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Ulrich Parzany
WAS NUN, KIRCHE? Ein großes Schiff in Gefahr
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Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
© der deutschen Ausgabe 2017 SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Weiter wurden verwendet: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch Titelbild: Illustration: freepik.com Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5792-6 Bestell-Nr. 395.792
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Inhalt Wozu schreibe ich dieses Buch? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Kapitel 1 Ich glaube an die heilige christliche Kirche . . . . . . 17 Mit Abraham fing es an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Kennzeichen der Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Bekehrung und Taufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Lehre der Apostel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gemeinschaft mit Gott und miteinander . . . . . . . . . . . . . . In Gottes Mission – Dienst in Wort und Tat . . . . . . . . . . . . . . . . Gehasst und verfolgt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
24 25 26 29 32
Kapitel 2 Woran die evangelischen Kirchen kranken. . . . . . . 35 Was ist los in den evangelischen Kirchen?. . . . . . . . . . . . . . . 35 Kirchenmitgliedschaft und Gottesdienstbesuch. . . . . . . . . . . . 36 Warum werden die Chancen nicht genutzt? . . . . . . . . . . . . . . . 38 Das Tabu in den evangelischen Kirchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Schäden und Ursachen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlagen werden demontiert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Evangelium von Jesus Christus im interreligiösen Dialog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kontroverse um den stellvertretenden Sühnetod Jesu .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Segnung und Trauung gleichgeschlechtlicher Paare – ein Randproblem?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Höchst fragwürdige Taufpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
49 63 66 79 92 100
Kirchen können sterben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Kapitel 3 Brauchbare Baugerüste. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum ich trotzdem in der evangelischen Kirche bin . . . . Jesus baut seine Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottesdienste. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Steine statt Brot? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
109 109 112 115 119
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Personalgemeinden und Profilgemeinden . . . . . . . . . . . . . . Luthers drei Formen des Gottesdienstes. . . . . . . . . . . . . . . . Hausbibelkreise sind nötig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von Pfarrern und Presbyterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Wir brauchen Hirten, keine Mietlinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geistliche Gemeindeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gute Beispiele nachmachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Streit – es menschelt überall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
139 146 151 151
Landeskirchliche Gemeinschaften sind eine Chance . . . . . 153 Freie Werke in den Landeskirchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Die Ausbildung der Mitarbeiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Kapitel 4 Kirche voller Hoffnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Öffentlich oder persönlich?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wort oder Tat? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Evangelisten oder Gemeinden? .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Evangelisation oder Bekenntnis?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Herr, gib uns Freimut!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
169 171 178 182 185 192
Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
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Wozu schreibe ich dieses Buch? Ich möchte Mut in schwierigen Zeiten machen. Was können Christen tun, die ihren Platz trotz aller Enttäuschungen in den evangelischen Landeskirchen sehen? Ich will Fehlentwicklungen und Konflikte beschreiben. Ich will nicht um den heißen Brei reden. Ich kann verstehen, dass engagierte Christen die evangelischen Kirchen verlassen. Ich will begründen, warum ich es nicht getan habe. Ich will zeigen, wie in den Landeskirchen die Gemeinde des Jesus Christus gebaut und gesammelt wird und werden kann. Ich schreibe gegen Resignation. Auch gegen meine eigene. Ich weiß, wir sind uns unter den Evangelikalen – Angela Merkel hat sie »intensiv evangelisch« genannt – nicht einig darüber, ob und wie wir öffentlich Kritik an Kirchenleitungen und Synodenbeschlüssen üben sollen. Ich weiß aber: Wer schweigt, fördert, was im Gange ist. Am Anfang des Jahres 2016 gründeten wir das »Netzwerk Bibel und Bekenntnis«. Nichts Derartiges war geplant. Der Gedanke dazu entstand innerhalb von vier Wochen – im Grunde ein Akt der Hilflosigkeit. Wir wollten sehen, ob da noch einige sind, die sich mit den Entwicklungen nicht abfinden wollen. Ausgelöst durch eine öffentliche Stellungnahme von mir, kam es zu einer Beratung am 23. Januar 2016 in Kassel. Die 65 Teilnehmer gründeten das »Netzwerk Bibel und Bekenntnis« und verabschiedeten ein Kommuniqué, in dem sie Anlass und Ziele formulierten. Darin hieß es: 7
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»In den evangelischen Kirchen werden die Grundlagen des Glaubens zunehmend demontiert. […] In vielen Gemeinden und Gemeinschaften herrscht Verwirrung und besteht Besorgnis darüber, welchen Kurs führende Repräsentanten der evangelikalen Bewegung steuern. Es fehlt an deutlichem Widerstand gegen Entscheidungen von Kirchenleitungen und Synoden, die eindeutig Bibel und Bekenntnis widersprechen. Das betrifft aktuell die Beschlüsse zur Segnung und kirchlichen Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren, die kirchliche Förderung der Gender-Ideologie und Verlautbarungen zum interreligiösen Dialog.« Weiter formulierten die Gründer des »Netzwerks Bibel und Bekenntnis«: »In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen halten wir folgende Konkretion für nötig: • ›Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.‹ (Glaubensbasis der Evangelischen Allianz) • Wir stehen dafür ein, dass die rettende Botschaft von Jesus Christus allen Menschen gilt, den Juden zuerst. (Römer 1,16) • Wir widersprechen der falschen Lehre, es gäbe auch andere Wege zum Heil. • Wir widersprechen der falschen Lehre, dass Menschen durch die Taufe ohne den Glauben an Jesus Christus gerettet werden. (Markus 16,16) • Wir stehen dazu, dass gemäß der Offenbarung Gottes der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde und dass 8
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die Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau zu dieser Ebenbildlichkeit gehört, wie Jesus Christus es ausdrücklich bestätigt hat. (1. Mose 1,26-28; Matthäus 19,4-6) • Wir widersprechen der falschen Lehre, gleichgeschlechtliche Beziehungen entsprächen dem Willen Gottes und dürften von den Kirchen gesegnet werden. Wir sind uns einig, dass im Gegensatz zum postmodernen Denken das Bekenntnis zu Jesus Christus und der Lehre der Apostel mit logischer und theologischer Notwendigkeit die Verwerfung falscher Lehren einschließt.« Es waren nicht wenige, die sich mit uns vernetzten.1 Wir sind uns einig, dass wir unseren Widerspruch solide begründen wollen. Natürlich wollen wir in den Kirchen etwas verändern. Wir sind allerdings ziemlich skeptisch, ob Kirchenleitungen und Synoden sich für Veränderungen nach Maßgabe der Bibel gewinnen lassen. Sie haben die Mehrheiten und sie haben das Geld der Kirchensteuerzahler. Sie nutzen diese Macht ziemlich rücksichtslos. Viele Gemeindeglieder, Pfarrer und andere Hauptamtliche halten an der Gültigkeit der Bibel als dem Wort Gottes fest. Sie engagieren sich in ihren Kirchen. Aber sie können und wollen nicht zustimmen, wenn Synoden und Kirchenleitungen gottesdienstliche Segnungen und Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare beschließen. Sie beobachten traurig, wie die Grundlagen des Glaubens infrage gestellt werden: Die leibliche Auferweckung von Jesus wird bezweifelt und bildhaft umgedeutet. Der stellvertretende Sühnetod Jesu am Kreuz wird als überholter Mythos kritisiert. Mission und Evangelisation sind nahezu Schimpfworte geworden oder werden zu sozialen und politischen Aktionen umgedeutet. Das Angebot und der Anspruch, dass Jesus Christus allein der Retter und Erlöser für alle Menschen ist, wird auf dem Altar der Religionsvermischung geopfert. 9
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Konfliktstoff gibt es genug. Scheuen wir die öffentliche Auseinandersetzung? Leider ja. Wir möchten Streit in den Gemeinden vermeiden. Wir sehnen uns nach Harmonie. In der Öffentlichkeit soll Positives über die Kirche berichtet werden. Wir wollen als freundlich, hilfreich und nützlich angesehen werden. 500 Jahre nach der Reformation erinnern wir uns daran, dass harte Auseinandersetzungen nötig waren, um in den Kirchen Schritte in Richtung Erneuerung zu gehen. Wir haben heute eine völlig andere Situation. Wir ringen darum zu verstehen, was die damalige Reformation für uns heute bedeutet. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, das Hauptanliegen der Reformation mit den vier Exklusivpartikeln zusammenzufassen: allein durch Jesus Christus, allein durch die Gnade, allein durch den Glauben, allein durch die Bibel. Die Bedeutung dieser zentralen Themen ist heute höchst umstritten. Ich habe die Hoffnung, dass uns das Reformationsjubiläum zu einer Neubesinnung auf die Kernanliegen veranlasst. Nein, nicht ab ins Museum! Hinein in die Auseinandersetzungen, die uns heute herausfordern! Nur das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Bibel bezeugt wird, kann das Leben der Menschen und die Kirchen erneuern. Um verständlich zu machen, wie es zu der kritischen Lage der Kirchen heute gekommen ist, greife ich auf eine Beschreibung zurück, die Wolfram Kopfermann beNur das Evangelium von reits 1990 in seinem Buch Abschied von Jesus Christus, wie es uns in einer Illusion, Volkskirche ohne Zukunft vorder Bibel bezeugt wird, kann das Leben der Menschen und gelegt hat. Er war Pastor an der Hauptkirdie Kirchen erneuern. che St. Petri in Hamburg und seit 1978 Leiter der »Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche« (GGE). 1988 verließ er die evangelische Kirche und gründete eine evangelische Freikirche in Ham10
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burg, die Anskar-Kirche, zu der heute sechs Gemeinden in Deutschland zählen. In seinem Buch unterzieht Wolfram Kopfermann die »Ideologie der Volkskirche« einer radikalen Kritik, der ich in fast keinem Punkt widerspreche. Allerdings gibt es angesichts der geschrumpften und weiter schrumpfenden Größe der evangelischen Kirche keinen wirklichen Grund mehr, von einer Volkskirche zu sprechen. Kopfermann beschreibt die Entwicklung des Pluralismus in den evangelischen Kirchen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist nützlich, sich das in Erinnerung zu rufen. »Vielleicht darf man ohne Romantik behaupten, dass die evangelische Kirche der ersten Nachkriegszeit so etwas wie einen theologischen Grundkonsens besaß. Gewiss, zu einer Erneuerung an Haupt und Gliedern hatte der Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht geführt. Die Kirche profitierte von den restaurativen gesellschaftlichen Tendenzen. Aber viele aus der Generation akademischer Lehrer, die damals kommende Pfarrer ausbildeten, ebenso auch zahlreiche Kirchenführer waren Männer mit biblischer Substanz. In den 50er-Jahren wuchs der Einfluss Rudolf Bultmanns und seiner Schule. […] Bereits Anfang der 50er-Jahre warnte Walter Künneth vor dem theologischen Programm Bultmanns als einer kirchlichen Gefahr; man beachtete Derartiges nicht. […] Die Kirche besaß nicht die geistliche Urteilskraft, die totale Auflösung aller tragenden Aussagen des Evangeliums zu erkennen (der Fetisch Wissenschaft machte dabei seinen unrühmlichen Einfluss geltend), noch weniger, diesem Destruktionsprozess entgegenzutreten. Spätestens seit den frühen 60er-Jahren begannen sich Sorge und Abwehr besonders im Bereich des Pietismus breitzu11
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machen. Es kam zur Bildung der Bekenntnisbewegung ›Kein anderes Evangelium‹ (Gal 1,6), später zu ähnlich strukturierten Gruppierungen. Geistlich instinktlose Leute brachten den damit aufgebrochenen Gegensatz auf die Formel: hier Universitätstheologie, hier Gemeindetheologie. […] Die evangelische Kirche wurde in den 60er-Jahren sukzessive pluralistisch. Zwischen dem, was etwa Pfarrer wie Wilhelm Busch, Deitenbeck, Bergmann oder Universitätslehrer wie Künneth, Köberle, Engelland, Michel und übrigens auch Thielicke auf der einen Seite, Rudolf Bultmann und seine einflussreichsten Schüler, besonders der Exeget Ernst Käsemann und der Systematiker Gerhard Ebeling, schulmäßig schwer einzuordnende Leute wie Willi Marxsen, der kreative Heinz Zahrnt und die sprachlich brillante Germanistin Dorothee Sölle vertraten, begab es keine bekenntnismäßige Kongruenz mehr. In dieser Phase, das ist festzuhalten, stritt man um das Verständnis der Bibel unter Berufung auf die Bibel. Die modischen Theologien, die ab der zweiten Hälfte der 60er-Jahre Beachtung und Einfluss gewannen (politische Theologie, Theologie der Revolution, jene nicht immer leicht greifbare Theologie, die hinter der sogenannten neuen Seelsorgebewegung stand, ökologische Theologie, feministische Theologie u. a.) ließen die noch irgendwie an der Bibel orientierten theologischen Linken der 60er-Jahre geradezu konservativ erscheinen. […] Im Laufe der 80er-Jahre erweiterte sich das pluralistische Spektrum noch einmal, als z. T. über die ökumenische Bewegung, das Interesse am interreligiösen Dialog wuchs. Die uralte Frage, ob allein Jesus Christus der Weg zu Gott und damit das Christentum wirklich die wahre Religion sei, wurde zunehmend neu gestellt und immer häufiger auch in 12
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der Landeskirche verneint. Dies geschah nicht frontal, sondern auf dem Wege der Relativierung (für uns als Christen ist Jesus natürlich der einzige Weg, aber ob er es auch für alle anderen Menschen ist, können wir getrost Gott überlassen) oder mittels der Einladung zu einem wechselseitigen Lernprozess der Weltreligionen. Heute steuert die evangelische Kirche in Deutschland auf einen synkretistischen Pluralismus zu.«2 Bitte beachten: Geschrieben vor einem Vierteljahrhundert! Heute sind wir in diesem Pluralismusprozess schon weiter. Kopfermann bedauert, dass die Kirchenleitungen nicht so viel Realitätssinn gehabt und Richtungsgemeinden zugestanden haben. »Dies hätte allerdings eine ehrliche Anerkennung des faktischen Sieges des Pluralismus und damit das Nicht-mehr-Vorhandensein eines tragenden Konsensus vorausgesetzt.«3 Vergegenwärtigen wir uns: Pluralität ist Vielfalt auf der Grundlage tragender Gemeinsamkeit. Die Kirche muss in diesem Sinne plural sein. Der Pfarrer Wilhelm Busch hat für die Verbindung von Einheit und Vielfalt in der Kirche das Bild der bunten Blütenwiese gebraucht. Pluralismus hingegen bezeichnet »das Nebeneinander sich ausschließender Positionen in der gleichen Sachfrage«4. Eine demokratische Gesellschaft ist pluralistisch. Es ist das erklärte Ziel eines demokratischen Staates, dass in ihm Menschen gegensätzlicher Weltanschauungen – also Atheisten und Christen und Gläubige aller Art – friedlich miteinander leben. Die christliche Kirche aber hat als Fundament das Bekenntnis zum dreieinigen Gott. Ohne dieses Bekenntnis kann man weder Christ noch eine christliche Kirche sein. Auf diesem Hintergrund wird das ganze Problem deutlich. Kopfermann beschreibt es so: 13