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TRICIA GOY E R

MUMS’ NIGHT

OUT WAS SOLL SCHON SCHIEFGEHEN? Nach dem Drehbuch von Andrea Nasfell und Jon Erwin Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Naumann und Sieglinde Denzel


Die Türglocke unterbrach ihr Geplänkel. Allyson blickte zur Tür. Ihre Gedanken überschlugen sich, sie versuchte sich zu erinnern, ob jemand hatte vorbeikommen wollen. Nein, ihr fiel niemand ein. Sie schaute Sean an und ihr Herz sank, als sie den schuldbewussten Ausdruck auf seinem Gesicht sah. »Wer ist das?«, fragte sie. Sean seufzte schwer. »Das muss Bridget sein.« »Was?« »Ja, ich habe Bridget angerufen und sie zum Essen eingeladen ... und ganz vergessen, es dir zu sagen.« »Zum Essen?« Allysons blieb der Mund offen stehen. Sie hatte noch nicht einmal an Essen gedacht. Jetzt hatte sie ein Problem. Nein, das eigentliche Problem war, dass ihre Familie essen wollte ... jeden einzelnen Abend. »Macht auf, ihr zwei Versager, lasst mich rein. Ich hab’ Hunger«, ertönte Bridgets Stimme. Sean warf Allyson einen Blick zu, der um Vergebung bat. »Das wird schon. Wir zaubern eine Kleinigkeit.« Er warf in einer hilflosen Geste die Hände in die Luft, stand auf und ging zur Tür. »Ach ja, wir zaubern eine Kleinigkeit, ja? Weil es ja so einfach ist?« Sie schleuderte das Handtuch, das sie gerade zusammenfaltete, aufs Sofa. »Wir machen es zusammen. Ich freue mich schon drauf, mit dir mal was zu zaubern ... gemeinsam, in der Küche!«

Allyson öffnete die Tür. Draußen stand Bridget. Bridget, klein, blond, bildhübsch, war so ein liebes Mädchen gewesen, als Allyson und Sean sich auf dem College angefreundet hatten. Allyson hatte Seans Halbschwester auf der Feier zu ihrem siebten Ge60


burtstag kennengelernt. Damals hatte sie lange blonde Locken und trug ein rosa Prinzessinnenkleid. Sie war Allyson um den Hals gefallen und hatte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange gegeben, als sie ihr Geschenk sah: ein paar ›gläserne Schuhe‹ aus schrecklich hartem, furchtbar unbequemem Plastik. Doch später hatte Bridget es nicht leicht gehabt. »Warum hat das so lange gedauert?«, fragte Bridget, während sie mit dem kleinen Phönix auf der Hüfte eintrat. Sie trug enge Jeans und war stark geschminkt. Allyson fielen außerdem ein paar neue, leuchtend rosafarbene Strähnchen in Bridgets blondem Haar auf. Ein paar dunkelrote waren auch dazwischen. Hübsch. Zum Glück hatte Sean ein schlechtes Gewissen, weil er Bridget eingeladen hatte, ohne Allyson etwas zu sagen, und beschäftigte deshalb die Kinder, während sie kochte. Spaghetti mit Fertigsoße. Tiefkühlbrötchen und Salat ... das einfachste Essen der Welt. Doch dann kam das Dinner-Gespräch. Allyson versuchte nicht zu stöhnen, als Bridget sie bis ins Detail über jede Einzelheit aus ihrem Leben in der letzten Woche informierte und ihnen sogar ihren neuen Nasenring zeigte. Bridget sagte immer so peinliche Sachen. Sie kannte in diesem Punkt keine Zurückhaltung. Wenigstens war es heute Abend nicht so peinlich wie letzte Woche, als Bridget ihnen unbedingt ihre Schwangerschaftsstreifen zeigen wollte. Sie seufzte auf vor Erleichterung, als das Essen beendet war und keine neuen Wörter fielen, die ihre Kinder selbstverständlich aufgreifen und für die sie morgen Stubenarrest bekommen würden. Sean – der noch immer ein schlechtes Gewissen hatte – ließ die Kinder aufstehen und machte sich daran, den Tisch abzuräumen. Allyson blieb sitzen und überlegte, wie weit seine Schuldgefühle wohl reichen würden. Ob er das Geschirr auch noch in 61


die Spülmaschine räumte? Es wäre interessant, dabei zuzusehen. Sean räumte ihren Teller ab und wollte dann Bridgets nehmen. Bridget klopfte ihm auf die Hand. »He, ich bin noch nicht fertig. Gib wieder her.« Dann verschwand ihr finsterer Blick und ein Lächeln trat an seine Stelle. »So, große Neuigkeiten. Ich habe noch einen zweiten Job ergattert. Wir brauchen dringend mehr Geld, deshalb habe ich die Nachtschicht in einer Bowlinghalle übernommen.« Sie spießte ein Salatblatt auf die Gabel. Allyson beförderte einen weiteren Löffel Karottenbrei in Baby Phönix’ Mund und spürte, wie ihre Augen groß wurden. In ihrer Kehle bildete sich ein Kloß, als hätte sie gerade eine ganze Karotte verschluckt. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass Bridget mehr Geld brauchte. Ihr Märchenprinz hatte sich nämlich als Frosch entpuppt und war fortgehüpft, so schnell er konnte, um sich vor jeglicher Verantwortung zu drücken. Das Problem war nicht, was Bridget brauchte, sondern was sie bewältigen konnte. Wie konnte eine alleinstehende Mutter neben dem Teilzeitjob, den sie bereits hatte, und der Schule noch einen weiteren Job schaffen? Allyson wusste nur zu genau, wie ... und spürte, wie sich auf ihrer Stirn kleine Schweißtröpfchen bildeten. »Das ist ja der Wahnsinn!«, rief Sean begeistert, der offensichtlich nicht in der Lage war, zwei und zwei zusammenzuzählen. Allyson sah den kleinen Phönix an. Zehn Monate alt und unvorstellbar süß. Wenn Bridget Hilfe brauchte ... Nein. Nicht! Allysons Mund öffnete sich bereits, doch im letzten Moment biss sie sich auf die Fingerknöchel. Oh nein, bitte nicht! Sie weiß, dass ich mich zwanghaft um Leute kümmern muss. In der Pyramide der Ko-Abhängigkeit bildete Allyson so et62


was wie die Spitze, unter der sich sämtliche Abhängige sammelten. Manchmal wurden sie ein bisschen durcheinandergemischt, je nach aktueller Bedürftigkeit, doch immer ... immer half sie ihnen. Meine Kinder, ihre Kinder, andere Kinder, Kinder im Park, die ich nicht kenne, streunende Tiere. Ich kann nicht Nein sagen. Sie biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf Bridget. Sie zog die Brauen hoch, während sie auf die unausweichlichen Worte wartete. 10 ... 9 ... 8 ... Bridget wandte sich an sie. »Ich fange Samstagabend an und hatte gehofft, dass du auf Phönix aufpassen kannst, während ich arbeite.« Da plötzlich fiel es ihr wieder ein. Allyson blickte zum Kalender am Kühlschrank hinüber, zu dem großen roten Kreis, den sie um den Samstag gezogen hatte. »Samstagabend?«, fragte sie rasch. »Äh, normalerweise schon. Aber gut, dass du es ansprichst.« Allyson wand sich und drehte sich zu Sean. »Ich habe nämlich einen Mädelsabend geplant ... für Samstag.« Sie biss sich auf die Lippen. »Was?« Sean drehte sich zu ihr um und sah sie ungläubig an. »Du hast einen Mädelsabend geplant? Allyson kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, das habe ich.« Bridget hatte vergessen, den Mund zuzumachen. »Was? Aber du passt doch immer an den Wochenenden auf Phönix auf. Ich hab voll auf dich gezählt, als ich den Job angenommen habe.« Sie deutete mit ihrer Gabel auf Phönix. »Ja nun ...« Allyson kämpfte gegen den Drang an, ihr zu sagen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, dass sie Phönix selbstverständlich übernähme. Doch dann presste sie die Lippen zusammen und sah Sean an. Statt sich zu ärgern, weil sie Pläne machte, ohne ihn zu fragen, schien er sich zu freuen, denn sein Gesicht leuchtete auf. 63


»Weißt du, wie die Flugbegleiter die Sicherheitsmaßnahmen erklären?« Er war ganz aufgeregt und unterstrich seine Worte mit weit ausholenden Handbewegungen. »Ihr wisst doch, was ich meine, oder? Wenn man anderen helfen will, muss man zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen.« Allyson runzelte die Brauen und fragte sich, was er eigentlich sagen wollte. »Fliegen wir irgendwohin? Oder was meinst du?« Sie legte den Kopf schräg. »Du brauchst deine Sauerstoffmaske, Allyson. Du musst deine Maske aufsetzen, bevor du anderen hilfst.« Er deutete erst auf Allyson, dann auf Bridget, dann wieder auf seine Frau. »Stimmt doch, oder? Bevor du anderen helfen kannst.« Bridget setzte sich aufrechter hin. Sie war offensichtlich ganz und gar nicht glücklich über die Wendung, die das Gespräch nahm. »Schon gut, Sean, wir haben’s kapiert.« Sie nickte übertrieben mit dem Kopf. »Es ist eine Metapher. Ich glaube, wir haben sie ... kapiert.« Sean deutete auf seine Schwester wie ein Lehrer auf einen Schüler. »Eine treffende Metapher, Danke für den Hinweis.« Er sah Allyson an. »Du wirst am Samstag ausgehen. Samstagabend«, wiederholte er, als wolle er sich den Tag merken. Dabei klopfte er mit dem Finger auf den Tisch. »Samstagabend«, wiederholte sie leise. Sie konnte kaum fassen, dass es so einfach war. »Moment mal. Samstagabend?« Diesmal klangen seine Worte eher wie eine Frage als wie eine Feststellung. »Wirklich Samstag?« Ein Ausdruck der Enttäuschung trat in sein Gesicht. »Oh nein!«, stöhnte Bridget, die die Veränderung im Gesichtsausdruck ihres Bruder sofort registrierte. »Sean wird am Samstagabend keine Videospiele mit seinem Loserfreund spielen können!« »Das war gemein.« Sean richtete warnend den Zeigefinger auf sie, ganz der große Bruder. »Du kennst Kevin ja nicht mal.« 64


»Und ob ich Kevin kenne.« Allyson kannte Kevin ebenfalls – und in diesem Punkt war sie sogar auf Bridgets Seite. Immerhin waren sie in dieser einen Sache derselben Ansicht. Kevin war Seans bester Freund. Sie hatten sich in der fünften Klasse kennengelernt. Als Jugendliche hatten sie dann angefangen, Videospiele zu spielen. Und sie spielten noch heute Videospiele, wie damals als Jugendliche. Das Schlimme war, dass Kevin ein Kind geblieben war. Und Sean ließ nicht zu, dass ihre Freundschaft infrage gestellt wurde, auch wenn sie nur kindische Spiele zusammen spielten. Deshalb hörte Allyson, wenn sie samstagabends die Kinder ins Bett brachte, Gespräche wie dieses ... laut, viel zu laut ... aus dem Arbeitszimmer: Häng da nicht hinter mir rum, komm schon, mach vorwärts. Nein, gib mir Deckung. Ich bin gerade gestorben. Ich hab’ dich nicht erschossen. Der Typ hinter dir hat dich erschossen. Und ganz egal, was irgendjemand sagte, Sean verteidigte nicht nur seine Freundschaft mit Kevin, sondern auch die Videospiele. »Ich brauche das zur Entspannung«, sagte er auch jetzt. »Das ist meine Sauerstoffmaske. Damit setze ich meine Sauerstoffmaske auf.« Er bewegte die Finger, als spiele er auf einem Gameboy. »Videospiele sind mein Sauerstoff ...« Dann deutete er auf Allyson. »Ich kann dir helfen, deine Sauerstoffmaske aufzusetzen, und dann kannst du dem Rest der Welt helfen.« Allyson kratzte den nächsten Löffel Babybrei zusammen und versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Diese albernen Spiele waren nun einmal eine Angewohnheit ihres Mannes, die sie akzeptieren musste, so schwer es ihr manchmal fiel. »Danke.« Sie schob dem Baby den Löffel in den Mund. 65


Bridget wirkte weniger erfreut, vor allem, als Sean sich nun wieder ihrem Problem zuwandte. »Wer kann sonst auf das Baby aufpassen? Was ist mit Joey?« Bridget brachte nur ein schwaches Grinsen hervor. »Äh ... nein.« Joey war Bridgets Ex, der Vater von Phönix. Er war ein witziger Typ, in einer unverbindlichen, auf jede Verantwortung allergisch reagierenden Weise. »Nein, das hab ich schon versucht.« Es klang weniger Zorn, sondern eher eine leise Traurigkeit in Bridgets Stimme mit, die Allyson fast das Herz brach. »Wie wär’s damit?« Sean streckte die Brust vor. »Du gehst aus und ich passe auf Phönix auf.« »Du passt auf Phönix auf?«, fragte Allyson. Er lächelte. »Ich passe auf Phönix auf, der große Bruder kommt mal wieder zur Rettung und alle sind glücklich.« Bridget setzte sich aufrecht hin und warf ihr Haar zurück. Sie konnte um Hilfe bitten und tat es auch oft genug, doch wenn jemand sie zum Sozialfall erklärte, gingen ihre Schutzschirme hoch und ihre Augen schossen rote Flammenpfeile. »Ich brauche dein Mitleid nicht und deine Metaphern noch weniger.« Sie schlug mit den Handflächen auf den Tisch. Dann stand sie auf, schnappte sich Phönix und setzte ihn sich auf die Hüfte. »Ich gehe jetzt und bringe dich ins Bett. Denn das nennt sich Verantwortungsbewusstsein und ich bin ja so verantwortungsbewusst. Bis dann.« »Bis dann«, sagte Allyson, unsicher, ob sie über diesen Ausgang dankbar sein oder sich deswegen schuldig fühlen sollte. Vielleicht beides. »Such deinen Sauerstoff!«, rief Sean noch hinter ihr her. »Du wirst ihn finden.« Dann stieß er einen langen, schweren Seufzer aus. »Ich finde, das ist ganz gut gelaufen.« Sein Gesichtsausdruck strafte 66


seine Worte jedoch Lügen. Aber Allyson war noch etwas ganz anderes eingefallen. Etwas sehr Wichtiges, das sie vergessen hatte zu erwähnen. Die Worte waren heraus, bevor sie es verhindern konnte. »Übrigens, Marco bringt die Zwillinge rüber, weil er Angst hat, allein auf sie aufzupassen.« Sie brachte ein leichtes Lächeln zustande. »Überraschung!«, fügte sie in trällerndem Tonfall hinzu. Dann stöhnte sie: »Tut mir leid!« »Das sind ganz schön viele Kinder.« Sean machte ein mutiges Gesicht und Allyson wusste wieder, warum sie ihn liebte. Sie gab sich selbst das Versprechen, dass sie ihren Sauerstoff bekommen würde, damit sein Opfer wenigstens nicht umsonst war. Noch fünf Tage. Nur noch fünf Tage.

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