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395566000/1 – 9639 – Führer_Die Frau die in kein Schema passt typoscript [AK] – 25.07.2014 – Seite 3 – 4. Korrektur

Heidemarie Führer

Die Frau, die in kein Schema passt Christa von Viebahn Die Gründerin der Aidlinger Schwesternschaft

DIAKONISSENMUTTERHAUS AIDLINGEN (HRSG.)


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Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Erster Teil: Prägung und Aufbruch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Kapitel    1  Wiesbaden 1873–1878 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Kapitel    2  Hannover 1878–1883 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Kapitel    3  Engers am Rhein 1883–1888 .. . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Kapitel    4  Frankfurt, Tübingen, Trier 1888–1892. . . . . . . . . 53 Kapitel    5  Stettin 1893–1907. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Zweiter Teil: Wagnis und Erfüllung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Kapitel    6  Stuttgart 1907–1927. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Kapitel    7  Aidlingen – Ein Mutterhaus entsteht 1925–1927. . . . . . . . . . . 117 Kapitel    8  Hin- und hergerissen zwischen Aidlingen, Stuttgart und der Schriftstellerei . . . . . . . . . . . . . . 136 Kapitel    9  Die frühe Zeit des Nationalsozialismus 1933–1938. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Kapitel  10  Der Zweite Weltkrieg (1939–1945) . . . . . . . . . . . . 172 Kapitel  11  Ein Ende mit Schrecken (1945) . . . . . . . . . . . . . . . 195 Kapitel  12  Der Schutt wird beiseite geräumt, Neues wächst (1946–1955) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Dritter Teil: Geschichte und Geschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 Orden und Arrest. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Der Tod des Kaisers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 Europa im Strom christlicher Nächstenliebe . . . . . . . . . . . . . . . 234 Im Hotel »Vier Jahreszeiten« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Auseinandersetzungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Die Schwabenmetropole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Der Erste Weltkrieg (1914 –1918) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Die Saat ist aufgegangen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Aus der Chronik 1938 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246


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Das Robert-Bosch-Krankenhaus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 Soldatenbriefe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Dank. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 Wichtige Ereignisse im Leben von Christa von Viebahn. . . . . 258 Der Geschwisterkreis von Christa von Viebahn . . . . . . . . . . . . 260 Quellen- und Literaturangaben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263


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ZWeit e r t e i L

WaGn i S unD e r F Ü LL u n G


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K a pi te l  6

Stuttgart 1907–1927 Stuttgart, eine fortschrittliche Stadt Die schöne Stuttgarter Residenz hat keine würzige Seeluft zu bieten, dafür steile Weinberge, die bis in die Stadt herunterreichen. Sie bilden einen nach drei Seiten hin abgeschlossenen Talkessel, in dem sich oft die Hitze staut. Um sich ausdehnen zu können, mussten die Häuser und Straßen Stuttgarts im Lauf der Jahre die Hänge hinauf gebaut werden. Dabei wurden die Treppen, die die Winzer in ihren Weinbergen angelegt hatten, als Fußwege benutzt: die »Stäffele«. Es soll mehr als vierhundert davon geben mit einer Gesamtlänge von etwa zwanzig Kilometern. Wen verwundert es, dass die Stuttgarter im Volksmund »Stäffelesrutscher« heißen! In Württembergs Hauptstadt* herrschte durchweg ein Klima des Fortschritts: Die Straßenbahnen hatten über 14 Millionen Menschen befördert, 1904 ging die elektrische Straßenbahn Bopser – Neue Weinsteige – Degerloch in Betrieb. Am 1.  Juli 1906 wurde in der Tübinger Straße das erste Kino eröffnet und etwa einen Monat später führte Robert Bosch den Achtstundentag ein – eine Sensation. Und es wurde hell in der Stadt: Schon um 1900 waren etwa 52 000 Glühlampen installiert.15 Es leuchtete aber noch ein ganz anderes Licht in jener Zeit:

Das helle Licht des Evangeliums Die vielfältige Verkündigung des Wortes Gottes brachte Licht in die Herzen der Menschen.Württemberg im Allgemeinen und Stuttgart im Besonderen waren vom Pietismus und der Erweckungsbewegung stark geprägt. Ludwig Hofacker (1798–1828) hatte dazu früh den Grund gelegt. Die

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Siehe auch: »Die Schwabenmetropole«, S. 242

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Themen seiner Predigten waren Buße, Kreuz und Gnade. Obwohl schwer krank, predigte er: Ich rufe, ich schrei, ich posaune es aus! Ihr Knechte des Verderbens! Ihr großen Schuldner, ihr jungen Schuldner, ihr alten Schuldner, ihr bankrotten Leute, ihr armen Leute, kommt! Kommt! Bekennet eure Missethat, hier ist euer Herr, der euch alle Schulden nachlässt! Wegen seiner schweren Erkrankung wurden seine Predigten vorgelesen und anschließend gedruckt verbreitet. Die Wirkung war enorm. In ganz Württemberg entstanden im Lauf der Jahre Zentren der Erweckung. Gegen Ende des 19.  Jahrhunderts wirkte Christian Dietrich (1844– 1919) im Stuttgarter Raum. Er war Rektor am Evangelischen Töchterinstitut. Dietrich gründete zusammen mit Reichsgraf Eduard von Pückler den »Deutschen Verband für Evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation« (1897).16

Zwei mutige Frauen In dieses vitale und fromme Stuttgart begaben sich zwei Frauen im Herbst 1907. Die Tochter des Generals und die Tochter des Professors wohnten zunächst in der Urbanstraße, zwei Jahre später in der Hohenheimer Straße, ab 1.  April 1915 in der Hohenstaufenstraße. Gleichzeitig mieteten sie im Hinterhaus der Augustenstraße einen größeren Saal; im August 1929 erfolgte der Umzug in die Danneckerstraße*. Diese Umzüge wurden nötig, weil die jeweilige Wohnung immer wieder zu klein wurde. Ständig luden die Freundinnen Frauen und Mädchen ein, mit denen sie in Kontakt kamen. Sie nahmen auch hin und wieder Mädchen in ihrer Wohnung auf, die in der Großstadt sonst unter die Räder gekommen wären. In die Wohnung in der Hohenheimer Straße kamen auch Kinder aus der Nachbarschaft zu Kinderstunden. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Telefon und Türglocke läuteten im Wechsel oder sogar gemeinsam den ganzen Tag. *

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Noch heute wohnen Aidlinger Schwestern im Haus in der Danneckerstraße  48 A und versehen von dort aus ihre verschiedensten Dienste: Verkündigung, Seelsorge, ein Schülertreff mit Hausaufgabenbetreuung.


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Deshalb nutzte Christa von Viebahn einen Raum in der Augustenstraße als Rückzugsort. Hier konnte sie in Ruhe ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen. Später in der Hohenstaufenstraße herrschte sogar noch mehr Betrieb. Christa von Viebahn fuhr oft nach Darmstadt. Ihr Verlagsleiter und Mentor, Emil Dönges, steckte sie an mit seiner Begeisterung für den schweizerischen Reformator Guillaume Farel (1489–1565). Er sagte von ihm: Farel ist im deutschen Sprachraum leider nicht sehr bekannt geworden, obwohl er unter den Reformatoren derjenige sein dürfte, der der biblischen Wahrheit am nächsten kam, sowohl in seiner Erkenntnis als auch in der praktischen Verwirklichung. Christa arbeitete mit Dönges an der Herausgabe von Farels Biografie und seinen theologischen Schriften. Ihre hervorragenden Französischkenntnisse kamen ihr dabei sehr zugute. Über die kurzen Besuche ihres Vaters freute sich Christa. Nachdem der Trennungsschmerz überwunden war, konnte Georg von Viebahn den Weg seiner Tochter ganz bejahen und unterstützte sie dabei. Die Freundinnen blieben sicher nicht unberührt von einer Meldung, die Anfang November 1908 durch die Stuttgarter Presse ging: Eine ledige Dienstmagd hatte aus Verzweiflung auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof ihr Kind getötet. Herzogin Wera gründete daraufhin die »Zufluchtsstätten in Württemberg«, und bald darauf entstand das erste Frauenhaus in Stuttgart, das Wera-Heim, für ledige werdende Mütter. Das ist ein Hinweis darauf, wie groß die innere und äußere Not unter Frauen und Mädchen in jener Zeit war. Aber wo ist unser Auftrag, wo unser Platz? – so mögen sich Christa von Viebahn und Elisabeth Kübel immer wieder vor Gott gefragt haben. Es ist manches »Einschreibebuch« von Christa von Viebahn erhalten. Darin notierte sie Bibelstellen, wichtige Sätze aus Büchern, eigene Gedanken oder kleine Geschichten. Aus diesen Notizen schöpfte sie für ihre schriftstellerische Tätigkeit und ihre Bibelstunden. Sie vermitteln uns Einblicke in Themen und Gedanken, mit denen sie sich 87


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beschäftigte. In einem eng beschriebenen Büchlein von 1911/12 lesen wir auszugsweise: Der Tod ist der größte Augenblick in unserem Leben (abgesehen von der Bekehrung), wo nichts bleibt, als das, was man gegeben hat! Wir haben einen freien Willen und können wählen, wem wir dienen wollen und was Ziel und Zweck unseres Lebens sein soll. Ich möchte aus diesem kurzen Leben gewinnen, was irgend ich gewinnen kann und es deshalb so einrichten, daß Gott das meiste aus meinen Leben machen könne. Da wir nur ein Leben haben, sollten wir es dem geben, der uns am meisten dafür bietet, und ich denke, daß Christus derjenige ist, der das meiste aus einem Menschenleben machen kann. Erstens deshalb: Wenn man sich in seine Hände gibt, so verschönert und vervollkommnet er unseren Charakter. Und zweitens wird er uns und unsere Gaben so gebrauchen, daß sie Gott Ehre machen, der Menschheit zum Segen sind und unserem eigenen Herzen für Zeit und Ewigkeit Befriedigung gewähren. Es sollte das Motto unseres Lebens sein: »Das Beste für das Höchste zu geben«. Solange das Mühlenrad sich in fließendem Wasser befindet, bleibt es in Bewegung. So müssen wir im Strom des Geistes bleiben, dann ist er auch in uns und wir werden für ihn nützlich sein und anderen zum Segen. Mit gründlicher Erweckung ist immer das Bekenntnis der Sünde verbunden. Nach der Heiligen Schrift läßt sich Bekenntnis der Sünden und Vergebung der Sünden nicht trennen. Menschen des Gebets wissen aus den dunkelsten Verhältnissen und Verhängnissen die kräftigsten Bitten und kühnsten Erwartungen an Gott zu stellen! Jedem Neubekehrten sollte erklärt werden: Der Herr Jesus hat dich so lieb, daß er dich ohne Unterbrechung bei sich haben möchte, um dir seine Liebe auch zu beweisen und zu erzeigen. Christian Heinrich Zeller, Rettungshaus Beuggen: Zur praktischen Bereitschaft für Gott gehört es, daß es in der Schrift keine Stelle geben darf, die wir nicht bereit sind, auszuleben.

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Brauereisaal und Kaiserbau Im Jahr 1913 mieteten die Freundinnen den »Saal vom Dinkelacker«, um eine Evangelisation durchzuführen. Dass es sich hier um eine Brauerei handelte, störte die jungen Frauen nicht. Christa von Viebahn hatte sich der Konventionen ihres Standes längst entledigt und fühlte sich frei zu tun, was Gott ihr zeigte. Sie verteilte selbst Einladungszettel für die Evangelisationsabende. Außerdem gelang es ihr, im Kaiserbau am Marienplatz zwei kleine Ladenräume zu mieten. Dort konnte sie montagabends einen evangelistischen Vortrag halten und donnerstagabends eine Bibelstunde. Diese Kombination von »Einladung der gottfernen Menschen« zur Evangelisation und »Pflege der Gläubigen« durch Bibelstunden hatte sie damals in Frankfurt bei Elias Schrenk eindrücklich erlebt. Sonntagmittags traf sie sich mit jungen Mädchen, es wurde gesungen, ein schönes Buch vorgelesen und dann ging es wieder um Texte der Bibel. Diese Konzeption behielt sie in ihren Grundzügen immer bei: Persönliches Verteilen von Einladungen, Evangelisation, Aussprachen (seelsorgerliche Gespräche), Bibelstunden, Pflege der Gemeinschaft durch sinnvolle Freizeitgestaltung, auch durch praktische Hilfe, wo sie nötig war. Sie vergaß keinen Geburtstag des immer größer werdenden Kreises und besuchte die Einzelnen, wenn sie krank waren. Ob Sonntag, Werktag, Feiertag – sie war immer für die Frauen und Mädchen da, immer im Dienst, wenn nötig bis tief in die Nacht. Eine Frau erinnert sich: Es war so hilfreich, daß Fräulein von Viebahn keinen Unterschied gemacht hat, wenn man bei ihr war. Da saßen wir im Kreis: die Postbeamtinnen und daneben die Frauen aus der Altstadt. Einige Gesprächsnotizen: Ist es auch warm in deinem Zimmer?, fragte Christa von Viebahn eine junge Frau. Nein, denn ich habe keinen Ofen drin. Da telefoniere ich gleich mit dem Flaschner und bestelle einen Gasofen, wie wir ihn in unserer Wohnung haben, und lasse ihn anschließen.

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Jemand musste sich einer Operation unterziehen und vorher noch einen Arztbesuch machen. Prompt fragte Christa von Viebahn: Hast du jemand, der dich begleitet? Nein. Dann begleite ich dich. Anfallende Kosten deckte sie aus ihrem geerbten privaten Vermögen. Kein Weg war ihr zu weit, keine Stube zu klein, kein Ort zu armselig – sie diente den Menschen, wo sie konnte und wohin man sie rief. Sie fuhr auch nach Stetten im Remstal – in eine »Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische und Schwachsinnige«, ein »Bethel« des Südens. Dort hielt sie Bibelstunden für die Pflegerinnen.

Das Vermächtnis Christa von Viebahn fasst an Weihnachten 1950 in Worte, was sie selbst gelebt hat: Unser Werk soll hauptsächlich ein Rettungswerk sein. Es ist mein Gebet, daß der Herr die Flamme der Retterliebe in euer aller Herz ganz lodernd entfache. Wenn der Heilige Geist uns die Liebe ins Herz gibt, wie der Herr Jesus sie hat für die Verlorenen, dann können wir seinen Auftrag recht ausführen. »Des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist.«* Wenn wir doch die tiefsten Elendsstätten auch erreichen könnten und die unglücklichsten Menschenkinder. Unser Wirken muß genug von der Liebe Christi und vom Licht der Bibel, vom Licht des Heiligen Geistes durchdrungen werden, dann wird der Herr uns weiter die Gnade schenken, die wir ja schon oft genug gehabt haben. Dieser Charakterzug der Liebe Jesu möchte doch stark von Neuem hervortreten und möge der Herr viele Einzelne im Verborgenen so erfüllen mit seinem Geist und seiner Retterliebe, daß wir wirklich

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Lukas 19,10.


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gedrängt werden vom Heiligen Geist, den Menschen nachzugehen und ihnen ein Zeugnis zu geben von Jesus Christus, dem Heiland der Welt. Mein ganzes Herz brannte von früh an, Menschen zu retten und ich ging in die Elendsstätten. Ich flehte den Herrn an: Herr, gib mir doch diese vom Geist gewirkte Liebe und Geschicklichkeit, Menschen davon zu überzeugen, daß sie ohne dich verloren sind und sie zu dir zu führen. Ich hatte bald Gelegenheit zu sprechen, zu Frauen und Mädchen. Ich ließ mir Heftchen kommen. Zum Verteilen in erster Linie, aber ich wollte selbst daraus lernen, wie jene Schreiber die Menschen zum Heil brachten. Ich habe einfach mal diese Büchlein studiert für mich und habe daraus gelernt, wie sie die Unbekehrten ansprachen und wie sie die große Liebe des Herrn Jesus beschrieben, die Liebe Gottes, der die Verlorenen rettet. Da habe ich etwas ganz Neues gelernt, etwas, von dem ich vorher fühlte: das fehlt mir noch. Dies zeichnete nicht nur die frühen Jahre in Stuttgart aus: Christa von Viebahn blieb lernfähig und mutig, Neues auszuprobieren. Über Widerstände, Schwierigkeiten, politische Wirren, persönliche Nöte sprach und schrieb sie wenig.

Unruhe bei der Hauptpost Die Hauptpost in Stuttgart beschäftigte viele Frauen bei der Telefonvermittlung, an den Schaltern und im Telegrafenamt. In allen Abteilungen gab es Frauen, die offen über ihren Glauben sprachen. Die Kollegen wussten das und warnten manchen, der sich einladen ließ: »Du wirst doch nicht auch so werden wollen wie Fräulein … und dir nichts mehr gönnen, was dir Spaß macht.« So erging es Emmy Lehrenkraus (1887–1975):

»Theater, das war mein Leben!« Die hübsche hochgewachsene schlanke Postassistentin war im großen Saal des Telegrafenamts nicht zu übersehen. Sie hatte mit sechs Jahren 91


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ihren Vater verloren. Später besuchte sie das Evangelische Töchterinstitut. Die eineinhalb Jahre in New York bei ihrem Bruder bzw. in Brooklyn bei einem Vetter hatten sie weltoffen gemacht. Nach der Rückkehr ins Schwabenland wurde es für sie zur Regel, dass sie sonntagmorgens zur Kirche ging, abends ins Theater. Sie spielte auch Tennis. Trotz allem war sie nicht recht zufrieden mit ihrem Leben. War die Operette vorbei, schien der Alltag umso trister. Aber so war es eben, es ließ sich nicht ändern. Wenn da nicht ihre Kollegin Anna Ihle gewesen wäre. Sie hatte keine Eltern mehr und versorgte neben der Arbeit ihre drei jüngeren Geschwister. Wenn Emmy sehr viel Arbeit hatte, saß Anna oft neben ihr und half ihr. »Wann besuchen Sie mich mal, Emmy?« Irgendwann ließ sich der Besuch nicht mehr aufschieben. Als Emmy kam, las Anna gerade in einem Heft. Emmy, selbst eine Leseratte, interessierte sich für den Lesestoff der Kollegin. Anna hielt das Heft hoch und sagte: »Ach, das ist eine Schrift von Herrn General von Viebahn, Schwert und Schild.« Komisch, dachte Emmy, dass Anna sich für solche militärischen Sachen interessiert! Sie unterhielten sich. Irgendwann sagte Anna: »Jeder Mensch muss sich bekehren.« »Ja? Ich dachte, das müssen nur Menschen tun, die ein schlechtes Leben geführt haben. Die gehen zur Heilsarmee und bekehren sich dort.« »Können Sie sich vorstellen, dass Sie einmal vor Gottes Thron sagen können: Ich bin ganz in Ordnung, auch an meinem Lebensstil ist nichts auszusetzen?« »Nein, so könnte ich das nicht sagen. Obwohl ich immer in die Kirche gehe, weiß ich eigentlich nicht so genau, was Gott über mein Leben denkt.« Das Gespräch ging weiter hin und her. Dann sagte Anna Ihle: »Am besten, wir beten jetzt miteinander«, sprach’s, kniete sich an ihrem Wohnzimmerstuhl nieder und betete. Emmy kniete – notgedrungen – auch nieder. Ihr blieb fast die Luft weg. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Zu alledem sagte Anna: »Jetzt können Sie auch beten. Und wenn Sie wollen, sagen Sie dem Herrn Jesus, dass Sie ihm nachfolgen möchten.« 92


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