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Damaris Kofmehl ∙ Demetri Betts

Jack Ross Die Rettung

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Inhalt

Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1 Kleines Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 2 Der Mann im schwarzen Mantel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 3 Jacks Zuhause . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 4 Wieder im Team . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 5 Die Nachricht an der Pinnwand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 6 Eine schwere Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 7 Falsche Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 8 Der Jugendgottesdienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 9 Gespräch mit Mr Wilson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 10 Die Vorfreude eines Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104  11 Das Spiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 12 Das perfekte Geschenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 13 Dem Rätsel auf der Spur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 14 Der letzte Schultag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 15 Besuch bei El Dragon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 16 Reise in die Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 17 Das Tagebuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 18 Vater und Sohn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 19 Die Abschlusszeremonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 20 Ende eines Albtraums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203

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Prolog

Ein paar Jahre zuvor, im Büro des Schuldirektors … »Mr Clifford. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.« »Aber gerne. Setzen Sie sich doch, Mrs Reese.« Der Schuldirektor bot der jungen Frau einen Stuhl an, während er selbst hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. »Also. Wie kann ich Ihnen helfen?« »Es geht um Sam«, sagte Mrs Reese, während sie etwas nervös an ihrer Handtasche herumspielte. »Da gibt es etwas, das Sie wissen sollten.« »Sprechen Sie.« Die Frau räusperte sich. »An der früheren Schule ist Sam deswegen oft gehänselt worden. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft mein Kind weinend nach Hause kam. Was damals passiert ist, hat tiefe Spuren hinterlassen, und ich möchte nicht, dass sich das an St. Dominic’s wiederholt.« Clifford hörte der Frau aufmerksam zu. »Worum genau geht es denn?« »Die Sache ist die …« Mrs Reese zögerte ein wenig, als würde sie sich dafür schämen, es zu sagen. Aber schließlich weihte sie den Schuldirektor ein. »Ich hoffe, Sie verstehen, dass dies eine sehr delikate Angelegenheit ist.« Der Schuldirektor nickte. »Absolut. Ich werde die Lehrer entsprechend informieren.« »Dann kann ich also mit Ihrer Verschwiegenheit rechnen?« »Das können Sie«, versicherte ihr Clifford. »Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs Reese. Unsere Aufgabe ist es, unseren Schülern die bestmögliche Ausbildung zu geben, die das Land zu bieten hat. Alles andere ist für uns nicht von Belang. Sam wird bei uns gut aufgehoben sein.« 9

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1  Kleines Mädchen

Heute … »Lasst mich los!« »Hör auf zu weinen!« »Was hab ich euch getan?« »Du bist ein Weichei. Eine Heulsuse wie meine kleine Schwester. Ein Mädchen bist du!« »Ich bin kein …« »Schnauze, Sam!« Eric, Eddie und Mike zerrten Sam in die Herrentoilette und in eines der Toilettenabteile. Sam versuchte, sich aus dem Griff der Jungs zu befreien, doch sie waren zu kräftig. Und sie waren zu dritt. Er hatte keine Chance. »Los, runter mit dir!« »Autsch! Hört auf!« Eddie und Mike drehten ihm unsanft die Arme auf den Rücken und zwangen ihn, sich vor dem Klo hinzuknien. Eric klappte die Klobrille hoch und sah schadenfroh auf sein wehrloses Opfer herab. »Na, Sam, heute schon geduscht?« Er nickte seinen Spießgesellen zu, worauf diese den Kopf des Schülers so tief in die Kloschüssel tauchten, wie es ihnen möglich war. Eric betätigte die Spülung. Das Wasser rauschte um Sams Kopf und erstickte seine Hilferufe. Der Junge prustete und schnappte nach Luft. »Hört auf! Bitte, hört auf!« Doch die drei dachten nicht daran aufzuhören. Sie lachten nur und hielten ihn eisern fest. Eric schnupperte. »Riecht ihr das? Irgendwie stinkt es hier nach Versager, findet ihr nicht auch?« »O ja.« Eddie grunzte. »Der totale Versagergestank liegt in der Luft.« 10

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»Ekelhaft«, gab ihnen Mike recht und presste Sams Kopf nach unten. »Spül noch mal. Vielleicht geht’s dann weg.« »Nein!« Sam strampelte und trat nach hinten aus. Erfolglos. Seine Peiniger kannten keine Gnade. Die Spülung rauschte ein zweites, dann ein drittes Mal. Sam hatte das Gefühl zu ertrinken. Seine schwarzen, langen Haarsträhnen tropften. Der Kragen seines weißen Schuluniformhemdes war ganz nass. Die Jungs grölten, rissen dumme Sprüche und labten sich an Sams Hilflosigkeit. Wahrscheinlich hätten sie noch ewig so weitergemacht, wäre nicht plötzlich die Toilettentür aufgegangen. »Was geht hier vor?«, erklang die durchdringende und unverkennbare Stimme von Sergeant Jones. Er war Geschichtslehrer und gleichzeitig Coach der Tigers, des Basketballteams. Jones war mit Abstand der strengste Lehrer an der St. Dominic’s Highschool. Normalerweise zuckte Sam automatisch zusammen, wenn er diese militärische Stimme hörte, mit der ihn Jones im Unterricht schon allzu oft vor den Schülern zur Schnecke gemacht hatte. Doch jetzt war der Klang seiner Stimme eine echte Erlösung. Jones hatte Autorität, und selbst Eric, Eddie und Mike hätten es niemals gewagt, ihm zu widersprechen. Und das, obwohl sie die Star-Basketballspieler an der Schule waren und sich mehr oder weniger erlauben konnten, was sie wollten. Sie ließen Sam sofort los und stolperten eifrig aus dem Toilettenabteil. »Äh, nichts geht hier vor, Sir«, sagte Eric und fuhr sich mit einer legeren Bewegung über seine Cornrows, die an seiner Kopfhaut entlang geflochten waren und im Nacken in kleinen Rastazöpfchen endeten. »Ist alles in bester Ordnung.« »Und das soll ich glauben?« Jones spähte misstrauisch in das Abteil hinein. Sam saß zusammengekauert neben der Toilettenschüssel, zitternd und nass, die Wangen mit schwarzer Augenschminke verschmiert. Sein Blick war ein einziger Hilfeschrei. Doch der Coach ignorierte ihn. Er war kein Mann des Mitleids. Er war ein Sergeant, trug sogar während des Unterrichts eine Militäruniform in Tarnfarben und zog wegen einer Kriegsverletzung – 11

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so wurde jedenfalls gemunkelt – sein linkes Bein etwas nach. Sein einziges Motto hieß Leistung und Disziplin. In seiner Welt galt nur der etwas, der Stärke und Intelligenz bewies. »Wollen Sie etwas dazu sagen, Mr Reese?«, fragte er Sam kalt. Sam schielte am Lehrer vorbei. Eric, Eddie und Mike warfen ihm ein paar unmissverständliche Blicke zu. Sam wusste genau, was ihm blühte, wenn er es wagen sollte zu petzen. Sie würden ihm nach der Schule auflauern und ihn windelweich prügeln. Es wäre nicht das erste Mal. Sams Augen wanderten zurück zu Sergeant Jones. »Nein, Sir«, murmelte er und kämpfte gleichzeitig gegen die aufsteigenden Tränen an, während die Jungs im Hintergrund zufrieden grinsten. Der Lehrer musterte Sam mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Desinteresse und meinte nur: »Erbärmlich.« Dann drehte er sich um und wandte sich an Eric, Eddie und Mike. »Und Sie, meine Herren, sollten Sie nicht längst in der Sporthalle sein?« Die drei nickten getreulich. »Natürlich, Coach. Wir sind schon unterwegs, Coach.« Jones blickte auf seine Armbanduhr. »Das Training beginnt in exakt sechs Minuten und vierzig Sekunden. Ich schlage vor, Sie beeilen sich.« »Ja, Sir!« Die Jungs eilten davon. Auch der Geschichtslehrer schickte sich an zu gehen und ließ Sam ohne ein einziges tröstendes Wort zurück. Einen letzten Kommentar konnte er sich dennoch nicht verkneifen. »Ein richtiger Mann weiß sich zu wehren«, sagte er im Hinausgehen. »Vielleicht lernen Sie es noch, Mr Reese.« Die Türflügel des Gerichtssaales öffneten sich und Jenny sprang erwartungsvoll von der unbequemen Holzbank im Flur auf. Es war der 10. März, kurz nach 16 Uhr. Über eine Stunde hatte Jacks Verhandlung gedauert und die ganze Zeit lang hatte Jenny seinetwegen wie auf Nadeln gesessen. Da sie nicht zur Familie gehörte, hatte sie draußen warten müssen. Zusammen mit seinem Bewährungshelfer, einem Mann mit billigem braunem Anzug und Kra12

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watte, kam Jack aus dem Gerichtssaal. Der Siebzehnjährige sah ziemlich fertig aus. »Und? Wie ist es gelaufen?«, erkundigte sich Jenny erwartungsvoll. Jack blieb stehen und stieß die Luft aus den vollen Wangen. »Es war heftig. Die haben nochmals die ganze Geschichte ausgegraben, jedes Detail zerpflückt. Dabei steht doch alles in den Akten. Der Staatsanwalt war besonders hartnäckig. Hat mich hingestellt, als wäre ich der Staatsfeind Nummer eins. Ich hab echt gedacht, ich verlier gleich die Kontrolle und spring ihm an die Gurgel.« »Ja, und?«, drängte Jenny. »Musst du wieder ins Jugendgefängnis oder nicht?« Jack sah Jenny an und lächelte. »Nein, muss ich nicht.« »Ja!«, rief sie und ballte vor Freude die Fäuste in die Luft. »Ja! Ja, ich wusste es! Ich wusste es! Und die Fußfessel?« Als Antwort hob Jack das rechte Hosenbein etwas hoch und gab Jenny den Blick frei auf seinen Knöchel. Das schwarze Kästchen, die elektronische Fußfessel, die Jack wegen seiner Straftat über ein Jahr lang hatte tragen müssen, um jederzeit von der Polizei geortet werden zu können, war weg. »O Jack! Das ist klasse!«, rief Jenny aufgeregt. »Das heißt, du bist ein freier Mann und kannst wieder gehen, wohin du willst?« »Das kann ich«, sagte Jack. »Keine Einschränkungen mehr. Keine Überwachung. Damit ist endgültig Schluss. Die einzige Auflage, die der Richter gemacht hat, ist, dass ich mich alle drei Monate bei Mr Gilsig melden muss, bis die zweijährige Bewährungsstrafe rum ist.« »Und ich rate dir dringend, diese Termine wahrzunehmen«, mischte sich Mr Gilsig, Jacks Bewährungshelfer, unaufgefordert ins Gespräch ein. »Also werde bloß nicht übermütig, Junge.« Er nickte Jack kühl zu. »Wir sehen uns dann in drei Monaten. Wiederseh’n.« »Wiederseh’n, Mr Gilsig«, sagte Jack höflich. Der Mann schritt davon, und kaum war er weg, warf sich Jenny Jack kurzerhand um den Hals und küsste ihn. 13

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»Jack, das sind großartige Neuigkeiten!«, meinte sie strahlend. »Das müssen wir unbedingt feiern. Heute Abend in Bart’s Café stoßen wir auf deine Freiheit an, okay?« Jack schmunzelte. »Man könnte beinahe glauben, du hättest die Fußfessel getragen und nicht ich.« »Ich freu mich halt für dich.« »Ich weiß«, sagte Jack und die Erleichterung in seinem Gesicht war nicht zu übersehen. »Tu ich auch. Mehr als du ahnen kannst.« Er legte seine Hände um Jennys Hüften und die zwei küssten sich. »Komm mit.« Jack zog seine Freundin an der Hand mit sich. »Ich will dir etwas zeigen.« »Was denn?« »Wirst schon sehen. Komm.« Die beiden Jugendlichen schnappten sich ihre Jacken und Motorradhelme von der Holzbank, verließen eilends das Gerichtsgebäude und gingen zu Jacks geparktem Motorrad. Jenny schlüpfte in ihre Sommerjacke, Jack in seine schwarze Lederjacke. Sie setzten die Helme auf, Jack schwang sich auf den Motorradsattel und Jenny nahm dicht hinter ihm Platz. Dann schlang sie ihre Arme um seinen Körper. Sie liebte es, mit Jack Motorrad zu fahren. Jack gab Gas und mit heulendem Motor brausten sie davon. Sie durchquerten Thomasville, bogen in eine Landstraße ein und fuhren durch weite Felder und Wiesen, vorbei an einsamen Bäumen, verlassenen Scheunen und verwilderten Waldstückchen. Jenny kannte die Gegend nicht und war gespannt, wo Jack sie hinbringen würde. Der Weg schlängelte sich durch die hügelige Landschaft. Schließlich brachte Jack die Maschine ein paar Meter unterhalb einer mit hohem Gras bewachsenen Anhöhe zum Stehen. Direkt über ihnen, an der höchsten Stelle des Hügels, ragte eine wuchtige Eiche mit knorrigen Ästen in die Höhe. Sie stiegen vom Motorrad und nahmen ihre Helme ab. »Wir sind da!«, sagte Jack und hängte seinen Helm an den Lenker. »Komm.« Sie kraxelten die wenigen Meter zur Spitze des Hügels hoch, von wo man einen herrlichen Blick über das ganze Tal hatte. 14

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»Wow«, meinte Jenny fasziniert und blieb unter der mächtigen Eiche stehen. Sie deutete mit dem Finger auf ein paar Häuser in der Ferne. »Ist das Thomasville?« »Nein. Thomasville ist da hinten«, sagte Jack. »Das da drüben ist Green Valley. Und wenn du ganz genau hinguckst, siehst du sogar eure Villa.« »Im Ernst? Du kannst von hier aus unser Haus sehen?« »Ja. Gleich da! Siehst du es?« Jenny kniff die Augen leicht zusammen und folgte mit ihrem Blick der Verlängerung von Jacks Zeigefinger. »Du hast recht! Ich glaube, ich seh sie wirklich!« Sie lächelte. »Ist echt wunderschön hier. Warum zeigst du mir diesen Ort erst jetzt?« »Mein Bewegungsradius hat es leider nicht eher zugelassen«, antwortete ihr Jack. »Die blöde Fußfessel hätte schon vor zehn Minuten Alarm geschlagen. Früher bin ich oft hierhergekommen, vor allem, wenn ich Stress mit meinem Vater hatte. Hier oben fühlte ich mich irgendwie …« »… frei«, beendete Jenny seinen Satz, während sie in die Ferne schaute. »Ja. Frei.« Jack trat von hinten an seine sechzehnjährige Freundin heran, legte seine Arme um sie und schmiegte sein Gesicht an das ihre. »Ich liebe dich, Jenny.« »Ich liebe dich auch, Jack.« Lange standen die beiden einfach nur da, lauschten dem Säuseln des warmen Windes, der die Blätter der Eiche kitzelte, blickten über die sanften Hügel und geschlungenen Täler und genossen es, beisammen zu sein. Kaum zu glauben, dass wir schon fast zwei Monate zusammen sind, dachte Jenny. Sie erinnerte sich noch lebhaft an den Tag, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Das war vor vier Monaten gewesen, genauer gesagt am 8. November, in der Mensa von St. Dominic’s. Es war Jacks erster Tag an der privaten Highschool gewesen und Jenny hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Kein Wunder, Jack sah auch umwerfend gut aus. Er war schlank, sportlich, hatte schwarzes Haar, grüne Augen und eine geheimnisvolle 15

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Ausstrahlung, etwas Unnahbares, Rätselhaftes, das Jenny vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen hatte. Dass Jack tatsächlich ein düsteres Geheimnis mit sich herumschleppte, hatte sie damals noch nicht gewusst. Erst nach einigen turbulenten Abenteuern hatte sie herausgefunden, weswegen er dieses elektronische Kästchen mit eingebautem Minisender am Fußgelenk trug und was für eine tragische Geschichte sich dahinter verbarg. Aber es war ihr egal, was Jack getan hatte. Es war ihr egal, dass er aus armen Verhältnissen stammte. Und es war ihr egal, dass ihr Vater, Inhaber der Lamoure Investment Bank, nicht mit dieser Beziehung einverstanden war. Sie liebte Jack. Und sie hätte diese Freundschaft um nichts in der Welt wieder hergegeben. Auch bei Jack war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Zuerst hatte er sich mit Händen und Füßen gegen seine Gefühle gesträubt. Es durfte nicht sein, dass er sich in ein Mädchen wie Jenny verknallte. Niemals. Sie, die Tochter einer der wohlhabendsten und angesehensten Familien in Green Valley, er, eine Halbwaise und Sohn eines arbeitslosen Alkoholikers aus Thomasville. Sie lebte in einer luxuriösen Villa auf einem Berg, er in einem heruntergekommenen Trailerpark im Wald. Ihre Leben hätten unterschiedlicher nicht sein können, und doch hatte sich Jack wie magisch zu ihr hingezogen gefühlt. Sie war anders. Sie spielte sich nicht auf, sie tratschte nicht, sie war bescheiden und warmherzig. Obendrein war sie äußerst attraktiv, auch wenn sie es nicht zur Schau stellte wie so manche Mädchen an St. Dominic’s. Jenny war schlank, hatte ein feines Gesicht, dunkelbraunes, leicht gewelltes, schulterlanges Haar und tiefblaue Augen. Jack hatte nie ganz verstanden, warum ein Mädchen wie Jenny ausgerechnet auf jemanden wie ihn stand. Sie war zu gut für ihn. Sie war rein und edel, er rau und mit jeder Menge Ärger am Hals. Und doch waren sie seit fast zwei Monaten ein Paar und verliebt wie am ersten Tag. »Stell dir vor«, sagte Jack, nachdem sie eine Weile schweigend dagestanden hatten, »Sergeant Jones hat mich gefragt, ob ich zurück ins Basketballteam käme.« Jenny löste sich aus Jacks Umarmung und drehte sich ihm zu. 16

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