Skip to main content

395929

Page 1

G I L B E RT M O R R I S

DAS

SCHWERT DER WAHRHEIT Aus dem amerikanischen Englisch von Laura Zimmermann


SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Dieser Titel erschien zuvor unter der ISBN 978-3-7751-2341-9. 1. Auflage 2019 (2. Gesamtauflage) © der deutschen Ausgabe 2019 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de Originally published in English under the title: The Sword of Truth © 1994 by Gilbert Morris Published by Tyndale House Publishers, Inc. Übersetzung: Laura Zimmermann Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.com Titelbild: WAPPEN: Adler: © Potapov Alexander / shutterstock.com, Schild: pashabo © Valdis Skudre / shutterstock.com HINTERGRUND: Landschaft: © Valdis Skudre / shutterstock.com, Junge: © Simone van den Berg / shutterstock.com, Frau: © faestock / shutterstock.com Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5929-6 Bestell-Nr. 395.929


INHALT Erster Teil: Der Knecht 1513–1522 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 2 3 4 5 6 7 8

9

Gefährliche Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Der Krieg des Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Der Flug des Falken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Am Pranger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Das Turnier des Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Die Brosche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 »Ich habe dich immer geliebt!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Die Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

Zweiter Teil: Der Erbe 1522–1526 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 9 10 11 12 13 14 15

Ein eigenes Heim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine erwachsene junge Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein neuer Stern am Himmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Hof Heinrich VIII . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein paar dunkle Augen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Lektion in Sachen Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

140 155 170 181 195 209 225

Dritter Teil: Der Höfling 1527–1530 . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 16 17 18 19

Das große Unterfangen des Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Botschaft von Lady Jane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein alter Bekannter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Tod eines Kardinals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

240 254 270 287


20 Die Falle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 21 »Ich komme zurück!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310

Vierter Teil: Der Flüchtling 1530–1534 . . . . . . . . . . . . . . 325 22 23 24 25 26 27

Ein schrecklicher Schlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Liebe dauert ewiglich« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Tower . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Beweismaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Worte des Königs liegt Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heimkehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

326 340 362 381 395 414

Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 Geschichtlicher Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 Leseprobe Band 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 442


I

Der Knecht 1513 –1522

9


1 GEFÄHRLICHE REISE Das schrille Krähen eines Hahns irgendwo draußen im Scheunenhof riss Margred aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie schauderte und versuchte, sich tiefer unter den dünnen Decken zu vergraben. Trotz ihrer Bemühungen schien ihr die Kälte bis ins Mark zu dringen, und sie fand keine Wärme in der eisigen Luft der Hütte, in der sie wohnte. Sie schlang einen Arm um die schlafende Gestalt ihres sechsjährigen Sohnes, Myles, und bemerkte, dass er es wärmer hatte als sie. Sie freute sich darüber. Einige Augenblicke lang lag sie so da und fürchtete den Augenblick, in dem sie die Wärme ihres Bettes, so kärglich sie auch war, verlassen musste. Dann hörte sie die Jungkuh muhen und schlüpfte widerwillig aus dem Alkoven, wobei sie innehielt, um die dünnen, ärmlichen zerlumpten Decken um Myles’ eng zusammengekauerten Körper zurechtzuziehen. Margred zitterte beinahe wie im Schüttelfrost, als sie in ihr grobes, wollenes Kleid schlüpfte und rasch das einzige Stück Oberbekleidung, das sie besaß, über den Kopf zog. Es war ein grob gewebtes Kleidungsstück aus Wolle, das aus den Überresten anderer Kleidungsstücke zusammengenäht war. Die Schuhe, die sie über die Füße zog, waren aus rohem, ungef ärbtem Rindsleder gefertigt, und obwohl sie nicht viel dazu beitrugen, ihre Füße warmzuhalten, schützten sie sie wenigstens vor den scharfkantigen Steinen. Als sie leise die Türe öffnete und über den offenen Platz auf die Scheune zuschritt, bemerkte sie, dass der Himmel im Osten eben erst hell wurde. Sie hielt einen Augenblick lang inne und freute sich an der Dämmerung, die sanft wie Buttermilch über den Himmel zog. Heute wird es kalt werden, dachte sie, während sie über den nackten Boden tappte. Ich wäre nicht überrascht, wenn es heute noch schneit. 10


Sie trat in die Scheune, ein kleines Fachwerkgebäude, nicht größer als fünfzehn Quadratfuß. Drinnen öffnete sie die Fensterläden, um das schwache Licht der Dämmerung einzulassen. Dann hob sie den Milcheimer auf und schritt zur Kuh hinüber, die sie mit einem Muhen begrüßte und den Kopf hob, um Margreds Näherkommen zu beobachten. »Guten Morgen, Lady«, murmelte Margred und rieb mit der Hand über die samtige Nase des Tieres. Sie führte die Kuh zur Futterraufe, warf ein paar Handvoll Futter hinein und setzte sich dann auf einen niedrigen Schemel, um mit dem Melken zu beginnen. Ihre Hände waren steif und kalt, wurden jedoch bald vom Melken warm. Das Zischen, mit dem die Milch den kleinen Eimer füllte, hatte etwas Erfreuliches an sich. Der Hunger krampfte Margreds Magen zusammen, als der Duft der frischen Milch ihr in die Nase stieg, und sie musste ihre ganze Willenskraft aufbieten, um nicht den Eimer zu heben und sich eine Kostprobe von der Flüssigkeit zu gönnen. Damit hätte sie sich den Zorn von Ianto Motshill, dem Besitzer des Herrenhauses, zugezogen. Weder die Kuh noch ihre Milch waren Margreds Eigentum, um sich daran zu erfreuen. Ich muss wenigstens ein bisschen für Myles nehmen, dachte sie. Er ist immer so hungrig. Als die Kuh gemolken war, stand sie auf und schob den Schemel zurück unter den Futtertrog. Dann öffnete sie den Pferch und ließ das Kalb, das darin eingesperrt gewesen war, frei, damit es auch sein Teil an der Milch bekam. Das Tier drängte eifrig an ihr vorbei, lief zu seiner Mutter hinüber und begann augenblicklich mit seiner Morgenmahlzeit. Margred lächelte amüsiert und beobachtete einen Augenblick lang, wie das Tier gierig saugte. Sie war eine attraktive Frau, diese Margred Morgan. Ihr Haar war von hellerem Blond als das der meisten walisischen Frauen. Große blaue Augen leuchteten in einem ovalen Gesicht. Sie war nicht groß, aber selbst die groben Kleider, die sie trug, konnten ihre reizvollen Formen nicht verbergen. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas beinahe Mystisches an sich – und das war keine Täuschung, denn in ihr 11


wohnte ein besonderer Geist, wie in den meisten walisischen Frauen. Während sie das Kalb beobachtete, konnte sie ihr hartes Leben ebenso aus ihren Gedanken verdrängen wie die Kälte und den Hunger, die an ihr nagten, und ihr Herz geistlichen Dingen zuwenden. Aber eine harte, kalte Stimme riss sie roh in die Welt, die sie umgab, zurück. »Da steckst du also!« Sie fuhr herum und sah die große, ungeschlachte Gestalt von Ianto Motshill vor sich. Er war eingetreten und versperrte den Weg zur Türe – und selbst im trüben Licht der Dämmerung konnte sie die finstere Lust auf seinem Gesicht erkennen. Einen Augenblick lang durchrieselte sie ein Schauder der Furcht, und sie machte eine instinktive Bewegung, sich an ihm vorbeizudrängen. Aber er war zu flink für sie. »Nur nicht so eilig, Mädchen!«, sagte er mit rauer Stimme. Er streckte den Arm aus und umklammerte ihren Arm wie mit eisernen Zangen. »Gib einem Mann doch ein Küsschen, wie wär’s?« Er wirbelte sie herum, wobei er sie trotz ihrer Gegenwehr mühelos festhielt. Er presste ihr die Arme an die Seiten, dann lachte er roh. »Ich hab noch nie ’n Mädchen gesehen, das so oft vor den Männern auskneift! Was ist denn los? Du bist kein Unschuldslämmchen mehr, du warst mal verheiratet –« Er unterbrach sich und lachte. »Oder jedenfalls hast du einen Kerl gehabt. Du hast doch den Jungen, oder nicht? Den hat dir doch nicht der Storch gebracht, eh?« »Lasst mich los!«, schrie sie und versuchte, sich dem Griff seiner massigen Hände zu entwinden. Er hatte seit Wochen ein Auge auf sie geworfen, aber so oft er sich tatsächlich auf sie zu stürzen versucht hatte, hatte sie es geschafft, ihm zu entkommen. Andere Frauen auf dem Gut waren weniger glücklich gewesen. Margred wusste, dass Motshill die Frauen, die für ihn arbeiteten, kaum anders betrachtete als die Tiere, die ihm gehörten: Sie waren sein Eigentum, mit dem er tun und lassen konnte, was ihm beliebte. Als er ihr seine Aufmerksamkeit zugewandt hatte, war sie mehr als einmal nahe daran gewesen, Myles zu packen und fortzulaufen. Aber wohin hätte sie gehen sollen? Seit zwei Jahren herrschte in Wales eine 12


Hungersnot, und es wurde immer schlimmer. Wenn sie diesen Hafen der Zuflucht verließ – so jämmerlich er auch sein mochte – musste sie befürchten, dass ihrem Sohn Schlimmes bevorstand. Sie kämpfte schweigend, aber sie war wie ein kleiner Vogel in den fleischigen Pranken des Gutsherrn. Er war unglaublich stark, und plötzlich wusste sie, dass es kaum noch Hoffnung für sie gab. O Gott, hilf mir, zu entfliehen! Hilf mir! Motshill schien Vergnügen an ihrer Gegenwehr zu empfinden. Er lockerte seinen Griff um einen ihrer Arme und begann, sie zu liebkosen, wobei er sagte: »Na na, Mädchen, nun stell dich mal nicht so an! Du brauchst ’n Kerl und ich brauch ein Mädel, das ist alles!« Er presste sie an sich und begann, sie zu küssen. Seine dicken Lippen glitten über ihre Wange, als sie verzweifelt den Kopf hin und her warf, während seine Hände an ihrer Oberkleidung zerrten. Gott, hilf mir! Plötzlich streckte Margred die Hand aus und fuhr ihm mit einem grausamen Ruck mit allen Nägeln übers Gesicht. Motshill stieß einen schrillen Schrei aus, dann einen Fluch, und ließ sie los. Sie sprang mit einem Satz quer durch den Raum, während er sich mit der Hand ans Gesicht fuhr. Blitzschnell raffte sie eine Heugabel auf, packte sie mit beiden Händen und richtete sie direkt auf das Gesicht des Mannes. Sie hatte vielleicht keine Chance zur Flucht, aber sie konnte sich noch verteidigen! »Lasst mich in Frieden!«, sagte sie in kalter Wut. »Eh’ ich Euch das hier in die Kehle stoße!« Motshill sah die blitzenden blauen Augen der Frau und die angriffsbereite Waffe. Er trat einen Schritt zurück, blinzelte und sagte dann zornig: »Was für ein Weibsstück bist du denn?« Er wollte wieder auf sie zukommen, hielt aber inne, als sie die Heugabel hob und die Spitzen genau auf sein Gesicht richtete. Mit einem frustrierten Schnauben wich er zurück. »Du bist’s ja gar nicht wert, dass ich mit dir herumraufe!« Er spie ihr die Worte förmlich entgegen, während er vorsichtig sein Gesicht betastete. Als er Blut auf seinen Fingern entdeckte, blitzte grausamer Zorn in seinen Schweinsäuglein auf. 13


»Es gibt genug Weiber, die auf einen guten Arbeitsplatz scharf sind, Margred Morgan! Also überleg’s dir! Heute Nacht schläfst du bei mir, oder du schläfst unter freiem Himmel. Und kratz mich nicht noch einmal wie ein wildes Tier! Also – denk drüber nach.« Er kehrte ihr den Rücken zu und schritt rasch aus dem Stall. Sobald er verschwunden war, begann Margred zu zittern. Sie legte die Heugabel hin, sackte an der Wand zusammen und begann in tiefen Zügen die Luft in die Lungen zu ziehen, als wäre sie gerannt. Sie hatte im tiefsten Herzen gewusst, dass es so kommen würde. Und nun … hatte sie keine Wahl mehr. Sie sank auf die Knie und blieb lange Zeit auf den Knien liegen, schweigend und reglos. Die Sonne stieg höher und höher in den Himmel, und immer noch rührte sie sich nicht. Aber es war nicht Furcht, die sie so reglos machte. Margred Morgan war eine Frau mit einem tiefen Glauben an Gott, und nun war sie tief ins Gebet versunken. Sie vergaß die Scheune, den Stall und das Kalb, das zu ihr kam und sie mit der Schnauze anstieß. Alles schien um sie herum zu verblassen, während sie sich an Gott wandte. Schließlich stieß sie einen jähen, tiefen Seufzer aus, öffnete die Augen, und die Spur eines Lächelns malte sich auf ihre Lippen. Sie sah ihren Weg jetzt klar vor sich. »Hab Dank, Herr Gott!«, flüsterte sie; dann stand sie auf, ergriff den Milcheimer und verließ die Scheune. Sie eilte augenblicklich zurück in die Hütte, die man ihr und Myles als Schlafplatz zugewiesen hatte. Sie stellte den Eimer auf dem Boden ab und lächelte liebevoll. Dann nahm ihr Gesicht wieder seinen nüchternen Ausdruck an. Es war gut, dass der Junge sich an diesem Morgen ordentlich ausgeschlafen hatte. Er würde seine Kräfte brauchen. Sie ging zu ihm hinüber. Er setzte sich auf und schloss sie in die Arme. »Wie geht’s denn meinem Alterchen heute morgen?«, flüsterte sie mit sanfter Stimme, als er von Neuem seine jungen Arme um sie schlang. »Guten Morgen, Mutter«, sagte er fröhlich. 14


»Zeit zum Aufstehen.« Er kroch unter den zerlumpten Decken hervor, schlüpfte in seine groben Baumwollhosen, zog sich ein Hemd über den Kopf, das ihm viel zu groß war, und zog dann die wollene Jacke an, die ihm als Mantel diente. Margred rollte die Ärmel auf, so dass seine Hände frei waren, dann griff sie hinter sich und hob den Milcheimer auf. »Hier ist dein Frühstück, Alterchen«, sagte sie und lächelte von Neuem, als ihr Blick auf ihren Sohn fiel. Sie hatte begonnen, ihn »Alterchen« zu nennen, weil er so oft wie ein Erwachsener wirkte. Oft kam es vor, dass er sie nachdenklich und eindringlich betrachtete und offenbar über tiefe Fragen nachdachte. Er hob den kleinen Eimer auf, blickte hinein und sah sie dann aus seinen blaugrauen Augen an. »Wieviel davon darf ich trinken, Mutter?« »Soviel du kannst«, sagte sie ermutigend. »Trink, soviel dein kleiner Magen fasst.« Sie sah das Erstaunen in seinen Augen – ein solches Angebot war ihm noch nie gemacht worden. Ohne weitere Einladung hob er den Melkeimer hoch und begann zu trinken. Sie konnte beinahe hören, wie die Milch auf dem Grund seines leeren Magens aufklatschte, und sie legte eine Hand auf sein struppiges, kastanienbraunes Haar. Als er schließlich den Melkeimer abstellte, war es eine Freude, die Befriedigung auf seinem Gesicht zu sehen. »Jetzt vergönne ich mir auch einen Schluck«, sagte sie, und auch sie trank die noch warme Flüssigkeit, bis sie nicht mehr konnte. Sie stellte den Melkeimer ab, dann wandte sie sich um und legte die Hände auf seine Schultern. Vorsichtig wischte sie ihm den weißen Milchschnurrbart von den Lippen, lächelte ihn an und sagte: »Nun rate mal! Wir machen eine lange Reise, Myles.« »Tatsächlich, Mutter?«, fragte er, und ein Lächeln spielte auf seinen Lippen. »Das wird lustig!« »Es wird hart werden, Alterchen«, antwortete sie. »Aber Gott wird uns beistehen. Wir müssen alles anziehen, was wir an Kleidern haben, also machen wir uns fertig. Ich möchte so schnell wie möglich aufbrechen.« 15


Er kramte herum, suchte seine spärlichen Habseligkeiten zusammen, und sie tat dasselbe. Es dauerte nicht lange, bis sie alles zusammengesucht hatten. Sie machte einen kurzen Abstecher in die Scheune und suchte einen groben Futtersack heraus, dann zögerte sie einen Augenblick. Sie schüttelte den Kopf. Der Herr weiß, dass ich mir den ehrlich verdient habe! Sie schaufelte ein wenig von dem gedörrten Weizen, der für die Kuh aufbewahrt wurde, in ein Säckchen, dann steckte sie es in den größeren Sack. Sie zählte zehn von den Kartoffeln ab, die auf dem Dachboden zum Trocknen aufgelegt waren, dann ging sie in die Selchkammer und nahm ein wenig von dem Fleisch an sich. Es würde nicht reichen, das wusste sie, denn sie hatten eine lange Reise vor sich. Aber sie hatten keinen anderen Proviant. Als sie in die Hütte zurückkehrte, stellte sie fest, dass Myles sich seine Bundschuhe aus Rindsleder an die Füße geschnürt hatte. Er blickte auf, als sie eintrat, und rief fröhlich: »Ich bin fertig, Mutter!« Margred stopfte ihre dünnen Decken in den Sack, raffte ihre paar elenden Kleidungsstücke zusammen und steckte sie hinein. Dann griff sie unter den Strohsack, auf dem sie geschlafen hatten, und zog ein einzelnes Päckchen heraus – den Beutel aus Rehleder, der ihren einzigen persönlichen Besitz enthielt. Sie steckte den Beutel und den Proviant hinein, dann zog sie die Schnüre des Sacks kräftig zu. Während sie sie zuknüpfte, stellte sie ohne Gemütsbewegung fest, wie klein der Packen war, selbst jetzt, wo er all ihren Besitz enthielt. Dann fand sie einen kleineren Sack für Myles und füllte ihn mit dem Rest der Nahrungsmittel. »Da«, sagte sie. »Das bekommst du zu tragen.« Er hob ihn hoch. »Ich kann viel mehr als das tragen, Mutter.« »Das ist alles, was wir haben«, sagte sie. »Jetzt haben wir einen langen Weg vor uns, und weißt du, wer uns dabei helfen wird?« »Wer?« »Gott. Er wird immer bei uns sein. Also lass uns beten, dass er uns eine sichere Reise gewähren möge.« Augenblicklich neigte der Junge den Kopf, und Margred nahm ihn in die Arme und begann zu beten. 16


Myles hörte ihr aufmerksam zu. Er war daran gewöhnt, denn seine Mutter betete um alles und jedes. So erschien es ihm jedenfalls. Als sie fertig war, rief er munter: »Amen!« Sie lachte und drückte ihn rasch an sich. »Komm schon, wir haben einen langen Weg vor uns.« Sie verließen die Hütte und waren wenige Minuten später außer Sichtweite von Ianto Motshills Gut. Margred warf keinen Blick zurück. Sie hielt den Blick fest auf den fernen Horizont gerichtet, wo sich die Berge von Wales erhoben. Jenseits dieser Berge lag England – das Land, das sie im Geist vor sich gesehen hatte, als sie in der Scheune betete. Da war keine hörbare Stimme gewesen, kein gewaltiger Befehl, der mit Donnerhall ertönte, aber sie hatte deutlich das Bild eines Hauses vor sich gesehen, das in einem Tal lag, ganz in der Nähe eines Flusses. Und dann eine Stimme … nein, ein Eindruck … irgend etwas, das zu ihr gesagt hatte: »Geh zum Fluss Severn. Dort findet sich ein Platz für dich.« Während sie über den kalten, unebenen Boden dahintrabten, wusste Margred, dass Gott zu ihr gesprochen hatte. Das war nicht weiter überraschend, denn sie hatte gelernt, auf Gott zu hören. Sie blickte zur Sonne auf, die nun scharlachrote Strahlen über die Bäume im Osten warf und lächelte. »Ist es nicht schön, dass der Herr uns auf unserem ganzen Weg begleiten wird, Myles?« »Ja, das ist gut, Mutter«, antwortete er fröhlich. * * * Die Nachmittagssonne begann warm auf sie herabzuscheinen, während die beiden Reisenden eine Straße entlangtrotteten, die kaum mehr als ein ausgetretener Pfad war. Sie bestand aus zwei Karrenspuren, die durch den Wald führten, und war so eng, dass zwei Wagen nicht aneinander vorbeigekonnt hätten. Margred und Myles begegneten nur wenigen Menschen auf der Straße, denn das kalte Wetter hielt die meisten an ihren Herdfeuern fest. Darüber hinaus war das 17


Reisen in Wales gefährlich, vor allem in den Bergen. Die Menschen waren entweder in großen Gruppen unterwegs oder gar nicht. Einmal kamen sie an einem alten Mann vorbei, der auf einem Karren fuhr. Er warf ihnen nur einen Seitenblick zu und sagte kein Wort. Ein paar Stunden nach Mittag hielten sie Rast, und Margred öffnete ihren Proviantsack und nahm eine der Kartoffeln heraus. Sie entzündete ein kleines Feuer, röstete die Kartoffel darin und holte sie mit einem Stöckchen aus der Asche, als sie heiß war und rauchte. »Hier, Myles«, sagte sie, »iss dein Mittagessen.« Er aß seinen Teil der Kartoffel, wobei er sich beinahe die Lippen verbrannte, und lachte. »Die ist heiß, Mutter! Aber gut!« Sie wusste, dass er noch längst nicht satt war, aber sie mussten ihre Vorräte sorgf ältig rationieren. Sie fanden einen Bach und tranken sich satt, dann zogen sie weiter. Den ganzen Nachmittag lang zogen sie die Windungen der Straße entlang. Margred freute sich, als sie sah, dass Myles, so jung er auch war, mit ihr Schritt halten konnte. Sie warf ihm mehr als einmal einen Seitenblick zu und bewunderte seine hagere, aber kräftige Gestalt und die Schönheit seines kastanienbraunen Haars, das die rotgoldenen Strahlen der Sonne auffing. Er ist ein hübscher Junge, dachte sie. Ich hab niemals einen Jungen gesehen, der besser ausgesehen hätte als er. Als die Sonne im Westen sank, begann sie sich umzusehen, fand aber nirgends auch nur das geringste Anzeichen eines geschützten Schlafplatzes. Wenigstens nicht, was ein Haus anging. Abseits der Straße entdeckte sie jedoch eine Reihe von Klippen. Dort würde sich etwas finden lassen. Sie verließen die Straße und stießen auf eine kleine Höhle – eine Einbuchtung in den Klippen, die etwa fünf Fuß tief in den Berg hinein reichte und hinten mit einer Wölbung abschloss. »Hier ist heute Nacht unser Haus, Alterchen«, sagte Margred mit einem Lächeln. »Warum suchst du nicht ein wenig Feuerholz zusammen? Bald werden wir es so gemütlich haben, als wären wir Schlossherren!«

18


Myles suchte rasch genug trockenes Holz zusammen, um das Feuer anzuzünden. Wie sie es als Kind gelernt hatte, benutzte Margred Feuerstein und Stahl, und bald loderte ein fröhliches Feuerchen. Sie saßen eng zusammengekauert daneben und beobachteten das Flackern der gelben Flammen. Vorsichtig zog sie ein Stück vom Fleisch heraus, dann zögerte sie, nahm stattdessen eine weitere Kartoffel, und sie aßen zu Abend. Sie legte eines der gröberen Holzstücke aufs Feuer, dann richtete sie nahe der Höhlenwand ein Lager aus Decken. Sie zog die Decke zurück und sagte: »Komm jetzt. Lass uns unser Nachtgebet sprechen, und dann gute Nacht. Wir haben morgen einen langen, langen Weg vor uns.« Margred blickte aus dem Höhleneingang zum Nachthimmel auf. Während sie die Sterne betrachtete, die mit kaltem Glanz hoch über ihnen glitzerten, warnte sie die Weisheit ihrer walisischen Vorfahren: »Dieser Himmel hält Schnee bereit. Vielleicht noch nicht morgen, aber schon bald.« Myles kroch schläfrig aufs Lager, kuschelte sich eng an sie und zog die dünnen Decken um sie beide zurecht. Als er eingeschlafen war, sprach sie ihr Nachtgebet, und bald lagen alle beide in tiefem Schlaf. Einmal erwachte Margred augenblicklich, weil ein wildes Tier schnüffelnd und grunzend dem Höhleneingang nahe kam. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Es kam jedoch nicht näher, und sie sank von Neuem in Schlaf. * * * Der Schneefall hatte mit dem Gefühl intensiver Kälte in der Luft begonnen. Es dauerte nur eine Stunde, da fühlte Margred eine Schneeflocke auf der Wange während sie dahintrottete. Sie warf einen scharfen Blick auf den grauen Himmel. Das war es, was sie während der vergangenen drei Tage befürchtet hatte, und jetzt war es eingetreten. Sie blickte voll innerer Anspannung auf Myles in seinen dünnen Kleidern und fragte sich, wie sie einen Schneesturm über-

19


stehen sollten. Bald schwebten die Flocken herab, zeichneten weiße Streifen auf die aufgeworfenen Äcker und verwandelten die Büsche und knorrigen Bäume in fantastische Gebilde, die die Straße säumten. Myles blickte zu ihr auf und schauderte. »Es ist kalt, nicht wahr?« Aber in seinen Augen funkelte es fröhlich. »Schau!«, sagte er glücklich und blickte auf seine Füße hinunter. »Schau nur, wie ich Fußstapfen machen kann. Siehst du?« »Ich sehe es, Myles.« Es war erst zwei Uhr nachmittags, und sie wusste, dass der Schnee bald so dicht fallen würde, dass er über ihre dünnen Lappen von Schuhen hinausreichte. Sie ließ den Blick schweifen und suchte nach einem Unterschlupf. Sie waren anderen Reisenden auf der Straße ausgewichen – eine Frau, die allein unterwegs war, war jedem zuf ällig Vorbeikommenden hilflos ausgeliefert. Mehrmals hatten sie sich in die Büsche geschlagen, wenn ihnen eine Gruppe Menschen entgegenkam und gewartet, bis sie vorbeigezogen waren. Sie hatte Myles befohlen, sich still zu verhalten. Für ihn war es ein Spiel gewesen, seine Augen hatten fröhlich gefunkelt – und sie war dankbar gewesen, dass er sich keine Vorstellung von der Gefahr machte, in der sie schwebten. Aber als sie nun dahinzogen war ihr bewusst, dass sie die Kälte nicht lange aushalten konnten. Ihr Proviant war beinahe aufgebraucht. Während sie lautlos durch den Flockenwirbel zogen betete sie, dass sie einen sicheren Platz finden mochten. Zwei Stunden später lag der Schnee so hoch, dass er das Gehen erschwerte, vor allem für Myles, der die Knie anheben musste, um die Füße aus dem Schnee zu ziehen. Die Flocken fielen so dicht, dass Margred nicht weiter als ein paar Yard vor sich sehen konnte. Der Himmel war grau wie ein Sarg; die Dunkelheit zog herauf. Sie sah, dass Myles krampfhaft zitterte. Sie blieb stehen und zog die Decken aus ihrem Sack, dann wickelte sie ihn in eine davon ein und legte die andere um ihre eigenen Schultern, wobei sie sie wie eine Kapuze über den Kopf zog. Sie nahm Myles an der Hand und stolperte weiter. 20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook