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Die

CORRIE TEN BOOM mit John und Elizabeth Sherrill

Zuflucht Die Zuflucht Die Zuflucht Corrie ten Boom erzählt aus ihrem Leben 1892–1945

Corrie ten Boom erzählt

Aus dem amerikanischen Englisch von aus ihrem Leben 1892–1945 Dr. Hansjürgen Wille und Barbara Klau

Corrie ten Boom erzählt aus ihrem Leben 1892–1945

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Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Die Hundertjahrfeier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Das Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Karel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Der Uhrenladen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Invasion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Der geheime Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Eusie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Sturmwolken ziehen auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Die Razzia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Scheveningen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Der Leutnant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Vught . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 RavensbrĂźck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Der blaue Pullover . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Die drei Visionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259

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Sturmwolken ziehen auf Die Abende waren zwar angenehm, aber die Tage wurden immer gespannter. Wir waren zu viele; die Gruppe war zu groß, das Netz breitete sich zu weit aus. Anderthalb Jahre führten wir jetzt unser Doppelleben, ohne dass etwas passiert war. Nach außen hin waren wir nach wie vor ein alter Uhrmacher, der mit seinen beiden unverheirateten Töchtern über seinem kleinen Laden wohnte. In Wirklichkeit aber war das Beje das Zentrum einer Untergrundorganisation, die sich bis in die fernsten Winkel Hollands erstreckte. Täglich erschienen Dutzende von Helfern, kamen Berichte und Hilferufe. Früher oder später würden wir einen Fehler machen. Besonders zur Tischzeit machte ich mir Sorgen. Es waren jetzt so viele bei jeder Mahlzeit versammelt, dass wir die Stühle diagonal um den Esszimmertisch hatten stellen müssen. Der Katze gefiel dieses Arrangement. Eusie hatte ihr den hebräischen Namen »Maher Shalal Hashbaz« gegeben, und da die Stühle so eng nebeneinander standen, konnte M. S. Hashbaz auf unseren Schultern laut schnurrend um den ganzen Tisch herumlaufen. Aber mir wurde immer unbehaglicher zumute. Das Esszimmer lag nur fünf Stufen über der Straße; Vorübergehende konnten mühelos ins Fenster sehen. Wir hatten einen weißen Vorhang davorgehängt, der eine Art Schirm bildete und doch Licht hineinließ. Aber

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erst wenn abends die schweren Verdunkelungsrouleaus heruntergelassen waren, hatte ich das Gefühl, in meinen vier Wänden zu sein. Als ich eines Tages beim Mittagessen durch den dünnen Vorhang blickte, glaubte ich draußen in der Gasse eine Gestalt stehen zu sehen. Als ich eine Minute später wieder hinausblickte, war sie noch dort. Es gab für niemanden einen Grund, dort zu verweilen, es sei denn, es interessiere ihn, was im Beje vorging. Ich stand auf und teilte den Vorhang ein wenig. Ein paar Schritte entfernt stand, offenbar durch ein furchtbares Erlebnis wie erstarrt, die alte Kathrin aus Nollies Haus. Ich lief die Treppe hinunter, riss die Tür auf und zog sie herein. Obwohl es ein heißer Augusttag war, waren die Hände der alten Dame eiskalt. »Kathrin, was machen Sie hier? Warum haben Sie nicht geklingelt?« »Sie ist verrückt geworden«, schluchzte sie. »Ihre Schwester ist verrückt geworden!« »Was reden Sie da?« »Sie sind gekommen«, erwiderte sie. »Der SD. Ich weiß nicht, was sie wussten und wer es ihnen gesagt haben könnte. Ihre Schwester und Anneliese waren im Wohnzimmer, und ich hörte sie.« Sie brach von Neuem in Schluchzen aus. »Ich hörte sie.« »Was hörten Sie?«, schrie ich. »Ich hörte, was sie ihnen sagte. Die Männer deuteten auf Anneliese und sagten: ›Ist das eine Jüdin?‹, und Ihre Schwester antwortete: ›Ja.‹« Mir wurde weich in den Knien. Anneliese, die blonde, schöne, junge Anneliese mit den makellosen Papieren. Und sie vertraute uns. Ach, Nollie, Nollie, was hast du mit deiner unbeugsamen Ehrlichkeit angerichtet! »Und dann …?«, fragte ich. »Ich weiß es nicht. Ich bin zur Hintertür hinausgerannt. Sie ist verrückt geworden.« Ich führte Kathrin ins Esszimmer, holte mein Fahrrad aus dem Flur und radelte, so schnell ich konnte, die anderthalb Meilen bis zu Nollie. An der Ecke der Bos en Hoven Straat lehnte ich mein Rad

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an einen Laternenpfahl und blieb keuchend mit wild klopfendem Herzen stehen. Als ich mich dann etwas beruhigt hatte, ging ich auf das Haus zu. Bis auf ein Auto, das unmittelbar davor am Bordstein parkte, sah alles enttäuschend normal aus. Ich ging vorüber. Man hörte nicht einen Laut hinter den weißen Gardinen. Nichts unterschied dieses Haus von denen auf der anderen Seite. Als ich die Ecke erreichte, drehte ich mich um. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Nollie kam heraus. Hinter ihr ging ein Mann in einem braunen Anzug. Eine Minute später erschien ein zweiter Mann, der Anneliese halb zog, halb stützte. Das Gesicht der jungen Frau war kreideweiß; zweimal, ehe sie den Wagen erreichten, glaubte ich, sie werde ohnmächtig. Die Türen des Autos wurden zugeschlagen, der Motor brummte, und schon fuhren sie davon. Ich radelte zum Beje zurück, bemühte mich, die Tränen der Angst zu unterdrücken. Man hatte Nollie, wie wir bald erfuhren, ins Polizeipräsidium an der Ecke gebracht und in einer der Zellen hinten eingesperrt. Aber Anneliese war in das ehemalige jüdische Theater in Amsterdam gebracht worden, von wo Juden in die Todeslager in Deutschland und Polen transportiert wurden. Es war Mietje, die gebeugte, abgehärmte kleine Mietje, deren Hilfsangebot wir nicht ernst genommen hatten, durch die wir mit Nollie in Verbindung blieben. Sie sei ungebrochen, sagte Mietje, singe mit ihrem hohen süßen Sopran Choräle und Lieder. Wie konnte sie singen, wenn sie einen anderen Menschen verraten hatte? Mietje brachte ihr das Brot, das Betsie jeden Morgen für Nollie backte, und den blauen Pullover, um den sie gebeten hatte, ihren Lieblingspullover, auf dessen Tasche Blumen gestickt waren. Mietje richtete mir außerdem von Nollie aus: »Anneliese wird kein Leid geschehen. Gott wird nicht zulassen, dass sie sie nach Deutschland bringen. Er wird nicht zulassen, dass sie leidet, weil ich ihm gehorcht habe.« Sechs Tage nach Nollies Verhaftung läutete das Telefon. Pickwick meldete sich. »Ich möchte fragen, meine Liebe, ob ich Sie darum bitten darf, die Uhr selber zu bringen.« Das bedeutete, er hatte eine

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Nachricht, die er nicht telefonisch weitergeben konnte. Ich radelte sofort nach Aerdenhout und nahm für alle Fälle eine Herrenuhr mit. Pickwick wartete, bis wir im Salon waren und die Tür hinter uns zugemacht hatten. »In der letzten Nacht ist man in das jüdische Theater in Amsterdam eingedrungen. Vierzig Juden sind befreit worden, darunter eine junge Frau, der sehr viel daran liegt, dass Nollie erfährt: ›Anneliese ist frei.‹« Er musterte mich mit seinem einen Auge. »Verstehen Sie, was das bedeutet?« Ich nickte nur, war vor Freude und Erleichterung zu erregt, um ein Wort herausbringen zu können. Wieso hatte Nollie das gewusst? Wieso war sie so sicher gewesen? Nachdem sie zehn Tage im Haarlemer Gefängnis gewesen war, wurde Nollie in das Staatsgefängnis in Amsterdam übergeführt. Pickwick sagte, der deutsche Arzt, der das Gefängnishospital leite, sei ein humaner Mann, der gelegentlich eine Entlassung aus ärzt­ lichen Gründen erreiche. Ich fuhr sofort nach Amsterdam, um ihn aufzusuchen. Aber was konnte ich sagen?, fragte ich mich, während ich in der Diele seines Hauses wartete. Wie konnte ich diesen Mann für mich gewinnen? In der Diele waren drei schöne riesige Dobermannpinscher, die immer wieder meine Beine und Hände beschnüffelten. Ich musste dabei an das Buch denken, das wir beim Schein der Fahrradlampe uns vorlasen: Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst! Eine der von Dale Carnegie verfochtenen Methoden war, das Hobby des Betreffenden herauszufinden. Hunde ein Hobby? Schließlich kehrte das Mädchen zurück und führte mich in ein kleines Wohnzimmer. »Wie klug von Ihnen, Herr Doktor«, sagte ich auf Deutsch zu dem auf dem Sofa sitzenden grauhaarigen Mann. »Klug?« »Ja, dass Sie diese schönen Hunde mitbringen. Sie sind gewiss eine gute Gesellschaft, jetzt, da Sie nicht bei Ihrer Familie sein können.« Das Gesicht des Arztes hellte sich auf. »Sie haben Hunde also auch gern?«

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Fast die einzigen Hunde, die ich je gekannt hatte, waren Harry de Vries’ Bulldoggen. »Meine Lieblingshunde sind Bulldoggen. Mögen Sie die auch?« »So unglaublich es scheint«, sagte der Arzt, »Bulldoggen sind sehr zärtlich.« Vielleicht zehn Minuten lang, während ich mich verzweifelt bemühte, mich an alles zu erinnern, was ich je über dieses Thema gehört oder gelesen hatte, unterhielten wir uns über Hunde. Dann stand der Arzt plötzlich auf. »Aber Sie sind bestimmt nicht hergekommen, um über Hunde zu sprechen. Was haben Sie auf dem Herzen?« Ich blickte ihn an. »Ich habe eine Schwester im Gefängnis hier in Amsterdam und habe mich gefragt, ob … Ich glaube, sie ist nicht ganz gesund.« Der Arzt lächelte. »Sie sind also an Hunden überhaupt nicht interessiert?« »Jetzt interessieren sie mich«, sagte ich ebenfalls lächelnd, »aber noch mehr interessiert mich meine Schwester.« »Wie heißt sie?« »Nollie van Woerden.« Der Arzt verließ das Zimmer und kam mit einem braunen Notizbuch zurück. »Ja, einer der neuen Zugänge. Erzählen Sie mir von ihr. Weswegen ist sie im Gefängnis?« Obwohl es ein Risiko war, berichtete ich dem Arzt, Nollie habe das Verbrechen begangen, eine Jüdin zu verstecken. Ich sagte ihm auch, sie sei Mutter von sechs Kindern, die, wenn man sie sich selbst überließe, eine Last für den Staat würden. (Ich erwähnte nicht, dass das jüngste dieser Kinder jetzt siebzehn war.) »Nun, wir werden sehen.« Er ging zur Tür des Wohnzimmers. »Sie müssen mich jetzt entschuldigen.« Ich war hoffnungsvoller denn je seit Nollies Verhaftung, als ich mit dem Zuge nach Haarlem zurückfuhr. Aber Tage, dann eine Woche, dann zwei Wochen vergingen, und ich hörte nichts mehr. Da-

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rum fuhr ich noch einmal nach Amsterdam. »Ich wollte mich nach dem Ergehen Ihrer Hunde erkundigen«, sagte ich zu dem Arzt. Er nahm das nicht heiter auf. »Sie dürfen mich nicht drängen. Sie müssen mir Zeit lassen.« Und so blieb mir nichts übrig, als zu warten. Es war ein strahlender Septembermittag, als siebzehn von uns um den Esszimmertisch herumsaßen. Plötzlich wurde Nils, der mir gegenübersaß, leichenblass. Nils, einer unserer Helfer, war gekommen, um zu berichten, dass die alte Kathrin wohlbehalten auf einem Bauernhof nördlich von Alkmaar eingetroffen sei. Jetzt sagte er mit leiser Stimme: »Drehen Sie sich nicht um. Es blickt jemand über den Vorhang.« Über den Vorhang! … Aber das war unmöglich. Er hätte drei Meter groß sein müssen. Alle am Tisch verstummten. »Er steht auf einer Leiter und putzt das Fenster«, sagte Nils. »Ich habe nicht angeordnet, dass die Fenster geputzt werden«, sagte Betsie. Wer immer es war, wir durften nicht hier sitzen und schuldbewusst schweigen. Eusie hatte einen Einfall. »Happy birthday«, sang er. »Happy birthday to you!« Wir begriffen, was er damit bezweckte, und stimmten heiter ein. »Happy birthday, lieber Opa«, hallte es noch durch das Haus, als ich hinausging und zu dem Mann auf der Leiter hinaufblickte, der einen Eimer und Schwamm in den Händen hielt. »Was machen Sie da? Wir haben niemanden zum Fensterputzen bestellt, und schon gar nicht während der Feier!« Der Mann holte ein Stück Papier aus seiner Gesäßtasche und betrachtete es. »Bin ich denn hier nicht bei Kuipers?« »Die wohnen gegenüber. Oben … nun, kommen Sie herein, und feiern Sie mit.« Der Mann schüttelte den Kopf. Er dankte mir, aber er hatte noch viel zu tun. Ich sah ihm nach, wie er mit seiner Leiter über die Barteljorisstraat zu Kuipers’ Konfitürengeschäft ging. »Hat es geklappt?«, fragten mich viele Stimmen zugleich, als ich ins Esszimmer zurückkam. »Glaubst du, dass er spioniert hat?«

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Ich antwortete nicht. Ich wusste es nicht. Das war das Schwerste. Nie etwas zu wissen. Und eine der größten Unbekannten war, wie ich mich bei einem Verhör verhalten würde. Solange ich wach war, war ich meiner fast sicher, aber wenn sie nachts kämen? Immer wieder probte die Gruppe mit mir – Nils, Henk, Leendert kamen plötzlich in mein Zimmer gestürzt, rüttelten mich wach, überfielen mich mit Fragen. Als das das erste Mal passierte, war ich sicher, dass es sich um eine wirkliche Razzia handelte. Man klopfte wie wild an meine Tür. Dann blendete mich der grelle Schein einer Taschenlampe. »Stehen Sie auf! Los!« Ich konnte den Mann nicht sehen, der das sagte. »Wo haben Sie Ihre neun Juden versteckt?« »Wir haben jetzt nur sechs Juden.« Ein unheimliches Schweigen folgte. Dann wurde die Lampe im Zimmer angeknipst, und ich sah, wie Rolf die Hände an den Kopf presste. »Nein, ach nein«, sagte er immer wieder. »Jetzt stellen Sie sich einmal vor«, sagte Henk, der hinter ihm stand, »die Gestapo versucht, Ihnen eine Falle zu stellen. Die Antwort lautet: ›Was für Juden? Wir haben hier keine Juden.‹« »Kann ich’s noch einmal probieren?« »Nein, jetzt nicht«, antwortete Rolf. »Jetzt sind Sie hellwach.« Sie probten es ein paar Nächte später wieder. »Wo kommen die Juden her, die Sie versteckt haben?« Ich setzte mich noch halb verschlafen auf. »Ich weiß es nicht. Sie kommen plötzlich herein.« Rolf warf seine Mütze auf den Fußboden. »Nein, nein, nein!«, brüllte er. »›Juden? Hier sind keine Juden!‹ Können Sie das nicht behalten?« »Ich werde es mir einprägen«, versprach ich. »Das nächste Mal mache ich es besser.« Und tatsächlich, das nächste Mal war ich wacher. Ein halbes Dutzend schattenhafte Gestalten standen im Zimmer. »Wo haben Sie die Lebensmittelkarten versteckt?«, fragte eine Stimme. Unter der untersten Treppenstufe natürlich. Aber diesmal würde

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