395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 3 – 4. Korrektur
Christof Klenk
Winnetou am Wickeltisch Erlebnisse eines Vollblutpapas
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 39 – 4. Korrektur
Bakterienhimmel Haben sich die Macher von Karius und Baktus eigentlich mal Gedanken gemacht, welche Nebenwirkungen ihre zahnhygienische Aufklärungskampagne haben könnte? In den letzten dreißig Jahren hat sich in Schule und Kindergarten einiges verändert. Heutzutage lernen die Kinder anders Lesen und Schreiben als wir (vom Wort zum Buchstaben), starten schon in der Grundschule mit Englisch, und Schläge bekommen sie auch keine mehr (gab’s zu meiner Schulzeit allerdings wohl nur noch in Bayern). Eine Sache hat sich erstaunlicherweise überhaupt nicht geändert: Die zahnhygienische Aufklärung. Immer noch hören unsere Kinder, dass sie ihren Mund sauber halten sollen, ansonsten werden Karius und Baktus Häuser in ihren Zähnen bauen. Eigentlich ist die ganze Geschichte politisch völlig unkorrekt. Irgendwie sind die beiden Hauptfiguren des Zahnabenteuers doch auch Menschen – zumindest werden sie so dargestellt. Darf man diese netten Gesellen einfach aus ihren angestammten Wohnungen vertreiben, nur weil sie in Zähnen leben? Und dann auch noch mit einer Bürste und ohne ihnen eine gleichwertige Alternative anzubieten, sie also quasi der Obdachlosigkeit überlassen? Jeder Gutmensch muss diese beiden Fragen klar mit Nein beantworten, aber unsere Kinder sollen sich über die Entwurzelung von zwei Lausbuben freuen und kräftig zur Zahnbürste greifen. Das ist doch barbarisch! 39
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 40 – 4. Korrektur
Vielleicht werden Sie jetzt sagen: Wie kann man um eine derart unschuldige Geschichte so viel Aufhebens machen. Ich halte dagegen: Bei unserer Maren hat die Gesundheitspropaganda der Krankenkassen tiefe Spuren hinterlassen. Karius und Baktus werden fast jeden Tag thematisiert. Neulich hat sie bei meinen Eltern übernachtet. Abends war ihre Zahnbürste verschwunden. Maren ist während der Suche eingeschlafen. Meine Eltern wollten es dabei bewenden lassen. Ein folgenschwerer Fehler! Um vier Uhr nachts stand Maren im Schlafzimmer ihrer Großeltern und hielt einen Vortrag über Karius und Baktus und dass die beiden wahrscheinlich ganze Gebäudekomplexe in ihren Zähnen angelegt hätten, weil sie ohne Putzen ins Bett gegangen war. Aber sie macht sich nicht nur Gedanken um ihre Zähne, der Verbleib von Karius und Baktus ist ihr fast ebenso wichtig. Vor einigen Wochen wurde ich mit einer Frage konfrontiert, die mich ziemlich ins Grübeln brachte: »Papa, kommen Karius und Baktus eigentlich in den Himmel?« »Ich glaube nicht«, habe ich geantwortet. Aber diese Information fand sie inakzeptabel. Hätte ich ihr was vom Bakterienhimmel erzählen sollen? Etwa acht Jahre später gab es eine große Diskussion darüber, ob man die Texte politisch unkorrekter Kin derbuchklassiker in den Neuausgaben bereinigen soll oder nicht. 40
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2005 Nicht immer nur spucken! Unsere Maren ist ein nettes, umgängliches und höfliches Kind mit hoher Sozialkompetenz – dachten wir. Doch neulich hatten wir ein Gespräch mit ihr, das uns doch ziemlich ins Grübeln gebracht hat. »Mama, ich würde gerne mal die Antje (Name wurde geändert, CK) einladen«, meinte sie am Mittagstisch. Schon diese Aussage sorgte bei uns für eine gewisse Verblüffung. Wir kennen das Mädchen hauptsächlich aus Marens Erzählungen. Es gibt in ihrer Welt Kinder, die fast immer ihre Freundinnen sind, und welche, die es mal sind und mal nicht, aber Antje – ein Mädchen aus Marens Kindergartengruppe – gehörte zur dritten Kategorie: Ihr Name blieb regelmäßig unerwähnt, wenn unser Kind ihre Freundinnen aufzählte. Das hatte auch einen Grund. Aus Marens bisherigen Berichten hatten wir entnommen, dass Antje ein ziemlich ungenießbares Mädchen ist. Kratzbürstig, wild, unberechenbar – quasi ein weiblicher Kevin. Maren wollte sie nicht in ihrer Bande haben. Ihr Kindergarten liegt zwar nicht in einem sozialen Brennpunkt, aber aus Gründen, die sich uns bis jetzt nicht erschlossen haben, ist Bandenzugehörigkeit wohl trotzdem wichtig. 41
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 42 – 4. Korrektur
Jedenfalls wollte Maren Antje nun doch einladen, und wir fragten erstaunt nach, wie es zu diesem Sinneswandel gekommen war. Die Antwort versetzte uns in weitaus größere Verblüffung als ihre Frage: »Seit ich Antje nicht mehr anspucke, in den Rücken trete und schlage, ist sie richtig nett.« Dass sich unsere Tochter im Haifischbecken Kindergarten ab und zu auch mal körperlich zur Wehr setzt, hatten wir vermutet, aber nun sprach sie so beiläufig über ihre Gewalttaten, als wäre das die normalste Art, miteinander umzugehen. Sie schien selbst davon überrascht zu sein, dass es auch anders ging. Ich möchte hier nicht den guten Ruf unserer Tochter aufs Spiel setzen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sie meistens ganz nett mit anderen Kindern umgeht und nicht zu den Rabauken zählt. Ansonsten wären wir von ihrer Gruppenleiterin sicher schon mal zur Seite genommen worden. Aber vielleicht können Sie aus ihrer Erfahrung lernen. Vielleicht wäre Ihr Nachbar viel netter zu Ihnen, wenn Sie ihn nicht regelmäßig anspucken und treten würden? Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, meine Kollegen, statt mit dem üblichen Boxschlag zwischen die Rippen, einfach mal mit einem freundlichen »Guten Morgen« zu begrüßen. Maren ist tatsächlich auch kein Rabauke geworden.
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395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 43 – 4. Korrektur
Naturvölker Naturvölker sind in der Kleinkind- und Babyszene unglaublich politisch korrekt. Besonders unter Hebammen genießen die Dschungeleinwohner einen sagenhaften Ruf. Naturvölkerbabys werden von ihren Müttern ohne Kaiserschnitt und PDA – auf ganz natürlichem Wege – auf die Welt gebracht, haben keine Probleme mit Koliken, brauchen keine Krankengymnastik, um Laufen zu lernen, und werden gestillt, bis sie sich durch die Jagd selbst ernähren können. Ist das nicht wunderbar? Die Hardliner unter den Naturvölkerfans plädieren sogar dafür, Babys nicht zu wickeln. Angeblich machen die Kinder schon von Geburt an durch einen Laut auf ihr menschliches Bedürfnis aufmerksam. Naturvölkermamis verstehen dieses Signal und halten ihr Baby vor die Hütte. In unserer verderbten Zivilisation wird die Verlautbarung des Neugeborenen einfach ignoriert. Kein Wunder, dass es irgendwann schweigt – oder nur noch schreit! Auch wenn man mir vorwerfen wird, dass ich von der Windelindustrie vereinnahmt bin: Ich kaufe lieber Pampers als Teppichreiniger! Ich finde es schon schlimm genug, dass die Gehwege übersät sind mit Hundekot. Babysignale hin oder her – niemand sollte sein Kind hierzulande vor die Haustür halten müssen. Die Naturvölker können das halten, wie sie wollen. Ich steige ja auch nicht 43
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 44 – 4. Korrektur
vom E-Mailen aufs Trommeln um, nur weil das auf einigen Südseeinseln gut funktioniert! In einigen besonders abgelegenen Stämmen Neuguineas – so habe ich mir erzählen lassen – ist es üblich, dass die Frau nicht nur die Kinder großzieht, sondern auch den Laden schmeißt, während die Männer am Lagerfeuer sitzen und Drogen konsumieren. Selbst dieses Rollenmodell lockt mich nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob unsere naturbegeisterten Stillberaterinnen dort 24 Stunden überleben würden. Doch ich muss zu einem ganz anderen Thema wechseln, denn der Leser dieser Kolumne hat das Recht auf eine Anekdote aus unserem Familienalltag: Neulich haben Maren und ich Musik gehört. Ich sagte: »Ich finde das Lied richtig geil.« Darauf unsere Fünfjährige: »Ich auch, aber ich darf das Wort nicht benutzen.« Ein vorbildliches Kind, oder? Von den Freunden der Naturvölker musste ich har sche Kritik für diese Kolumne einstecken. Ein Eltern paar schrieb mir, bei ihrem Baby hätte das prima funktioniert mit der »Ausscheidungskommunika tion«.
Kinder braucht das Land Haben Sie auch die besten Kinder der Welt? Ja? Nun ja, ich glaube schon, dass Ihre Kinder toll 44
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 45 – 4. Korrektur
sind, aber im Grunde meines Herzens bin ich überzeugt, dass ich die besten Kinder der Welt habe. Beweise gefällig? Über den vorbildlichen Wortgebrauch unserer Maren habe ich bereits berichtet. Und immer wieder werden wir gefragt: Wie macht ihr das bloß? Darauf kann ich nur sagen: Es ist ganz leicht. Wenn eins unserer Kinder ein »böses« Wort verwendet, ignorieren wir es erst mal. Wenn es wieder vorkommt, weisen wir es darauf hin, dass wir nicht möchten, dass es dieses Wort verwendet. Danach hören wir das Wort dann auch meistens nicht mehr. Ist das nicht wunderbar? Unsere Kinder gehen auch toll miteinander um. Gestern haben sie sich mindestens zehn Minuten lang gegenseitig mit einem Igelball massiert, ohne dass wir sie dazu aufgefordert hätten. Die Kleine lag völlig entspannt auf dem Boden und meinte: »Das ist schön.« Unser Elternjob ist supereinfach. Letzten Samstag haben wir unsere Maren darum gebeten, das Kinderzimmer aufzuräumen. Eine halbe Stunde später war der Raum in einem Topzustand. Ins Bett bringen, ist bei uns überhaupt kein Problem. Um halb acht gehen unsere Kinder freiwillig ins Bett. Danach tauchen sie im Wohnzimmer nicht mehr auf und wir haben unsere Ruhe. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass unsere Kinder sehr genügsam sind. Sie haben keine teuren Wünsche und können sich über Kleinigkeiten noch so richtig freuen. 45
395523000/1 – 9393 – Klenk_Winnetou am Wickeltisch typoscript [AK] – 18.02.2014 – Seite 46 – 4. Korrektur
Wahrscheinlich haben Sie jetzt eingesehen, dass ich die besten Kinder der Welt habe. Zugegeben – die Euphorie kann übergangslos in tiefe Verstimmung umschlagen. Dass unsere Kinder Stück für Stück unsere Einrichtung auseinandernehmen, gehört nicht hierher. Dass von den Boxen an der Musikanlage die Fetzen runterhängen und Lena gerne mit dem Finger im Hochtöner bohrt, will ich unerwähnt lassen. Die Boxen habe ich mir gekauft, als ich noch zu den Superreichen dieser Welt gehörte. Ich war Single, wohnte bei meinen Eltern und wusste gar nicht, wie ich das ganze Geld, das ich als Zivi verdiente, unter die Leute bringen sollte. Heute verdiene ich ein Mehrfaches, aber solche Boxen kann ich mir nie mehr leisten. Es ist schon teuer genug, die absolut lebensnotwendigen Gegenstände alle paar Monate zu erneuern: Der Mixer ist angeschmort, die Wände sind vollgekrickelt, die Personenwaage wird alle paar Monate geschrottet. Auch wenn sich die Faust in meiner Tasche ballt, während ich darüber nachdenke – berichten will ich darüber nicht. Deutschland ist bei der Kinderquote im weltweiten Vergleich auf Platz 182. Da sind solche Klagen ein ganz falsches Signal. Ich appelliere vielmehr mit Harald Schmidt an die deutschen Akademiker, die sich als besonders gebärfaul zeigen: Kinder braucht das Land. Es werden zwar nicht die besten der Welt sein, aber toll sind sie bestimmt. 46