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Melanie Carstens (Hrsg.)

W E N N DA S LEBEN RISSE K R I E GT Warum wir an Gott festhalten, auch wenn die Krise länger dauert als erwartet


Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

1. Auflage 2026 © 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 71088 Holzgerlingen haenssler.de Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Used by permission. Weiter wurden verwendet: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (www.brockhaus-verlag.de) (ELB) Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis - Brunnen Basel (HFA) Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung - Neues Testament und Psalmen Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.(NGÜ) Eugene H. Petersen: The Message. The Bible in Contemporary Language, NAVPress, Colorado Springs 2002 (MSG) Lektorat: Mirja Wagner Umschlaggestaltung: Astrid Shemilt, www.astridshemilt.com Titelbild: Foto: Vladyslav Tobolenk (unsplash) Bilder Innenteil: Shutterstock Bilder Autorinnen: S. 42: Melanie Funk; S. 87: Judit Maier Photgraphy; S. 101: Endlichbilder; S. 137: Laura Balsys; S. 154: Klaudia Schmidt; S. 171: Corina Straub; Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck und Bindung: Drukarnia dimograf Gedruckt in Polen ISBN 978-3-7751-6293-7 Bestell-Nr. 396.293


INHALT Vorwort

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Anne Gorges Sorgendornen, Wildblumen und Trotzdem-Vertrauen

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Judith Beständig Meine Geschichte mit Depression – und warum Hoffnung trotzdem bleibt

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Sabrina Wilkenshof Lieben und Loslassen – woran du dich festhalten kannst, wenn eine Ehe endet

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Julika Gönnenwein Ein Segensstrauß auf meinem Tisch

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Elisabeth Schoft In den Zwischenräumen getragen

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Anja Schäfer Ausgerechnet ein Regenbogen

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Simea Gut Glaube, der auf dem Sofa sitzt

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Sina Hottenbacher Allein, aber nicht einsam – wie ich als Single Gemeinschaft lebe

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Beate Maak Vom göttlichen Funken berührt

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Katharina Waffenschmidt Gott im Leid begegnen – der Tod meiner Tochter

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Anmerkungen

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VORWORT Es ist zwar schon einige Zeit her, aber ich habe die Szene immer noch lebendig in Erinnerung. Ich saß im Gottesdienst meiner Gemeinde und konnte kaum glauben, welche Worte die Sängerin auf der Bühne gerade sang: »Egal, was du mir gibst, egal, was du mir nimmst – du bist und bleibst mein Gott, nur dir gehört mein Lob«1 – Zeilen aus einem Song des englischen Singer-Songwriters Matt Redman. Mich hat diese Aussage aus dem Mund gerade dieser jungen Frau zutiefst berührt. Nur wenige Tage zuvor hatte sie ihr erstes Kind beerdigt. Es war völlig überraschend kurz vor der Geburt gestorben. So befanden sie und ihr Mann sich zu diesem Zeitpunkt in einer unfassbar schweren Phase ihres Lebens. Und dennoch sang sie diese vertrauensvollen Worte an Gott gerichtet. Erst vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer Freundin noch einmal über diesen Moment, der nun schon Jahre zurückliegt. Darüber, dass ich es damals kaum fassen konnte, dass die junge Mutter so kurz nach ihrem schmerzhaften Verlust fähig war, diese Worte zu singen. Doch die Freundin meinte dazu nur: »Aber zu wem sollten wir denn sonst mit unserem Schmerz gehen, wenn nicht zu Gott? Warum sollten wir uns ausgerechnet in dem Moment unseres größten Leids von Gott abwenden, wenn er doch der Einzige ist, der in solch einer Situation Trost und Halt geben kann?!« Genau diese Erfahrung spricht für mich auch aus den Texten in diesem Buch. Zehn Autorinnen erzählen hier sehr persönlich von herausfordernden Zeiten in ihrem


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Leben. Katharina musste, wie die junge Mutter aus meiner Gemeinde, von ihrem Kind Abschied nehmen, bevor es überhaupt geboren war. Anja von ihrer Mutter, die starb, als sie selbst noch eine junge Frau war. Beate musste sich von ihrem bisherigen Familienalltag verabschieden, als ihr jüngstes Kind mit Downsyndrom geboren wurde. Sabrina musste damit zurechtkommen, dass ihre Ehe mit einer Trennung endete und nicht mit »bis dass der Tod euch scheidet«. Elisabeth steht vor der Frage, wie man Familie lebt, wenn der Partner ein Kind mit in die Beziehung bringt. Für Sina ist die Herausforderung, dass sie den ersehnten Partner überhaupt noch nicht gefunden hat. Und Anne möchte nicht, dass ihr ständiges Sorgen ihr Leben bestimmt. Julika musste mit ihrer Angst umgehen, als sie die Diagnose Brustkrebs erhielt. Für Judith gilt es, immer wieder Hoffnung trotz Depression zu finden. Und Simeas Glaube wurde infolge ihres Burn-outs erschüttert. Ich bin den Autorinnen von Herzen dankbar, dass sie bereit waren, von diesen schmerzvollen und herausfordernden Situationen in ihrem Leben zu erzählen. Es kostet großen Mut, seine persönliche Geschichte mit anderen zu teilen und sich dadurch verletzlich zu machen. Meinen eigenen Glauben inspiriert es sehr, wenn ich davon lese, wie die Autorinnen in ihren Krisen Halt, Stärke und neuen Mut bei Gott gefunden haben. Dass er den Schmerz zwar nicht verhindert – sie aber als liebevoller Vater begleitet und getragen hat. Dass er ihre offenen Fragen nicht immer beantwortet – sie aber gehalten und getröstet hat. Mir selbst lief beim Lesen dieser Geschichten häufig eine Träne über die Wange, weil es mir so naheging, was diese zehn Frauen erleben mussten und müssen. Und es ist gut möglich, dass es dir genauso geht. Es kann auch sein, dass dich diese persönlichen Texte noch viel tiefer berühren und aus dem Gleichgewicht bringen, weil du selbst etwas ähnlich Schmerzhaftes erlebt hast wie sie – und es vielleicht schon zu lange verdrängst. Wenn es dir so geht, dann möchte ich dich ermutigen, damit nicht allein zu bleiben. Vielleicht kannst du mit einer guten Freundin darüber sprechen, was du erlebt hast. Oder dich einer Seelsorgerin in deiner Gemeinde anvertrauen. Oder dir fachliche Hilfe bei einer Therapeutin oder Ärztin suchen, wenn es Verletzungen sind, die eine Freundschaft überfordern und besser in einer therapeutischen Beziehung aufgearbeitet werden können. Vielleicht kämpfst du in deinem Leben mit ganz anderen Herausforderungen als denen, die die zehn Autorinnen in diesem Buch beschreiben. Aber ich wünsche dir, dass


du genauso wie sie erlebst, dass der Gott, der sie in all ihren Krisen nicht verlassen hat, auch dich in all dem Schönen und Herausfordernden trägt, das dir in deinem Leben begegnet.

Melanie Carstens ist Chefredakteurin der Zeitschrift JOYCE und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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SORGENDORNEN, WILDBLUMEN UND TROTZDEM-VERTRAUEN Mitten in meinem Wohnzimmer, auf dem kleinen runden Couchtisch vor unserem Sofa, steht ein Strauß voller Wildblumen: Gräser, Schafgarben, wilde Kamille und lila Disteln, die ich bei einem Spaziergang an den Feldrändern gepflückt habe. Was auf den ersten Blick wie eine hübsche Dekoration aussieht, ist in Wirklichkeit eine Erinnerung an ein großes Versprechen: Sorge dich nicht! Ich werde für dich sorgen. Eine Erinnerung, die ich dringend brauche.

Immer ein wenig ängstlicher als die anderen Ich weiß nicht genau, wann das ständige Sorgenmachen angefangen hat, doch ich erinnere mich, schon als Kind immer ein wenig ängstlicher als die anderen gewesen zu sein. Während meine Geschwister und Freundinnen einfach drauflosliefen, dachte ich ständig darüber nach, was alles passieren und schiefgehen könnte. Mein Kopf war voller kreativer Ideen, aber auch voller sorgender Gedanken und leiser Ängste.


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Sehr lange Zeit dachte ich: So bin ich einfach, so hat Gott mich geschaffen. Nachdenklicher, sensibler und vorsichtiger als andere. Als ich Mutter wurde, kamen mit den Kindern noch mal ganz neue Sorgen hinzu. Für das Leben dieser kleinen wundervollen Menschen verantwortlich zu sein, überstieg meine Kraft bei Weitem. Ich lag in der Nacht wach, um zu kontrollieren, ob sie noch atmeten, und neben meinen eigenen Sorgen wuchsen die Fragen, ob es ihnen auch gut ging und sie später im Leben zurechtkommen würden. Würden sie Freundinnen und Freunde finden? Einen guten Job haben? Was, wenn ihnen etwas passieren sollte oder ich einen Fehler machen würde, unter dem sie ihr ganzes Leben lang zu leiden hätten? Was wäre, wenn das, was ich zu geben hatte, nicht ausreichen würde? Immer wenn meine Kinder krank wurden, hatte ich panische Angst, falsch zu reagieren oder wichtige Anzeichen zu übersehen. Nach außen hin sah alles gut aus. Wer uns auf dem Spielplatz oder beim Einkaufen traf, sah eine kleine glückliche Familie. Doch an den meisten Tagen stand ich morgens mit dem Gefühl auf, dem Tag nicht gewachsen zu sein. Hinzu kam, dass ich mich unglaublich einsam fühlte. Immer wenn ich anderen davon erzählte, hatte ich den Eindruck, die Einzige zu sein, die mit ihrem Leben nicht zurechtkam und in ihren eigenen Sorgen ertrank. Und so kam mit den vielen Sorgen auch der neidvolle Blick auf die anderen, die mit einer positiven optimistischen Sicht durchs Leben gingen. Auf die, die auch ihre Kämpfe und Schwierigkeiten hatten, aber keinen Zweifel zu haben schienen, dass am Ende alles gut ausgehen würde. Auf die, die in sich eine große Resilienz trugen und die ich um ihre Unbeschwertheit beneidete. Wie gern hätte ich die Sorgen einfach abgesetzt wie einen Rucksack, den ich schon viel zu lange mit mir herumtrug und der mir das Leben schwerer machte, als es eigentlich war. Nach und nach begannen die Sorgen, sich regelrecht durch mein Leben zu fressen. Sie überwucherten mein Herz, bis ich das Gefühl hatte, unter ihnen zu ersticken.

Von Brombeersträuchern und Dornen Vor über zehn Jahren habe ich meine Liebe zum Gärtnern entdeckt. Damals pachteten mein Mann und ich mitten in der Stadt eine winzig kleine Parzelle in einer Schreber-


gartenanlage. Ohne Vorwissen und Gartengeräte legten wir los. Wir gruben den Boden um, zupften säckeweise Unkraut, säten und pikierten. Dank der vielen netten Ratschläge aus der älteren Nachbarschaft, YouTube-Videos und einer Menge Rückschläge verwandelten wir ein paar Quadratmeter Stadterde in unser persönliches Gartenparadies: mein kleiner Rückzugsort voller Blumen, Kräuter und einem kleinen Apfelbaum. Doch dann machte ich einen großen Fehler: Ich pflanzte zwei Brombeersträucher. Einige Zeit später kam unser erster Sohn auf die Welt. Das Leben wurde voll und wild, schön und überfordernd. Wir fanden eine neue Wohnung, zogen um und mussten uns schweren Herzens dazu entscheiden, unseren kleinen Stadtgarten abzugeben. Doch anstatt die Schaufel in die Hand zu nehmen, ein paar Stunden zu investieren und den Garten zügig weiterzugeben, wollten wir uns nicht eingestehen, dass es Zeit war, loszulassen. Also vernachlässigten wir das Grundstück zwei Jahre lang und fuhren immer wieder mit schlechtem Gewissen hin, um das Nötigste zu tun. Bis uns klar wurde, dass wir das einfach nicht mehr schafften. Der Gedanke an unseren vernachlässigten Garten ließ mich nachts nicht mehr schlafen. Also vereinbarten wir einen Termin zur Gartenübergabe und hatten somit eine Deadline. Bis heute erinnere ich mich an den Anblick, als wir nach einem langen kalten Winter vor unserem Grundstück standen, um es für die Übergabe herzurichten. Ich hatte das Schlimmste befürchtet, aber was ich da sah … Damit hatte ich nicht gerechnet. Die kleinen Brombeersträucher waren zu einer riesigen Hecke angewachsen, die ungehindert über unseren Garten – und zum Ärger aller Nachbarinnen und Nachbarn auch weit darüber hinaus – gewuchert war und nun alles unter sich begrub. Ich war von dem Anblick so erschlagen, dass ich sofort umgedreht hätte, wenn ich gekonnt hätte. Wir brauchten Tage, um die dicken Wurzeln aus der Erde zu reißen, und rissen uns Arme und Beine an den vielen Dornen blutig. Bis heute halte ich die Luft an, wenn ich daran denke. Dieser vernachlässigte Garten ist für mich auch zu einem Bild für mein Leben geworden. Es ist wie ein innerer Herzensgarten, in dem allerlei Schönes und Wildes wächst: Margeriten und Tomatenpflanzen, Kräuter und Apfelbäume. Vieles darf hier aufblühen, manches nährt mich und bringt Frucht. Doch mittendrin wächst auch eine riesige Brombeerhecke. Sorgendornen, die immer wieder wuchern und sich ausbreiten können. Wenn ich nichts dagegen unternehme, werden sie zu richtigen Mauern, die mir über den Kopf wachsen.

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Wie oft las ich Bibelverse, in denen es darum ging, die eigenen Sorgen zu Gott zu bringen und sie vor seine Füße zu werfen. Wie oft versuchte ich genau das: meine Sorgen und meine Unruhe, meine Angst und meine Gedanken bei ihm abzugeben. Die unguten Gefühle wegzubeten. Und wie sehr hoffte ich wieder und wieder darauf, dass er (übernatürlich) eingreifen und die Dinge regeln würde, die mich überforderten. Die Ruhe im Sturm oder der innere Friede, von dem immer so viele sprachen, blieb aus. Doch die Sorgen blieben. Lange Zeit nahm ich an, dass das Sorgen einfach zu mir gehörte. Dass ich halt so war, wie ich war: Sorgen-voll. Bis ich das Gleichnis vom vierfachen Ackerboden entdeckte. Darin beschreibt Jesus verschiedene Dinge, die unser geistliches Wachstum, unser Leben mit ihm verhindern können. Was mich sehr erstaunte, war, welche Dinge hier aufgezählt wurden. Gerechnet hatte ich mit Stolz, Ungerechtigkeit oder Ungehorsam. Doch stattdessen stach mir das ins Auge, womit ich all die Jahre schon kämpfte: die Sorgen des Alltags (vgl. Matthäus 13,22). Zum ersten Mal beschlich mich der Verdacht, dass Sorgen nichts sind, was mir passiert, sondern etwas, was ich mir mache.

Alles Gnade Sorgen sind eine zutiefst menschliche Strategie, mit der das Gehirn auf Unsicherheit reagiert. Wir stellen uns vor, was schiefgehen könnte, um einen Weg zu finden, es zu verhindern oder zu kontrollieren. Doch leider hilft das Sorgen selten gegen die Angst. Zwar beschäftigen wir uns mit möglichen Katastrophen, dieses Nachdenken und Sorgen führt jedoch selten dazu, dass wir auch handlungsfähig werden. Statt konkrete Lösungen oder aktive Handlungsmöglichkeiten zu finden, liegen wir nachts wach, überfordert und gelähmt von einem Haufen Worst-Case-Szenarien, von denen die meisten niemals eintreffen. Sorgen sind kein kleines Problem. Es ist nichts, womit ich mir selbst das Leben nur ein bisschen schwerer mache. Es geht auch nicht darum, mich einfach ein wenig mehr zusammenreißen. Lange habe ich genau so gedacht. Aber Jesus spricht in seinem Gleichnis davon, dass ich von meinen Alltagssorgen so eingenommen sein kann, dass sie sein Wirken unterdrücken und mein Leben ohne Frucht bleibt. Indem


ich mich sorge, ist unter Umständen weniger Platz für Freude, Liebe, Güte, Barmherzigkeit und all das andere Gute, das er in meinem Herzen wachsen lassen will (vgl. Galater 5,22). Dennoch war für mich der Gedanke, dass Sorgen etwas sind, an dem ich aktiv beteiligt bin, unglaublich erleichternd. Denn das würde bedeuten, dass ich meinem Sorgen etwas entgegenzusetzen hätte und es vielleicht sogar verändern könnte. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit betete ich ein anderes Gebet. Ich bat nicht mehr darum, dass die Sorgen einfach verschwinden mögen, sondern dass Jesus mir zeigen würde, wie ich die Sorgendornenhecken, die so viele Jahre durch mein Herz gewuchert waren, herausreißen könnte, auch wenn ich mir dabei blutige Hände holte. Doch bevor es besser wurde, wurde es erst einmal schlimmer … Denn während ich mich auf die Suche machte, ob ich in der Bibel etwas zum Thema Sorgen finden könnte, gab es einen Vers, über den ich immer wieder stolperte – und zwar der von den Vögeln und den wilden Lilien auf dem Feld (vgl. Matthäus 6,26-28). Jesus spricht in diesem Text davon, dass wir uns nicht sorgen sollen. Er verweist auf die Vögel und die Wildblumen und will uns zeigen, dass Gott auch uns im Blick hat, wenn er sich sogar um das Kleine und Unscheinbare kümmert. Was mir bis dahin immer als netter Ermutigungsspruch begegnet war, machte mich in diesem Moment unglaublich wütend, denn ich konnte immer nur denken: »Gott, was ist denn mit all den anderen? Mit den Lilien, die im Sommer vertrocknen, und den Vögeln, die tot am Wegrand liegen? Was ist mit den Kindern, die verhungern, den Gebeten, die du nicht erhörst, und all dem Leid, das du nicht verhinderst? Du hast gesagt, dass ich mich nicht sorgen muss, weil ich darauf vertrauen kann, dass du für alles sorgst. Aber wie soll ich mich darauf verlassen, wenn es doch scheinbar nicht immer so ist?« Jesus hatte versprochen, dass er für alles sorgen würde, wenn wir nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit trachten. Und dennoch traf ich immer wieder auf Menschen, die mich das anzweifeln ließen. Missionarinnen und Missionare, die ihr ganzes Leben für Gottes Sache gegeben hatten und jetzt im Alter fast mittellos dastanden. Was ich hier erlebte, nennt sich Kognitive Dissonanz. Wenn wir widersprüchliche Gedanken oder Überzeugungen in uns tragen oder unsere Überzeugungen nicht zu unserem Handeln passen, erleben wir eine große innere Anspannung. Sehr oft passiert es dann, dass wir versuchen, diese Spannung aufzulösen, indem wir zum

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Beispiel Fragen und Zweifel verdrängen oder unser Denken anpassen, selbst wenn das bedeutet, die Realität zu verzerren. Für mich war es unglaublich schwer, zu glauben, dass Gott für mich sorgt, und gleichzeitig zu sehen, dass Dinge nicht immer gut waren und seine Versorgung ausblieb. Eine Frage, die ich mir dabei immer wieder stellte, war: Versorgt Gott mich, oder muss ich für mich selbst sorgen? So gern wollte ich Jesus und seinen Worten vertrauen, und gleichzeitig war mir auch klar, dass es gewisse Dinge gibt, für die ich selbst verantwortlich bin und um die ich mich selbst kümmern muss: Ich arbeite, um Geld zu verdienen, mache Mittagessen, zahle Miete. Hier erwarte ich nicht, dass Gott sich kümmert. Doch wie konnte ich unterscheiden, was in seiner Hand liegt und wo ich selbst die Verantwortung trage? Jedes Gespräch, das ich über diese Frage führte, frustrierte mich ein bisschen mehr. Für so viele um mich herum schien das Ganze überhaupt kein Thema, geschweige denn ein Gegensatz zu sein. Doch mich zerriss diese Spannung fast. Vielleicht auch, weil meine Fragen hier auf meine größte Angst trafen: nicht versorgt zu sein. Mir schien es, als ob ich meine Augen vor meinen Fragen, meinen Zweifeln und dem, was ich erlebte, verschließen müsste, wenn ich Gott vertrauen wollte. Aber eigentlich ging es hier gar nicht darum, die Augen zuzumachen, sondern im Gegenteil ganz weit aufzumachen. Mitten in meinem Fragen und Ringen stolperte ich über ein Bild der Künstlerin Marika Kiwaczinski. Es ist ein kleiner Linoldruck, auf dem ein Mann abgebildet ist, der aus seiner Gießkanne Wasser in die kleine Kanne eines Mädchens schüttet. Der Blick auf dieses Bild veränderte auch den Blick auf meine Sorgen. So lange hatte ich meine Verantwortung und Gottes Versorgen als Gegensätze gesehen, die einander ausschließen: Entweder kümmert sich Gott oder ich muss mich selbst versorgen. Doch dieses Bild erzählte mir eine andere Geschichte. Es erinnerte mich daran, dass nicht ich es bin, die meine Gießkanne füllt. Meine Kraft, meine Fähigkeiten, meine Ressourcen – all das habe ich mir weder verdient noch erarbeitet noch sind sie selbstverständlich. Alles ist Gnade, alles Geschenk. Sie wurden mir gegeben, damit ich für mich und andere sorgen kann. Damit ich arbeiten und meine Miete bezahlen, Mittagessen kochen, bebauen und gestalten kann. Und damit ich das kleine Gemüsebeet gießen kann, das mir anvertraut wurde. Zum ersten Mal konnte ich sehen, dass Gott auf sehr unterschiedliche Weise versorgt. Manchmal ganz direkt, ganz oft aber


auch, indem er unsere Gießkanne füllt oder uns andere Menschen zur Seite stellt, die unser Beet mitgießen. Die Frage, ob ich für mich selbst sorgen muss, hatte sich für mich damit erledigt, weil ich zum ersten Mal verstand, dass ich das gar nicht kann.

Vertrauen lernen Ich begriff, wie abhängig ich bin. Jedoch war dieser Gedanke für mich in dem Moment etwas sehr Befreiendes und Befähigendes, das nicht zur Resignation führte. Ganz im Gegenteil: Gott lässt seine Versorgung nicht einfach vom Himmel fallen, sondern drückt mir eine Schaufel und eine Gießkanne in die Hand. Ich bin fähig, mich um Dinge zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen und diese zu tragen. Ich darf Gestalterin sein. Er hat mir einen kleinen Garten anvertraut. Hier kann ich bebauen und entscheiden, was ich pflanze. Ich darf pflegen, muss gießen und werde dreckig, während ich den Rasen umgrabe, um daraus ein Blumenbeet zu machen. Was ich tun kann, will ich tun. Ich will verantwortlich mit dem umgehen, was er mir gegeben und zugetraut hat. Aber am Ende liegt es bei ihm, denn Gott ist der Einzige, der Leben schenken und bewahren kann. Wenn ich das Bild mit der Gießkanne anschaue, erinnere ich mich: Ich bin so viel abhängiger und gleichzeitig so viel handlungsfähiger, als ich dachte. Meine Arbeit und Gottes Tun – sie schließen sich nicht aus, sondern gehören zusammen. Ich bin versorgt. Auf ganz unterschiedliche Weisen. So lange habe ich es nicht einmal bemerkt. Vielleicht sagt Jesus deshalb auch: Macht die Augen auf! Schaut euch die Vögel und Lilien an. Wie oft habe ich geschaut und doch nicht gesehen! Ich hatte nur Augen für Not, Mangel und Leid: die Nichtversorgung. Der eine Spatz, der tot am Wegrand lag. Was ich nicht gesehen habe, war, dass in jedem einzelnen Spatzen, in jeder Lilie, in jedem Tag und jedem Atemzug, den ich tue, Gottes liebevolle Fürsorge steckt. All die Zeit habe ich versucht, meine Sorgen loszuwerden. Aber was ist, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht? Vielleicht ist der Schlüssel zu einem Leben, in dem man sich den eigenen Sorgen stellt, nicht, mit dem Sorgen aufzuhören, sondern das Vertrauen zu stärken, dass Gott diese Welt und mein kleines Leben in seinen Händen hält. Vielleicht ist das Gegenteil von sorgen nicht sorglos, sondern vertrauen.

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Vielleicht ist das Gegenteil von sorgen nicht sorglos, sondern vertrauen.


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