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Thomas A. Seidel [ Hg. ] mit Fotografien von jürgen m. pietsch

evangelisch? 95 Antworten – 95 Porträts


Inhalt Vorwort – Fünfundneunzig (Thomas A. Seidel) .......................................................... Weit wie das Meer (Torsten Albig) ................................................................................... Was für ein Glück (Eva Sophie Albrecht) ....................................................................... Geborgenheit im Unbegreifbaren (George Alexander Albrecht) ...................... Horizont (Petra Bahr) .............................................................................................................. Im Zweifel für die Menschlichkeit! (Kurt Beck) ......................................................... Grundsatztreu, nicht zeitgeistig (Günther Beckstein) .............................................. Der Goldgrund des Lebens (Gerhard Begrich) ......................................................... Buddha und Christus (Frank Berendt) ............................................................................ Freiheit in Christus (Erhard Berneburg) ......................................................................... Widerspruch wagen (Georg Christoph Biller) ............................................................. Das Sakrament des Hörens (Johannes Block) ............................................................ Im Konzertsaal (Herbert Blomstedt) ................................................................................ Eine unverwechselbare Lebenshaltung (Jochen Bohl) ............................................ Evangelisch heut aus Wittenberg (Wolfgang Böhmer) .......................................... Carpe diem – Nutze den Tag (Volker Bouffier) .......................................................... Angeklagt wegen neun Morden, verurteilt ein ganzes Leben? (Sarah Brendel) ............................................................................................................................. Etwas, das mich umfing (Sabine Bublitz) ....................................................................... Evangelische Katholizität, Fehlanzeige? (Thibaut de Champris) .......................... Den Leuten aufs Maul schauen (Ricarda Colditz) .................................................... Unendliche Energiequellen (Oskar Didt) ...................................................................... Du sollst nicht töten (Christoph Dieckmann) ............................................................. Frische Luft (Michael Diener) .............................................................................................. Bekenntnis und Weltverantwortung (Christian Dietrich) ..................................... Seine befreiende Liebe (Tabea Dölker) ......................................................................... Wir sind Papst (Stephan Dorgerloh) ................................................................................ Vergiss nicht, Gutes zu tun (Gertraud Drephal) ......................................................... Lieber evangelisch als protestantisch (Hans-Joachim Eckstein) ........................ Aufrechter Gang (Siegmund Ehrmann) .......................................................................... Glaube, Hoffnung – Liebe (Christine Eichel) ............................................................... Mit Lust und Liebe singen (Gunther Emmerlich) ....................................................... Gospelige Lobeshymne (Dieter Falk) .............................................................................

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Ungebundenheit und Verantwortung (Thomas Feist)  ........................................ Aus Äthiopien (Mengiste Frehiwot Alemayehu) ...................................................... Grenzgängerin der Ökumene (Gundula Gause) ................................................... Evangelisch in Altbayern (Peter Gauweiler) ............................................................... Meine geistlichen Vorfahren (David Gill) .................................................................... Leben als evangelische Ordensfrau (Christa Grau) .............................................. Vom Vorbild des Vaters (Gabriela Grillo) .................................................................... Das Wunder der Frauenkirche (Ludwig Güttler) ................................................... Wie guter Filterkaffee (Juliane Hagen) ....................................................................... Etikettenschwindel (Peter Hahne) ................................................................................. Ohne WLAN oder Megabytes (Johannes Hartlapp) .......................................... Auch ohne Amtskirche (Michael Herold) .................................................................. Rebellion und Neugier (Karla Holzheu) .................................................................... Worauf ich mich verlassen kann (Ansgar Hörsting) ............................................. Reformation – (Michael J. Inacker) ................................................................................ Ein ehrbarer Kaufmann (Dirk Ippen)............................................................................. Dem Denken viel Raum geben (Daniel Jundt) ....................................................... Das Gewissen schärfen (Margot Käßmann) ............................................................ Ich lebe gern (Steffen Kern) ............................................................................................... Des Glaubens kleiner Bruder (Eckart von Klaeden)............................................. St. Peter & Paul (Sebastian von Kloch-Kornitz) ......................................................... Binde deinem Kamel die Füße! (Mihajlo Kolakovic) ............................................. Gewissheit (Stephan Krawczyk) ...................................................................................... Blumen vor dem Fenster (Michael Kühn) ................................................................. Wort, Argument, Diskurs (Nicola Leibinger-Kammüller) .................................... Verantwortung übernehmen (Vera Lengsfeld) ....................................................... Auf der Suche (Annette-Christine Lenk) ...................................................................... Gottes Gnadensignale (Christine Lieberknecht) ...................................................... Offen für Gott und die Menschen (Inge Linck) ..................................................... Evangelisch ist für mich … (Friedhelm Loh) ............................................................. Anspruch und Zuspruch (Andreas Malessa) .......................................................... Die Katholiken und die Erbse (Britta Martini) ........................................................ Er nahm mich in den Arm (Helmut Matthies) ........................................................ Schiffbruch (Eckart Meisel) ................................................................................................ Gemeinschaftssinn im Bruderhof (Christin Messner) ........................................... Liebesschmerzen (Titus Müller) .......................................................................................

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Nach Hause kommen (Jonas Opp) .............................................................................. Das vierfache evangelische Motto (Ulrich Parzany) ............................................ Sonntags an der Orgel (Frauke Petry) ......................................................................... Griechisch-orthodox und ein bisschen dänisch-lutherisch (Damon Nestor Ploumis) ...................................................................................................... Der Duft der Freiheit (Christian Popp) ....................................................................... Glaube und Wissen (Bodo Ramelow) .......................................................................... Heimweh (Julia Roos) ........................................................................................................... Die Grenzen der Menschen-Welt (Ulrich Schacht) ............................................. Aus dem Ärmel (Ernestine Seidel) ................................................................................ Ein Privileg (Hermann Selderhuis) ................................................................................... Gerade und schnörkellos (Christine Senkbeil) ........................................................ Widersprüche aushalten (Stephan Steinlein)............................................................ Reformationsbrötchen (Susanne Steppat) ................................................................ Das Vaterunser (Gabriele Stötzer) .................................................................................. Gottes Ja zu mir (Corinne Trepte) ................................................................................... Diesseitigkeiten (Ellen Ueberschär) ............................................................................... Gestaltungshorizonte (Jörg Uhle-Wettler) .................................................................. Keine klassische Pfarrfrau (Constanze Victor) ........................................................... Keine Angst mehr (Annette Weidhas) .......................................................................... Prioritäten (Andreas Weigel) ............................................................................................. What would Jesus do? (Frank-Jürgen Weise) ............................................................ Wirklichere Wirklichkeit (Walter Weispfenning) .................................................... Frisch, fromm, fröhlich, frei (Roland Werner) ............................................................ Ich gebe Gott das Sorgerecht (Jürgen Werth) ........................................................ Alles klar (Sandra Wieschollek) ......................................................................................... Lebenselixiere (Manfred Wilde) ...................................................................................... Luther und die Ritter vom Glasbachgrund (Alexander von Witzleben) .................................................................................................. Gegen den Strom (Isabel Wünsche) ............................................................................

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Quellenangaben ...................................................................................................................... Bildrechte .................................................................................................................................... Die INTERNATIONALE MARTIN LUTHER STIFTUNG .............................. Unterwegs zu Luther: Bücher von und mit Dr. T   homas A. Seidel ............. Evangelisch? Eine Ausstellung zum Mitmachen .....................................................

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© Jürgen M. Pietsch


Lieber evangelisch als protestantisch Evangelisch kommt von Evangelium, und dies bedeutet wörtlich die ›Erfreuliche Nachricht‹ von Gottes Zuwendung in Jesus Christus. So sehe ich mit den Reformatoren das Herzstück meiner evangelischen Identität in dem, was Inhalt und Mitte des Evangeliums ist: ›Christus allein‹ – solus Christus. Jesus Christus soll Grundlage und Maßstab unseres ganzen Lebens und unserer Kirche sein. Kein menschliches Leitungs-, Regierungs- oder Lehramt soll an die Stelle dieses einen Herrn treten können. Weder die kirchliche Tradition an sich noch der Zeitgeist oder auch die subjektive Überzeugung dürfen die normierende Orientierung an seiner Person, seinem Wirken und Weg ersetzen. Das Befreiende des Evangeliums liegt darin, dass es uns Menschen eine unbedingte Liebe und voraussetzungslose Wertschätzung zuspricht, die wir uns selbst durch keine Anstrengung und Leistung erwerben könnten: Wir sind bedingungslos – »allein aus Gnade«, sola gratia – bejaht und angenommen. Nun zielt alles auf die so eröffnete Vertrauensbeziehung, die »allein im Glauben« – sola fide – empfangen und in Hoffnung und Liebe entfaltet wird. Gilt dies nicht für alle Christen? Gewiss! Evangelisch sein heißt nicht, sich von anderen unterscheiden zu müssen, sondern sich selbst und andere daran zu erinnern, was uns alle wirklich trägt und erneuert. Verstehen wir uns von unserem Wesen und Zentrum her, dann definieren wir uns nicht durch Abgrenzungen, sondern wollen gewinnend für das uns Wichtige werben. Ich möchte so ›protestantisch‹ sein wie nötig, aber so ›evangelisch‹ wie möglich.

Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein (geb. 1950); seit 2001 Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen, zuvor an der Universität Heidelberg tätig, Synodaler der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Mitglied der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland, erhielt den Landeslehrpreis Baden-Württemberg und den Sexauer Gemeindepreis für Theologie,  Autor vieler Publikationen. Hans-Joachim Eckstein – am Kloster Bebenhausen, Tübingen

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Das Gewissen schärfen Gerade durch mein ökumenisches Engagement bin ich immer evangelischer geworden. Sosehr ich die Gemeinsamkeiten schätze, so befremdet es mich, wenn ein orthodoxer Gottesdienst abläuft, als sei gleichgültig, ob eine Gemeinde anwesend ist. Beteiligung aller getauften Glaubenden am Gottesdienst durch Mitsingen, Mitbeten, Lesungen – das ist evangelisch! Bei einer Trauung sang ein Katholik das Ave Maria. Er tat es mit Inbrunst und ich lauschte mit Respekt. Aber das ist nicht meine Frömmigkeit, ich werde niemals zu Maria beten können, sondern wende mein Gebet an Gott, an Jesus Christus. Als Evangelische fühle ich mich frei im eigenen Urteil im Glauben, nicht gebunden an kirchliche Instanzen oder Traditionen. Selbst die Bibel lesen und daran das Gewissen schärfen bis hin zu einer Haltung, dass ich hier stehe und nicht anders kann, wenn ich nicht durch Bibel oder Vernunft widerlegt werde – das ist evangelisch für mich. Mit der Bibel steht für mich Jesus Christus im Zentrum des Glaubens. Er ist die ›Mitte der Schrift‹. Ich vertraue darauf, dass ich ganz von Gottes Gnade im Glauben gehalten und getragen bin. Nichts, was ich an Gutem tue, und nichts, woran ich scheitere, rechtfertigt mein Leben vor Gott. Es gibt keine Glaubensleistung, nur Vertrauen auf Gott. Die Kirche ist für mich die Gemeinschaft der Menschen, die sich Gott anvertrauen. Da gibt es Ordnungen, die notwendig sind. Aber niemand ist in irgendeiner Weise in einem höheren Weihestatus. Und die reformatorische Tauftheologie sagt mir, dass Männer und Frauen, Laien wie Ordinierte alle Aufgaben in meiner Kirche wahrnehmen können.

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann (geb. 1958); Theologin und ordinierte Pfarrerin, 1994  –1999 Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, elf Jahre Bischöfin der hannoverschen Landeskirche, seit 2012 Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017. Margot Käßmann – in der Dorfkirche Alt-Staaken, vor dem Bild von Gabriele Mucchi

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Gemeinschaftssinn im Bruderhof Als Christ würde ich mich nicht direkt bezeichnen, aber dennoch habe ich eine besondere Beziehung zum evangelischen Glauben. Vor einigen Jahren lernte ich die christliche Lebensgemeinschaft ›Bruderhof‹ in Bad Klosterlausnitz kennen. Der Glaube der Mitglieder basiert auf der reformatorischen Glaubensbewegung, auf dem Apostolischen Glaubensbekenntnis und auf der Täuferbewegung der Reformationszeit, die das urchristliche Vorbild des gemeinschaftlichen Zusammenlebens bildet. In den ortsverschiedenen Gemeinschaften des Bruderhofes herrscht aufgrund des evangelischen Glaubens starker Zusammenhalt; alle sind unglaublich kreativ und stellen sich großen Herausforderungen. Ein Beispiel hierfür wäre die Restauration der ›Swedish Hall‹, des unter Denkmalschutz gestellten Theaters in der Gemeinschaft Beech Grove. Des Weiteren werden Projekte zum Thema ›Gewaltfreies Miteinander in Schulen‹ durchgeführt, in ärmeren Ländern missioniert und Aufbauarbeit betrieben. Ihre Bescheidenheit und Eigenständigkeit ist faszinierend. Im Zusammensein dort konnte ich persönlich viel lernen und daraus neue Kraft schöpfen. Frei und unbeeinflusst vom Alltag fand ich hier andächtige Ruhe und Geborgenheit. Es entstanden Freundschaften fürs Leben. Heute lebe ich als Studentin in einer Wohngemeinschaft, die ebenfalls sehr viel Wert auf ein liebevolles Miteinander und gemeinschaftliche Aktivitäten legt. Aufgrund meiner Erfahrungen bedeutet evangelisch für mich: einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, füreinander da zu sein und zu sorgen sowie gegenseitige Rücksichtnahme.

Christin Messner (geb. 1990); Studentin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, Fachbereich Kulturwissenschaften, seit 2014 studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Industriesoziologie; lebt in Cottbus. Lieblingszitat: »Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann« (Dietrich Bonhoeffer). Christin Messner [Mitte, mit Buch] – in ihrer Lebensgemeinschaft in Cottbus

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Glaube und Wissen Dass ich meine Beziehung zu Gott selbst suche und ausgestalte, das ist für mich evangelisch. Nicht nur in meinem individuellen Anspruch, sondern auch im kollektiven Bewusstsein ist dies ein Markenzeichen meiner Kirche. Das heißt nicht, dass wir allein mit Gott zurückbleiben, sondern dass wir – gemeinsam und einzeln – auf vielen Wegen zu ihm finden können. So wie das Leben uns auf immer neue Weise herausfordert, so können wir aus unserem Glauben immer wieder Antworten bekommen. Zumindest ist es mir so ergangen. Evangelisch zu sein bedeutet für mich aber auch, ein ambivalentes Verhältnis zur historischen Person Martin Luther zu haben. Sein Name ist untrennbar mit der Reformation verbunden. Durch die Übersetzung der Bibel hat er Gott zu den Menschen gebracht und die Grundlage für das geschaffen, was ich heute an der Kirche so wichtig finde: Freiheit. Und auch da schon, 250 Jahre vor der Aufklärung: ein Ausgang aus der Unmündigkeit. Was für eine große Leistung, für die wir Luther nicht genug danken können. Was damals bei Luther fehlte, aber für mich heute unentbehrlich ist, ist die Toleranz. Ich kann es nicht übersehen, dass Luther in seinen späten Jahren einen Ton gegenüber dem Judentum anschlug, den wir heute nur als Antisemitismus bezeichnen können. Ohne Toleranz würde der Glaube den Anspruch vertreten, Wissen zu sein. Das ist nicht meine Sache. Mein Glaube steht für mich neben dem Wissen, nicht darüber und nicht darunter. Und deshalb lässt er auch Toleranz zu. Die Toleranz stammt nicht von Luther, sondern die Gläubigen haben sie zum Teil unseres Glaubens gemacht. So ist meine Kirche eine Kirche der Menschen. Sie ist ein offenes Angebot, das ich gern angenommen habe. Bodo Ramelow (geb. 1956);  Einzelhandelskaufmann, T   ätigkeit in verschiedenen Handelsunternehmen, Gewerkschaftsmitglied, Mitinitiator der ›Erfurter Erklärung‹, seit 1999 Mitglied der PDS, verschiedene Ehrenämter und Funktionen in der Partei DIE LINKE auf Landes- und Bundesebene, seit 2014 Ministerpräsident von Thüringen; verheiratet, zwei Söhne. Bodo Ramelow – im Innenhof des Thüringer Landtages

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