NICOLA VOLLKOMMER
Die Ru¨ckkehr des Erben
SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
®
MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen
www.fsc.org
FSC® C083411
© 2017 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch Titelbild: Hintergrund: iStock.com/JohnGollop, Möwen: shutterstock.com, Illustrationen: Kathrin Spiegelberg Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5785-8 Bestell-Nr. 395.785
Vorwort
Die Bösewichte sind zur Rechenschaft gezogen worden, die Guten feiern den Anbruch fröhlicherer Zeiten, so endet mein Roman Wie Möwen im Wind, wie es sich für eine schöne Geschichte gehört. Lady Charlotte Greenwold wird zur rechtmäßigen Erbin des Landsitzes »Birch Hollow« (Birkenmulde) an der Küste Cornwalls ernannt und krönt die Wende ihres Schicksals mit der Umbenennung des Landguts in »Birch Heights« (Birkenhöhe) und der Heirat mit ihrer großen Liebe, Jake Fenton. Das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Anwesens Birch Hollow ist zu Ende, seine Bewohner dürfen wieder aufatmen. Als eine Leserin fragte, was wohl aus dem kleinen Jungen Eduard geworden sei, dem unehelichen Sohn des selbst ernannten Erben Malcolm Forsythe-Drake, beschloss ich, dieser Frage in der Fortsetzung Die Rückkehr des Erben nachzugehen. Meine Gedanken führten mich von der Küstenidylle Cornwalls in die dunklen Gassen Londons, wo Elend und Ausbeutung an der Tagesordnung waren. Historischer Hintergrund für diesen Band sind die Armenhäuser in den Großstädten Englands, die durch die industrielle Revolution entstanden waren. Verwahrloste Kinder waren den Grausamkeiten jener Anstalten schutzlos ausgeliefert und verarmten jungen Frauen blieb oft kein anderer Broterwerb übrig als die Arbeit in einem Bordell. Erst langsam wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Reformen eingeleitet, durch die das Los der Armen verbessert werden sollte. Trotzdem brachten es ruchlose Vorsteher der Armenhäuser fertig, auch diese Fortschritte zum eigenen Vorteil zu nützen, so wie Mr Creek in der Geschichte. Leser von Möwen im Wind werden die Charaktere wiedertreffen, die sie im ersten Buch kennen und lieben gelernt haben. Die Hauptrolle im Geschehen übernehmen jedoch neue Figuren, allen voran 5
Elinor, die halb blinde Tochter der Greenwolds, ihr Kindermädchen Marie und der seit Langem verschwundene Junge Eduard. Vorkenntnisse aus dem ersten Roman sind nicht notwendig, um den zweiten Band zu verstehen. Nicola Vollkommer Reutlingen, im Mai 2017
6
Prolog
Deshalb liege ich wohl richtig in meiner Annahme, dass ich nur noch wenige Tage zu leben habe … Der Schreiber legte seine Schreibfeder auf den Tisch und lehnte sich zurück, seine Arme hinter seinem Kopf verschränkt. Er blickte zum Fenster hinaus, durch dessen staubige Scheiben ein paar fahle Lichtstrahlen von der Gaslaterne ihren Weg durch den Nieselregen in den dunklen Raum fanden. Neben einem Papierbogen, der auf dem Tisch lag, flackerte das Licht einer einzigen Kerze. Der Mann bückte sich wieder nach vorne über den Tisch, tauchte seine Feder in das Tintenfass hinein, ungeachtet der schwarzen Tropfen, die auf den Tisch und auf seine Jacke spritzten, und kratzte weiter auf dem Papier. Sein üppiger Oberkörper war in eine grüne Weste hineingezwängt, die bessere Zeiten gekannt hatte. Dunkle, zusammengezogene Augenbrauen, die wie ein Dach über zwei kleinen, blinzelnden Augen hingen, stachen aus einem aufgedunsenen Gesicht heraus. Seine Haut glänzte rötlich im Kerzenschein. Blonde Haarsträhnen, feucht von Schweiß, guckten unter einer dreckigen Schlafmütze hervor. Mehrere leere Weingläser lagen auf der Tischfläche verstreut. Der Regen verwandelte sich in Sturzfluten; die Wolken schütteten ihren angestauten Ärger auf die Dächer der Großstadt hinaus, um auch die verborgensten Winkel Londons in ihrer Niedertracht bloßzustellen. Die Straßenränder rächten sich. Rinnsteine, die sonst mit Kot und den verwesenden Leichen von Ratten verstopft waren, spuckten ihren Unrat auf das Kopfsteinpflaster. Alles, was sich auf den schmuddeligen Straßen bewegte, suchte Deckung. Streunende Hunde und Katzen kauerten sich in Hauseingängen und unter verlassenen Fuhrwerken. Menschen hockten in den Winkeln von verfallenen Hütten, die wie aufgestapelte Kisten die engen Straßen säumten. Fensterläden, die lose in den Angeln hingen, schlugen ge7
gen die Hauswände. Noch saß die frostige Luft des vergangenen Winters zwischen den feuchten Mauern der Häuser. Noch gewährten die brüchigen Hausdächer jedem eisigen und stürmischen Unwetter Einlass, das über London fegte. Die warmen Strahlen eines anbrechenden Frühlings hatten ihre Mühe, diesen widerlichen Fleck Englands zu erreichen. Der Schreiber füllte einen zweiten Briefbogen mit hastig geschriebenen Sätzen. Er schien weder das tobende Gewitter zu bemerken noch den trägen Nieselregen, der darauf folgte und der wie eine feuchte Decke über der müden Stadt schwebte. Er blickte von seinem Papier hoch, nahm die Kerze in die Hand und hielt sie zum Fenster hoch. Nur das laute Triefen von den Dächern, das Platschen auf dem Kopfsteinpflaster und das gelegentliche Bellen eines Straßenhundes waren zu hören. Er erschrak kurz, als das Grölen eines Betrunkenen die Geräusche des Wassers übertönte. Es folgte ein Gurgeln, Stöhnen und Spucken. Der Briefschreiber rümpfte die Nase, griff nach der Flasche, die auf dem Tisch stand, neigte seinen Kopf nach hinten und kippte sich den Inhalt in einem Zug in den offenen Mund. Er schmatzte, rieb sich die Augen, hielt die Kerze zum Papier hin und bewegte seine Lippen, während er die Worte las, die er geschrieben hatte: Ich hoffe, durch dieses Schreiben einen endgültigen Strich unter unseren Familienzwist zu ziehen und den von mir verursachten Ärger mit ins Grab zu nehmen. Seine Gesichtsmuskeln verzerrten sich zu einem breiten, krummen Grinsen. Er legte Kerze und Papier wieder auf den Tisch und kritzelte die Worte In tiefer, dankbarer Verbundenheit und seinen Namen unter das Geschriebene. »Das Siegel besorgen wir uns morgen, dann haben wir die erste Etappe unseres Abenteuers hinter uns«, sagte er laut. Mit einem Funkeln in den Augen faltete er den Brief und steckte ihn in einen Umschlag, den er in eine Schublade unter dem Tisch legte. Danach knöpfte er seinen Samtrock zu, zog halblange Schnürstiefel über seine Strümpfe, ohne diese festzubinden, blies die Kerze aus und schlurfte aus dem Raum. 8
Kapitel eins
»Diese verflixte Wolle! Sie bringt mich ins Grab!« Harriet warf ihr Strickzeug auf den Küchentisch, verschränkte die Arme und betrachtete ein Knäuel verworrener Wollsträhnen, das neben ihrem angefangenen Werk lag. »Einmal blicke ich in die falsche Richtung, Franny, und die Wollf äden verheddern sich wie von alleine. Die Strähnen zu entwirren, dauert eine Ewigkeit.« »Wie alles Böse in der Welt«, antwortete Franny, die am anderen Ende des Tisches Geschirrtücher sortierte und aufeinanderlegte. »Einmal blickt man weg und das Leben verheddert sich. Und es dauert eine Ewigkeit, es wieder zu entwirren.« Sie erhob sich und wühlte in einer Schublade nach einem Zündholz. »Jetzt zünden wir die Kerze an, Harriet, damit du deine Wolle wenigstens sehen kannst und nicht mehr so grimmig dreinschauen musst. Dieses Abendlicht ist nichts für müde Augen. Den ganzen Tag Brühe kochen, Fleisch anbraten und Kartoffeln schälen und dann abends noch stricken. Du bist nicht mehr die Jüngste und solltest hin und wieder an dich denken.« »An mich denken?«, empörte sich Harriet, die ihr Strickzeug wieder in die Hand genommen hatte. »Wie verwerflich. Wenn Nachwuchs im Haus erwartet wird, dann wird gestrickt, Alter hin oder her.« Plötzlich hielt sie inne. Sie legte das Strickzeug auf den Tisch und wandte ihren Kopf zur Tür hin. »Hat es geklopft oder spielen meine Ohren Streiche?« »Irgendwas habe ich auch gehört«, sagte Franny. »Das wird der Junge vom Dorf sein, Franny. Er holt Kräuter für seine kranke Mutter. Lady Charlotte hat getrocknete Minze und Petersilie zusammengeschnürt. Auf dem Regal über dem Herd.« Franny holte die Kräuter, zog den Türriegel zurück und schob das 9
Bündel durch den offenen Spalt. »Das nächste Mal kommst du um eine Zeit, in der anständige Leute auf den Beinen sind, mein Junge.« Sie hielt mitten im Satz an und öffnete die Tür weit. »Du lieber Himmel … was … wer in aller Welt bist du?« Im düsteren Licht der Abenddämmerung war die zierliche Gestalt einer Frau zu sehen, deren Kopf unter einer großen Kapuze verborgen war. »Lady Charlotte Greenwold? Ich muss dringend mit Ihnen reden!« Die Stimme war heiser, dringlich und hechelte. Zwei zitternde Hände schauten unter dem schwarzen Umhang hervor. »Du irrst dich, Mädchen. Ich bin nicht Lady Greenwold und ich versichere dir, Lady Greenwold erwartet keinen Besuch. Nicht zu dieser verfluchten Stunde und bestimmt nicht an der Tür zum Gemüsegarten. Ich wünsche dir eine gute Nacht.« Die Frau klammerte sich mit beiden Händen am Türgriff fest. »Wenn es jetzt nicht passt, komme ich morgen wieder, Ma’am!« »Morgen hat Lady Greenwold auch keine Zeit. Nimm um Gottes willen die Hände von der Tür! Da kann ja wohl jeder wie ein Gespenst aus dem Nebel aufsteigen und nach der Lady des Hauses verlangen! Wenn du nicht loslässt, hole ich den Wachmann vom Dorf.« Bevor Franny die Tür zuziehen konnte, warf die Frau, die sich mit einer Hand immer noch am Griff festhielt, ihre Kapuze nach hinten. Das Licht, das durch die Tür schien, offenbarte blasse Gesichtszüge und eine Stirn, in der blaue Adern durch eine hauchdünne Haut schimmerten. Aus einem hohlwangigen Gesicht starrten große Augen, in denen Tränen schimmerten. »Ich heiße Marie.« »Schön zu wissen, dass du einen Namen hast. Es gibt eine Unterkunft für Durchreisende in Sedgeworth, Marie. Durch Hipperclove hindurch, an der Küste entlang, zwanzig Minuten zu Fuß.« Franny drückte ihre Hände gegen die Schulter der fremden Frau, schob sie nach hinten in den Garten und sprang in die Küche zurück. Sie schlug die Tür hinter sich zu, schob den Riegel vor und drückte ihren Rücken gegen die Innenseite, als ob sie Angst hätte, dass die Frau magische Kräfte besitzen und durch die geschlossene Tür hineindringen könnte. 10
»So kratzbürstig, Franny?«, fragte Harriet, die ihren Kampf mit der Wolle wieder aufgenommen hatte. »Du hattest versprochen, das Wort ›verflucht‹ nicht mehr zu sagen. Du rufst den Zorn Gottes auf uns hernieder.« »Der liebe Gott weiß, wie ich es meine, Harriet.« »Du hättest der Dame wenigstens eine Brotkruste in die Hand drücken können.« »Dann kommt sie erst recht wieder. Im Dorf wird ihr jemand etwas zuwerfen, abgemagert, wie sie aussieht.« Harriet schüttelte nur den Kopf. Franny zeigte mit dem Daumen über ihre Schulter auf die Tür und kehrte zum Tisch zurück. »Ha! Brauchst nicht so mitleidig tun, Harriet. Leg dir ein dickeres Fell zu. Sie ist nicht die Erste und wird nicht die Letzte sein, die Gefälligkeiten bei Lady Greenwold sucht.« Sie zündete eine zweite Kerze an und setzte sich zu Harriet an den Tisch. »Jetzt hast du genug Licht, um deine rebellische Wolle in geordnete Bahnen zu lenken, Harriet! Blau und rosa gemischt. So darf es ein Junge oder ein Mädchen werden. Ich ahne, dass Lord Jake gerne einen Jungen hätte.« Harriet kratzte mit einer Stricknadel auf dem Tisch herum und blickte hoch. »Woher willst du wissen, dass Lady Charlotte die Frau abgewiesen hätte, Franny?« »Dir geht die Frau immer noch im Kopf herum, Harriet, stimmt’s? Genau das ist das Problem. Du bist wie Lady Charlotte. Sie kann nicht einmal einen Hund von der Tür weisen. Es streunen in letzter Zeit seltsame Gestalten in der Gegend herum. Die Grenzen zu Birch Heights sind undicht, Lady Charlotte ist fahrlässig mit ihrer Großzügigkeit, irgendwann geht etwas schief. Gestern musste ich mit meinen rheumatischen Händen Zentner von Kartoffeln schleppen, nur weil Mrs Madisons Mann das Bein gebrochen hat und sie ihren Jungen schickte, um Hilfe zu holen. Lady Charlotte würde den Teufel selber zu Tisch bitten, wenn er um Almosen betteln würde!« Die beiden Frauen arbeiteten in Ruhe weiter. Plötzlich klopfte es wieder, dieses Mal an der anderen Tür, die zum Hauptteil des Herrenhauses führte. 11
»Du lieber Himmel, kann eine Frau keine zwei Minuten Wolle bearbeiten, ohne dass jemand was von ihr will?«, schimpfte Franny. Ein stämmiger, dunkelhaariger Mann erschien mit einem lachenden Gesicht an der Tür. »Ach du bist es, Dickon. Ich helfe Harriet, dann komme ich gleich.« »Ich rufe dich, sobald meine Füße im Bett gewärmt werden müssen, meine Liebe!«, antwortete Dickon. »Lady Charlotte braucht dich dringender. Lady Elinor schlägt um sich und verlangt nach einem zweiten Abendgetränk!« Durch die offene Tür drang das ferne Geschrei eines Streitgesprächs. Franny warf Harriet einen bedeutsamen Blick zu und legte die Wolle in den Korb. »Ich gehe hoch, Harriet. Ein zweites Abendgetränk gibt es nicht, dafür aber klare Worte. Schon wieder ein freier Abend im Eimer. Ich bin gleich wieder da!« Dickon hielt die Tür auf und folgte seiner Frau die Steintreppe hoch. Das Geschrei wurde lauter. »Diese bockige Ziege soll eines Tages Lady von Birch Heights werden? Tolle Aussichten!« Franny begleitete jede Silbe mit einem stampfenden Fuß auf der nächsten Stufe der Treppe. »Mit etwas Glück hat der Storch dieses Mal einen Jungen mitgebracht«, antwortete Dickon. »Damit wäre das Problem zumindest gelöst.« Franny warf einen Blick nach hinten über ihre Schulter und verdrehte die Augen. »Willst du andeuten, dass nur ein Junge Birch Heights richtig führen kann, Dickon?« »Ich deute nichts an, Franny. Hab aber Nachsehen mit Lady Elinor. Sie ist erst zehn und trägt ein hartes Schicksal. Ich möchte nicht wissen, wie du herumtoben würdest, wenn du blind wärst.« »Erst zehn? In dem Alter habe ich mühelos einen ganzen Haushalt geführt. Ordentlich, fleißig und mit einem Blick für das Notwendige. Auch blind hätte ich das geschafft. Allerdings war ich abends zu müde, um so spät noch ein Getränk zu verlangen und meine Mutter anzubrüllen!« 12