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Friedrich-Wilhelm von Hase (Hg.)

Hitlers Rache Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer


Inhalt Geleitwort – Friedrich von Jagow . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Berichte von Zeitzeugen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Die Rache des Regimes an der Familie von Hase . . . . . Er sollte Goebbels verhaften – Generalleutnant Paul von Hase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Margarethe von Hase – die Ehefrau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Baronin Ina von Medem – die ältere Tochter . . . . . . . . . . . Maria-Gisela Boehringer – die jüngere Tochter . . . . . . . . . Alexander von Hase – der ältere Sohn . . . . . . . . . . . . . . . . . . Friedrich-Wilhelm von Hase – der jüngere Sohn . . . . . . . . Karl-Günther von Hase – der Neffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 »Der Absturz kam schnell und brutal« – Berthold Schenk Graf von Stauffenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.3 Aus dem Tagebuch einer Zwölfjährigen – Christa von Hofacker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.4 »Ich war mit 15 Jahren der Älteste« – Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld . . . . . . . . . . . 1.5 »Dort war richtig was los« – Erinnerungen eines Elfjährigen – Albrecht von Hagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.6 Nur noch Erinnerungsbruchstücke – Nicolai Freiherr Freytag von Loringhoven . . . . . . . . . . . . . . . . 1.7 Ein schwerer Abschied – Gottliebe Gräfin von Lehndorff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.8 »Noch heute Narben« – Rainer Johannes Christian Goerdeler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.9 »Getrennt von meinen Kindern, gerettet durch die Wehrmacht« – Fey von Hassell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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2. Beiträge der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1 Der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 – Joachim Scholtyseck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2 Generalleutnant Paul von Hase (1885 – 1944) – Roland Kopp . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Christlicher Glaube und militärischer Widerstand gegen Hitler – Hans-Joachim Ramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4 Gebunden an den Fahneneid? – Roland Hartung . . . . . . 2.5 Vor dem Volksgerichtshof – Arnim Ramm . . . . . . . . . . . . . 2.6 Die Sippenhaft als Repressionsmaßnahme – Johannes Salzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.7 Legitimation des Widerstandes im Nachkriegsdeutschland – Rüdiger von Voss . . . . . . . . . . . . . 3. Ein Blick von außen: Zivilcourage – Asfa-Wossen Asserate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Liste der Bad-Sachsa-Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2 Antwort Heinrich Himmlers auf das Gnadengesuch Helene von Hintzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Textnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.4 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.5 Autorenbiografien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Berichte von Zeitzeugen 1.1 Die Rache des Regimes an der Familie von Hase Er sollte Goebbels verhaften – Generalleutnant Paul von Hase eneralleutnant Paul von Hase,1 Wehrmachtkommandant von Berlin von 1940 bis zum 20. Juli 1944, gehörte zur kleinen Gruppe von Wehrmachtsoffizieren im Generalsrang, die aktiv am Staatsstreich beteiligt waren. Seine schon vor dem Kriege ablehnende Haltung gegenüber dem NS-Regime wurde durch die sogenannte Fritsch-Affäre des Jahres 1938, die ihn wie alle näher Eingeweihten entsetzte, eine endgültige. Hases regimekritische Haltung änderte sich auch nicht in den folgenden Jahren, als er, nach kurzem Fronteinsatz in Polen und Frankreich, 1940 Wehrmachtkommandant von Berlin wurde. Der antikirchliche und judenfeindliche Kurs der Nazis waren für den national-konservativen Offizier, der aus einer alten Theologenfamilie stammte, nicht tolerabel. Und soweit Hase es vermochte, setzte er sich auch in seiner Berliner Zeit immer wieder für Hilfesuchende und vom Regime bedrohte Menschen ein, darunter bekanntlich auch für seinen Neffen Dietrich Bonhoeffer.2 In Erinnerung sind dem Herausgeber noch Äußerungen seiner Mutter aus den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Sie sagte ihm, dass sein Vater die Chancen des Gelingens des Staatsstreichs, an dessen konkreten Planungen er offenbar nicht unmittelbar beteiligt war, eher

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Den einzelnen Zeitzeugenberichten wurden zum besseren Verständnis kurze einführende Texte durch den Herausgeber vorangestellt. 2 Andererseits zwang ihn seine in die Öffentlichkeit wirkende militärische Position, gelegentlich zu Äußerungen und Handlungsweisen, die nur vor diesem Hintergrund und dem Zwang der Verhältnisse verständlich werden (s. Roland Kopps Beitrag »Generalleutnant Paul von Hase« im vorliegenden Buch, S. 183ff.).

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skeptisch beurteilt habe. Aber die Verschwörer kannten Paul von Hase so weit, dass sie davon ausgingen, im entscheidenden Moment auf ihn zählen zu können. Und es wäre ihm auch nicht in den Sinn gekommen, sich in extremis von der Sache loszusagen und seine Freunde zu verraten. Denn das wäre der Preis gewesen, um sich und seine Familie zu retten. Bei der militärischen Umsetzung der Pläne der Operation Walküre in der Reichshauptstadt kam Hase sogar eine Schlüsselrolle zu. Verfügte er doch über Truppen, die das Regierungsviertel abriegeln und Minister Goebbels in seinem Amtssitz verhaften sollten. Der Plan scheiterte, nicht zuletzt, weil die Bombe Stauffenbergs in der Wolfsschanze den Diktator nicht getötet hatte. Nach Aussagen von Pfarrer Harald Poelchau, der in Plötzensee mit den zum Tode Verurteilten vor ihrem letzten Gang sprechen konnte, seien am 8. August 1944 sowohl Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben als auch Generalleutnant Paul von Hase »vollkommen gefasst« und als »überzeugte Christen in den Tod« gegangen.3 Einen Abschiedsbrief zu schreiben blieb Hase versagt! Weiterführende Informationen findet der Leser im Beitrag von Roland Kopp, »Generalleutnant Paul von Hase«, im vorliegenden Buch (S. 183 ff.).

Margarethe von Hase – die Ehefrau Der vorliegende Text ist ein Auszug aus den unveröffentlichten, in den frühen Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für ihre Angehörigen verfassten Lebenserinnerungen der Margarethe von Hase, geborene Baronesse von Funck. Das gesamte Manuskript umfasst 186 Schreibmaschinenseiten und endet mit der hier abgedruckten Schilderung des 20. Juli und der Wochen danach. 3

Vgl. Roland Kopp, Hase, Karl Paul Immanuel von, in: Harald Schultze (Hg.), Andreas Kurschat (Hg.), Claudia Bendick (Mitarbeit), »Ihr Ende schaut an …«. Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2006, S. 298-299.

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Sehr ernst sah mein Mann in die Zukunft. Nachdem ich bei Freunden auf dem Lande gewesen war, kehrte ich am 13.7.44 wieder nach Berlin zurück. Dort fiel mir auf, daß mein Mann mit seinen Gedanken sehr beschäftigt war. Schließlich erzählte er mir, daß ein Attentat auf Hitler geplant sei. Den Namen des Grafen Stauffenberg nannte er mir gegenüber aber nicht. Er erzählte mir jedoch, daß er am 13. Juli zum Generalobersten Olbricht befohlen war, wo ihm eröffnet wurde, daß ein Attentat auf Hitler geplant sei. Um das deutsche Volk vor der endgültigen, schwersten Katastrophe zu bewahren, bliebe, da Hitler wahnsinnig sei, kein anderer Ausweg mehr übrig. Mein Mann setzte hinzu: »Ich glaube, daß es zu spät ist, und sterbe ich, so sage Dir, daß ich zu den letzten preußischen Offizieren der kaiserlichen Armee gehörte, der ich bis zu meinem Tode treu bin.« Ich bezweifle, daß mein Mann Näheres wusste, da möglichst Wenige eingeweiht sein sollten. Als am frühen Nachmittag des 20. Juli 1944 General Olbricht mit den Worten »Es ist so weit« meinen Mann anrief, gab mein Mann das Stichwort »Walküre« an die ihm unterstellten Truppenteile durch. Nach Eintreffen der Kommandeure in der Kommandantur, hielt mein Mann den anwesenden Offizieren eine kurze Ansprache. Er sagte: »Der Führer ist tot, die vollziehende Gewalt geht in die Hände des Heeres über.« Dieser Satz genügte für die Gestapo, mir bei den Verhören stets vorzuhalten, daß damit der Beweis erbracht sei, die Offiziere waren beim Hören dieser Rede für den Putsch, andernfalls hätten sie doch darauf bestehen müssen, daß Göring, der ja der Stellvertreter des Führers war, Hitlers Nachfolger geworden wäre, niemals aber durfte das Heer die vollziehende Gewalt ausüben. So trat der vernunftwidrige Fall ein, daß ich, da ich diese Offiziere zu entschuldigen versuchte, auch das Verhalten des Majors Remer verteidigte. Major Remer, der Kommandeur des Wachbataillons Berlin, hatte von meinem Manne den Befehl bekommen, das Regierungsviertel zu umschließen und niemand durchzulassen, weder einen 23


Minister, Gauleiter noch sonst wen. Diesen Befehl hatte Major Remer durchgeführt und meinem Mann danach gemeldet, daß das SS-Hauptamt am Anhalter Bahnhof noch verstärkt zu sichern sei. Ohne Widerspruch der anwesenden Offiziere, zu denen Major Remer gehörte, bildete mein Mann unterdessen 30 Stoßtrupps zur Verhaftung der Größen des sogenannten »Dritten Reichs« (s. Völkischer Beobachter). Da kam gegen 18 Uhr die Meldung durch den Rundfunk, daß der Anschlag auf Hitler misslungen ist. Nach dieser Durchgabe ging Herr Remer eine Stunde in Berlin spazieren; inzwischen hatte Oberleutnant Dr. Hagen, der an diesem Tage mit Remer im Kasino zu Mittag gegessen hatte und dann zu Goebbels gefahren war, Remer einen Leutnant in die Kommandantur nachgeschickt, der diesem eröffnen sollte, umgehend zu Goebbels zu kommen. Ohne meinen Mann davon in Kenntnis zu setzen, fuhr Major Remer nun zu Goebbels, nicht wissend, wie sich Goebbels ihm gegenüber verhalten würde, da er doch mit seiner Truppe das Regierungsviertel, in dem sich Goebbels befand, umstellt hatte. Remer sagte sich wohl, daß Goebbels viel zu klug sei, um an die Darstellung zu glauben, der Befehl meines Mannes hätte einem geplanten Putsch der ausländischen Arbeiter gegolten. Remer ließ sich von einem Zug Soldaten begleiten, denen er den Befehl gab, ihn nötigenfalls mit Gewalt herauszuholen, wenn er nicht innerhalb zwanzig Minuten zurück sein würde. Goebbels wußte, in welcher Gefahr er sich befand, und sah Rettung nur durch einen Offizier des Heeres; großartige Versprechungen machte Goebbels, wenn sich Remer gegen seinen Vorgesetzten, den Kommandanten von Berlin, stellen würde. Nachdem Remer die Schwenkung vorgenommen hatte, glaubte er wohl, daß die größte Stunde seiner militärischen Laufbahn gekommen sei. Mit allen Mitteln mußte er verhindern, daß Zeugen für sein Verhalten vorhanden waren; deshalb veranlaßte er, daß die engsten Mitarbeiter meines Mannes gesondert festgesetzt wurden. Damit ist es auch zu erklären, daß der Oberstleutnant i.G. Schöne, Major Graf Schack und Haupt-

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mann i.G. Hayessen zum Tode verurteilt wurden. Welche seelischen Qualen mußten diese Männer noch über sich ergehen lassen, da alle Angehörigen der Männer des 20. Juli in Sippenhaft kamen. Hätte da Remer, der ja der mächtige Mann des Tages geworden war, nicht wenigstens der ritterliche Gedanke kommen müssen, sich schützend vor die Witwen und Waisen zu stellen? Ob solch ein Mann kein Gewissen hat? Oder ob er, und wenn es auch erst in seiner Todesstunde ist, seine Handlungsweise vor Gott bereuen wird? Inzwischen hatte Goebbels die Verbindung mit dem FührerHauptquartier herstellen lassen. Major Remer erhielt nun die weiteren Befehle unmittelbar von Hitler. Während Graf Stauffenberg sich mit äußerster Kraftanstrengung bemühte, die schon auf Berlin rollende Truppe voranzutreiben, setzte die Gegenwirkung Remers ein. Generaloberst Beck, General Olbricht und Generaloberst Höppner waren zu Meuterern erklärt worden, alles schien verloren. Da der Stoßtrupp, der Goebbels verhaften sollte, nicht zurückgekehrt und wohl von Remer abgefangen worden war, faßte mein Mann den Entschluß, persönlich Goebbels zu verhaften, um die Reichshauptstadt dennoch in seine Hand zu bekommen. Zu dieser Stunde ließ Major Remer Soldaten mit gefällten Bajonetten die Kommandantur besetzen und in unsere Wohnung eindringen. Alle, die wir uns in der Kommandantur befanden, wurden festgesetzt. Die Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944 werde ich nie vergessen; Soldaten mit Handgranaten in den Stiefeln bewachten uns. Wie sehr aber sorgte ich mich um meinen Mann; ihm war es nicht gelungen, Goebbels zu verhaften. So war mein Mann, ohne es zu ahnen, mitten in die Truppe der Gegenaktion hineingefahren. Der Obersturmbannführer Huppenkothen soll im Auftrag Himmlers meinen Mann verhaftet und an einem mir unbekannten Ort festgesetzt haben. Am 8. August 1944 wurde mein Mann vom Volksgerichtshof als Feind des Nationalsozialismus zum Tode verurteilt. In dieser für mich unvergeßlichen Nacht des 20./ 21. Juli 1944 dachte ich an das Bild der Erschießung der Schill’-

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schen Offiziere4; einige sitzend, einige stehend, sah man ihnen an, daß sie wußten, welches Schicksal ihnen bevorstand. Im Schreibzimmer meines Mannes in der Kommandantur »Unter den Linden« befanden sich: Oberstleutnant Schöne sowie die beiden anderen, von meinem Mann besonders geschätzten Offiziere, Major Graf Schack und Hauptmann i.G. Hayessen; der Letztgenannte durfte den Schreibtischstuhl meines Mannes nicht verlassen, an jeder Seite stand auf persönlichen Befehl des Majors Remer ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett. Eine Erklärung hierfür dürfte sein, daß Hauptmann Hayessen bei jedem Gespräch, das mein Mann im Laufe des Tages mit Major Remer führte, zugegen war; zu diesen Zeitpunkten stand es noch günstig für die Offiziere des 20. Juli. Hayessen, als Zeuge, sollte mundtot gemacht werden. Wie schwer war es für mich, das alles mitzuerleben! Meine Tochter Maria (20 J.), mein Sohn Alexander (19 J.) und ich durften die Kommandantur während zwei mal 24 Stunden nicht verlassen. Am 1. August 1944 wurde ich, und einige Stunden später wurden meine beiden Kinder von der Gestapo verhaftet. Bei meiner Verhaftung wollte ich einen Sommermantel anziehen, was mir der Gestapomann verbot. Ich fragte ihn, ob ich gleich erschossen würde. Diese Frage sei, so sagte man, ein Eingeständnis meiner Schuld. Begleitet von den beiden Gestapobeamten wurde ich in das Arbeitszimmer meines Mannes geführt, wo sein Schreibtisch völlig durchwühlt wurde. Da mein Mann niemals etwas Belastendes besessen hatte, konnte auch nichts gefunden werden. Aber für mich trat etwas Belastendes ein; ich selber hatte am 19. Juli das Behörden-Hitlerbild, das im Arbeitszimmer meines Mannes hängen mußte, abgehakt und mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt. Einer der Gestapoleute fuhr mich mit den Worten an: »Wes4

Elf Offiziere aus dem Freikorps des preußischen Majors Ferdinand von Schill (1776 bis 1809) wurden am 16. September 1809 von französischen Truppen in Wesel standrechtlich erschossen.

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halb steht das Bild des Führers mit dem Gesicht gegen die Wand gelehnt?« Zum Glück hatte ich ja Zeit gehabt, mich auf diese Frage vorzubereiten, und ich stellte mit ruhiger Miene die Gegenfrage, wie es wohl käme, daß die Fenster mit den Rahmen herausgefallen seien, doch wohl durch die Bombenangriffe. Ich wurde in das Gefängnis nach Berlin-Moabit gebracht und kam in eine Einzelzelle des Ganges, wo die zum Tode Verurteilten untergebracht waren. Jede Nacht wurden aus den Nebenzellen Frauen zur Hinrichtung abgeholt; diejenigen, die zu schwach waren, um gehen zu können, wurden auf einen Wagen gelegt und so aus dem Gefängnis geschafft. Unbeschreiblich war das Schreien der gequälten Opfer, nie kann ich das vergessen. Wir blieben auch während der schweren Fliegerangriffe auf Berlin in den Zellen. Neben uns, in einem Seitenflügel, kamen bei einem solch schweren Bombenangriff viele der unglücklichen Gefangenen ums Leben. Ständig bangte ich um meine mitgefangene Tochter Maria und ich fragte mich, ob auch sie zu den Toten gehöre; ich hatte sie vorher aus meinem Zellenfenster, das kein Glas mehr hatte, auf dem Gefängnishof gesehen. Die seelischen Qualen waren entsetzlich schwer und oft war es mir, daß ich sie länger nicht ertragen könne. Ich erfuhr weder etwas über meinen Mann noch über unsere Kinder. Erst nach einigen Wochen Einzelhaft wurde ich verhört. Die Verhöre begannen abends und wurden am nächsten Morgen sehr früh fortgesetzt. Noch jetzt erscheint es mir als ein Wunder, daß ich einem Verhör, das von fünf Kommissaren geführt wurde und einen ganzen Tag dauerte, standgehalten habe. Einer der Kommissare schüttelte mich bei seinen Worten: »Sie regen sich ja gar nicht auf.« Nun fing die Gestapo an, mit anderen Mitteln auf mich einzuwirken. Der Kommissar schrie mich an, dann zeigte er eine triumphierende Miene: »Ihre Tochter hat uns schon gestanden, daß sie alles wusste; sie hatte doch die geheimen Befehle Ihres Mannes für ihn getippt.« Ich erwiderte dieser Bestie: »Ich weiß, daß Sie ein Opfer haben wollen, schlagen Sie mich in Stücke, aber verschonen Sie mein unschuldiges Kind.« 27


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