Damaris Kofmehl
Verschollen in der Südsee
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Inhalt Karte Tokelau/Südsee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 1 Die Rettung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 2 Der erste Kontakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3 Etueni . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 4 Samu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 5 Filo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 6 Wer nicht hören will … . . . . . . . . . . . . . . . . 53 7 Drei Teenager hauen ab . . . . . . . . . . . . . . . . 67 8 Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 9 Neunundzwanzig Kokosnüsse . . . . . . . . . . . 92 10 Gangs in Sydney . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 11 Durst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 12 Johnny Knock . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 13 Hunger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 14 Das Gebet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 15 Versprechungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 16 Der Sturm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 17 Das Schiff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 18 Leben und Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 19 Die Möwe und die Welle . . . . . . . . . . . . . . 180 20 Töten und sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 21 Gefunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 22 Ein Wunder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 23 Der verschollene Sohn . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 24 Der Gottesdienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Zusatzinformationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 2014 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Tokelauische Begriffe und Namen . . . . . . . 236 Orte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Informationen zur Autorin . . . . . . . . . . . . . . . . 238
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1 Die Rettung 24. November 2010, irgendwo in der Südsee Das Meer war glatt, der Himmel wolkenlos, die Luft feucht und heiß. Der neuseeländische Thunfischkutter San Nikunau befand sich gut zwei Tagesreisen nordöstlich der Fidschi-Inseln und tuckerte gemütlich durch den Südpazifik. Der erste Maat Tai Fredricsen, Stellvertreter des Kapitäns, ein kräftiger Mann mit krausem, schwarzem Haar, hielt Kurs auf die 1 000 km entfernte Insel Amerikanisch-Samoa, wo sie die gefangenen Thunfische wie üblich entladen sollten. Sie hatten einen großen Fang gemacht. Das Wetter war gut. Tai war zufrieden. »Tai«, hörte der erste Maat die Stimme von Kapitän Joe Soares übers Funkgerät. »Kursänderung. Wir fahren doch nicht nach Amerikanisch-Samoa.« Tai war überrascht. »Und wohin fahren wir stattdessen?« »Die Firma hat sich eben über Funk gemeldet. Sie haben spontan beschlossen, dass wir wegen einiger Reparaturarbeiten nach Neuseeland zurückfahren und den Fang dort entladen sollen.« »Alles klar, Kapitän.« Tai drehte das Steuer herum. Das achtzig Meter lange Schiff beschrieb einen weiten 180°-Bogen. Neuseeland lag 3 000 Kilometer südwestlich von ihnen, also entgegengesetzt zu der Richtung, in die sie seit Tagen gefahren waren, und war dreimal so weit entfernt wie ihr ursprüngliches Ziel. Das bedeutete, sie würden noch viele Tage auf hoher See unterwegs sein, bevor sie wieder Land zu Gesicht bekämen. Tai kümmerte das wenig. Er liebte seine Arbeit, auch wenn es Knochenarbeit war und er sich 45 Wochen im Jahr auf dem offenen Meer befand. Einmal hatte ihr Schiff Feuer gefangen und Kapitän Joe Soares, er selbst und die gesamte Mannschaft hatten über Bord springen müssen. Erst nach mehreren Tagen waren sie gerettet 11
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worden. Trotz dieser dramatischen Erfahrung hätte sich Tai keinen besseren Job vorstellen können. Das Meer war sein Zuhause. Hier gehörte er hin. Nun stand der erste Maat pfeifend auf der Schiffsbrücke und blickte hinaus auf den weiten Ozean. Nirgends war auch nur ein Fleckchen Land zu sehen. Es gab nichts als Wasser bis zum Horizont. Die San Nikunau fuhr bereits mehrere Stunden auf ihrem neuen Kurs und die Sonne brannte vom Himmel herab, als Tai um halb fünf Uhr nachmittags plötzlich etwas entdeckte. Erst konnte er sich keinen Reim darauf machen: Mehrere Hundert Meter von ihrem Bug entfernt fiel ihm ein Glitzern auf – wie von Metall. Tai drehte leicht ab, um eine Kollision zu vermeiden. Während sie sich dem unbekannten Objekt näherten, entpuppte es sich als ein Dingi, ein kleines, vier Meter langes Aluminiumboot mit Außenbordmotor. Es schien herrenlos zu sein. Wahrscheinlich nichts weiter als Treibgut, dachte Tai. Wie sonst hätte sich ein Dingi in die Weiten des Ozeans verirren können? Ein solches Boot war nicht hochseetauglich. Damit konnte man Ausflüge auf einem See machen oder an der Küste entlangschippern. Aber niemand wagte sich in einer solchen Nussschale aufs offene Meer hinaus. Das Bötchen, dessen oberer Rand gerade mal vierzig Zentimeter aus dem Wasser ragte, würde bei der ersten großen Welle kippen. Erstaunlich genug, dass es das nicht getan hat, dachte Tai bei sich. Er behielt das Dingi weiter im Auge, als plötzlich etwas Unglaubliches geschah: Aus dem scheinbar verlassenen Boot hob sich ein spindeldürrer menschlicher Arm und begann zu winken. Tai sperrte erschrocken den Mund auf. »Ich fass es nicht! Da ist ja doch jemand drin!« Die Bewegungen des Armes waren langsam und zittrig. Es schien, als müsste die Person ihre letzte Kraft aufbringen, um wenigstens für ein paar Sekunden den Arm hochzustrecken. Tai ließ sofort die Maschinen stoppen und behielt das kleine Bötchen im Blick. Da! Ein menschlicher Kopf tauchte über dem Bootsrand auf. 12
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Dann ein zweiter! Dann ein dritter! Es war nicht nur ein Schiffbrüchiger, es waren drei! Und es waren keine Männer – sondern Teenager! »Ach du meine Güte«, murmelte Tai, während er die drei Jungen in dem dümpelnden Boot in Augenschein nahm. Sie waren komplett nackt, ihre Körper ausgemergelt und mit Verbrennungswunden übersät, ihre Backenknochen traten stark hervor. Unter größter Anstrengung setzten sie sich auf. »Braucht ihr Hilfe?«, rief ihnen Tai über Lautsprecher zu. »Ja!«, riefen die drei zurück. »Und ob!« Die Mannschaft ließ ein Rettungsboot ins Wasser, und Tai machte mit seiner Kamera ein Foto von den Jugendlichen in ihrem kleinen Boot, wie sie ihren Rettern erschöpft, aber voller Hoffnung entgegenblickten – ein herzergreifendes Bild, das schon bald um die ganze Welt gehen sollte. Die Seeleute holten die Schiffbrüchigen an Bord. Die Teenager mussten auf beiden Seiten gestützt werden. Sie waren so wackelig auf den Beinen wie tattrige Greise. Und genauso sahen sie trotz ihres eindeutig jugendlichen Alters auch aus – wie wandelnde Skelette, die mit ledriger Haut überzogen waren, völlig ausgedörrt und von Kopf bis Fuß übersät mit Ausschlägen und Blasen, die von stärkster Sonnenverbrennung herrührten. Keine Frage, diese drei waren nicht erst seit gestern unterwegs, und so ausgemergelt, wie sie waren, hätten sie bestimmt nicht mehr lange überlebt. Tränen der Dankbarkeit rollten den Jugendlichen über die eingefallenen Wangen, als die Matrosen sie zu Tai brachten, der sie herzlich an Bord begrüßte. »Danke!«, stammelten sie weinend. »Danke, danke, danke, danke … tausend Dank!« »Nichts zu danken«, lächelte der erste Maat. »Die Männer werden euch mit allem Nötigen versorgen. Fühlt euch wie zu Hause.« Die drei nickten voller Rührung. Vorsichtig, als wären sie aus zerbrechlichem Porzellan, führten die Matrosen sie ins Innere des Schiffes. Tai blickte ihnen staunend hinterher. Die Wahrscheinlich13
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keit, die Jungen in ihrem Dingi inmitten dieser gewaltigen Wasserwüste direkt vor dem Bug zu haben, war so gering wie die Chance, eine verlorene Münze in der Sahara wiederzufinden. Es war ein absolutes Wunder. Eine andere Erklärung gab es nicht dafür. Unfassbar, dachte Tai. Hätte der Kapitän nicht befohlen, den Kurs zu ändern, wären wir gar nicht hier vorbeigekommen. Und hätte ich die San Nikunau auch nur vierhundert Meter weiter steuerbord oder backbord durchs Meer gelenkt, hätten wir die drei mit hundertprozentiger Sicherheit übersehen. Unfassbar. Das Dingi wurde an Bord gebracht. Tai nahm es genauer in Augenschein. Der Außenbordmotor schien noch intakt zu sein. Die vordere der beiden Holzbänke sah hingegen aus, als hätte ein Hai ein großes Stück davon herausgebissen. Es gab keine Essensvorräte, kein Trinkwasser, keine Kleider, keinen Erste-Hilfe-Kasten, keine Schwimmwesten und auch keinerlei Anglerwerkzeug zum Fischen. Die einzigen Gegenstände in der Nussschale waren eine grüne Abdeckplane, ein Mayonnaiseglas und eine dreißig Zentimeter lange Machete. »Was habt ihr drei bloß da draußen auf dem Meer gemacht?«, fragte sich Tai kopfschüttelnd. »Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Und wie um alles in der Welt habt ihr ohne Trinkwasser und ohne die Möglichkeit zu fischen überlebt?«
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2 Der erste Kontakt Als ich vielleicht neun Jahre alt war, hörte ich in der Sonntagsschule eine Geschichte, die ich nie wieder vergessen habe. Sie handelte von amerikanischen Fliegern, die 1942 nach einem Flugzeugabsturz in drei Schlauchbooten 21 Tage lang im Pazifik verschollen waren. Am meisten hatte mich damals fasziniert, dass James C. Whittaker und seine Kameraden erlebten, wie Gott sie mit Regenwasser versorgte. Sie beteten, und eine Wolke, die der Wind von ihnen wegtrieb, wechselte plötzlich die Richtung und entlud sich genau über ihnen. Was für ein Wunder! Seither haben mich Geschichten von Schiffbrüchigen nie mehr losgelassen. Eines Tages, das schwor ich mir, werde ich einen Schiffbrüchigen finden, der dort draußen auf dem Meer ebenfalls Unglaubliches mit Gott erlebt hat, genau wie diese Männer aus dem Zweiten Weltkrieg. Und dann schreibe ich seine Geschichte auf. Jahre vergingen. Von meiner fantastischen Schiffbruch-Geschichte gab es keine Spur am Horizont. Bis ich eines Sonntagnachmittags im November 2012 planlos im Internet surfte – und auf eine Geschichte stieß, die mir schlicht und einfach den Atem raubte! Es war die unglaubliche Geschichte von drei tot geglaubten Teenagern, die 2010 für 51 Tage im Pazifik verschollen gewesen waren, bevor ein Thunfischboot sie vor den Fidschi-Inseln gefunden hatte. Mein Puls schlug schneller, und ich wusste es. Ich wusste es einfach: Das war die Geschichte, nach der ich jahrelang vergeblich gesucht hatte! Das war sie! Ich las jeden Artikel, den ich darüber finden konnte. Meine Augen klebten förmlich am Bildschirm. Ich sah mir Fernsehberichte von CNN und anderen internationalen Sendern an. Selbst die Nachrichtensprecher bezeichneten die erstaunliche Rettung der drei Teenager als Wunder. Einige zeigten Live-Zuschaltungen zu dem Steuermann Tai Fredricsen, der die Jungen als Erster gesichtet 15
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hatte. Sie zeigten auch das Foto, das Tai geschossen hatte, bevor er die Jugendlichen an Bord der San Nikunau holen ließ. Und sie berichteten darüber, dass die drei Jungen von der Südseeinsel Tokelau kamen und in ihrem Aluminiumboot sage und schreibe mehr als 1 000 Kilometer zurückgelegt hatten. Ach du meine Güte!, dachte ich. Das ist ja eine Distanz wie von der Nordseeküste bis hinunter nach Italien! Und wo liegt eigentlich dieses Tokelau? Tokelau. Der Name erinnerte mich an Taka-Tuka-Land aus Pippi Langstrumpf. Ich hatte noch nie von der Insel gehört. Ich tippte »Tokelau« in die Suchmaschine ein, und eine runde Weltkarte erschien auf dem Computerbildschirm. Aber nicht die übliche Weltkarte, auf der links Nord- und Südamerika, in der Mitte Europa und Afrika und rechts Asien und Australien abgebildet sind, sondern das Gegenstück dazu, das, was auf der anderen Seite der Erdkugel liegt, nämlich der Pazifische Ozean. Mir war die Größe dieses Ozeans gar nicht bewusst gewesen. Aber zog man mit dem Zirkel einen Kreis um den Pazifik, füllte dieser praktisch den halben Globus aus. Und mitten in diesen unendlichen Wassermassen, leicht schräg unter dem Mittelpunkt des Kreises, auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Hawaii, befand sich Tokelau. Die Insel ist so klein, dass ich sie erst beim Heranzoomen erkennen konnte und selbst dann noch eine Lupe brauchte. Und es ist auch keine einzelne Insel, sondern eine Inselgruppe, bestehend aus drei sogenannten Atollen, ringförmigen Korallenriffen mit einer Lagune in der Mitte. Die Atolle nennen sich Atafu, Nukunonu und Fakaofo. Atafu, von der die drei Schiffbrüchigen stammten, ist das kleinste und nördlichste Atoll. Es ist zerstückelt in gut 40 noch kleinere Inselchen, die eine gut 15 Quadratkilometer große türkisfarbene Lagune in sich einschließen. Die v-förmige Hauptinsel, auf der laut Wikipedia gerade einmal 500 Einwohner leben, besteht aus einem schmalen Streifen Land und ist noch nicht einmal zwei Kilometer lang. Viel Raum zum Leben haben die Inselbewohner also nicht gerade. Das Atoll lässt mich fast ein wenig an Lummerland 16
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