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Markus & Katharina Freudiger mit Daniel Gerber

WO JESUS BARFUSS GEHT

Unser Leben mit den Menschen in den Slums von Kolkata

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen, insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen haenssler.de

Die Bibelverse sind folgenden Ausgaben entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. Hoffnung für alle ®, © 1983,1996, 2002 by Biblica Inc.™, hrsg. von Fontis –Brunnen, Basel (HFA)

Lektorat: Christina Bachmann Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart

Titelbild und Innenseiten: istockphoto Swapnil Patil Bilder im Bildteil: © privat

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Gedruckt in Deutschland

ISBN 978-3-7751-6307-1

Bestell-Nr. 396.307

Warum zwei Schweizer in einen Slum nach Kolkata ziehen

Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Zumindest nicht vorläufig. Mit rund neunhundert Sachen auf dem Geschwindigkeitsmesser rast Indien auf uns, Katharina und Markus, zu. Städte und Länder ziehen unter uns vorbei, während wir in einem gut gefüllten Passagier-Jet der »Air India« sitzen und elegant-geschmeidig über die Wolken und endlose Landstriche gleiten.

Gespannt, aber auch ein wenig nervös unterhalten wir uns über das, was uns bald erwarten könnte. Dabei lassen wir uns die BordMahlzeit schmecken, die uns schon ein wenig auf die neue Heimat vorbereitet. Doch plötzlich werde ich, Markus, wieder ins Hier und Jetzt katapultiert, als ich in eine vermeintliche grüne Bohne beiße, die sich als superscharfer Chili entpuppt und mir den Atem raubt. Die indische Küche scheint es ernst mit unseren Gaumen zu meinen. Wir haben große Pläne im neuen Millennium, das vor wenigen Monaten begonnen hat. Und gleichzeitig wissen wir noch nicht, was wir genau tun werden. Das mag paradox klingen, hat aber einen nachvollziehbaren Grund. Wir wollen einen Unterschied im Leben der Menschen machen, die ganz unten sind: die Unberührbaren im Slum. Unsere Zukunft sehen wir weder auf dem Finanzplatz Zürich, wo Millionen und Milliarden den Besitzer wechseln und Kaviarschalen und gekühlter Champagner serviert werden, noch hoch oben in Davos, wo sich die Weltelite trifft. Uns zieht es auch nicht wie Tausende von Auswanderern nach Kanada, um eine endlos-gigantische Farm zu bewirtschaften. Oder – etwas naheliegender – eine Schreinerei in der Schweiz zu eröffnen oder eine Schule zu leiten. Wir fliegen weit von unserer Heimat weg, nach Südasien, um uns in einem Slum in Kolkata, dem früheren Kalkutta, niederzulassen. Mit nur je einem zwanzig Kilogramm schweren Koffer machen wir uns auf den Weg in ein neues Leben. Und das nicht etwa aus Abenteuerlust oder um aus der westlichen Gesellschaft auszusteigen.

Als wir aus dem angenehm klimatisierten Flugzeug hinaustreten, umfängt uns eine erbarmungslose, schwüle Hitze. In der überschaubaren Ankunftshalle surren die mächtigen Propeller der Ventilatoren von der Decke und kühlen uns etwas ab. Nun geht es zum grimmig dreinschauenden »Immigration Officer«. Hoffentlich landen wir nicht in einem Verhör. Wir haben zwar ein Einreisevisum im Pass, wissen aber nicht so genau, was wir in dieser Millionenstadt machen wollen, und können darüber kaum Auskunft geben, sollte der Beamte zu eindringlich nachbohren. Doch die Sorge verfliegt im Nu: Er lässt uns hinein, das weiße Kreuz auf dem Pass, das uns als Schweizer ausweist, scheint zu helfen.

Vor dem Flughafenterminal wartet eine große und laute Menschenmenge auf die Ankommenden. Taxis, Hotels und Touren werden uns auf den ersten Metern angeboten. »Would you like a taxi, very good price for you, Sir!«, schallt es lautstark in unseren Ohren. Die ersten Eindrücke überwältigen uns fast.

Wenigstens werden wir in Kolkata nicht allein starten. Wir werden bei einem neuseeländischen Ehepaar einziehen, das wir bereits von früher kennen. In den nächsten Jahren wollen wir mit diesem Paar von der Südhalbkugel der Erde zusammenleben, um den Menschen im Slum zu dienen. Das war für uns ein wichtiger Punkt gewesen: dass wir eine gute Einführung und Begleitung haben und unter kompetenter Anleitung die Menschen und ihre Kultur in dem uns fremden Land kennenlernen können. Wir sind froh, dass wir Teil eines Teams sein werden und in den nächsten Monaten einen sanften Start auf diesem neuen »Planeten« im Slum erleben dürfen.

In der wartenden Menge erkennen wir Greg. Als einziger Weißer fällt er uns sofort auf. Er empfängt uns herzlich auf dem indi-

schen Subkontinent. Seine Frau Sal und sein einjähriger Sohn Toby erwarten uns zu Hause. Wir verstehen schnell, warum die beiden nicht auf die anstrengende zweistündige Fahrt zum Flughafen mitgekommen sind. Greg hat schon etwas Bengali gelernt und verhandelt geschickt den Preis mit den Taxifahrern. Und dann geht es los. Wir sitzen in einem der alten Ambassador-Taxis, die einst von »Hindustan Motors« gebaut wurden und zum indischen Kultwagen avancierten.

Doch gleich zu Beginn der Fahrt, kurz nachdem wir die mächtigen Türen des geräumigen Taxis hinter uns zugezogen haben, kommt die emotionale Vollbremsung. Der ernüchternde Schock sucht uns gleich in den ersten Minuten in Indien heim. Unser Freund aus Neuseeland verkündet uns mit tiefem Bedauern, dass sie es in Kolkata schlicht nicht mehr aushalten und baldmöglichst nach Hause zurückkehren wollen. Dabei waren sie erst vor ungefähr einem Dreivierteljahr und voller Pläne in der gigantischen Mega-City angekommen. Seitdem hatten sie sich eine Unterkunft im Slum gesucht und Freundschaften geschlossen. Greg spielte täglich mit den Jungs aus dem Slum Fußball, Cricket und Kabaddi, einen traditionellen, körperbetonten Mannschaftssport. Als wir Greg und Sal während unseres Theologiestudiums in Neuseeland kennengelernt hatten, hatten wir bald festgestellt, dass wir die gleiche Berufung teilten – sie dachten damals an rund zehn Jahre …

Diesen Tiefschlag müssen wir erst mal verdauen, während wir den fünftgrößten Flughafen Indiens hinter uns lassen. Für uns war völlig klar gewesen, nicht allein in diesen neuen Lebensabschnitt starten zu müssen. Doch nun treffen wir auf eine Familie, die bereits auf mehr oder weniger gepackten Koffern sitzt.

Vor dem Fenster unseres Taxis ziehen die Straßenzüge vorbei und wir tauchen ein in das heillose Durcheinander von Autos, die keine Abgasnormen kennen, wuseligen Tuk-Tuks und Fahrrad-Rikschas. Um uns herum wogt ein unüberschaubares Menschenmeer, das sich mit nichts vergleichen lässt, was uns bekannt wäre. Es ist, als würde die Luft vibrieren, als wäre sie statisch aufgeladen. Nun sind wir also nach Jahren der Vorbereitung am Ort unserer Bestimmung angekommen. Ja, wir waren bereits einmal auf unserer Hochzeitsreise für eine Woche in Kolkata. Doch nun als Einwohner dieser Millionenstadt einzureisen, ist noch einmal eine ganz andere Liga.

Dann erreichen wir »unseren« Slum – es gibt in Kolkata ja insgesamt nicht wenige davon. An einer Straßenecke hält das träge Ambassador-Mutterschiff von einem Taxi. Aufgrund der engen Gassen verkehren weiter innen im Slum kaum Autos.

Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zu unserer neuen Bleibe. Wir sind begeistert vom bunten Treiben um uns herum. Kleider, die das ganze Farbspektrum abdecken, werden vor den winzigen Slumhütten in verlotterten Billig-Plastikeimern mit nicht gerade sauberem Wasser gewaschen und dann an Leinen über den Gehwegen zum Trocknen aufgehängt. Rote, unverputzte Backsteine tragen Dächer mit verwitterten Ziegeln. Da und dort wühlen magere Hunde mit ihren Schnauzen im Müll, der achtlos weggeworfen wird.

»What is your name, Auntie?«, fragt ein etwa achtjähriges, dünnes Mädchen in einem einfachen, schmutzigen Kleid.

»Ich heiße Katharina und das ist mein Mann Markus. Und wie heißt du?«, frage ich zurück.

»Ich heiße Pinkey, und das ist meine Schwester Dalia. Wir wohnen hier«, entgegnet das Mädchen und zeigt auf eine Behausung aus Wellblech, Bambus, Stoff und Papierfetzen.

Die Armut hier ist greifbar und bitterste Realität. Eisenschwere Schatten lasten über diesem bunten, aber geistlich finsteren Ort, in dem Tausende Menschen ausharren. Doch genau hier wenden wir uns nicht ab, sondern exakt für diese Menschen wollen wir einen Unterschied machen: An diesem herzzerreißenden Ort wollen wir da sein für die Ärmsten der Armen. Für die Kastenlosen, für die »Unberührbaren«.

Wir schleppen also unsere beiden Koffer quer durch den Slum, überwältigt von den Eindrücken, den Farben, die fast in den Augen schmerzen. Schaut man versehentlich in eine andere Richtung, klatschen einem die aufgehängten Kleider und Tücher ins Gesicht. Da und dort thronen die sonderbarsten Götzenfiguren, und alle möglichen (und unmöglichen) Gerüche von frisch zubereitetem Essen dringen in unsere Nasen – wir finden uns schlicht im pulsierenden Leben wieder.

Viele Leute tummeln sich in einem unüberschaubaren Durcheinander auf den engen Straßen und Gassen. Unzählige, neugierige Augenpaare folgen uns. Manche mögen denken, dass wir Touristen sind, die sich verirrt haben. Denn weiße Menschen sind hier kaum zu sehen. Es gibt natürlich Sal und Greg, bei denen wir einziehen … wenn nun auch lediglich für eine äußerst kurze Zeit.

Dann erreichen wir unser Ziel. Unsere neuen vier Wände wären nichts für den durchschnittlichen Westeuropäer (und auch nichts für den durchschnittlichen Osteuropäer). Wir beziehen eine dunkle, muffige Wohnung im Erdgeschoss, die direkt an »unseren« Slum angrenzt. Die Überlegung, ob solche Wohnverhältnisse zumutbar sind, stellt sich hier nicht. Es ist, wie es ist.

Wir selbst zweifeln nicht an unserer Berufung, wenn wir auch die Schocknachricht noch nicht verdaut haben. Nun erfahren wir noch etwas mehr über den Hintergrund der baldigen Abreise. Die chaotische Großstadt erschöpfte die junge Familie. Über allem lastete die Ungewissheit bezüglich ihrer Aufenthaltsgenehmigung, die sich zu einer täglich nagenden Sorge entwickelte.

Doch wir lassen uns von dieser neuen Voraussetzung nicht aus der Bahn werfen. Zumindest können uns Sal und Greg in den nächsten Wochen noch etwas helfen, Fuß zu fassen. Außerdem sind wir nicht komplett auf uns allein gestellt (bei zu diesem Zeitpunkt rund 13,1 Millionen Stadtbewohnern droht ohnehin nicht eine allzu große Einsamkeit). Mit Greg, Sal und einem lokalen Pastorenehepaar sind wir ein kleines Team der internationalen Organisation Servants. Diese investiert sich in die Slums in den asiatischen Großstädten, um den Ärmsten der Armen Gottes Liebe weiterzugeben. So treffen wir Gleichgesinnte zum Austausch. Außerdem finden wir bald Anschluss in einer lokalen christlichen Gemeinde.

Wenn wir im Slum unterwegs sind, sticht besonders ein riesiges altes Gemäuer ins Auge, das so gar nicht in diese Gegend passen will. Es überragt die umliegenden, einfachen Backstein-Hütten um drei Stockwerke. Es handelt sich um einen Sultanspalast aus einer ruhmreichen Epoche. Das Schloss muss einst malerisch erstrahlt sein, doch längst sind viele der einst leuchtend roten Backsteine vom Zahn der Zeit, Ruß und anderen Abgasen dunkel gefärbt worden.

Auch wenn die Zeit der Sultane weit zurückliegt: Verglichen mit der Blütezeit dieses Prachtbaus dürften nie so viele Menschen in diesen antiken Mauern gelebt haben wie heute. Denn der Palast ist integraler Bestandteil des Slums. Wo einst reiche Herrscher in weitläufigen Sälen wandelten und sich an üppigen Tafeln mit erlesenen

Speisen stärkten, drängen sich heute über tausend Slumbewohner in winzigen Zimmern. Der Glanz ist verblasst, geblieben ist der tägliche Kampf ums Überleben in unzähligen kleinen Kleinstbleiben. Wer zur gefährlichen, rutschigen Steintreppe gelangen will, die auf das Dach führt, muss mehrere »Wohnzimmer« durchqueren – was im Übrigen problemlos gewährt wird. So platzt man beim Gang zur Steige in jedem Raum mitten ins Familienleben, und wenn man die glitschigen Stufen gemeistert hat, steht man auf der geländerlosen Überdachung und schaut über die verwitterten Ziegel- und Wellblechdächer des Slums. Da und dort sind löchrige Überdachungen zusätzlich auch mit Plastikplanen bedeckt, damit die teilweise heftigen Regenfälle nicht die wenige Habe im Haus zerstören. Noch ahnen wir nicht, dass wir eines Tages ein unglaubliches Wunder im Palast erleben werden …

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