CHRISTINA RAMMLER
WAS PORNO MIT UNS MACHT
Inhaltsverzeichnis Eine Art Vorwort ..................................................................9 KAPITEL 1 Von Vorurteilen, Fakten
und jeder Menge Fragen .................................... 13
KAPITEL 2 Von männlichen Ängsten und weiblicher Logik ...23 KAPITEL 3 Vom Gefängnis der Freiheit
und der Suche nach mehr ..................................49
KAPITEL 4 Von der heimlichen Lust
und dem Ende der Moral ................................... 75
KAPITEL 5 Von 7 300 Tagen Porno
und dem Schreiben einer Erzählung .................. 97
KAPITEL 6 Von Pornosex und den Grenzen der Lust .......... 127 KAPITEL 7 Von Rosamunde Pilcher und dem Mann,
der behauptet, Gottes Sohn zu sein .................. 159
KAPITEL 8 Von Szenen einer Ehe und Porno-Alzheimer .... 189 Eine Art Nachwort ........................................................... 219 Literaturhinweise................................................................. 227 Anmerkungen ...................................................................... 231
kann doch niemand gerecht werden. Da wundert es fast schon nicht mehr, dass die immer verfügbare, unkomplizierte Variante der männlichen Lustbefriedigung dem unerfüllbaren weiblichen Anspruchsdenken von Zeit zu Zeit vorgezogen wird. Zugegeben, eine recht spitz formulierte und einseitige Darstellung der Zusammenhänge. Die Realität ist natürlich viel zu komplex, um sie auch nur annähernd abbilden zu können. Sicher bin ich mir darüber bewusst, dass die Stichhaltigkeit meiner Argumentation einer genaueren Untersuchung kaum standhalten könnte. Aber darum geht es ja schließlich auch nicht bei Vorurteilen. Sinn und Zweck von Stereotypen liegt ja darin, die Komplexität der Wirklichkeit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterzubrechen. Das komplizierte Leben soll vereinfacht, sortiert und überschaubar gemacht werden. Das ist ihr Auftrag, das ist ihre Daseinsberechtigung. Dass es dabei nicht immer ganz fair zugeht, lässt sich leider nicht vermeiden. Fairness zählt jedoch auch nicht zu den Definitionskriterien von Vorurteilen. Und das wiederum scheint mir durchaus eine wahrheitsgetreue Abbildung der menschlichen Realität zu sein. Nun gut, ich wollte also Interviews führen, zunächst mal mit Männern, später dann auch mit Frauen, um herauszufinden, wie reflektiert sie mit ihrem Pornokonsum, ihrer Lust und ihrer Sexualität umgingen. Mir war nämlich aufgefallen, dass sich die wenigsten darüber Gedanken machten, was sie trieben mit ihren Trieben. Eigentlich ja auch nicht weiter überraschend, passten Trieb und Logik doch irgendwie nicht zusammen – oder vielleicht doch? Gewissermaßen wollte ich aber genau das: der Logik der Triebe auf den Grund gehen. Das für sich bereits ein nicht allzu leichtes Unterfangen.
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Jedoch kamen zwei weitere Faktoren erschwerend hinzu: Erstens, ich war eine Frau (und bin das immer noch), und zweitens war Pornografie nicht gerade das salonfähigste Thema, über das sich bei einem gemeinsamen Kaffee mal eben plaudern lässt. Pornos schauen? Ja. Aber wenn möglich anonym. Darüber reden? Nur bedingt. Mit Gleichgesinnten zum Zwecke der gegenseitigen Belustigung? Durchaus denkbar. Mit einer Frau, die ein Buch darüber schreiben will? Wohl eher nicht. Trotz fortschreitender Sexualisierung der Gesellschaft gehört unsere Sexualität und alles, was mit ihr zu tun hat, einfach immer noch in den Bereich des Privaten. Sex ist intim. Die Maxime, die hier greift, lautet: Man tut es (oder auch nicht), aber man redet nicht darüber, zumindest nicht öffentlich. Das Gleiche gilt natürlich auch für den Pornokonsum. Auch hier lautet die Devise: Man zieht sie sich rein, aber darüber reden? Nein, danke. Eine einleuchtende Begründung dafür gibt ein Pornodarsteller im Interview mit Philipp Siegel für dessen Buch Porno in Deutschland:
[Viele] Menschen […] wissen [nicht], wie sie mit ihren Gefühlen, mit ihrer Lust umgehen sollen, was das überhaupt ist: Lust. Zu Hause sind viele brav, in der Öffentlichkeit geben sie
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sich cool. Was auf der Strecke bleibt, ist das Wagnis. Jeder, der
in der Öffentlichkeit über seine Sexualität spricht, macht sich angreifbar. Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, umso verklemmter, unmöglicher wird dieses Reden. Und im privaten Bereich, mal ehrlich, gibt es doch oft, was Sex angeht, eine große Trostlosigkeit.7 Trostlos. So beschreibt ein Pornodarsteller unser Sexleben. Eine Studie der Göttinger Universität belegt diese Einschätzung mit Zahlen: In den ersten zehn Jahren einer Beziehung nimmt die sexuelle Zufriedenheit stetig ab und bleibt in den meisten Fällen auf dem Tiefstand. Kein Wunder also, dass 85 Prozent der weiblichen Befragten und 79 Prozent der Männer mit ihrem Sexleben unzufrieden sind.8 Acht von zehn meiner Freunde und Bekannten, die dank einer festen Beziehung tagtäglich leidenschaftlichen Sex haben könnten (worum jeder Single sie manchmal beneidet!), machen von den unendlichen Möglichkeiten ihrer Zweisamkeit gar keinen Gebrauch! Nur ZWEI von ihnen – und wenn man es ganz genau nimmt nur 1,5 – schöpfen das sexuelle Potenzial ihrer Beziehung aus und erleben Sex als erfüllend und befriedigend. Ein ähnlich frustrierendes Bild zeichnet auch Krisenberater Wolfgang Schmidbauer im Interview mit der Zeitschrift Focus: »In jeder 3. Ehe löst sich nach der Geburt eines Kindes die erotische Bindung. Das Paar lebt ohne gemeinsamen Sex.«9 Angekommen im sicheren Hafen der Ehe bietet sich uns folgender Ausblick: Abenteuer Sexualität über Bord geworfen – Meuterei auf dem Traumschiff. Ein Zufall also, dass die Scheidungsrate der Deutschen bei rund 39 Prozent liegt?10 Mindestens ebenso berechtigt die Frage danach, was bedauernswerter ist: die Tatsache, dass sich vier von zehn Ehepaaren scheiden lassen oder dass drei von
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zehn Ehepaaren den Rest ihres Lebens verheiratet und dennoch sexuell unbefriedigt bleiben? Nach sexueller Freiheit klingen diese Zahlen in der Tat nicht. Mehr als 40 Jahre nach der sexuellen Revolution scheint es, als müssten wir den sexuellen Notstand ausrufen. Doch Not macht ja bekanntlich erfinderisch, und natürlich wissen wir uns zu helfen: Anstatt es mit dem Partner zu tun, machen wir es einfach allein. In festen Beziehungen unter Mitte Vierzigjährigen werden immerhin fast 50 Prozent der sexuellen Handlungen mit dem Gütesiegel »handgemacht« versehen. Oder um es in den Worten des Paartherapeuten und Autoren Michael Mary auszudrücken: »Masturbation ist schwer im Kommen.«11 Wie bitte? Wir erleben jeden zweiten Orgasmus unabhängig von unserem Partner beziehungsweise unserer Partnerin? Scheint fast so, als würde unsere Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit auch vor unserer Sexualität keinen Halt machen. Wir machen es uns lieber selbst, als dass wir es uns gegenseitig besorgen. Trostlos. In der Tat. Stillschweigend haben wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Beziehungsfähigkeit geeinigt – wir teilen ein Bett, ein Haus, ein Leben, aber wir wissen manchmal nicht einmal, mit wem. Haben wir doch vergessen, wer wir sind und wer der andere ist. Haben wir uns doch so voneinander entfremdet, dass wir nicht einmal mehr wissen, wie Intimität funktioniert, was es heißt, mit einem anderen Menschen eins zu sein. Alienation heißt dieser Zustand im Englischen, wenn wir uns selbst und
anderen fremd werden, wenn wir uns wie vom anderen Stern
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fühlen, wenn wir in der Welt, wie wir sie uns eingerichtet haben,
nicht mehr wirklich zu Hause sind. Doch die Wenigsten sind gerne allein, stattdessen sind wir lieber gemeinsam einsam. Kann es sein, dass Pornografie uns dabei hilft, über dieses Gefühl von Isolation und Entfremdung hinwegzukommen – zumindest für kurze Zeit? Ein Mittel, um endlich wieder intim zu werden und mit einem anderen Menschen eins zu werden – zumindest in Gedanken? Porno – eine Möglichkeit, damit wir uns in der Fremde endlich zu Hause fühlen? Doch genug der weiblichen Vorurteile, statistischen Fakten und philosophischen Fragen. Zurück zum eigentlichen Gegenstand des Begehrens: Potenzielle Kandidaten für Pornointerviews. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Mein erster Schritt: Porno musste Thema werden – vorurteilsfrei und ganz natürlich. Ich fing also an, Fragen zu stellen – direkt, offen und völlig selbstverständlich. Und ich durfte feststellen, ich bekam Antworten – direkt, offen und völlig selbstverständlich. Mein unmittelbares Umfeld entpuppte sich als durchaus ergiebige und fruchtbare Population für die weitere Feldforschung. Nach ersten Annäherungsversuchen wurde es Zeit für den zweiten Schritt: Nicht länger über Porno plaudern, sondern inhaltliche Schwerpunkte setzen, jede Menge Fragen finden und diese dann sinnvoll strukturieren. Ich erstellte Interviewbögen für, wie ich sie nenne, pornoaktive und pornoinaktive Männer und Frauen. Fehlte noch ein letzter Schritt: All diese Fragen mussten nun systematisch an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht werden. Dafür machte ich mir das Prinzip der grünen Ampeln zunutze und ging einfach durch die Türen, die sich mir wie von selbst öffneten. Ein Kandidat nach dem anderen fand seinen oder ihren Weg zu mir – und sich selbst alsbald in einer Inter-
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viewsituation wieder, in der er oder sie über seinen oder ihren Pornokonsum sprachen – genauso direkt, offen und völlig selbstverständlich wie beim anfänglichen Pornoplausch. Das Ergebnis: Sieben individuelle Pornobiografien, die ihre ganz persönliche Geschichte über Liebe, Lust und Frust erzählen. Geschichten, die Vorurteile bestätigen, und solche, die mit ihnen aufräumen. Geschichten, die anders sind, die in keine vorgefertigten Schubladen passen. Geschichten, die trostlos sind und nachdenklich stimmen, aber auch Geschichten, die inspirieren, Hoffnung machen und Perspektiven aufzeigen. Alles in allem: Geschichten, die mir helfen, andere Menschen und damit auch mich selbst ein Stück weit mehr zu verstehen.
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