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RACHEL HAUCK

Der Hochzeitsladen

Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Schäfer


Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

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© der deutschen Ausgabe 2017 SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-verlag.de · E-Mail: info@scm-verlag.de Originally published in English under the title: The Wedding Shop Published by arrangement with The Zondervan Corporation L.L.C. a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc. Cover art used by permission of The Zondervan Corporation L.L.C. All rights reserved. This work published under license. Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. Übersetzung: Anja Schäfer Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch Titelbild: Getty Images Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5772-8 Bestell-Nr. 395.772


Prolog Haley Sommer 1996 Heart’s Bend, Tennessee Der Duft von Regen ließ sich in der Nachmittagsbrise schon erahnen, die durch die sommergrünen Bäume wehte und unheilvolle, schwarze Wolken wie zerklüftete Berggipfel zusammenschob. Haley betrachtete den Himmel, während sie ihr Fahrrad am Rand des Gardeniaparks fallen ließ. Sie hatte ein gemischtes Schokoladen-VanilleEis in der Hand. »Es regnet gleich, Tammy. Beeil dich!« Haley blickte über die Schulter zu ihrer »Festung«, einem verlassenen Gebäude, in dem einst der Hochzeitsladen gewesen war. Der Wind wurde stärker und ein tiefes Donnergrollen hallte durch den Park. Haley fröstelte und krallte ihre Zehen in die Flip-Flops. »Tammy!« »Warte kurz! Er taucht mein Eis gerade erst in die Schokolade.« Haley mochte Tammy, das hübscheste Mädchen der Klasse, schon seit sie sich im ersten Schuljahr kennengelernt hatten. »Nimm doch einfach Schokoladeneis.« Ein Donnerschlag unterstrich Haleys Worte und wurde dabei effektvoll von einem kurzen Blitz unterstützt. »Aber ich mag es lieber mit Glasur.« »Wir werden nass!« Am Eisstand zuckte Tammy grinsend mit den Schultern und nahm die Eiswaffel entgegen, die Carter Adams ihr jetzt endlich

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durchs Fenster reichte. Haley konnte Carter nicht ausstehen. Er war ein Freund ihres ältesten Bruders Aaron und jedes Mal, wenn er bei ihnen zu Hause war, stichelte er und ärgerte sie so lange, bis sie anfing zu kreischen. Dann stürzte immer Mama ins Zimmer: »Um Himmels willen, sei leise, Haley. Was soll dieses Geschrei?« Kam Aaron ihr dann etwa zu Hilfe? Oder gab Carter zu, dass er sie geärgert hatte? Neiiiin … Das wäre ja zu viel verlangt! Wenn sie erst erwachsen war, würde sie andere verteidigen. Ihnen helfen. Sie würde denen beistehen, die drangsaliert wurden! Als Jüngste in einer Familie mit vier Brüdern lernte man auch als Mädchen, sich zu verteidigen. Sie mochte ihre Brüder zwar, aber nicht, wenn sie sich wie Jungs aufführten. »Wohin sollen wir gehen?« Tammy setzte sich auf eine Bank und forderte Haley mit einer Geste auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Mit der Zungenspitze fing sie vorsichtig das Vanilleeis auf, das durch die aufgeplatzte Schokoladenglasur tropfte. »Zu euch? Wir können Mario spielen.« »Nee, das haben wir schon so oft gemacht. Außerdem spielt bestimmt gerade einer von meinen Brüdern.« Haley warf einen Blick auf ihre Festung, den alten Hochzeitsladen. »Oder zu euch?« Haley mochte die stille, geordnete Ruhe bei den Easons lieber. Als Einzelkind hatte Tammy alles für sich allein. Sogar ein eigenes Badezimmer. Ein eigenes Badezimmer! Haley musste sich eines mit Seth und Will teilen, die zwei und vier Jahre älter waren. Mama nannte es das »Adam-und-Eva-Badezimmer«, aber ihr kam es mehr wie ein Adam-und-Adam-Badezimmer vor, in dem kein Platz war für eine Eva. Eines Tages würde Haley andere verteidigen, jawohl, und ein eigenes Badezimmer haben. Und damit war die Sache erledigt. »Ich finde deine Brüder nett.« »Nett? Dann probier mal aus, mit ihnen zusammenzuwohnen.« Haley kräuselte die Nase. »Meine Brüder sind laut und duften – und zwar schlecht.« 8


Über ihnen grollten weitere Donner, jetzt kam noch leichter Sprühregen dazu. Im Fahrradkorb sprang Tammys Pieper an. »Das ist Mama«, sagte sie und versuchte zu verhindert, dass ihr Eis an den Seiten heruntertropfte und die Serviette durchweichte, die um die Waffel gewickelt war. Sie griff nach ihrem Pieper. »Eine Drei.« Aha, eine Drei. Das bedeutete »Sei vorsichtig.« Normalerweise schickte Mrs Eason eine Eins – übersetzt: »Komm nach Hause.« Die Dunkelheit lag schon über dem großen Park in der Innenstadt, dem zentralen Platz von Heart’s Bend, auf dem der Wind die Regentropfen umherwehte. Blitze zuckten über den schwarzblauen Himmel. Tammy zitterte. »Lass uns lieber irgendwo Schutz suchen. Mama wird mich nachher fragen, wo wir waren.« »Sollen wir in unsere Festung gehen?« Haley zeigte hinter sich auf das verlassene Gebäude. Wie aufs Stichwort öffnete der Himmel seine Schleusen und es goss wie aus Eimern. Tammy ließ ihr Eis fallen und stürzte kreischend und lachend zu ihrem Fahrrad, während das Wasser unablässig aus den Wolken schoss. »Los!« »Warte auf mich!« Haley umklammerte die Waffel, sprang auf ihr Fahrrad und radelte die First Avenue hinunter, als stünde ihr Leben auf dem Spiel. »Huuuuuui!« Sie duckte sich unter den trommelnden Regentropfen hinweg. Das Wasser fühlte sich schön kühl an auf ihrem heißen, klebrigen Gesicht. Als sie über die Straße sauste, wechselte die Ampel auf Rot und sie sprang mit ihrem Fahrrad auf den Gehweg der Blossom Street. Sie ließ ihr Rad im Schatten der alten Eiche fallen, schob mit der Hand das tropfende Dschungelmoos zur Seite und rannte mit Tammy um die Wette zur hinteren Veranda. Die Wolken krachten aneinander, erklärten sich den Krieg und schwangen ihre Lichtschwerter. Es schien, als würde ganz Heart’s Bend vom Kampfschweiß der Gewalten übergossen, als sich die beiden Mädchen auf die breiten Holzdielen fallen ließen. 9


Haley sprang auf die Füße, lehnte sich aus der Verandatür und klammerte sich mit ihrem Arm an den morschen Rahmen des Fliegengitters: »Hahaha, hier kriegt ihr uns nicht!« »Komm, lass uns reingehen.« Tammy ruckelte am Knauf der Hintertür, öffnete das Schloss und schlüpfte hinein. Haley folgte ihr und blieb drinnen gleich vor dem Raum stehen, den Mama als »Dienstkammer« bezeichnet hätte. Sie schüttelte den Regen aus ihrem glatten blonden Haar. Die Stille des Gebäudes beruhigte sie. Sie erzählte ihr etwas, das Haley zwar nicht verstehen, aber eindeutig spüren konnte. Und wie jedes Mal hatte Haley das Gefühl, als betrete sie einen Ort, der ein Zuhause war. Daddy nannte so etwas den sechsten Sinn – was auch immer das bedeutete. Aber irgendwie hatte Haley ein Gespür für Zeit und Raum und all das, was jenseits der sichtbaren Welt lag. Der Gedanke faszinierte sie. Und, wenn sie ganz ehrlich war, machte er ihr gleichzeitig entsetzliche Angst. »Guck mal, das geht gar nicht ab.« Lachend schüttelte Tammy ihre Hand vor Haleys Gesicht. Fetzen der weißen Papierserviette, die an ihrem Eis gewesen war, klebten an den verschmierten Fingern. Haley griff danach, riss die Fetzen ab und stopfte sie in ihre Tasche. Sie wollte diesem Gebäude nicht schaden, wie all die Leute, die versucht hatten, hier ein Geschäft zu führen, nachdem es kein Hochzeitsladen mehr war. Eine Gemeinheit, eine elende Gemeinheit, wie respektlos Leute mit einem Gebäude und allem, wofür es stand, umgingen. Haley mochte erst zehn Jahre alt sein, aber sie hatte all die Geschichten über die früheren Kundinnen und über Miss Cora und all das Gute, das sie getan hatte, gehört. Man musste diesem Gebäude Respekt zollen. »Lass uns Braut spielen!« Tammy lief die mächtige, breite Treppe hinauf. Das gedrechselte und geschwungene Geländer erinnerte Haley an einen großen Palast. Und genau das war dieser Laden für Heart’s Bend: ein prächtiger Palast. Damit junge Frauen heiraten

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konnten. »Du bist diesmal die Braut, Haley. Steig die Stufen hinunter vom …« »… Mezzanin.« »Ja, genau.« Tammy leckte sich Schokolade von den Fingern und wischte die Hand an ihren Shorts ab. »Woher weißt du noch mal, dass es Mezzanin heißt?« »Ich habe gehört, wie Mama das Wort benutzte, als wir irgendeinen Dokumentarfilm gesehen haben.« Haley machte Schnarchgeräusche. Mama ging es immer nur um Wissen. In der Morganfamilie musste alles der Bildung dienen. Selbst Weihnachtsgeschenke. Daddy sei Dank, der Mamas Bildungshunger wenigstens in den Ferien Einhalt gebot. Mama war Ärztin und Daddy Ingenieur. Sie arbeiteten viel und hatten eine Haushälterin-Schrägstrich-Köchin eingestellt, Hilda, und ein Kindermädchen, Tess. Die beiden waren okay. Ein bisschen komisch vielleicht. Als Haley vor Kurzem gefragt hatte, ob eine von ihnen ihr helfen könnte, einen Kuchen zu backen, hatten beide sie aus dem Haus vertrieben. »Geh schwimmen. Da habt ihr Kinder schon einen riesigen Pool im Garten und lümmelt trotzdem hier drinnen herum. Was für eine Schande, sag ich euch, was für eine Schande. Zu meiner Zeit hatten wir …« Hildas Geschichten, die mit »zu meiner Zeit« begannen, verjagten Haley und ihre Brüder immer blitzschnell aus dem Haus. So war der Alltag in der Morganfamilie. Daddy und Mama waren jeden Abend zum Essen zu Hause, weil Mama Wert auf gemeinsame Mahlzeiten legte. Allerdings gehörten intelligente Gesprächsthemen mit dazu. Ständig betonte sie: »Es gibt nichts Wichtigeres als Bildung.« Wirklich? Außer vielleicht noch die Sache mit den Zielen, Mamas zweiter Spleen. An Silvester musste sich jeder von ihnen Ziele setzen. Sie bestand darauf, dass sich die Familie hinsetzte und sie aufschrieben, was sie erreichen wollten. Sogar Daddy. Aus der Nummer kam man nicht heraus.

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In den vergangenen drei Jahren hatte Haley immer geschrieben: »Einen Welpen bekommen.« Bisher hatte es nicht geklappt. Welchen Sinn hatten Ziele, wenn ihre Eltern sie nie dabei unterstützten, sie zu erreichen? »Spielst du jetzt die Braut oder nicht?«, fragte Tammy. »Ich war beim letzten Mal schon die Braut. Diesmal darf ich die Ladenbesitzerin spielen.« Haley joggte dieTreppen hinauf. Sie war lieber Inhaberin als Braut. »Okay, aber wen soll ich heiraten?« »Wen willst du denn heiraten?« »Keinen. Ich hab doch schon gesagt, dass Jungs stinken.« Tammy verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Dann tu einfach so, als wär’s nicht so. Also, wen jetzt?« Sie drehte den Türknauf zu dem Zimmer unter der Dachschräge. Sie taten immer so, als hingen darin die Brautkleider. Aber die Tür war verschlossen. Wie immer. Haley fiel nur ein Junge aus der Schule ein, der sie nicht dauernd nervte. Sie sah durch das Licht, das in die Mezzaninfenster fiel, zu ihrer Freundin hinüber: »Cole Danner?« »Cole?« Tammy seufzte, zog noch eine Grimasse und stemmte die Hände in die Hüften: »Cole gehört mir.« »Ich will ihn ja gar nicht. Mann, wir tun doch nur so. Er sieht am besten von allen aus der Klasse aus und ich glaube, er stinkt am wenigsten.« »Okay, wird schon in Ordnung sein, wenn wir nur so tun als ob. Aber wenn wir erwachsen sind, ist er für mich reserviert.« »Cole? Den kannst du gerne haben. Ich heirate erst, wenn ich alt bin, dreißig oder so … oder sogar vierzig.« Tammy lachte. »Aber du musst meine Brautjungfer sein, versprochen?« »Versprochen.« Natürlich würde sie alles für ihre beste Freundin Tammy tun. Über ihnen grollte ein Donner. Aber die alten Mauern des Hochzeitsladens waren solide. 12


Haleys Großmutter und deren Freundin Mrs Peabody hatten sich ihre Brautkleider hier ausgesucht. Als Mama und Daddy sich kennenlernten, hatte sie in Boston Medizin studiert und er war am Technischen Institut. Sie hatten nur standesamtlich geheiratet. Sonst hätte Mom ihr Kleid bestimmt auch bei Miss Cora gekauft. Jedenfalls wollte Haley das gerne glauben. Schon mit zehn Jahren hatte sie ein stark ausgeprägtes Traditionsbewusstsein. Daddy und Mama waren wieder nach Heart’s Bend zurückgezogen, als Haley zwei war, um näher bei der Familie zu sein und der Kälte zu entfliehen. Mama hatte ihre eigene Praxis für Sportmedizin eröffnet. Sie war ganz schön berühmt, so weit Haley das beurteilen konnte. Die Sportler kamen von überallher, um sich von ihr behandeln zu lassen. »Du brauchst einen Schleier.« Tammy griff nach einem herumliegenden Zeitungspapier, strich es auf dem Boden glatt und drapierte es auf Haleys Kopf. Haley lachte, duckte sich weg und der schwarz-weiße Schleier rutschte ihr vom Kopf. »Wenn ich mit Läusen nach Hause komme, rastet Mama aus.« Sie lief zur Treppe, die in die zweite Etage führte. »Komm, wir gucken uns oben mal um. Vielleicht finden wir da etwas, das wir nehmen können.« Aber die zweite Etage war vollgestellt mit Kisten und altem Computerzubehör. Die Farbe blätterte von den Wänden, auf dem Boden lag ein vermoderter Teppich und das Badezimmer war demoliert. Tammy fröstelte. »Ich find’s hier gruselig. Lass uns wieder ins Mezzanin gehen.« Aber Haley entdeckte etwas, das unter der Teppichkante hervorragte. Sie bückte sich und zog ein Schwarz-Weiß-Foto hervor. Tammy hockte sich neben sie. »Hey, das ist doch Miss Cora. Ich habe ein Foto von ihr in der Zeitung gesehen.« »Ich weiß, ich erinnere mich auch.« Haley sah sich in dem muffigen Zimmer um. »Meinst du, sie hat hier gewohnt?« »Ich hoffe nicht. Es ist ekelhaft hier.« 13


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