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Die Bibelverse sind folgender Übersetzung entnommen: Die Bibel nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, © Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Altenburg, 1965

Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.com

Titelbild: picture-alliance / akg-images

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Gedruckt in Deutschland

ISBN 978-3-7751-6303-3

Bestell-Nr. 396.303

INHALT

Paul Gerhardt, Kupferstich von L. Buchhorn nach dem in der Kirche zu Lübben befindlichen Gemälde

© SLUB Dresden/Abt. Deutsche Fotothek, Aufnahme Schulz 1929

Vorwort

»Du, meine Seele, singe« – diese bekannte Liedzeile ist eines der Leitmotive in der Dichtung Paul Gerhardts. Er war erfüllt von der Gewissheit, dass wir Menschen uns gläubig der Führung Gottes anvertrauen dürfen, weil er die Dinge zu unserem Besten lenken wird. Aber nicht nur mit diesem Loblied, sondern auch mit vielen anderen seiner Lieder scheint der Dichter uns aus dem Herzen zu sprechen; er formuliert in einfachen, klaren Worten unsere ureigenen Anliegen, unsere Gebete, Ängste und Hoffnungen, Lob und Dank.

Im Jahr 1607 wurde Paul Gerhardt geboren. Aus den über vier Jahrhunderten, die seither vergangen sind, gibt es Zeugnisse von Menschen, die von Begegnungen mit seinen Liedern erzählen, durch die sie getröstet und gestärkt wurden. Wenige Dichter haben eine so lange Zeit hindurch eine so starke und ununterbrochene Wirkung ausgeübt. Paul Gerhardt hat in der Kirchengeschichte ebenso wie in der deutschen Literaturwissenschaft einen hochgeachteten Platz.

Aber was für ein Mensch war Paul Gerhardt? Wie hat er ausgesehen, wie hat er gelebt, gedacht und gefühlt? Von einem Dichter, der uns innerlich so nahezustehen scheint, möchten wir gerne Genaueres wissen. Doch die Persönlichkeit Paul Gerhardts ist nicht leicht greifbar. Das älteste Porträt von ihm, das lebensgroße Ölgemälde in der Kirche von Lübben im Spreewald, ist wahrscheinlich erst nach seinem Tod entstanden. Es gibt nur wenige Briefe von ihm, und diese haben meist keinen persönlichen, sondern amtlichen Charakter; er hat keine Aufzeichnungen, Tagebücher oder Ähnliches

hinterlassen. Paul Gerhardt war nicht darauf bedacht, für seinen Nachruhm zu sorgen. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass ihm seine Bedeutung als genialer Dichter bewusst gewesen ist. Er hat sich als Pfarrer und Seelsorger verstanden; in diesen Bereich gehörten für ihn auch seine Lieder.

Was wir über sein Leben wissen, stammt hauptsächlich aus nüchternen Dokumenten, Kirchenbüchern, Patenverzeichnissen, Schulakten, Konferenzniederschriften, Stadtratsprotokollen usw. Die Paul-Gerhardt-Forschung hat viel herausgefunden; es bleiben jedoch große Lücken, Jahre seines Lebens, über die so gut wie nichts bekannt ist. Aber wir kennen den Hintergrund seiner Lebensdaten (1607-1676), die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der Nachkriegsjahre, wir kennen die geistigen Ströme und konfessionellen Kämpfe, in die er hineingezogen wurde und die eng mit seinem Leben verbunden sind. In dieser Zeit suchen wir seine Spuren und versuchen uns ein Bild zu machen von dem Menschen und Dichter Paul Gerhardt.

1. Gräfenhainichen: Heimat und Herkunft

Gräfenhainichen, die Heimat Paul Gerhardts, ist am Anfang des 17. Jahrhunderts ein kleines Landstädtchen mit etwa 1000 Einwohnern, an der Straße von Wittenberg nach Halle gelegen. Die Gegend nördlich der Dübener Heide ist von Wäldern und Buschwerk geprägt und von vielen Bächen durchzogen. Sieben Mühlen beleben die Landschaft. Die Stadt gehört zu Kursachsen, liegt aber nur eine Stunde von der Grenze zum Fürstentum Anhalt entfernt. Sie ist umgeben von einer Stadtmauer, die noch aus dem Mittelalter stammt. Zwei Türme bewachen die Tore, die von Norden und Süden in die Stadt hineinführen. Die Übergänge vom Dorf zur Stadt sind in dieser Zeit noch fließend; auch in der Stadt gibt es »Ackerbürger«, die Landwirtschaft betreiben. Nicht weit von der Marienkirche liegt das Elternhaus Paul Gerhardts an der Hauptstraße. Hier wird der Dichter am 12. März 1607 geboren. Das Geburtsdatum ist von einem glaubwürdigen Zeugen überliefert.1

Der Vater, Christian Gerhardt, gehört zu den angesehenen Bürgern der Stadt. Sein ererbter Besitz umfasst eine Ackerwirtschaft mit Wohnhaus, Scheune, Stall und Brauhaus; das heißt, er betreibt neben dem Ackerbau auch eine Gastwirtschaft. Man darf also annehmen, dass der junge Paul in einem gut situierten Haushalt großgeworden ist.

Die Mutter, Dorothea, stammt aus dem etwa 35 km südlich von Gräfenhainichen gelegenen Eilenburg. Dort findet sich im Trauregister für das Jahr 1605 folgender Eintrag:

»Herr Christian Gerhart vom Gräfenhainichen und Jungfrau Dorotea, eine hinterlassene Tochter des ehrwürdigen, achtbaren, wohlgelahrten Herrn Caspar Starken Superintendenten, haben sich ehlich trauen lassen Sonntags Exaudi den 12. Mai.«2

Dorothea Gerhardt war also die Tochter des Eilenburger Pfarrers und Superintendenten; auch ihr Großvater mütterlicherseits, Magister Gallus Döbler, hatte schon dasselbe Amt in Eilenburg bekleidet. Die Bilder dieser beiden Vorfahren Paul Gerhardts sind bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Porträts anderer Ortspfarrer in der Eilenburger Kirche zu sehen. Unter jedem Bild stehen erläuternde Verse des bekannten Liederdichters Martin Rinckart (1586-1649), der in Eilenburg lebte. Zum Beispiel wird Magister Döbler in Anspielung auf seinen Vornamen »Gallus« – das lateinische Wort für »Hahn« – folgendermaßen charakterisiert:

Herr Gallus war ein Hahn, der weitlich konnte krehen, Daß mancher Sünder mußt’ aus seinem Schlaf aufstehen, Mit Petro gehen aus und weinen bitterlich, Des sieget er nunmehr mit Christo ritterlich.3

Nach der Heirat zieht das Ehepaar Gerhardt nach Gräfenhainichen, wo 1606 der älteste Sohn Christian, ein Jahr später der zweite Sohn Paul geboren wird. Zwei Schwestern, Anna und Agnes, folgen im Abstand von mehreren Jahren.

Paul Gerhardt wächst in diesem Geschwisterkreis auf, in gleicher Weise vertraut mit ländlichem und bürgerlichem Leben. Die Achtung, die man seinem Vater entgegenbringt, zeigt sich darin, dass Christian Gerhardt zu einem der drei Bürgermeister von Gräfenhainichen gewählt wird. Die drei Männer wechseln sich jedes Jahr ab: Einer ist jeweils »regierender« Bürgermeister, die beiden anderen werden als »ruhende« Amtsträger bezeichnet. Übrigens

ist einer der drei, Zacharias Meißner, seit 1615 mit einer Schwester von Paul Gerhardts Mutter verheiratet.

Schule und Kantorei

Paul Gerhardt besucht die Stadtschule in Gräfenhainichen, wo außer Lesen und Schreiben auch die lateinische Sprache unterrichtet wird. Eine große Rolle spielt die Ausbildung im Gesang durch den Kantor; denn der Chor der Schüler hat bei Gottesdiensten, Trauungen und Begräbnissen eine wichtige Funktion. Er singt die Responsorien bei der Liturgie, ein- und mehrstimmige Hymnen und führt »Figuralmusik« auf, das heißt mehrstimmige Lieder mit Instrumentalbegleitung. Da am Sonntagvormittag und -nachmittag je ein Gottesdienst stattfindet, ebenso an den kirchlichen Festtagen, und es außerdem am Dienstag und Freitag noch Wochengottesdienste gibt, nimmt die musikalische Erziehung der Schüler einen breiten Raum ein. Hier in den Gottesdiensten seiner Heimatstadt macht der junge Paul Gerhardt seine erste Bekanntschaft mit Kirchenlied und Kirchenmusik.

Unterstützt wird der Schülerchor durch die sogenannte »Kantorei«. Fast jede Gemeinde in Kursachsen hat eine solche Einrichtung, wo musikbegeisterte Bürger sich unter Leitung des Kantors im Gesang üben können. Für den Reformator Martin Luther war es ja ein großes Anliegen gewesen, die Laien beim Ablauf des Gottesdienstes zu beteiligen. Die beste Möglichkeit hierfür sah er im Gemeindegesang, im Kirchenlied, das ihm besonders am Herzen lag. Viele Lieder hat er selbst verfasst.

Die Gemeinde beherrscht aber meist nur wenige bekannte Lieder, die immer wieder gesungen werden. Um neue Lieder einzuführen, ist ein starker Chor notwendig, der Text und Melodie

vorsingt. Für diese Aufgabe wird der Schülerchor durch die Helfer oder »Adjuvanten« aus der Kantorei unterstützt. Außerdem soll der Chor auch zur Bereicherung des Gottesdienstes mehrstimmigen Kunstgesang darbieten.

Die Kantoreien bilden sehr beliebte Vereine oder Bruderschaften mit eingeschriebenen Mitgliedern und festen Regeln, die sich auch außerhalb der Übungsstunden zu geselligem Beisammensein und gelegentlichem Festschmaus treffen.

»Confessio Augustana« und Konkordienformel

Wie schon die große Zahl von gottesdienstlichen Veranstaltungen zeigt, nehmen kirchliche und religiöse Fragen eine beherrschende Stellung im Leben der Zeit ein und stoßen auch in der Bevölkerung auf brennendes Interesse. Paul Gerhardt ist ziemlich genau 60 Jahre nach Luthers Tod (1546) geboren. In diesen sechs Jahrzehnten hatte es innerhalb des Luthertums immer wieder scharfe Auseinandersetzungen gegeben. Es ging zum Beispiel um Philipp Melanchthon, den Freund und Weggefährten Luthers. Er war gegenüber den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin auf Vermittlung und Ausgleich bedacht. Deshalb schien er manchen lutherischen Theologen in wichtigen Fragen der Lehre vom geraden Pfad des reinen Luthertums abzuweichen. Wegen solcher Streitpunkte schälte sich immer deutlicher die Notwendigkeit heraus, die unverzichtbaren Lehrsätze des lutherischen Bekenntnisses gültig und unangreifbar zu formulieren.

Nun gab es ja bereits die »Confessio Augustana«, das hoch angesehene Augsburger Bekenntnis, das Melanchthon verfasst hatte und das auf dem Augsburger Reichstag 1530 Kaiser Karl V. übergeben wurde. In 28 Artikeln legt die Confessio Augustana die evangelische Lehre und ihre Unterschiede zur katholischen dar. In den fol-

genden Jahren nahm Melanchthon immer wieder Änderungen an der Confessio Augustana vor, auch in der Abendmahlslehre, sodass das veränderte Augsburger Bekenntnis, die »Confessio Augustana variata«, auch von Calvin anerkannt werden konnte. Die streng lutherischen Theologen allerdings griffen nach Melanchthons Tod (1560) wieder auf das unveränderte Bekenntnis, die »Confessio Augustana invariata« zurück, weil nur darin für sie die reine lutherische Lehre enthalten war.

Um diese Lehre noch ausführlicher und bis ins Einzelne zu formulieren und damit endgültig die Auseinandersetzungen im lutherischen Lager zu beenden, fanden sich führende lutherische Theologen auf Anregung des sächsischen Kurfürsten August 1577 zusammen und verfassten die sogenannte »Konkordienformel« (Einigungsformel). Sie wurde am 25. Juli 1580, dem 50. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses, von Kurfürst August von Sachsen in Dresden feierlich proklamiert.

Worum geht es in dieser Konkordienformel, die im Leben Paul Gerhardts immer wieder eine bedeutsame Rolle spielen wird?

Ihr Untertitel lautet:

»Gründliche, lautere richtige und endliche Wiederholung und Erklärung etlicher Artikel Augsburgischer Confession, in welchen ein Zeither unter etlichen Theologen … Streit vorgefallen …«4

Es geht also um die strittigen Artikel der Confessio Augustana, die als Bekenntnisgrundlage bestehen bleibt. Man will keineswegs ein neues Bekenntnis formulieren.

Bei den einzelnen Artikeln wird in der Konkordienformel jeweils der Streitpunkt entfaltet, dann die lutherische Lehre dargelegt und schließlich die Gegenlehre verdammt. Besonders wichtig ist der 7. Artikel über das Abendmahl Christi, weil es hier um die folgenschwerste Differenz zwischen Lutheranern und Calvinisten geht.

Die Konkordienformel bekräftigt und interpretiert ausführlich die lutherische Lehre, dass im Abendmahl der Leib und das Blut Christi »wahrhaftig und wesentlich gegenwärtig sei, mit Brot und Wein wahrhaftig ausgeteilet und empfangen werde«5. Anschließend wird die »widerwärtige und verdammte Lehre der Sakramentierer«6 verworfen. Darunter fällt zum einen die »papistische Transsubstantiationslehre« der katholischen Kirche. Sie besagt, dass Brot und Wein, wenn der Priester die Einsetzungsworte spricht, ihre Substanz verlieren und »in den Leib und Blut Christi verwandelt« werden. Verworfen und verdammt wird aber auch unter anderem die Lehre Calvins, dass »Brot und Wein mit dem Munde, der Leib Christi aber allein geistlich durch den Glauben empfangen werde«7.

Gegen diese Lehre der Calvinisten polemisiert die Konkordienformel besonders scharf: Sie seien »verschlagne und die allerschädlichste Sakramentierer«8, weil ihre Abendmahlslehre die wahrhaftige Gegenwärtigkeit Christi nur vortäusche, aber nicht wirklich vertrete. Der Streitpunkt zwischen Luther und Calvin ist also die »Realpräsenz« Christi in Brot und Wein. Mit den Worten »geistlich durch den Glauben« kann nach Überzeugung der Lutheraner nicht die wahrhaftige Gegenwärtigkeit des Leibes und Blutes Christi gemeint sein.

Mit dem Abendmahlsartikel der Konkordienformel wurde eine Trennungslinie zwischen Lutheranern und Calvinisten gezogen, wie sie in dieser Schärfe bisher nicht vorhanden gewesen war. Ein gutes und wichtiges Ergebnis der Konkordienformel war sicher, dass sie die Streitigkeiten im Kreis der lutherischen Theologen beilegen konnte; sie bildete von nun an zusammen mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, der Confessio Augustana und anderen Schriften, das sogenannte »Konkordienbuch«, die Sammlung der lutherischen Bekenntnisschriften, die 1580 ver-

öffentlicht wurde. Aber die Konkordienformel bedeutete auch den endgültigen Bruch zwischen Lutheranern und Calvinisten; die Kluft zwischen den beiden reformatorischen Konfessionen vertiefte sich immer mehr.

Der Calvinismus hatte sich aber in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts von Frankreich her auch in Deutschland ausgebreitet. Einige Fürstenhäuser hatten sich diesem Bekenntnis zugewandt und es in ihrem Herrschaftsgebiet eingeführt. Denn im »Augsburger Religionsfrieden« von 1555 war vereinbart worden, dass die Konfession des Landesherrn auch für seine Untertanen bestimmend sein sollte, nach dem Motto: »Cuius regio, eius religio« (»Wem das Land gehört, der bestimmt das Bekenntnis«).

Zuerst hatte die Pfalz das reformierte Bekenntnis Calvins angenommen, dann Nassau und Hessen, schließlich auch das Fürstentum Anhalt, das an der Grenze zu Kursachsen liegt. Hier in Sachsen allerdings, im Ursprungsland von Luthers Reformation, hielt Kurfürst August unbeirrt am lutherischen Bekenntnis fest.

Nach dem Tod des Kurfürsten 1586 kam sein Sohn Christian I. an die Regierung, der sich mehr um gutes Essen und Trinken als um Bekenntnisangelegenheiten kümmerte. Diese überließ er seinem Kanzler Nikolaus Krell, einem klugen und gebildeten Mann, der dem Calvinismus positiv gegenüberstand und den Kurfürsten allmählich auf seine Seite zog.

Gegen diese Entwicklung erhob sich in der Bevölkerung leidenschaftlicher Widerspruch. Vor allem empörten sich die Geistlichen, an ihrer Spitze der Dresdner Hofprediger Martin Mirus, der sich mit dem verstorbenen Kurfürsten für das Konkordienwerk eingesetzt hatte. In seinen Predigten richtete er zornige Angriffe gegen Krell. Daraufhin wurde er in Haft genommen, mehrere Wochen auf der Festung Königstein gefangen gehalten und dann aus dem Land gewiesen.

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