Nicht von dieser Welt
EINE ANLEITUNG
FÜR DEIN LEBEN IN FÜLLE
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Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Die Verwendung des Textes erfolgt mit Genehmigung der Deutschen Bibelgesellschaft (LUT)
Das Buch. Neues Testament, Psalmen, Sprichwörter – übersetzt von Roland Werner © 2022 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (DBU) Bibeltext der Schlachter Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft Wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten (SLT)
Lektorat: Christiane Kathmann Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbüro-sonnhueter.de
Autorenfoto: Nico Arndt
Titelbild: shutterstock
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Gedruckt in Deutschland
ISBN 978-3-7751-6305-7
Bestell-Nr. 396.305



ANKOMMEN



1
Die Strecke






Meinen beruflichen Werdegang kann man nicht als geradlinig bezeichnen. Nach einem verletzungsbedingten Abbruch meines Lehramtsstudiums und einem sehr kurzen Zwischenstopp im Einzelhandel machte ich eine kaufmännische Ausbildung. Da ich erst im späten Herbst in die Ausbildung einsteigen konnte, stand bereits nach wenigen Wochen meine erste Weihnachtsfeier in der Firma an. Der Comedian Heinz Becker war bei uns damals hoch im Kurs und so kam es, dass ich den ganzen Abend über mit einer Kollegin zusammen dessen Dialekt und Witze parodierte. Wir lieferten uns eine Wortschlacht auf Saarländisch. Das Dumme war nur, dass ich erst am Ende des Abends erfuhr, dass mein Chef aus dem Saarland kam.
Ich hatte eine sehr unruhige Nacht und am nächsten Morgen einen Termin bei ihm. Er saß schweigend in seinem Ledersessel, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und sah mir mit ernstem Gesicht tief in die Augen. Mein Puls beschleunigte sich. Ich wollte mich gerade
entschuldigen, als er herzhaft zu lachen anfing. Er meinte, das sei der witzigste Abend seit Jahren gewesen und er sehe ein großes kommunikatives Talent in mir. Er empfahl mir eine Zukunft im Vertrieb und war bereit, mich auf diesem Weg zu fördern. Glück gehabt!
Im Anschluss lernte ich das passende Handwerkszeug, um im Vertrieb erfolgreich zu sein. Das bedeutete zunächst einmal eine ausgiebige Schulung im Telefonmarketing. Anschließend durfte ich meine ersten Verkaufserfahrungen machen. Neukundenakquise am Telefon ist nicht einfach, aber ich empfehle es jedem, der einen Weg im Vertrieb gehen möchte. Man lernt dabei, sehr genau hinzuhören. Nach einiger Zeit konnte ich anhand feinster Nuancen in der Stimme meines Gegenübers unterscheiden, ob derjenige sitzend oder stehend telefonierte, ob er gerade mit einer Arbeit begonnen hatte oder fast fertig war und ob meine Hoffnung auf einen Erfolg realistisch war oder eher nicht.
Da ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin, war mein Ziel von Anfang an, in den Außendienst zu gelangen. Ich hatte die Vorstellung, dass ich dabei zumindest zu einem gewissen Grad mein eigener Chef sein konnte, ohne das Risiko einer Firmengründung tragen zu müssen. Aber noch war es nicht so weit. Zunächst durchlief ich zwei Firmenwechsel und wurde Leiter im Innendienst. Die Arbeit war gut und mein Team war erfolgreich. Aber mich zog es nach draußen. Ich fühlte mich wie in einem Käfig. Manchmal hatte ich das Gefühl, an den strengen Umgangsformen in der Firma zu ersticken.
Auch wenn die Rahmenbedingungen deutlich schlechter waren, entschied ich mich gegen das Büro und für die Straße. Diese Entscheidung sollte mein Leben mehr beeinflussen, als ich es mir je hätte vorstellen können. Im Laufe der nächsten zehn Jahre legte ich im Außendienst über eine halbe Million Kilometer zurück. Es war eine ziemlich verrückte Zeit, gespickt mit außergewöhnlichen Erfahrungen. Ich habe Dinge gesehen und erlebt, mit denen ich niemals
auf europäischen Autobahnen gerechnet hätte. Manches davon taugt für eine unterhaltsame Geschichte in lustiger Runde und anderes möchte ich lieber vergessen. Einmal Mailand und zurück
Autofahren spielt in diesem Buch eine große Rolle. Ich verwende es als eine Allegorie fürs Leben. Es gibt unheimlich viele ähnliche Situationen in unserem Leben, der Theologie und dem Autofahren. Zumindest, was das Autofahren angeht, bezeichne ich mich als Profi. Da weiß ich definitiv, von was ich rede. Das Urteil darüber, ob meine Vergleiche zum wahren Leben und der Theologie gut gelungen sind, überlasse ich gern dir.
Während meiner Zeit im Außendienst bekam das Wort »ankommen« eine sehr große Bedeutung für mich. Sosehr ich – zumindest am Anfang meiner Tätigkeit – das Fahren genoss: Das Ankommen wurde mit der Zeit zum schönsten Teil meiner Reisen. Dieses Gefühl, ein Ziel erreicht zu haben, das Auto abzustellen und nicht mehr weiterfahren zu müssen, wurde immer häufiger zum Höhepunkt der Reisetage. Manchmal war ich schon beim Losfahren vom Reisen genervt. Aber es gab auch Tage, an denen ich gar nicht ankommen wollte.
Es gibt verschiedene Punkte, die unseren inneren Druck, anzukommen, beeinflussen. Wenn man darüber nachdenkt, kommt einem vielleicht als Erstes die Dauer einer Reise in den Sinn. In der aktuellen Zeit kann sich die angekündigte Stunde auf dem Navi durch Staus sehr in die Länge ziehen und locker zu zwei Stunden werden. Zweifellos spielen die Länge einer Fahrt und ungeplante Zwischenfälle eine große Rolle. Zu meiner längsten Tour kam ich etwas unfreiwillig.
Ein Kunde in Mailand hatte eine Reklamation an einer unserer Maschinen und benötigte dringend Hilfe. Eigentlich wäre das eine Aufgabe für unseren technischen Support gewesen, aber das ganze Team war bei einer Fortbildung. Deshalb bat mein Chef mich, den Einsatz zu übernehmen. Gut gelaunt und optimistisch stieg ich ins Auto. Die Strecke nach Mailand ist schön und abwechslungsreich. Ich kam einigermaßen zügig durch und traf rechtzeitig beim Kunden ein. Die Störung an der Maschine war schnell behoben und die Reklamation des Materials an unsere Fertigung weitergeleitet.
Bereits am frühen Nachmittag hatte ich meinen Auftrag erledigt und die Aussicht auf einen gemütlichen Abend in der Flaniermeile von Mailand lag vor mir – dachte ich. Was ich nicht wusste: Ich befand mich mitten in der Mailänder Modewoche. Es gab keine freien Hotels mehr. Daher bat ich meine Mitarbeiterin, bei unserem Reisebüro anzurufen, das sämtliche Flug- und Reisebuchungen für uns übernahm, und nach der nächstgelegenen Übernachtungsmöglichkeit zu fragen. Es gab damals noch keine Smartphones, und Airbnb war auch noch nicht erfunden.
Die Mitarbeiterin bat mich, schon einmal Richtung Deutschland loszufahren, und wollte sich wieder melden. Die nächsten zwei Stunden hörte ich nichts von ihr. Dann kam ein völlig verzweifelter Anruf. Sie bedaure es sehr, sich nicht früher gemeldet zu haben, aber sie konnte einfach nichts finden. Die nächste Möglichkeit für mich sei am Bodensee. Ich hielt das zunächst für einen Scherz, aber sie meinte es ernst.
Meine gute Laune war schon lange dahin. Eine Mischung aus Ärger und nicht sonderlich klugem Ehrgeiz brachte mich zu dem Entschluss, noch an diesem Tag nach Hause zu fahren. Je länger ich unterwegs war, desto mehr wollte ich nur noch ankommen. Als ich irgendwann in der Nacht mein Ziel erreichte, hatte ich über 1200 Kilometer auf meinem Tageszähler.
Obwohl die pure Länge einer Fahrt unseren Wunsch, anzukommen, definitiv beeinflussen kann, habe ich festgestellt, dass der innere Leidensdruck nicht nur davon abhängig ist. Es gibt auch noch andere Faktoren, die ihn beeinflussen. Das gilt besonders, wenn man es wagt, das Autofahren mit unserer Lebensreise zu vergleichen.
Drei dieser Faktoren möchte ich in diesem und den nächsten beiden Kapiteln intensiv betrachten.
Die Art der Straße: Autobahn oder Feldweg?
Jedes Jahr an Himmelfahrt ist die Konferenz vom ICF Movement in Zürich. Wir kommen zusammen und erleben, was es bedeutet, gemeinsam Teil einer größeren Vision zu sein. Schon zwei Tage vor der eigentlichen Konferenz treffen wir uns mit allen Pastoren bzw. Pastoren-Ehepaaren aus mittlerweile über 75 ICF-Kirchen. Bereits zum zweiten Mal sollte das Treffen in der Nähe von St. Gallen in der Schweiz stattfinden.
Ich fahre gern Strecken, die ich schon kenne. Dabei teile ich mir die Route in einzelne Abschnitte auf und erstelle einen gedanklichen Fahrplan mit diversen Streckenpunkten. Während der Fahrt hangle ich mich dann von Punkt zu Punkt, und die Strecke kommt mir insgesamt kürzer vor. Eine Strategie, die mir auch beim Wandern schon so manches Mal beim Durchhalten geholfen hat. Meine Frau Bianca ist da völlig anders. Sie mag es nicht, immer wieder die gleichen Straßen zu nehmen. Sie bereitet sich im Internet vor und sucht nach Alternativrouten, was im Fall von der Strecke nach St. Gallen durchaus vielversprechend zu sein schien. Wir wählten anstelle der Autobahn A1 die viel schönere Landstraße direkt am Bodensee entlang. Ab Konstanz nahmen wir mein Handy statt das meiner Frau
zum Navigieren, weil nur ich in der Schweiz mobile Daten nutzen kann. Das hätten wir nicht tun sollen.
Auf meinem Handy hatte ich nämlich noch nie die Navigationseinstellungen vorgenommen. Also fuhren wir mit dem, was Google voreingestellt hatte:
• Mautstrecke vermeiden
• Autobahn vermeiden
• Hauptstraßen vermeiden
• Länger als drei Minuten über 50 km/h fahren vermeiden
Okay, die letzte Einstellung habe ich mir ausgedacht. Aber genau so fühlte es sich an! Wir wurden fast verrückt. Es war so unfassbar ätzend. Die Strecke ging nicht entlang des Sees, Wasser sahen wir nur von oben kommend. Als wir die Hauptstraße nach Kreuzlingen verließen, führte uns das Navi über winzige Landstraßen und einmal sogar über einen Feldweg. Hinzu kam die ständige Angst vor den Schweizer Blitzern.
Grundsätzlich unterscheiden meine Frau und ich uns in Sachen Geduld beim Autofahren gewaltig. Doch dieses Mal waren wir beide völlig genervt, als wir beim Hotel ankamen. Zu unserem großen Erstaunen stellten wir dort jedoch fest, dass wir nicht einmal zehn Minuten länger gebraucht hatten, als es auf der Autobahn gedauert hätte. Zehn Minuten Differenz fühlten sich für uns wie eine Ewigkeit an!
Es gibt Strecken, die einem extrem kurz vorkommen, und dann gibt es aber auch manche, bei denen man das Gefühl hat, nie anzukommen.
Wie die verschiedenen Strecken empfunden werden, ist aber von Person zu Person sehr unterschiedlich. Manche mögen Landstraßen, weil sie dabei ein paar Kilometer sparen und das Risiko von größeren Staus geringer ist. Ich persönlich bevorzuge Autobahnen. Ich fahre
lieber etwas mehr, aber schneller, und vor allem verabscheue ich ständige Ampelunterbrechungen.
Wenn wir nun das Reisen mit dem Auto mit unserer Lebensreise vergleichen, dann geht es darum, was zu dir persönlich passt. Es bringt dir nur wenig, darauf zu schauen, wie dein Nachbar, deine Kollegin, deine Schwester oder dein bester Freund tickt. Du solltest herausfinden, was du selbst für ein Persönlichkeitstyp bist, und die Routenplanung deines Lebens darauf einstellen.
Die Frage nach dem Ankommen
Für die allermeisten Menschen spielt im ersten Abschnitt ihres Lebens das Ankommen keine große Rolle. Wir Deutschen leben im westlichen Teil der Erde in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Jungsein riecht nach Chancen, nach Freiheit, nach Möglichkeiten und Gestaltungsspielräumen. Man hat Kraft, Ideen, Optionen und ist gesund. Wieso sollte man da schon ans Ankommen denken?
Tatsächlich wird man mit der Sterblichkeit nicht erst im Angesicht des eigenen Todes konfrontiert. Für viele liegt der erste Berührungspunkt mit dem Sterben bei den Urgroßeltern oder den Großeltern. Auch Unfälle oder krankheitsbedingte Sterbefälle begegnen uns schon in jungen Jahren, und nicht wenige Kinder und Jugendliche sehen die Auswirkungen des Sterbens zum ersten Mal an ihren Haustieren. Der Tod eines Goldhamsters oder Wellensittichs kann ein sehr einschneidendes Ereignis im Leben eines Kindes sein, ganz gleich wie banal es einem Erwachsenen vorkommen mag. Aber wo und wie auch immer, wir machen nicht erst als alter Mensch die Erfahrung, dass unser Leben endlich ist.
Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum sich zunehmend mehr junge Menschen über das Ankommen im Leben Gedanken
machen, und das hat etwas mit unserem Wohlstand zu tun. Das klingt vielleicht zunächst etwas schräg, deshalb möchte ich es näher erklären.
Laut der Maslowschen Bedürfnispyramide strebt der Mensch danach, zunächst seine Grundbedürfnisse abzudecken.
Wachstumsbedürfnisse
Defizitbedürfnisse
Selbstverwirklichung
ICH-Bedürfnisse Annerkennung/Geltung
Soziale Bedürfnisse Freundschaft, Liebe, Gruppenzugehörigkeit
Sicherheitsbedürfnisse Materielle und berufliche Sicherheit (Wohnen, Arbeit)
Grundbedürfnisse
Essen, Trinken, Schlafen
Bedürfnispyramide nach Abraham Harold Maslow (1908–1970)
Quellenangabe: https://www.bastianoso.de/informatikkaufmann-azubi/berufsschule/organisationgeschaeftsprozesse-wirtschaftslehre/maslowsche-bedurfnispyramide.html
Da sich die meisten Menschen in Mitteleuropa um diese Grundlagen wie Nahrung und äußere Sicherheit schon seit vielen Jahren nicht mehr kümmern müssen, bleibt Raum für die oberen Bereiche der Pyramide. Je mehr im Leben funktioniert, umso mehr widmet man sich der Frage nach dem Sinn des Lebens. Ging es in Deutschland in den Nachkriegsjahren zunächst noch um die Erfüllung elementarer Bedürfnisse wie Hunger (oft durch einen eigenen Gemüsegarten oder sogar ein Getreidefeld) und Kleidung, so war das Ziel von der
Wirtschaftswunderzeit bis zur Jahrtausendwende vor allem, den Lebensstandard zu erhöhen oder wenigstens zu sichern. Heute spielt dagegen die Sinnfrage in unserem Tun eine immer größere Rolle. Der jungen Generation reicht es nicht mehr, möglichst komfortabel unterwegs zu sein. Sie möchte wissen, wo sie einmal ankommen wird.
Viele der älteren Jahrgänge erleben das Sterben im Rahmen eines natürlichen Prozesses, eine große Anzahl der Jüngeren befasst sich dagegen im Zusammenhang mit der Sinnfrage damit. In der Konsequenz bedeutet es aber dasselbe: Immer mehr Menschen machen sich Gedanken über das Ankommen im Leben.
Die Bibel unterstützt diese Gedanken zum Beispiel in dem folgenden Gebet: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden« (Psalm 90,12; LUT). Bemerkenswert finde ich, dass der Verfasser hier nicht schreibt: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir depressiv werden und die Lebenslust verlieren.« Er geht im Gegenteil davon aus, dass das Bewusstmachen unseres Lebensendes zu mehr Klugheit verhilft. Es geht um eine konstruktive Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit.
Lebenswegstrecken
Ein Ankommen setzt immer eine vorhergehende Wegstrecke voraus. Übertragen aufs Leben ist diese für die einen kürzer, für die anderen länger als erwartet. Manches Leben endet viel zu früh, und ein anderes will noch nicht enden, obwohl der Betroffene der Meinung ist, dass er nicht mehr kann. Unsere Lebenslänge können wir (noch) nicht selbst bestimmen, und das ist gut so. König David schreibt in einem anderen Psalm: »Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen«
(Psalm 31,15-16; LUT). Auch Jesus weist in seiner berühmten Bergpredigt darauf hin: »Können all eure Sorgen euer Leben auch nur um einen einzigen Augenblick verlängern? Nein« (Matthäus 6,27). Auch wenn uns die Länge der Reise unbekannt ist, ist sie doch vorgegeben. Aber unser Lebensweg ist, wie die Reise, durch weitere Eigenschaften gekennzeichnet. Wie beim Autofahren gibt es unterschiedliche Wegabschnitte.
Die Autobahn: Auf der Autobahn heißt es meistens: Freie Fahrt voraus! Das Leben geht in hoher Geschwindigkeit geradlinig auf ein Ziel zu. Die Straße ist in einem guten Zustand und verleiht auch bei hoher Geschwindigkeit Sicherheit. In der Regel gibt es keinen Gegenverkehr, der einen an der Fortbewegung hindert. Manchmal kommt es zu Stau, aber wir erreichen unsere gesteckten Lebensziele in einer kalkulierbaren Zeit.
Die Dorfstraße: Unser Lebenstempo wird limitiert. Wir müssen Rücksicht auf andere nehmen. Ampeln stellen sich uns in den Weg und verhindern ein Weiterkommen. Wartezeiten gehören zu diesen Abschnitten dazu. Unser Weg wird abwechslungsreicher, aber auch weniger vorhersehbar. Wir können uns entscheiden, mal durchzuatmen und die Landschaft anzuschauen, statt durch die Gegend zu hetzen.
Die Spielstraße: Kinder sind in der Nähe, also runter vom Gas. Hier können plötzlich unvorhersehbare Spielzeuge auf der Straße auftauchen und auch mal ein schutzbedürftiger Mensch, auf den man aufpassen muss, aber auch darf, weil man die Verantwortung zugespielt bekommen hat.
Die Feldwege: Hier geht es mühsam vorwärts. Die Qualität der Wege macht uns zu schaffen. Starke Anstiege und steile Abfahrten begegnen uns. Auch ohne Warnschilder muss man immer mit Gefahren rechnen. Obwohl sich diese Abschnitte sehr intensiv anfühlen, kommt man kaum nach vorne. Der Drang, anzuhalten und
umzukehren, ist stark. Gesteckte Ziele werden verworfen, bevor wir sie erreichen. Sieht man nach links oder rechts auf die Wiesen, kann man allerdings Rehe beobachten und wunderschöne Blumen entdecken – es sei denn, es ist Winter.
Die Schlaglöcher: Zugegeben, Schlaglöcher gibt es auf deutschen Straßen selten, im echten Leben dafür aber genug. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, ihnen zu begegnen, auf manchen Wegstrecken höher ist als auf anderen, so können wir ihnen dennoch überall begegnen: unerwartete Ereignisse, Schicksalsschläge, Konflikte, abgebrochene Beziehungen, nicht bestandene Prüfungen, medizinische Diagnosen, Lebenskrisen aller Art.
Die Raststätten: Das Leben bietet uns immer wieder Gelegenheiten, anzuhalten und Pause zu machen. Es gibt sie in unterschiedlichen Preisklassen, mit und ohne einen modernen Platz für unsere Grundbedürfnisse. Manchmal ist man auf die offiziellen angewiesen und manchmal kann man sich mit ein bisschen Fantasie und Mut seine eigenen Rastplätze schaffen.
Die Werkstatt: Irgendwann ist es Zeit, das Auto einer Generalinspektion zu unterziehen oder einen Ölwechsel vorzunehmen. Und zu einer kleinen Inspektion lade ich dich jetzt ein. Diese Auflistung ist begrenzt, verdeutlicht aber, wie unterschiedlich sich verschiedene Reiseabschnitte anfühlen können.
Nimm dir einen kurzen Moment Zeit und überlege, welche Lebensbereiche du mit diesen bildhaften Vergleichen verbindest. Vielleicht fallen dir beim Nachdenken ja noch weitere Wegabschnitte ein, die dir helfen, verschiedene Lebenssituationen besser einzuordnen?
Oft hilft es, sich Notizen zu machen. Fällt dir ein, wann du auf welchen Wegen unterwegs warst? Was hast du dabei empfunden? Gibt es Gedanken und Anmerkungen, die du dir zu den jeweiligen Abschnitten notieren möchtest?
Den meisten Menschen dürfte klar sein, dass es im Leben nicht nur eine Sorte von Strecken gibt. Niemand wird sein Leben lang Autobahn fahren und die wenigsten erleben nur steinige, löchrige Feldwege. Im Normalfall befahren wir unterschiedliche Wegstrecken und viele können wir uns nicht selbst aussuchen. Aber wir wissen auch, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob wir mit einer Reifenpanne auf einem Fünf-Sterne-Luxusrastplatz stehen und auf den Abschleppdienst warten oder irgendwo in einer Ackerfurche jenseits aller Zivilisation stecken. Die Wahrscheinlichkeit, dass du in deinem Leben durch Krisen gehen musst, ist extrem hoch. Entscheidend ist, ob du allein und perspektivlos unterwegs bist oder ob du Hilfe und Orientierung hast, verlässliche Menschen an deiner Seite – und vielleicht auch einen Glauben, der dir Halt bietet. Wenn man Jesus nachfolgt, kann man besser leben und besser sterben. (Darauf werden wir später noch einmal zurückkommen.)
Auch wenn wir unser Leben nicht komplett selbst bestimmen können, haben wir die Möglichkeit, uns zumindest über einen Teil unserer Wegstrecken Gedanken zu machen und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Ich lade dich ein, dich mit folgenden Fragen zu beschäftigen:
• Auf welcher Art Abschnitt bist du gerade unterwegs?
• Bist du dort zufällig gelandet, weil dich das Leben so geführt hat, oder hast du dieses Streckenprofil selbst gewählt?
• Möchtest du dein Leben als Hochgeschwindigkeitstrip auf der Autobahn mit Vollgas gestalten, machst du häufiger Rast oder wählst du vielleicht bewusst die Landstraße?
• Wie möchtest du dein Leben in den Bereichen gestalten, über die du entscheiden kannst?
• Hast du einen Rhythmus für Fahrzeiten, Ruhezeiten und Auszeiten?
• Wie viel Zeit und Geld widmest du der Inspektion und Reparatur deines Lebensautos?
• Achtest du auf dein Lebensauto oder fährst du so lange, bis dich ein kapitaler Schaden zum Erliegen bringt?
Wegweiser
Wir leben in einer postmodernen Gesellschaft. Das Großartige daran ist, dass wir in allen Lebensbereichen Optionen sehen und suchen. Problematisch ist, dass uns die Fülle der Möglichkeiten suggeriert, wir hätten eine maximale Entscheidungsfreiheit. Wir meinen, wir wären bei der Wahl unserer Lebensweise in allem frei und unabhängig. Doch diese totale Unabhängigkeit existiert nur in der Theorie. Praktisch unterliegen auch wir, wie alle Generationen vor uns, einem gesellschaftlichen Idealbild: Unsere Lebensreise sollte möglichst lange dauern und weit reichen. Wir wollen eine große Strecke zurücklegen und Vielfalt erleben. Der Spaßfaktor steht ganz vorn. Es muss schnell gehen mit möglichst kurzen Unterbrechungen, und wir wollen bequem und sicher reisen.
Durch dieses Idealbild ist unsere Wunschlebensreise bereits zu einem großen Teil definiert. So manche Entscheidung ist damit schon getroffen. Wenn das echte Leben nicht nach diesem Schema verläuft, sind wir überrascht und verwirrt. Wir fragen uns selbst oder werden von Menschen in unserem Umfeld gefragt, was nicht mit uns stimmt. Ein Scheitern, ein Schwächeln oder gar ein komplettes Anhalten ist in diesem Idealbild nicht vorgesehen.
Die Differenz zwischen dieser Soll-Vorstellung von einem guten Leben und unserer tatsächlichen Erfahrung kann uns in massive Lebens- und Identitätskrisen treiben. Befeuert durch Netflix, Social Media und Co. geraten wir schneller und tiefer in diese Krisen als je
zuvor. Auch Christen sind von dieser Gefahr nicht ausgenommen. Eventuell betrifft es sie sogar noch mehr, denn das Leben, das Jesus seinen Nachfolgern in Aussicht stellt, widerspricht unserer gesellschaftlichen Normvorstellung an vielen Punkten.
Ich sehe die Hauptschwierigkeit darin, dass wir meinen, der Weg als Christ wäre bereits eindeutig vorgezeichnet. Je nach christlicher Prägung haben wir bestimmte Erwartungshaltungen, wie ein Leben mit Jesus auszusehen hat. Aber Jesus stellt uns weder eine dauerhafte Autobahnfahrt ohne Staus in Aussicht noch ein permanentes herausforderndes Off-Road-Erlebnis. Der Lebensweg mit Jesus ist spannend und abwechslungsreich. Und er ist nicht von dieser Welt.
Wenn es darum geht, wie Jesus uns leitet, hilft mir die Vorstellung von einem Navigationsgerät. Auch wenn wir auf dem Navi irdische Wegstrecken sehen, ist seine Funktionsweise – zumindest in Teilen – nicht von dieser Welt. Das Navi sendet nämlich Signale über den Standort an einen Satelliten (außerhalb unserer Erdkugel) und es empfängt wiederum Signale von außerhalb, die es ihm erlauben, den nächsten Wegabschnitt anzuzeigen.
Ich möchte den Vergleich mit einem Navi noch ein wenig weitertreiben. Es gibt die Möglichkeit, sich am Anfang der Fahrt alle Daten runterzuladen und dann offline zu navigieren. Das kann man machen, aber jeder, der öfter mit Navi unterwegs ist, kennt die Tücken. Offline kannst du nicht auf Veränderungen reagieren. Du bekommst keine Meldungen über Umleitungen, Staus und Gefahren. Offline zu navigieren, kann dich sogar in noch größere Probleme bringen, als ganz ohne Navi unterwegs zu sein.
Das lässt sich auf das Leben als Christ übertragen. Jesus möchte uns durchs Leben führen, und wenn wir mit ihm in Verbindung bleiben, also online sind, dann weist er uns auch auf Gefahren hin oder empfiehlt uns alternative Routen, an die wir gar nicht gedacht haben.