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395580000/1 – 9727 – Siebald_Und wir in seinen Händen typoscript [AK] – 12.09.2014 – Seite 3 – 3. Korrektur

Manfred Siebald

Und wir in seinen Händen Ein Jahr und ein Tag mit Matthias Claudius


395580000/1 – 9727 – Siebald_Und wir in seinen Händen typoscript [AK] – 12.09.2014 – Seite 5 – 3. Korrektur

Inhalt Ein erster Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 An wen schreibe ich hier eigentlich?. . . . . . . . . 14 Ein Jahr mit Matthias Claudius . . . . . . . . . . . . . . . 19 Neujahr und Winter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Mein Neujahrslied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 No. 4. Billet doux von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 Ein Lied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Frühling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Osterlied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Der Frühling. Am ersten Maimorgen . . . . . . . . 48 Frau Rebekka mit den Kindern . . . . . . . . . . . . . 52 Im Junius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Sommer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 An eine Quelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Der Philosoph und die Sonne. . . . . . . . . . . . . . . 69 Ein Lied um Regen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Herbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Das Bauernlied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Ein Lied vom Reifen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87


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Winter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Neue Erfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Ein Dito. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Weihnacht-Kantilene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Ein Tag mit Matthias Claudius . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Morgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Die Sternseherin Lise .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Morgenlied eines Bauersmanns . . . . . . . . . . . . . 130 Der glückliche Bauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 In der Allee zu Pyrmont . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 Mittag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Täglich zu singen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Abend. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Abendlied eines Bauersmanns . . . . . . . . . . . . . . 157 Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Abendlied .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Ein letzter Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182


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Der Frühling. Am ersten Maimorgen Der Gr. A. L. – g.20 Heute will ich fröhlich, fröhlich sein, Keine Weis’ und keine Sitte hören; Will mich wälzen und für Freude schrein, Und der König soll mir das nicht wehren; Denn er kommt mit seiner Freuden Schar Heute aus der Morgenröte Hallen, Einen Blumenkranz um Brust und Haar Und auf seiner Schulter Nachtigallen; Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß, Und er träuft von Tau und Duft und Segen – Ha! mein Thyrsus sei ein Knospenreis, Und so tauml’ ich meinem Freund entgegen.

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Lieber Matthias, diese Frühlingstage kenne ich auch: An denen kann man gar nicht anders, als fröhlich zu sein. Es gibt sogar Menschen wie Dich, die »fröhlich, fröhlich« sind – so fröhlich, dass sie auf die Stimme der Klugen und auf die Mahnungen von Etikette und Sitte nicht hören mögen, dass sie sich am liebsten am Boden wälzen und vor Vergnügen schreien möchten. Wem das doch ein bisschen zu übertrieben vorkommt, der hat wohl noch nicht zugeschaut, wie die Sonne am 1.  Mai aufging, hat noch nie die Fülle der Blumen gesehen und gerochen, die um diese Jahreszeit blühen, und hat noch nie mit beiden Ohren den Gesang der Vögel gehört – live und in Stereo. (Ich hoffe, Du kannst Deinem Zeitgenossen Franz Schubert verzeihen. Repräsentativ für alle, denen »fröhlich, fröhlich« zu viel ist, fand er, als er Dein Frühlingsgedicht vertonte, eine solche Entfesselung nicht passend und ließ die Sänger einfach singen: »Heute will ich fröhlich sein.« Seit knapp zweihundert Jahren nur eine halbe Dosis von Deiner Fröhlichkeit …) So überschäumend ist jedenfalls Deine Freude, dass Du sie Dir von niemandem verbieten lassen willst – weder von Vernunft noch von Tradition noch von politischer Autorität. Ich weiß ja nicht, ob Dein dänischer König Dir damals wirklich den Genuss des Frühlingsmorgens hätte verbieten wollen. Warum hätte er das tun sollen? Vielleicht übertreibst Du hier ein bisschen. 49


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Auf der anderen Seite lebe ja auch ich in einer Zeit mit völlig undurchsichtigen politischen Verordnungen. Da kann ich mir gut vorstellen, dass von einer lebensfernen Verwaltung ein Gesetz verabschiedet wird, mit dem die Frühlingsfreude normiert wird: »Das Wälzen auf dem Boden ist erst statthaft, wenn die tägliche Durchschnittstemperatur mindestens 18,3 Grad Celsius beträgt und 65  Prozent der ortsüblichen Nutzund Zierpflanzen zur Blüte gekommen sind. Geschrei (von maximal 80 Dezibel) ist lediglich in den Stunden außerhalb der Mittags- und Nachtruheregelungen zulässig, sofern nicht die von den Landesämtern für Haus- und Gartenakustik erlassenen Emissionsbeschränkungen zur Anwendung gelangen.« Nein, ich schlage mich auf Deine Seite: Sollten sich Bürokraten westlich unseres Landes jemals so etwas einfallen lassen, werde auch ich mir die Freude an der Schöpfung nicht durch ihre Paragrafen verbieten lassen. Wie soll ich mir Deinen Frühling vorstellen? Vor meine Augen malst Du das Bild des griechischen Gottes Bacchus, wie er in der Antike beschrieben wurde: Um den Kopf gewunden trug er einen Blumen- oder Weinlaubkranz; in der Hand hielten er und sein Gefolge einen Thyrsus, einen Stängel des Riesenfenchels, oft mit Efeu oder Weinlaub dekoriert. Rauschende Feste feierten die Menschen in dem Kult um Bacchus – da floss der Alkohol reichlich und die Sitten waren überaus locker. Aber wer im Anblick des Frühlings »fröh50


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lich, fröhlich« ist, hat keine Gelage nötig. Der muss seine Freude nicht zum Kult erheben, der bindet sich ein einfaches Knospenreis vom Baum nebenan um den Kopf und berauscht sich an Farben statt am Alkohol und anderen Drogen, schwelgt im Gesang der Nachtigallen statt in Partymusik und empfindet Tau und Duft einfach als Segensgeschenke Gottes. Und weil gerade heute so ein Tag vor dem Fenster stattfindet, laufe ich jetzt hinaus und taumele ein wenig mit Dir durch den Garten. Mit schon leicht berauschten Grüßen – Dein frühlingsfröhlicher Leser.

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