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Birgit H채mmerle

FariD TR채umEr Der

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Inhalt Farids FluchtrOute . . . . . . . . . . . . . . 008

1. Der Unfall . . . . . . . . . . . . . . . . . .  2. Al-Matrei . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  3. Der Held . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  4. HOher Besuch . . . . . . . . . . . . . . . .  5. Die Säulenhalle . . . . . . . . . . . . . .  6. Der TraUmdeuter . . . . . . . . . . . .  7. Abidemi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  8. Der Pass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  9. Die FreUnde . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. Die Spritztour . . . . . . . . . . . . . . . 11. Denhere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12. Der Abschied . . . . . . . . . . . . . . . . 13. Auf dem Meer . . . . . . . . . . . . . . . 14. In Zinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15. Der Gefährte . . . . . . . . . . . . . . . . 16. Das Gesicht . . . . . . . . . . . . . . . . . 17. Der Grabstein . . . . . . . . . . . . . . . 18. Die Einsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . 19. Gefährliche Pause . . . . . . . . . . . .

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011 016 026 033 040 047 050 053 060 066 072 077 081 093 098 102 109 113 117

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20. Der Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21. Mitgegangen . . . . . . . . . . . . . . . . 22. Die Küste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23. Müll, MOscheen und Motoren . . 24. On The Road . . . . . . . . . . . . . . . . . 25. Siwa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26. Die Sandmänner . . . . . . . . . . . . . 27. Feindlicher Sand . . . . . . . . . . . . . 28. Der Darb Siwa . . . . . . . . . . . . . . . 29. VOr Gericht . . . . . . . . . . . . . . . . . 30. Die Flucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31. Im Garten Eden . . . . . . . . . . . . . . 32. Die wahre Wüste . . . . . . . . . . . . . 33. Unter gUten Sternen . . . . . . . . . 34. Nach Norden – zum Glück! . . . . . 35. Ghaddafis Schatten . . . . . . . . . . 36. Der Fremde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37. Die Höhle . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

126 133 141 144 154 160 169 179 190 195 203 215 220 228 235 243 254 268

Danke! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 BegriffserklärUngen . . . . . . . . . . . . . 279

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Der Unfall

Einmal, einmal im Leben was echt Cooles hinkriegen, dachte Farid. Punktgenau in den regenbogenfarbenen Ölfleck zwischen den beiden Fangbooten pinkeln. Das wär’s! Farid schaute sich über beide Schultern um: nur Männer in Sicht, wie immer hier am späten Morgen. Fischer, die versuchten, im Schatten den Rest des heißen August-Vormittags zu dösen. Manche vertrödelten mit einer weniger schweißtreibenden Arbeit wie Netze flicken die Zeit oder plauderten. Farid konnte ungestört sein kleines Spielchen treiben. Er stellte sich leicht in die Grätsche, rückte ganz nach vorn an den Rand der Kaimauer. Wenn er den Strahl nicht zu steil ansetzte, dann müsste es gelingen. Es spritzte blassgelb über die grüne Jolle rechts, die Abu Hamid gehörte. Fast hatte er’s geschafft – der Ölfleck waberte schon von den Miniwellen, die sein Urin verursachte. Da mischte sich ein ferner, gellender Schrei in das Glucksen der dümpelnden Boote. So schreit doch kein Esel! Farid war so irritiert, dass er nicht nur Abu Hamids blätternden Kahn, sondern auch die bunte Al-Quds von seinem Boss Wael Sharawi jäh in ein Pissoir verwandelte. Beim Ruck am Reißverschluss stellte ein schneller Blick zum Land klar, dass nicht die Spur eines Esels in der Nähe war. Auch nicht – Allah ist barmherzig! – Wael Sharawi. Da! Wieder der gequälte Aufschrei! Lauter jetzt. Farid sah sich aufmerksam um, prüfte die Grüppchen von Fischern, denen die Sonne eine Farbe ähnlich der Aubergine in Tomatensoße von gestern Mittag aufs Gesicht gemalt hatte. Niemand wirkte alarmiert. Die Trägheit hüllte sie ein wie der Morgendunst das ausgedehnte Rund des Mina il-sharqeyja, des antiken Osthafens von Alexandria. Es roch nach Fischabfällen, Katzenkot und Motorenöl. Farids

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Muskeln spannten sich. Er wischte sich mit der schmierig-braunen Kopfbinde, die er meist bei seiner Arbeit im Hafen trug, im Nacken den Schweiß ab. Wenn man schuftete, war die Luftfeuchtigkeit manchmal unerträglich in Alex. Gerade wollte er sich wieder den Paletten mit Ghii-Dosen, Reis und Säcken mit Linsen zuwenden, da hörte er es wieder. Diesmal war der Laut schrill und eindeutig: »Hilf…« – der Rest des Wortes ging im Schwappen und Plätschern der schwankenden Boote unter. Farid drehte sich jäh herum. Wo, bei Allah, kommt das her? Er hielt schützend die Hand über seine wachen braunen Augen und versuchte trotz der gleißenden Lichtreflexe auf dem Wasser auszumachen, wer da Hilfe brauchte. Vielleicht jemand zwischen den Reihen der vertäuten Jollen, auf die er gerade gepinkelt hatte? Nein, weiter draußen. Nur wo, beim Schaitan? Hinter den Ruderbooten wiegten sich zwei rostige blaue Trawler und weiter draußen eine weiße Jacht – nein, nirgends was zu sehen! Die Ader am Hals schwoll an. Das passierte Farid immer, wenn er voller Adrenalin steckte. Da musste doch jemand sein, W’in-Nabbi – beim Propheten! Jetzt war stattdessen in Fetzen Sharawis ärgerliche Stimme zu hören. Der ungeliebte Chef erinnerte ihn von Weitem mit fuchtelnden Armen, dass er noch lange nicht genug Holzpaletten geschleppt hatte, um die mageren zwanzig Pfund für heute zu verdienen. Immerhin hatte er nicht mitgekriegt, was Farid mit seinem Boot angestellt hatte. Hoffte er. »Hilfeee!!« Diesmal war der Ruf glasklar – und an der weißen Bordwand der Jacht zeigte sich kurz ein schwarzer Körper, strampelte, stieß einen gurgelnden Ton aus und tauchte wieder in den schmalen Schatten ab, den das elegante Gefährt in der Sonne warf. Farid zögerte. Auf dem Schiff, an dessen Bordwand der klingende Name »Denise« gepinselt stand, war niemand zu sehen, dem er ein Zeichen geben konnte. Warum kommt der nicht mehr hoch? In Farids Ohren pochte es. Während er ungestüm den Reißverschluss der verschlissenen Jeans wieder herunterzippte und Flipflops und Hose abstreifte, versuchte er, sich im Bruchteil einer Sekunde die

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Strecke zur Jacht einzuprägen. Er musste superschnell sein. Wer auch immer da draußen um sein Leben kämpfte, hielt garantiert nicht mehr lange durch! Bloß wie? In der Luftlinie lagen etliche Boote im Weg, die ihn zwangen, im Zickzack zu schwimmen – nein, zu tauchen! Er rechnete sich genau zwei Stopps zum Luftholen aus, dann sprang er – Schei…! – genau in den bunten, schillernden Ölfleck, in den er eben so fröhlich gezielt hatte. Egal, jalla – flott jetzt! Farid war ein guter Schwimmer, mittelgroß, breite Schultern. Oft schon war er vor der Küste vom Boot aus ins türkisgrüne Wasser gesprungen, wenn sie auf Fisch warteten und sich ewig nichts rührte. Aber normalerweise schwamm er nicht in versifftem Hafenwasser im Slalom um Fischerboote herum. Die Aktion hier – das war was anderes, ein paar Nummern größer als alles, was er kannte. Er tauchte unter mit glitschigen Algen umschlungenen Seilen durch. Dabei musste er auf ausreichend Abstände zum Luftholen achten, denn die Taue und die tanzenden Hartplastikkanister, an denen die meist grün gestrichenen Boote festgemacht waren, kamen ihm in unregelmäßigen Abständen entgegen. Etwas streifte ihn. Ratten? Dumpf machte er Stimmen am Kai aus, scherte sich nicht darum. Ein signalrotes Ausrufezeichen stand ihm vor Augen: schnellstens hin zu dieser »Denise« – auch, wenn er in der beißenden Öl- und Abfallbrühe nichts sehen konnte. Da, endlich hatte er sich in den freien Bereich um die Jacht vorgekämpft, wo das Wasser von der Sonne einen oder zwei Meter tief erhellt wurde. Jetzt sah er den anderen. Nah jetzt. Ein schwarzer Körper. Ach so: Neopren! Was ist das denn – ein Taucher, der absäuft? Er zappelte kurz und verzweifelt, dann sank er wieder bleiern ein Stück Richtung Meeresboden. Farid musste nach oben, dringend die Lungen füllen. Dann entdeckte er es: ein dünnmaschiges Netz aus Nylon, wie es die Fischer nutzten, die am Strand auf Beute gingen. Er konnte es kaum sehen. Das Meer hatte das gefährliche Nichts vom Strand gestohlen und in den Fischerhafen gespült. Wie ein Pelikan schnappte Farid über Wasser nach Luft und tauchte dann in kräftigen Zügen ganz nah an den Typen heran.

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Jetzt konnte er das Netz spüren! Er hütete sich davor, in seine Nähe zu kommen. Farid brachte sein Gesicht vor der Taucherbrille der verhedderten Gestalt in Position, wollte Blickkontakt aufnehmen. Er schüttelte den Taucher, stieß ihn an. Nichts. Null! Viel konnte er im trüben Wasser nicht erkennen und der Kerl schien ihn nicht zu sehen. Ist der bewusstlos? An der Brille hing ein Schnorchel, das Mundstück schwamm aber im Wasser. Farid packte den Verunglückten fest am Arm und rüttelte ihn verzweifelt. Der reagierte schwach – endlich! – mit einer grotesken Verrenkung des Oberkörpers. Farid stemmte sich von unten gegen ihn, aber das vermaledeite Netz hakte, jedenfalls war Zug drauf. Er schaffte es nicht, den Typen zum Licht zu heben! So also nicht. Farid musste wieder hoch – schnell! –, Luft holen. Zudem spürte er, dass ihn die Strecke zu dem Motorschiff mehr angestrengt hatte, als er dachte. Seine Muskeln waren zu Holz geworden. Wie weiter? Eine Männerstimme ertönte von oben. Aufgekratzt gestikulierte jemand an Deck mit den Händen. Farid verstand nicht, was er sagen wollte. Er rief stattdessen laut: »Ein Messer! Schnell, Mann!« Eine milde Brise war aufgekommen, die Jacht schaukelte in der Dünung und verpasste Farid einen Mundvoll Salzwasser. Das Salz ätzte. Er musste husten. Der Taucher regte sich nicht mehr und Farid drängte heftig: »Messer! Bringt hier mal wer ein Messer?!« Es schien die Zeit eines Gebets in Würde zu dauern, bis der Kopf oben wieder erschien – endlich! Der Mann warf ein Brotmesser herunter und Farid konnte es fangen, erwischte aber die Klinge und schnitt sich in die Handfläche. Jetzt schnell – wieder runter, das Netz zerschneiden, zerren, den Kerl freikämpfen! Waren es Stunden, bis er das Gewebe endlich von der Unterseite des Schiffes befreit hatte? Als es schließlich durchtrennt war, sank der Taucher, gezogen von den Gewichten in seinem Gürtel, in die Tiefe. Farid platzten fast die Lungen, aber er wusste, dass der ihm unausweichlich verloren ging, wenn er ihn in diesem Moment sich selbst überließ. Mann, ich schaff das nicht! Der Drang zu atmen: übermächtig! Farid zwang sich trotzdem, diesen verdammten Gür-

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tel wegzuschneiden. Bei Allah, los doch! Wurde ihm gleich schwarz vor den Augen? Allah, Allbarmherziger! In Farids Ohren dröhnte ein Wasserfall, schmerzte – weiter, weiter, der Gürtel musste ab! Endlich gab etwas nach und beide wurden leicht nach oben gehoben, als das Gewicht runter in die Finsternis trudelte. Farid schlug kräftig die Beine zusammen, zerrte verkrampft den leblosen Körper mit nach oben – es musste einfach gelingen, es musste! Da, endlich spürte er Licht – und Luft, so viel Luft, schöne, satte Luft! Wie ein Airbag sog er sich voll mit Sauerstoff. Farid zog und zerrte weiter an dem Neopren, seine Schnittwunde brannte höllisch, da war das Gesicht! Erst konnte er seine kalten, verkrampften Finger kaum vom Arm lösen, dann riss er an der Gummihalterung der Taucherbrille: Das Teil muss ab, weg damit, fort! Unter der Brille erschien ein Gesicht, leichenblass, die Augen geschlossen. Mann, das ist ja ein Junge! Er war kaum älter als Farid selbst. Stimmen jetzt, weit weg. Neben ihm platschte etwas ins Wasser, er schloss die Augen. Jetzt sterben, ja. Seine Arme wurden ergriffen, er war so matt, der Nebel wurde dichter, er sah … nichts … mehr.

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