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Lau ra H i llen bran d UNBROKEN Die unfassbare Lebensgeschichte des Louis Zamperini


LAU RA H I LLEN BRAN D

UNBROKEN Die unfassbare Lebensgeschichte des Louis Zamperini

Aus dem Amerikanischen von Susanne Held


Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Ungekürzte Lizenzausgabe 2014 für SCM-Verlag GmbH & Co. KG Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-verlag.de · E-Mail: info@scm-verlag.de Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Unbroken. A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption« im Verlag Random House, Inc., New York © 2010 by Laura Hillenbrand Für die deutsche Ausgabe © 2011/2014 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg Titelbild: Motion Picture Artwork © 2014 Legendary Picture and Universal Studios. All Rights Reserved Satz: Kösel Media GmbH, Krugzell Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-5635-6 Bestell-Nr. 395.635


FĂźr die Verwundeten und Verlorenen


Was bleibt dir zuletzt und zutiefst gegenwärtig? Von kopflosen Ängsten, Von harten Gefechten, nicht weniger harten Belagerungen: Was bleibt – zutiefst erschütternd – zurück? Walt Whitman


Inhalt

Vorwort

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ERSTER TEIL

1 Ein Junge gegen den Rest der Welt 13 2 Rennen wie WAHNSINNIG 25 3 Der Tornado von Torrance 32 4 Deutschland leerräumen 42 5 Im Vorfeld des Kriegs 54 ZWEITER TEIL

6 Der fliegende Sarg 67 7 Jungs, jetzt ist es so weit 84 8 »Nur meine Unterwäsche wusste, was ich durchmachte« 9 Fünfhundertvierundneunzig Löcher 111 10 Die »Stinking Six« 127 11 Das überlebt keiner 138

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DRITTER TEIL

12 Abgestürzt 149 13 Auf See vermisst 155 14 Durst 166 15 Haie und Schüsse 180 16 Gesang in den Wolken 188 17 Taifun 198 VIERTER TEIL

18 Eine atmende Leiche 209 19 Zweihundert schweigende Männer 221 20 Flatulenzen für Hirohito 234

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21 Glaube 248 22 Ausbruchspläne 257 23 Monster 269 24 Freiwild 279 25 B-29 290 26 Wahnsinn 302 27 Im freien Fall 316 28 Versklavt 322 29 Zweihundertzwanzig Hiebe 334 30 Die lodernde Stadt 342 31 Der Sturm der Nackten 350 32 Erbsenregen 359 33 Muttertag 371 FÜNFTER TEIL

34 Das schimmernde Mädchen 387 35 … als wäre nichts gewesen? 400 36 Die Leiche auf dem Berg 410 37 Verstrickt 419 38 Der Weckruf 426 39 Ein neuer Tag beginnt 436 Epilog 440 ANHANG

Dank 463 Anmerkungen 471 Liste der Abkürzungen 471 Nachweis der Bilder und Karten 519 Übersichtskarte Pazifischer Ozean 520

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Vorwort

W

asser – nur Wasser, so weit sein Auge reichte. Es war der 23. Juni des Jahres 1943. Irgendwo auf der endlosen Weite des Pazifik lag Louie Zamperini, Bombenschütze der Army Air Forces und olympischer Läufer, auf einem kleinen Schlauchboot, das langsam Richtung Westen trieb.1 Neben ihm kauerte ein Sergeant, einer der Schützen seines Flugzeugs. Auf einem zweiten Schlauchboot, das mit dem ersten verbunden war, lag ein weiteres Besatzungsmitglied mit einer hässlichen Wunde an der Stirn. Ihre Körper waren von der Sonne verbrannt, die gelbe Farbe der Boote hatte auf ihre Haut abgefärbt, und sie waren bis auf die Knochen abgemagert. Haie zogen ihre trägen Runden um sie herum, ihre Rücken schabten an den Floßwänden, sie mussten nur warten. Seit 27 Tagen trieben die Männer jetzt auf dem endlosen Pazifik. Eine Äquatorialströmung hatte sie mindestens 1000 Meilen weit getragen, tief in Gewässer hinein, die von den Japanern kontrolliert wurden. Das Gummi der Schlauchboote begann sich zu einer gallertartigen Masse zu zersetzen und verströmte einen sauren, ätzenden Geruch. Die Körper der Männer waren übersät mit vom Salz wunden Stellen, ihre Lippen waren so geschwollen, dass sie gegen Nase und Kinn stießen. Die Männer brachten ihre Tage damit zu, dass sie in den Himmel starrten, »White Christmas« sangen und leise ihre Essensphantasien vor sich hinmurmelten. Keiner suchte mehr nach ihnen. Sie waren allein auf 160 Millionen Quadratkilometern Ozean. Einen Monat zuvor war der 26-jährige Zamperini einer der berühmtesten Läufer der Welt gewesen, viele hatten von ihm erwartet, dass er als erster Leichtathlet die Four-Minute-Mile knacken würde,* einen der berühmtesten Schwellenwerte im Sport.2 Jetzt wog sein für die Olympiade trainierter Körper nicht einmal mehr 100 Pfund, und seine berühmten Beine vermochten ihn nicht mehr zu tragen. Außer seiner Familie hielten ihn fast alle für tot. * d. h. eine Meile (1609 m) in 4 Minuten oder weniger laufen würde.

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An jenem Morgen des 27. Tages nun hörten die Männer ein fernes, tiefes Brummen. Jeder Flieger kannte dieses Geräusch: Propeller. Ihre Augen erhaschten ein Glitzern am Himmel – ein Flugzeug, hoch über ihnen. Zamperini feuerte zwei Leuchtgeschosse ab und schüttete Farbpulver ins Wasser, das die beiden Boote sogleich in einen leuchtend orangeroten Kreis einschloss. Das Flugzeug flog weiter und verschwand langsam. Die Männer sanken wieder in sich zusammen. Dann aber wurde das Geräusch wieder lauter, das Flugzeug tauchte erneut auf. Die Crew hatte sie bemerkt. Mit ihren Armen, die fast nur noch aus Knochen und gelbverfärbter Haut bestanden, winkten die Männer und schrieen, wobei ihre Stimmen wegen ihrer ausgedörrten Kehlen kaum mehr hörbar waren. Das Flugzeug drosselte die Höhe und drehte parallel zu den Booten bei. Zamperini sah die Profile der Besatzung, dunkel gegen das helle Blau des Himmels. Und dann erhob sich ein entsetzliches Tosen. Das Wasser, ja die Boote schienen zu kochen: Maschinengewehrfeuer. Das war kein amerikanisches Rettungsflugzeug. Es war ein japanischer Bomber. Die Männer warfen sich ins Wasser, klammerten sich unter den Booten fest, zuckten zurück vor den Kugeln, die durch das Gummi der Boote schlugen und weiß schäumende Linien in das Wasser über ihren Köpfen zogen. Der Beschuss ging weiter, entfernte sich dann, als der Bomber über sie hinwegflog. Die Männer hievten sich wieder zurück auf das eine Boot, das nur wenig Luft verloren hatte. Der Bomber beschrieb eine Kurve und hielt wieder auf sie zu. Als er näher kam, sah Zamperini die Mündungen der Maschinengewehre, die direkt auf sie gerichtet waren. Zamperini warf einen Blick auf seine Kameraden. Sie waren zu schwach, um sich ein zweites Mal ins Wasser retten zu können. Kraftlos lagen sie am Boden des Boots, hielten nur schützend die Hände über den Kopf. Zamperini sprang als einziger ins Wasser zurück. Irgendwo unter ihm hatten die Haie genug vom Warten. Zielstrebig bewegten sie sich auf den Mann zu, der sich an sein Rettungsboot klammerte.

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ERSTER TE I L


Louis Zamperini, der Huckleberry Finn von Torrance, Kalifornien.


1 Ein Junge gegen den Rest der Welt

I

n der Dunkelheit unmittelbar vor der Morgendämmerung des 26. August 1929 fuhr im hinteren Schlafzimmer eines kleinen Hauses in Torrance, Kalifornien, ein zwölfjähriger Junge im Bett hoch und lauschte. Von draußen kam ein Geräusch, es wurde lauter und immer lauter: ein dumpfes, schweres Rauschen; es klang riesig, als würden große Luftmassen bewegt. Die Quelle des Geräuschs musste direkt über dem Haus sein. Der Junge hechtete aus dem Bett, flitzte die Treppe hinunter, stieß die Hintertür auf und sprang ins Freie. Der Hof sah völlig anders aus als sonst, wie eine andere Welt, er war in unnatürliche Dunkelheit getaucht, und alles war von dem seltsamen Geräusch erfüllt. Der Junge stand auf dem Rasen neben seinem älteren Bruder und starrte mit zurückgeworfenem Kopf gebannt nach oben. Der Himmel war verschwunden. Ein Ding, das er in seinen aberwitzigen Dimensionen nur umrisshaft erkennen konnte, hing tief über dem Haus in der Luft. Es war länger als zweieinhalb Fußballfelder, so groß wie eine Stadt. Alle Sterne hatte es ausgelöscht. Was er da sah, war das deutsche Luftschiff Graf Zeppelin.1 Mit einer Länge von 250 Metern und einer Höhe von 35 Metern war es das größte Luftfahrzeug, das je gebaut wurde. Kein Flugzeug war so luxuriös wie der Zeppelin, er bewältigte anstrengungslos immense Distanzen, und angesichts seiner riesigen Ausmaße blieb den Zuschauern einfach nur noch die Luft weg. Kurz: Er war das Wunder, über das im Sommer des Jahres 1929 die ganze Welt staunte. Das Luftschiff sollte nur drei Tage später eine der erstaunlichsten Leistungen der Luftfahrt, die Umrundung des gesamten Erdballs, vollenden. Begonnen hatte die Reise am 7. August, als der Zeppelin in Lakehurst, New Jersey, seine Leinen gekappt, sich mit einem langen, langsamen Seufzen in die Luft erhoben und Richtung Manhattan Fahrt aufgenommen hatte. In der Fifth Avenue wollte man in diesem Sommer bald mit dem Abriss des Waldorf Astoria Hotels beginnen, um dem Bau eines Wolkenkratzers von bis- 13


lang ungekannten Dimensionen – dem Empire State Building – Platz zu machen. Im Yankee-Stadion in der Bronx führten die Spieler nummerierte Uniformen ein: Lou Gehrig trug die Nummer 4; Babe Ruth, der kurz davor war, seinen 500. Home Run zu absolvieren, die Nummer 3. An der Wall Street kletterten die Aktienkurse auf absolute Rekordhöhen. Nach einer langsamen Umrundung der Freiheitsstatue nahm der Zeppelin Kurs in Richtung Norden auf, um dann über den Atlantik hinauszufahren. Irgendwann kam wieder Land in Sicht: Frankreich, die Schweiz, Deutschland. Das Schiff zog über Nürnberg hinweg, wo der politische Nobody Adolf Hitler, dessen nationalsozialistische Partei in den Wahlen des Jahres 1928 eine herbe Schlappe einstecken musste, eine Rede hielt, die sich für selektive Kindstötung aussprach.2 Der Kurs ging über Frankfurt, wo Edith Frank, eine jüdische Frau, glücklich ihre neugeborene Tochter Anne umsorgte. In Richtung Nordosten überquerte der Zeppelin Russland. Die Bewohner abgelegener sibirischer Dörfer, die in ihrem Leben noch nicht einmal eine Eisenbahn gesehen hatten, fielen beim Anblick des Luftschiffs auf die Knie. Wehende Taschentücher und laute »Banzai!«-Rufe aus den Kehlen von 4 Millionen Japanern begrüßten den Zeppelin, als er am 19. August über Tokio kreiste und sich langsam auf einem großen Feld niederließ. Vier Tage später erklangen die deutsche und die japanische Nationalhymne, und das Schiff erhob sich wieder, diesmal im Aufwind eines Taifuns, der es mit atemberaubender Geschwindigkeit über den Pazifik in Richtung Amerika beförderte. Die Passagiere sahen beim Blick aus den Fenstern lediglich den Schatten des Schiffs, der ihm durch die Wolken folgte »wie ein riesiger, nebenher schwimmender Hai«.3 Als die Wolken sich teilten, erblickten die Reisenden gigantische, höchst unheimlich anmutende Kreaturen,4 die sich im Wasser tummelten. Am 25. August tauchte der Zeppelin über San Francisco auf. Hurrarufe hatten ihn die kalifornische Küste südwärts begleitet. Nun glitt er durch den Sonnenuntergang in Dunkelheit und Schweigen. Mitternacht kam und ging. Mit der gemächlichen Geschwindigkeit des Windes trieb er über Torrance, und seine einzigen Zeugen waren ein paar wenige schlaftrunkene Seelen, darunter auch der Junge im Nachthemd hinter dem Haus in der Gramercy Avenue. Da stand er unter dem Luftschiff, barfuß im Gras, und war von dem Erlebnis völlig in Bann geschlagen. Es war, so sollte er später sagen, ein Eindruck »von furchterregender Schönheit«.5 Er konnte das Grollen der Moto14 ren spüren, die durch die Luft pflügten, aber er sah nichts von der silbernen


Oberfläche, den geschwungenen Spanten, der Kielflosse. Nur die Schwärze des Raums, den das Ding erfüllte, hatte er vor Augen. Nicht die Anwesenheit war überwältigend, sondern die Abwesenheit – ein präzis geometrisch geformtes Meer aus Dunkelheit, das den Himmel verschluckt zu haben schien. Der Name des Jungen lautete Louis Silvie Zamperini. Er war als Sohn italienischer Immigranten am 26. Januar 1917 in Oban, New York zur Welt gekommen:6 ein acht Pfund schweres Baby mit schwarzen Haaren, so störrisch wie Stacheldraht. Sein Vater Anthony hatte sich seit seinem 14. Lebensjahr allein durchgeschlagen, erst als Bergarbeiter und Boxer, dann als Bauarbeiter. Seine Mutter Louise war eine zierliche, fröhliche Schönheit, sechzehnjährig, als sie heiratete, und achtzehn, als Louis auf die Welt kam. Zuhause in ihrer kleinen Wohnung, wo nur Italienisch gesprochen wurde, nannten Louise und Anthony ihren kleinen Jungen Toots. Sobald Louie laufen konnte, war es ihm absolut zuwider, irgendwo festgehalten zu werden. Seine Geschwister erinnerten sich, wie er herumflitzte und Pflanzen, Tiere und Möbel über den Haufen rannte. Louise musste ihn nur auf einen Stuhl setzen und ermahnen, still sitzen zu bleiben – und weg war er. Solange sie ihren flinken Jungen nicht fest an der Hand hielt, hatte sie meistens keine Ahnung, wo er sich gerade herumtrieb. 1919 musste der zweijährige Louie wegen einer Lungenentzündung im Bett bleiben. Er aber büxte aus, kletterte aus dem Kinderzimmerfenster im ersten Stock hinaus ins Freie und sauste nackt die Straße hinunter, mit einem Polizisten auf den Fersen und einer Menschenmenge, die in amüsiertem Erstaunen zuschaute. Kurz danach beschlossen Louise und Anthony auf Anraten eines Kinderarztes, mit ihren Kindern in das wärmere Kalifornien umzuziehen. Der Zug hatte die Central Station gerade verlassen, als Louie hochschoss, durch den gesamten Zug rannte und vom letzten Wagen hinuntersprang. Sein älterer Bruder Pete stand neben seiner völlig aufgelösten Mutter, als der Zug zurückrollte, um den entwischten Jungen wieder aufzulesen. Pete entdeckte Louie, der ihnen ganz entspannt auf den Schienen entgegenschlenderte. Nachdem seine Mutter ihn wieder sicher in die Arme geschlossen hatte, meinte er lächelnd auf Italienisch: »Ich wusste, dass ihr wiederkommt.« In Kalifornien bekam Anthony eine Arbeit als Elektrotechniker bei der Eisenbahn und kaufte ein 20 Ar großes Grundstück am Stadtrand von Torrance, einem Ort mit 1800 Einwohnern. Gemeinsam mit Louise zimmerte er eine Hütte zusammen, die nur aus einem Raum bestand, ohne fließendes 15


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