich oft nach ihrem Ergehen und sparte nicht mit wohlmeinenden Ratschlägen, bis zu jenem »Vor-denKopf-Stoß-Moment«, der mich eiskalt erwischte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich kurz entschuldigte, mich dann aber erst mal innerlich zurückzog und schmollte. Wie sollte ich mich jetzt verhalten? Rat- und orientierungslos hatte ich keinerlei Vorstellung davon, wie ein guter und hilfreicher Umgang mit meiner Tochter künftig aussehen könnte. Am nächsten Morgen brach ich zu meinem gewohnten Gebetsspaziergang auf und weinte mich bei Gott aus. Als sich mein Seelensturm langsam gelegt hatte, bat ich ihn um Weisheit. Nach und nach wurde mir klar, dass ich mit meinen gut gemeinten Ratschlägen versuchte, die Krankheit meiner Tochter positiv zu beeinflussen und in gewisser Weise zu kontrollieren. Gott zeigte mir jedoch, dass hinter meiner Angst und Sorge ein tieferer Mangel lag: fehlendes Vertrauen. Er ist ihr himmlischer Vater und liebt sie mindestens so sehr wie ich. Gott hat einen Plan – einen guten Plan. Dass dieser Plan nicht immer dem entspricht, was ich mir wünsche, fordert bis heute mein Vertrauen heraus. Trotzdem weiß ich: Was auch immer er in unser Leben verhängt, es wird uns nicht zum Verhängnis, wenn wir uns an ihn hängen. Gott kann und will aus Mist Dünger machen – selbst aus der chronischen Erkrankung meines erwachsenen Kindes. An diesem Morgen wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich mit meinem Verhalten weder den 11


Krankheitsverlauf beeinflussen noch meiner Tochter helfen konnte. Im Gegenteil: Ich war im Begriff, die Beziehung zu ihr zu verlieren. Nachdem mir Gott diesen Zusammenhang aufzeigte, traf ich eine zukunftsweisende Entscheidung, die ich meiner Tochter einige Tage später mitteilte. Ich erzählte ihr, dass mich unser letztes Gespräch sehr zum Nachdenken gebracht hatte. Mir war inzwischen klar geworden, dass sie mein Verhalten als übergriffig empfand, und ich zog meine Konsequenzen daraus: Künftig würde ich sie nicht mehr auf ihre Krankheit oder ihr Ergehen ansprechen. Ich legte sogar noch eine Schippe drauf und erklärte noch am Telefon das Thema Krankheit für mich fortan zum Tabuthema, mit einer einzigen Ausnahme: Wenn sie das Bedürfnis verspürte, darüber zu sprechen, würde ich immer ein offenes Ohr dafür haben. Zu Beginn war es herausfordernd, mein Versprechen einzuhalten, aber es hat sich gelohnt. Mit der Zeit entspannte sich unser Verhältnis. Durch dieses Erlebnis lernte ich, aus einer anderen Perspektive auf mein ungutes Verhalten zu schauen. Gott deckte dadurch das Misstrauen als Ursache meiner Herzenshaltung auf und führte mich behutsam zu einem weiseren Umgang, der sich nachhaltig positiv auswirkte. Ich durfte dadurch erleben, was uns Gottes Wort verspricht: Wenn jemand unter euch Weisheit braucht, weil er wissen will, wie er nach Gottes Willen handeln soll, dann kann er Gott einfach darum bitten. Und Gott, der gerne hilft, wird ihm bestimmt antworten, ohne ihm Vorwürfe zu machen (Jakobus 1,5).

Das Lebenshaus der Weisheit – auf sieben Säulen gebaut Wir haben bereits gesehen: Weisheit ist mehr als Klugheit, Wissen oder Cleverness. Sie ist nicht vom Intelligenzquotienten abhängig, sondern 12


zeigt sich im Erkennen von Lebenszusammenhängen und der daraus erwachsenden Fähigkeit zu einer guten Lebensführung.1 In Salomos Sprüchen finden sich viele Verse zum Thema Weisheit und Hinweise darauf, was ein weises Leben auszeichnet. Sehr einprägsam ist dabei das Bild vom Haus der Weisheit, das auf sieben Säulen steht.2 Ich sehe es als Gleichnis für ein stabiles, fest gegründetes Lebenshaus, das auf diesen sieben tragenden Säulen ruht.3 Die Zahl Sieben weist dabei auf Vollkommenheit und Ganzheit hin, und die sieben Säulen symbolisieren meines Erachtens unterschiedliche Facetten eines reifen Charakters, die dazu beitragen, sich in den verschiedenen Lebensbereichen weise zu verhalten. Um welche Säulen handelt es sich? Zu dieser Frage gibt es unterschiedliche Ansichten. Ich habe dazu in den Sprüchen Salomos nach Weisheitsmerkmalen Ausschau gehalten, die dort mit dieser Wesensart in Verbindung gebracht werden. Es sind allesamt Tugenden, die auch Jesus Christus aufweist. Aber was ist eine Tugend? Eine Tugend ist eine positive Charaktereigenschaft oder Haltung, die das Leben und den Umgang mit anderen prägt und dabei hilft, gut, weise und verantwortungsvoll nach dem Willen Gottes zu handeln. Es ist gut, nach diesen Dingen zu streben. Trotz aller Bemühungen werden wir hier auf dieser Erde aber niemals einen vollkommenen Charakter ausbilden. Die Säulen unseres Lebenshauses wackeln allesamt. Nur Jesus Christus weist diese Vollkommenheit auf. Zusätzlich ist er nicht nur die vollkommene Weisheit in Person, sondern stellt gleichzeitig das Fundament dieses Hauses dar.4 Und trotzdem ist es unser Auftrag, Jesus ähnlich zu werden. Er selbst fordert uns dazu auf, unser Denken, Reden und Handeln an ihm auszurichten. Auch die Apostel – Paulus eingeschlossen – weisen wiederholt darauf hin, es Jesus gleichzutun.5 Unser Charakter soll sich immer mehr an Jesus angleichen. Dabei geht es aber keinesfalls darum, äußerlich perfekt zu werden, sondern innerlich verwandelt zu werden.6 Und das nicht aus unserer Kraftan13


strengung heraus, sondern durch Gottes Geist. Es ist wichtig, diesen Hintergrund bei allem, was wir in den folgenden Kapiteln betrachten, immer im Hinterkopf zu behalten, denn dieser Ausgangspunkt ist wesentlich, um alle Aspekte der seelischen und geistlichen Reifung als Wachstum und nicht als Selbstoptimierung zu begreifen. Reifung ist ohne die Zunahme an Weisheit nicht möglich. Weisheit ist quasi der Schlüssel zur Reife und laut Bibel einer der kostbarsten Schätze, nach denen der Mensch streben kann.7

Wozu brauchen wir Weisheit? Diese Frage habe ich eigentlich gerade schon beantwortet. Ich möchte ihr aber noch gezielter nachgehen. Ich glaube nämlich, wir sind heute mehr denn je auf Weisheit angewiesen, denn sie bietet Orientierung in einer Welt, die zunehmend verwirrend und komplex geworden ist. Keine Generation vor uns hatte mehr Freiheit und vielfältigere Möglichkeiten, das Leben individuell zu gestalten. Gleichzeitig war wohl keine Generation so verunsichert wie unsere. Durch die ständige Verfügbarkeit der Medien und der zunehmenden Globalisierung strömen ständig neue Informationen, Trends und »Must-haves« auf uns ein. Alles scheint möglich, alles scheint erlaubt, alles scheint gleich gültig. Jeder darf und soll sich verwirklichen. Und alles Tun steht unter dem Motto »All you need is love«. Was im Kern richtig ist, verkommt damit zum Egotrip. Aus dem früheren Fokus auf das Kollektiv wurde eine fast schon kultische Verherrlichung des Individuums. Wir leben hochindividualistisch, und gerade deshalb fällt es vielen schwer, Entscheidungen zu treffen oder Verantwortung zu übernehmen. Denn jede Entscheidung schränkt scheinbar unsere Freiheit ein. Und wer garantiert uns schon, dass wir den richtigen Weg wählen? 14


Weisheit als Orientierung in einer komplexen Welt Dank KI können wir heute jederzeit alle nötigen Informationen abrufen und bei ChatGPT & Co. sogar um Rat fragen. So hilfreich das auch sein mag: Die Fülle an Daten ersetzt keinen weisen Rat. KI kann uns keine Entscheidung abnehmen, die nicht nur logisch, sondern auch ethisch richtig und lebensförderlich ist, denn kluge Information ist nicht dasselbe wie Weisheit. Weisheit aber setzt alle Lebenszusammenhänge in den von Gott gegebenen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens herrschen die besten Lebensbedingungen. Deshalb wage ich es zu sagen: Im Zeitalter von KI benötigen wir Weisheit dringender denn je. Ohne Weisheit ist es kaum möglich, eine gottgewollte Haltung einzunehmen. Ein weiteres Phänomen erschwert die Orientierung zusätzlich: Wenn ich nach relevanten Informationen suche, werde ich über soziale Medien regelrecht überflutet – mit Imitationen, Deepfakes (KI-generierten Audios und Videos zur bewussten Täuschung) und den unterschiedlichsten Desinformationen. Es wird immer schwieriger, Wahrheit von Täuschung zu unterscheiden.8 Weisheit ermöglicht hingegen nicht nur das Erkennen von Lebenszusammenhängen und das kluge Umsetzen dieser Einsicht. Weisheit befähigt uns auch zu einem gesunden, nüchternen Urteilsvermögen und hilft uns, Situationen und scheinbare Wahrheiten aus Gottes Perspektive zu betrachten.

Wie zeigt sich Weisheit? – Weltliche und biblische Weisheit Auch im weltlichen Kontext spielt Weisheit eine wichtige Rolle: Sie ist auch im nicht christlichen Kontext sehr nützlich, um das Leben 15


gelingend zu gestalten und unser Sein in seinen Zusammenhängen zu erfassen. Der Unterschied liegt jedoch in der Zielrichtung. Aus psychologischer Sicht zielt Weisheit vor allem darauf ab, das eigene Leben und Umfeld zu optimieren. Hier stehen Problemlösung, Anerkennung, Erfolg oder Sicherheit im Fokus. Weltliche Weisheit fragt deshalb: Was nützt mir, meiner Familie, meinem Umfeld, meinem Volk oder auch meinen Nachkommen am meisten? Im Bereich der Persönlichkeitsforschung wurde ein enger Zusammenhang von Weisheit und Wohlbefinden festgestellt. Wer weise ist, dem fällt es im Allgemeinen auch leichter, glücklich und zufrieden zu sein. An einer amerikanischen Universität entdeckten Forscher, dass sich Weisheit aus mehreren weisheitsstiftenden Eigenschaften zusammensetzt.9 Auf Basis empirischer Studien entwickelten sie eine »Weisheitsskala« – ein Instrument zur Messung von Weisheit:10 Die folgenden Merkmale orientieren sich an diesen Forschungsergebnissen und sind hier in vereinfachter Form wiedergegeben: • Prosozialität: Weise Menschen zeigen anderen gegenüber ein mitfühlendes Verhalten, das von Empathie, Altruismus und Hilfsbereitschaft geprägt ist. Sie besitzen die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und zum Wohle anderer zu handeln, ohne sich dabei ausnutzen zu lassen. • Selbstreflexion: Weise Menschen besitzen die Fähigkeit, über das eigene Denken, Fühlen und Handeln nachzudenken. Sie lernen aus Erfahrungen und erkennen eigene Fehler an. • Emotionsregulation: Weise Menschen bleiben in Konflikten ruhig und besonnen. Sie besitzen die Fähigkeit, starke Emotionen zu erkennen und sie konstruktiv zu steuern, ohne sie zu verdrängen.

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• Akzeptanz: Weise Menschen respektieren andere Meinungen, Lebensentwürfe und Kulturen. Sie nehmen die Würde des anderen ernst, auch wenn er fremdartig ist. • Entscheidungsfähigkeit: Weise Menschen treffen durchdachte, abgewogene Entscheidungen. Sie handeln weder impulsiv noch zögerlich, sondern verantwortungsvoll. • Spiritualität: Weise Menschen erleben ihr Leben als sinnerfüllt, auch ohne bestimmte religiöse Zugehörigkeit. Ihre Spiritualität stärkt die seelische Widerstandskraft. Sie fördert Hoffnung und Mitgefühl. Der diese Studie leitende Professor Dilip V. Jeste bringt es sinngemäß auf den Punkt: »Wir brauchen Weisheit, um im Leben zu überleben und zu gedeihen.«11 Zudem ist er davon überzeugt, dass Weisheit die Wahrscheinlichkeit erhöht, glücklich zu altern. Diese Studie ist beachtlich und deckt sich mit vielen biblischen Aussagen, warum weltliche Weisheit allein nicht reicht.12 Damit ist weltliche Weisheit nützlich, doch Gott bezeichnet diese Art von Weisheit trotzdem als Torheit.13 Warum tut er das? Weltliche Weisheit schließt trotz Spiritualität Gott aus. Spiritualität bezeichnet die Sinnorientierung eines Menschen, also jemand, der nach dem Warum und Wozu seines Daseins fragt. Dieser Mensch sucht jenseits der materiellen Welt nach innerer Tiefe. Spiritualität ist nicht automatisch religiös geprägt – sie kann es sein, muss es aber nicht. Viele Menschen erleben Spiritualität durch Natur, Musik, Stille, Meditation oder soziales Engagement. Menschliche Weisheit bleibt jedoch trotz ihrer weisheitsfördernden Eigenschaften, von denen auch die Bibel spricht, auf sich selbst bezogen. Sie betrachtet das Leben vor allem aus der horizontalen Perspektive und richtet damit ihren Fokus auf das Weltliche und Zwischenmenschliche. Weltliche Weisheit besitzt keinen Gottesbezug und fragt 17


nicht nach der Ewigkeit. Sie kann Probleme lösen, findet aber keine Antwort auf die tiefen Fragen des Lebens. Damit geht sie am ursprünglichen Ziel vorbei und verpasst das Wesentliche. Wie gerade erwähnt, Gott tituliert die weltliche Weisheit sogar mit »Torheit«, was so viel wie Dummheit bedeutet.14 Torheit meint jedoch nicht intellektuelle Dummheit, sondern geistliche Verfehlung. Ich stelle mir das Wesen der Weisheit etwa so vor wie in der folgenden Geschichte des kunstvoll gewobenen Spinnennetzes. Alles – das ganze Konstrukt – hängt am vertikalen Faden, also an der Aufhängung nach oben. Ohne diese Halt gebende Konstruktion würde das perfekte Werk in sich zusammenfallen: Der Lebensfaden: Weisheit braucht Gottesbezug Es war einmal eine kleine Spinne, die lebte in ihrem Netz herrlich und in Freuden. Alles war gut, bis sie hörte: Die Welt ist anders geworden, du musst dich anpassen, du musst Altes aufgeben, du musst dich neu orientieren, du musst rationalisieren. Die Spinne war nie aufgeregt, aber der Vorwurf der Rückständigkeit machte sie nervös. Umgehend inspizierte sie ihren Betrieb. Aber kein Faden war überflüssig, jeder war für das Geschäft dringend notwendig. Fast verzweifelt und wegen dieser Aufregung einem Herzinfarkt nahe, fand sie schließlich einen Faden, der senkrecht nach oben lief. Dieser hatte noch nie eine Fliege eingebracht, er hatte noch nie seinen Wert erwiesen und schien überflüssig und völlig nutzlos zu sein. Schnell biss die Spinne den Faden ab. Was dann passierte, ist klar. Das ganze Netz fiel in sich zusammen und ging kaputt. Der Faden nach oben war der, auf den es ankam und an dem alles hing.15

Wenn sich weisheitsstiftende Eigenschaften nicht am vertikalen Faden – der für den Gottesbezug steht – festmachen, fehlt die Hauptsache. Allein dieser »Faden« schenkt echte Weisheit und zeigt uns, 18


wer wir Menschen sind: vergängliche, fehlerhafte Wesen, die auf ihren Schöpfer angewiesen sind. In den Psalmen lesen wir deshalb, dass genau dieses Wissen uns weise macht: »Lehre uns zu bedenken, wie wenige Lebenstage uns bleiben, damit wir ein Herz voll Weisheit erlangen!« (Psalm 90,12; NGÜ). Damit wird deutlich, was der Unterschied zwischen irdischer Weisheit und der biblischen, vom Heiligen Geist gewirkten Weisheit ist.

Wahre Weisheit beginnt bei Gott Biblische Weisheit gründet sich auf Gottesfurcht.16 Wahre Weisheit beginnt nicht bei uns selbst, sondern bei einer ehrfürchtigen Beziehung zum lebendigen Gott. Ehrfurcht hat weniger mit Furcht zu tun als mit Respekt und einem demütigen Staunen über Gottes Größe, Heiligkeit, Liebe und Macht. Diese Ehrfurcht rückt unser Menschsein ins richtige Licht, und genau dadurch entsteht echte Weisheit. Ehrfurcht wird somit zum Rahmen für unser Denken, Erkennen, Verstehen und letztlich für unser Verhalten in allen Lebenslagen. Weisheit spielt in der Bibel eine bedeutende Rolle. Im Alten Testament wird sie 159-mal erwähnt. Besonders eindrücklich begegnet sie uns in den Sprüchen Salomos: Dort taucht das hebräische Wort chokma allein 44-mal auf, und ein ganzes Kapitel widmete Salomo sogar ausschließlich der Weisheit.17 Auch im Buch der Prediger verwendete Salomo 27-mal das Wort chokma. Der Begriff bedeutet nicht nur Weisheit, sondern umfasst auch Klugheit, geschicktes Handeln, Einsicht und ein verständiges Herz. Damit meint chokma so viel wie »angewandtes Wissen« – also die Fähigkeit, das Richtige zu tun und gute Entscheidungen zu treffen. Weisheit zeigt sich also vor allem im Alltag und wird darin sichtbar, wie wir mit anderen umgehen, wie wir reden, handeln und Prioritäten setzen. 19


Im Neuen Testament begegnet uns dann das griechische Wort sophia und wird 49-mal ausschließlich mit »Weisheit« übersetzt. Bemerkenswert ist hierbei die Kombination dieses Begriffes, denn Weisheit wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament häufig zusammen mit Einsicht und Verstand genannt.18 Diese drei scheinen eng miteinander verbunden zu sein, fast wie ein geistliches Trio, das sich gegenseitig ergänzt.

Jesus Christus – die personifizierte Weisheit Und doch geht das Neue Testament noch einen Schritt weiter: Hier wird Weisheit untrennbar mit Jesus Christus verknüpft. In ihm begegnet uns nicht nur ein weiser Lehrer, sondern der Ursprung aller Weisheit selbst: In ihm liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen (Kolosser 2,3). Damit ist Jesus Christus die personifizierte Weisheit schlechthin. Seine Worte – er ist das lebendig gewordene Wort Gottes19 – waren allesamt von einer unglaublichen Weisheit geprägt. Viele dieser Reden sind uns in den Evangelien überliefert. Dieselbe göttliche Einsicht zeigte er in seinem Verhalten, was in zahlreichen biblischen Berichten zum Ausdruck kommt. Einen davon möchte ich herausgreifen, um sein weises Handeln beispielhaft zu zeigen.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,1-11) Was war passiert? Jesus war anlässlich des Laubhüttenfestes in Jerusalem und zog sich am letzten Abend des siebentägigen Festes auf den Ölberg zurück. Dort verbrachte er vermutlich die Nacht allein und ging dann am frühen Morgen erneut in den Tempel. Wahrscheinlich, 20


weil noch viele Pilger in der Stadt waren und er die Gelegenheit nutzen wollte, zu ihnen zu sprechen. Zu diesem Zeitpunkt war Jesus in Israel bereits bekannt und hatte bei vielen den Ruf eines weisen Lehrers. Damit zog er nicht nur die Aufmerksamkeit der religiösen Führerschaft auf sich, sondern auch ihren Neid. Jesus hatte keine besondere geistliche Ausbildung, konnte aber wie kein anderer die Schrift alltagstauglich erklären.20 In seinen Predigten ging es ihm nicht in erster Linie um das Einhalten von Regeln und Geboten, vielmehr legte er den Fokus auf das menschliche Herz. Dabei schaffte Jesus die Gebote keinesfalls ab – er machte deutlich, dass vor Gott nicht das bloße Befolgen, sondern die Herzenshaltung zählt.21 Das Einhalten von Gottes guten und lebensfördernden Regeln sollte nicht zu einer mechanischen Pflichtübung verkommen, sondern aus einer Haltung der Liebe zu Gott und zum Nächsten geschehen.22 Wenn diese Zielrichtung aber verdreht wird, dann geht es plötzlich um die eigene Gerechtigkeit und darum, sich einen gnädigen Gott zu verdienen. Wie herausfordernd, ja geradezu provozierend, wenn nun diese Denkweise auf den Kopf gestellt wird! Und genau das tat Jesus – und er tat es mit einer Vollmacht, die nicht zu übersehen war. Und noch mehr: Seine Botschaft war verständlich, auch das gewöhnliche Volk konnte sie erfassen. Sein Anspruch, der Sohn Gottes und damit der Messias zu sein, war jedoch herausfordernd und spaltete die Gesellschaft. Für die einen war Jesus der Heilsbringer schlechthin, für die anderen ein furchtbarer Gotteslästerer. Wo immer Jesus auftauchte, strömten die Leute zusammen. Sie spürten, dass hier jemand mit Weisheit und echter Vollmacht sprach.23 Gleichzeitig wuchs unter den Pharisäern und Schriftgelehrten der Widerstand, denn Jesus entlarvte wiederholt ihre Selbstgerechtigkeit und die verdrehte Motivation hinter ihrem Eifer.24 Wie wir gleich sehen werden, tat Jesus genau das auch in dieser Geschichte: 21


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