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VALERIE RIEDESEL FREIFRAU ZU EISENBACH

GEISTER KINDER Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft


Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

In zeitgenössischen Quellen wurden sowohl der ursprünglich verwendete Wortlaut von Zitaten, Bibeltexten, als auch die originale Orthografie, selbst wenn diese fehlerhaft sein sollte, beibehalten.

© der deutschen Ausgabe 2017 SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch Titelbild: iStockphoto.com Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5791-9 Bestell-Nr. 395.791


Inhalt

Vorwort von Prof. Joachim Scholtyseck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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KRIEGSKINDHEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Stunde null . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 Zuflucht am Simssee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Ein letzter Besuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11 13 21 30

ATTENTAT UND VERFOLGUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 4 Cäsar von Hofacker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 5 Der 20. Juli 1944 in Paris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 6 Hausdurchsuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 7 Verhaftung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 8 Im Polizeigefängnis Ettstraße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 9 Abreise der Jüngsten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 10 Im Kinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 11 Eingesperrt im Bombenkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 12 Die Odyssee beginnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 13 Im Verhör . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 HIMMLERS GEFANGENE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Schicksalsgefährten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Die Sippenhaft als Spielart der Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Lagerleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Verwaiste Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Die dunkelsten Stunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Flucht vor der Roten Armee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

119 121 133 148 163 173 184


20 21 22 23 24 25 26 27 28 29

SS-Strafgefangenenlager Matzkau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189

Transport nach Buchenwald . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neuankömmlinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warten auf die Amerikaner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schicksalsstunde: 3. April 1945, 15 Uhr . . . . . . . . . . . . . . . . Befreiung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Odyssee geht weiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Gefangener Bonhoeffer – mitkommen!« . . . . . . . . . . . . . . Sammeln für den letzten Transport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mythos Alpenfestung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

197 202 206 216 223 228 236 245 252

FREIHEIT AUF RATEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Zwischen Wehrmacht und SS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Zum zweiten Mal befreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Gäste der Amerikaner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Lang ersehnter Aufbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Zurück ins Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Neuanfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

261 263 277 284 291 296 308

Nachwort der Autorin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachwort von Christa von Hofacker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Odyssee der Sippenhäftlinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stammbaum der Familie von Üxküll-Gyllenband . . . . . . . . . . Stammbaum der Familie von Hofacker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stammbaum der Familie Schenk von Stauffenberg . . . . . . . Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verzeichnis der Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

323 327 330 335 336 337 338 339 340 367 372


KRIEGSKINDHEIT


1 Stunde null

Südtirol, April/Mai 1945

E

s ist laut in den Lastwagen. Mühsam arbeiten sich die Wehrmachtsfahrzeuge den Weg auf der schmalen Straße den Berg hoch, kämpfen weniger gegen die Steigung als gegen den Schnee. Seit diese seltsame Reisegruppe Niederdorf verlassen hat, fallen dichte, weiße Flocken, jeder Meter bringt sie aus dem beginnenden Frühling zurück in den Winter – aber in Sicherheit. Die Männer, Frauen und selbst die paar Kinder versuchen gar nicht erst mit Gesprächen den Krach der Motoren zu übertönen. Sie sind gleichzeitig müde und aufgedreht und in Gedanken noch ganz bei den sich überstürzenden Ereignissen des heutigen Tages. Je höher sie kommen, desto dichter wird das Schneetreiben und desto gequälter auch das Dröhnen der Lastwagen. Schließlich halten sie an. Bitte aussteigen. Das letzte Stück müssen Sie leider zu Fuß gehen. Wer ein Bündel oder einen Koffer hat, greift ihn, die Männer nehmen galant den Damen die Last ab. Es dämmert, die Schneeflocken trüben die Sicht, und doch heben sich die schroffen, felsigen Gipfel der Dolomiten klar im Zwielicht ab. Zum Glück brauchen sie nicht allzu weit zu laufen, bis sie am Ziel sind. Zwischen Wald und See, dem einsamen Lago di Braies, taucht ein lang gestrecktes Gebäude aus Natursteinen auf. Die Haustür steht offen, und mit großer Herzlichkeit empfängt sie Emma Heiss-Hellenstainer, die Besitzerin des Hotels »Prag


ser Wildsee«. Als ob sie lang erwartete Gäste wären, bekommt jeder von ihnen eine kleine Karte mit der Nummer eines Zimmers, das ihm speziell zugeteilt worden ist. Dabei hatten erst wenige Stunden vorher drei Wehrmachtsstäbe auf höheren Befehl missmutig das Gebäude geräumt. Selten hat das ehrwürdige Hotel im Hochpustertal in Südtirol eine solche Vielzahl an namhaften internationalen Gästen gesehen wie an jenem letzten Apriltag des Jahres 1945. Sie tragen keine Pelze, wie es angesichts der kalten Temperaturen auf 1 400 Meter Höhe angemessen wäre, sie haben kaum Gepäck und kein Gefolge bei sich. Sie besitzen kaum mehr als das, was sie am Leibe tragen, dreckige Uniformröcke, sorgfältig, aber einfach geflickte Hosen, abgetragene Jacken, möglichst dicke Wollpullover über alten Röcken, kaputte Schuhe. Auch wenn sie sich äußerlich in ihrer abgenutzten Kleidung und den von Not und Entbehrung gezeichneten Gesichtern ähneln, so könnte diese illustre Gesellschaft unterschiedlicher nicht sein: Frühere Regierungschefs aus Österreich, Ungarn oder Frankreich sind darunter, von Hitler abgesetzte Minister und Generäle, deutsche Aristokraten und Großindustrielle, Offiziere der Wehrmacht, der Roten Armee und der Royal Air Force, Theologen, britische Agenten und Familienangehörige der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944. Während ihre Nationen sich die allerletzten Gefechte des Zweiten Weltkriegs liefern, verbindet sie ein gemeinsames Schicksal. Sie alle waren bis zu diesem Morgen Gefangene der Nazis, von Himmlers Schergen als Geiseln in die Alpen verschleppt und in einem recht dramatischen Handstreich schließlich von der Wehrmacht aus den Händen der SS befreit. Im Tal ist der Frühling schon deutlich zu spüren, doch am Pragser Wildsee liegt eine geschlossene Schneedecke, die weißen Gipfel der Dolomiten spiegeln sich im klaren Wasser des Bergsees – eine malerische, aber kalte Pracht. Abgesehen von 


der Einquartierung durch die Wehrmacht, hat niemand in dieser Jahreszeit mit »richtigen« Gästen gerechnet. Die Zimmer sind eisig, können größtenteils gar nicht geheizt werden, denn die Saison beginnt hier frühestens im Juni. So mancher, wie Pastor Martin Niemöller, leidet unter der Kälte im Hotel. Viel Ärger wegen Umzugs und Ofenheizens, Schnee usw., schreibt der bekannte Pfarrer der Bekennenden Kirche in sein Tagebuch. Doch für die meisten der Menschen, die Monate und zum Teil Jahre eingepfercht in Lagern hinter Stacheldraht verbracht haben, ist das malerische Hotel ungeachtet mancher Unbequemlichkeiten ein Paradies. 139 Personen sind es aus siebzehn verschiedenen Nationen. Sie können sich satt essen, auch wenn sie mangels Personal das Essen selber kochen müssen. Sie haben ein richtiges Bett zum Schlafen, können sich waschen, sie dürfen spazieren gehen, in der kleinen Kapelle am See Andachten feiern, und sie werden von Einheimischen und Soldaten der Wehrmacht mit großer Freundlichkeit und Respekt behandelt. Sie genießen die ungestörte Unterhaltung untereinander, nachdem ihnen während der Lagerzeit der Austausch mit anderen Häftlingen strengstens untersagt war. Ihre Gemeinschaft ist noch jung. In verschiedenen Gruppierungen haben sie Gefängnisse und Konzentrationslager durchlaufen, bis sie alle zusammen schließlich von Innsbruck aus in Bussen über den Brenner nach Südtirol gebracht wurden, in die Alpen – die letzte Bastion des NS-Reichs. Rivalitäten unter den Nationen und unterschwelliges Misstrauen gerade gegenüber den Häftlingen in Wehrmachtsuniform während der nervenzerreißenden letzten Tage der Gefangenschaft sind jetzt einem Gefühl der Zusammengehörigkeit gewichen – vor allem, nachdem es dann doch deutsche Soldaten und noch nicht die Amerikaner waren, die sie aus der Gewalt der SS befreit haben. Die Zeit am Pragser Wildsee erleben sie als Innehalten, als 


kurze Atempause, bevor das Kriegsende dann doch wieder diese Gemeinschaft in Sieger und Besiegte, in Franzosen, Engländer, Dänen, Italiener einerseits und Deutsche andererseits einteilen wird. Die große Anspannung fällt langsam von ihnen ab, genauso wie die Furcht der vergangenen Wochen, am Ende doch noch von den SS-Bewachern liquidiert zu werden. Die Hotelbesitzerin Emma Heiss serviert den Gästen großzügig die letzten Reserven aus ihrem Weinkeller und muntert mit ihrer Gastfreundschaft auch Pastor Niemöller wieder auf. Auch die Kabarettistin Isa Vermehren sorgt mit ihren Liedern abends in der Hotelhalle für eine entspannte, sogar fröhliche Atmosphäre. Und doch: Sie sind befreit, aber noch nicht frei – und es fällt manch einem schwer, seine Ungeduld zu zügeln, jetzt, wo der endgültige Zusammenbruch nur noch eine Frage von Tagen sein kann. Doch die Wehrmacht möchte die Gruppe geschlossen an die Amerikaner übergeben. Nicht nur SS-Leute stellen noch immer ein unberechenbares Risiko dar, auch die italienischen Partisanen, die so kurz vor der deutschen Kapitulation in Italien immer offener aus der Deckung der umliegenden Berge in die Dörfer vordringen, würden sich gerne dieser prominenten Gesellschaft bemächtigen. So wird das Hotelareal bis zum Einmarsch der Amerikaner von deutschen Soldaten bewacht. Der italienische General Sante Garibaldi, ein Enkel des berühmten Freiheitskämpfers, hat sich schon zu den Partisanen abgesetzt. Auch Wassilij Kokorin, Neffe des sowjetischen Außenministers Molotow, hält nichts mehr nach Jahren der Gefangenschaft. Er möchte sich zu seiner Truppe durchschlagen und lässt sich auch von seinen Gefährten nicht umstimmen. Er könne sich nicht von der Hure England  befreien lassen, das würden ihm sein Onkel und Stalin nie verzeihen, sagt er beim Abschied. Er schließt sich kommunistischen Partisanen an, wird von ihnen in einer Berghütte versteckt, stirbt dort jedoch 


mangels medizinischer Versorgung an Wundbrand, als durch die Kälte alte Frostwunden neu aufbrechen. Mithilfe der Wehrmacht und des großen Engagements von Emma Heiss, vor allem aber auch dank des militärischen Organisationstalents, das etliche der befreiten Offiziere unter Beweis stellen, gelingt es, die Versorgung und das Zusammenleben der heterogenen Gruppe einigermaßen zu regeln. Küchendienste werden eingeteilt und Holzrationen zugewiesen – wobei allerdings das Holz und auch der Weinvorrat schneller schwinden, als es sein dürfte. Jeder Gast bekommt einen Zettel, um aufzuschreiben, was am dringendsten fehlt. Prinz Philipp von Hessen listet vom Koffer bis zu den Schuhen Größe 43 alle notwendigen Kleidungsstücke auf. Auch Fabian von Schlabrendorff braucht Ersatz für sein gesamtes Gepäck, während Hitlers früherer Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht bescheiden vermerkt: Ich bitte um eine Unterhose, wenn die dringendsten Wünsche befriedigt sind. Eine habe ich. Die 15 Jahre alte Anna-Luise, von allen hier nur familiär Ännerle genannt, hat vor allem einen Wunsch: Bleistift und Schreibpapier. Sie ist die Tochter von Cäsar von Hofacker, einem Vetter Stauffenbergs, der selber zu den aktiven Verschwörern des 20. Juli gehörte und nach langer Haft und Folter hingerichtet worden war. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrem anderthalb Jahre älteren Bruder Eberhard wurde Ännerle kurz nach dem Attentat in Sippenhaft genommen. Vom Gefängnis in München führte sie die Odyssee ihrer Haft über das Riesengebirge in das KZ Stutthof bei Danzig und schließlich im tiefsten Winter wieder zurück über Buchenwald und Dachau bis an den Pragser Wildsee. Während Eberhard neugierig und erlebnishungrig im Hotel umherstreift, sucht Ännerle eher die Stille ihres kleinen Zimmers. Es drängt sie, alles aufzuschreiben, was sie in den vergangenen neun Monaten erlebt hat, Gefängniszeit, KZ, Trennung von den jüngeren Ge


schwistern, Krankheit, Tod, Transporte. Sie muss diese Zeit festhalten, um nichts zu vergessen, um sie später mit den drei »Kleinen« – Christa, Alfred und Liselotte – teilen zu können, um Zeugnis abzulegen und vielleicht auch, um all das Erlebte zu bewältigen. Sie liebt es zu formulieren, Geschichten und Gedichte zu schreiben. Während ihrer Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager hat ihr der Mut gefehlt, Tagebuch zu führen. Zu groß war die Angst, dass die Aufzeichnungen entdeckt und gegen sie verwendet werden könnten. Jetzt sind sie befreit, jetzt darf sie wieder offen sagen und aufschreiben, was sie denkt, muss sich nicht mehr vor den Wachen in SS-Uniform ducken. Doch als sie alleine in dem kalten Zimmer vor dem schönen kleinen Büchlein mit dem roten Ledereinband sitzt und die leeren Seiten durchblättert, zögert sie. Womit soll sie anfangen? Wie weit zurückgreifen in eine Geschichte, in der ihre Familie von heute auf morgen auseinandergerissen wurde? Und was ist das Ende? Die Befreiung, das erleichterte Aufatmen nach Tagen der Furcht, doch noch von der SS beseitigt zu werden? Aber noch sind sie nicht zu Hause, noch haben sie keinerlei Nachricht von den drei kleinen Geschwistern, wissen nicht, wo sie nach ihnen suchen sollen in diesem zerstörten, umkämpften Deutschland, ja, ob sie überhaupt noch leben. Nein, sie stecken noch mitten drin in dieser Geschichte. Aber Ännerle kann den Anfang ihrer Odyssee aufschreiben, die Ende Juli 1944 in einem kleinen Dorf in Oberbayern begann und sie hoffentlich bald wieder dorthin führen wird. Entschlossen streicht sie die braunen Haare aus dem Gesicht und beginnt in großen, sorgfältigen Lettern zu schreiben: Tagebuch Anna-Luise von Hofacker 1944 – 45. 


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