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Corrie ten Boom

Meine Reise um die Welt Ein Leben im Dienst von Glaube und Versรถhnung

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Inhalt Gottes unbegreiflicher Plan . . . . . . . . . . . . . . . 7 I. Die Kindheit in der Beje Meine Eltern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Die ersten Ehejahre meiner Eltern . . . . . . 12 Eine arme Kreatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 »... dass ich guck ins Vaterhaus« . . . . . . . 19 Die Welt außerhalb des Hauses . . . . . . . . 23 Meine erste Berührung mit dem Geheimnis des Todes . . . . . . . . . 29 In der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Spiele in der Kathedrale . . . . . . . . . . . . . . 35 Ein Taugenichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 II. Frühe Prägungen für ungeahnte Dienste Mutter und die Tanten . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Seelsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Teenagerzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Die ewigen Arme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Der Tod kommt in die Familie . . . . . . . . . 61 Tuberkulose? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Betsie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

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III. Ich werde Uhrmacherin und noch einiges mehr Vaters Gesellin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Rempli de tendresse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Drei bilden einen Chor . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Sadhu Sundar Singh . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Verliebt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 IV. Für andere da sein Kinder bevölkern unser Haus . . . . . . . . . . 94 Die Einfachheit der evangelischen Botschaft . . . . . . . . . . . 101 V. Man muss erfinderisch sein Die Jugendklubs entstehen . . . . . . . . . . . . 107 Unser gemischter Chor . . . . . . . . . . . . . . . 111 Zurüstung der Leiter . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Das Gebetsleben ist gestört . . . . . . . . . . . . 116 Der Rhein – ein Reiseerlebnis . . . . . . . . . . 119 Gott kann auch unsere Fehler segnen . . . 120 Meine erste Berührung mit internationaler Jugendarbeit . . . . . . . . . . . 123 Weibliche Pfadfinder . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Klubmädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

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VI. Betsies Vision wird Wirklichkeit Wie wir Schapenduinen bekamen . . . . . . 134 Der Krieg ist zu Ende! . . . . . . . . . . . . . . . . 137 VII. »Landstreicherin« des Herrn Ich lerne, aus dem Koffer zu leben . . . . . . 142 Auf den Bermudas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Flüchtlingslager in Darmstadt . . . . . . . . . 157 Berlin – Ein alter Bekannter . . . . . . . . . . . . 167 Carl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Neuseeland – Ein Arzt als Zeuge Jesu Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Das Montinlupa-Gefängnis . . . . . . . . . . . . 184 Nollies Heimgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Eine glückliche Erfahrung . . . . . . . . . . . . . 203 VIII. Gott schenkt mir eine Gehilfin Wie ich Conny fand . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Der Anfang war schwer . . . . . . . . . . . . . . . 209 »Im Licht leben« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Chile – Conny vertritt mich . . . . . . . . . . . . 219 Vollmacht in Jesu Namen . . . . . . . . . . . . . 220 Ein ungewöhnlicher Platz zur Verkündigung des Evangeliums . . . . . . . 222 Verkündigung an afrikanische Gefangene 225

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Eine Mutter in Israel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Jerusalem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 Jungenklub . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Gespr채ch mit einer Senatorin . . . . . . . . . . 245 Wen habe ich erreicht? . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Gottes Zusagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249

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Eine arme Kreatur Ich wurde zu früh geboren. Meine Haut war blau. Als mein Onkel Hendrik, der Mann von Tante Jans, mich sah, sagte er: »Ich hoffe, der Herr wird diese arme Kreatur bald in sein himmlisches Haus nehmen.« Aber meine Eltern und Tante Anna waren anderer Meinung. Sie umgaben mich mit Liebe und sorgfältiger Pflege. Es war schwierig, mich warm zu halten. In unserer Zeit würde man ein solches Kind in einen Brutkasten legen. Aber so etwas gab es damals noch nicht. Ich schrie und schrie während des ganzen Tages vor Kälte, bis endlich Tante Anna die Lösung fand: Sie wickelte mich in ihre Schürze und band mich fest an ihren Leib. Da war ich still. Ähnliches beobachtete ich in Afrika. Eine Missionarsfamilie hatte ein Baby, das sich nicht trösten ließ, bis es sich eine Afrikanerin an ihren Rücken band. War es das Gefühl der Sicherheit, dem Leib eines Menschen, der einen liebt, so nahe zu sein? Ich muss in Tante Annas Schürze dasselbe Gefühl gehabt haben. Trotzdem blieb ich während meines ersten Lebensjahres ein armseliges, kränkliches Kind. Mut16

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ter erzählte mir, dass sie einmal mit ihrer Freundin zusammen im Zug saß. Die hatte ihr schönes, strammes Baby Rika auf ihrem Schoß. Die Leute im Abteil schauten alle interessiert nach dem niedlichen Kind, aber für Mutter und mich hatten sie nur einen mitleidigen Seitenblick übrig. Mutter erzählte mir später, dass sie damals zuerst ein wenig eifersüchtig gewesen sei, aber dann habe sie mich an sich gedrückt und geflüstert: »Für kein Kind in der ganzen Welt würde ich dich, du liebes, unansehnliches Baby mit deinen wunderbaren Augen, eintauschen.« Die kleine Rika wurde im zweiten Lebensjahr epileptisch. Schon bald machten sich Veränderungen im Verhalten und auch in dem lieblichen kleinen Gesicht bemerkbar, die auch mir auffielen. Aber da unsere Mutter immer auch die arme Rika in ihre Fürsorge einbezog, begegneten auch wir Kinder ihr mit größter Selbstverständlichkeit, und ich habe während meiner ganzen Kindheit mit ihr gespielt. Mutter hat uns ihr Leben lang gelehrt, gegenüber schwachen und abnormen Menschen hilfreich und liebevoll zu sein. Ich war ein halbes Jahr alt, als wir nach Haarlem 17

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umzogen. Großvater war gestorben, und Vater hatte Großvaters Geschäft übernommen. Das Haus bot etwas mehr Platz; zwar umgab auch hier kein Garten mit Blumen das Haus, wohl aber gab es einen kleinen Dachgarten, von dem aus Mutter die Weite ihres geliebten Himmels sehen konnte. Wir waren in vielerlei Weise reich, wenn auch nicht an Geld. Vater wusste viel Grundsätzliches über das Wirtschaftsleben und schrieb Artikel in der Zeitschrift für Uhrmacher. Er war auch ein Künstler in seinem Beruf, verstand es aber nicht, Geld zu verdienen. Er konnte eine wertvolle Uhr so gut reparieren, dass sie wie neu war, aber dann vergessen, die Rechnung zu schreiben. Während der ersten Ehejahre muss die finanzielle Situation sehr angespannt gewesen sein. Tante Anna arbeitete Tag und Nacht, um Mutter in ihrer Krankheit zu pflegen und die vier kleinen Kinder zu versorgen. Sie verdiente die hohe Summe von einem Gulden pro Woche. Treulich gab Vater ihr das Geld an jedem Samstag, aber oft wurde die Lage schon mittwochs kritisch, dass Vater in die Küche ging und fragte: »Anna, hast du noch deinen Gulden?« 18

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Der Gulden war stets noch da, und so haben wir nie gehungert; es soll mir also keiner erzählen, dass es nicht gesegnetes Geld gäbe! Wenn ich auf das Leben unserer Familie zurückschaue, dann muss ich schon sagen, dass alle Glieder der Familie »die Kunst zu leben« verstanden. Sie freuten sich am Leben, und sie freuten sich besonders an den Kindern. »Wir haben niemals so viel gelacht wie damals, als ihr Kinder klein wart«, hat Tante Anna später oft gesagt.

»... dass ich guck ins Vaterhaus« Meine früheste Erinnerung aus meiner Kindheit ist ein Augenblick der Angst. Unser Hausarzt war gekommen und untersuchte mich. Ich wollte wieder zu meiner Mutter laufen, aber er sagte, ich solle bleiben, wo ich sei. Mutter hätte mir helfen können, das Ungewohnte einer ärztlichen Untersuchung leichter zu überstehen. Ich glaube, ich habe geschrien. Dass ich mich daran noch erinnere, ist jedenfalls ein Zeichen dafür, dass ich diesen Augenblick sehr eindrücklich erlebte. Ich muss damals zwei 19

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oder drei Jahre alt gewesen sein. Ich sehe noch das dunkle Schlafzimmer vor mir, auch den Tisch mit der blauweißen Waschschüssel. Ich erinnere mich aber auch an eine große Freude. Eine meiner Tanten gab mir eine Fibel. Ich fand es absolut nicht schwierig, die Buchstaben lesen zu lernen und herauszufinden, was die gedruckten Worte bedeuten. Als ich nun in der Lage war, das ganze Büchlein zu lesen, war ich begeistert. Ich glaube, ich muss damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Ich saß auf einem alten Fußschemel zwischen Mutter und Tante. Wenn ich aufschaute, sah ich das Tischbein und hoch über mir die lächelnden Gesichter dieser beiden freundlichen Menschen. Mutter schälte gerade Kartoffeln. Ich habe mich als Kind oft gefürchtet. Da ich neben meiner Schwester Nollie schlief, die eineinhalb Jahre älter war als ich, bettelte ich immer darum, ihre Hand halten zu dürfen; aber sie erlaubte es nicht. Sie gab mir dafür einen Zipfel von ihrem Nachthemd. Aber auch das liebte sie auf die Dauer nicht, denn sie warf sich in der Nacht oft von der einen Seite auf die andere. Sie sann auf Abhilfe und überzeugte mich eines Tages, ich sei genauso sicher, wenn ich einen 20

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Zipfel vom Nachthemd meiner Puppe in der Hand hielte. Dieser Rat der sechs Jahre alten Schwester war gar nicht so schlecht, denn er half. Der Herr Jesus war damals schon eine Wirklichkeit für mich. Unsere Mutter erzählte uns immer wieder eindrücklich, wie sehr Jesus Kinder liebt und wie gern er in unseren Herzen wohnen möchte. Ich muss ihn dann auch darum gebeten haben – wie, weiß ich nicht mehr. Immerhin: Ein Gefühl von Sicherheit und Frieden trat an die Stelle der Furcht, die mich so oft bedrängt hatte. Ich war sicher, dass Jesus nun immer bei mir bleiben würde. Ich hörte so gern die Geschichten von Jesus und besonders auch die vom Himmel und habe damals die holländische Version des Kinderverses gebetet: Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein. Nachdem ich wusste, dass Jesus in meinem Herzen war, wurden meine Gebete mehr eine Art Gespräch mit ihm. 21

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Meine Tante hatte ein Kinderliedchen verfasst. Ich erinnere mich noch an zwei Liedzeilen: Ik zou zoo graag enns komen, Heiland, In dat heerlijk Vaderhuis. Anstatt »kommen« sang ich »gucken«. Die Menschen lachten über meinen Fehler, aber ich hielt sie für sehr töricht. Denn ich sehnte mich wirklich von ganzem Herzen danach, einmal für einen Augenblick in den Himmel hineingucken zu können. Das musste doch Spaß machen, den herrlichen Platz zu schauen, wo ich einmal wohnen würde! Der Augenblick höchsten Glücks und größter Geborgenheit war es, wenn Vater mich abends zudeckte, seine große Hand auf mein Gesicht legte und mir Gute Nacht sagte. Ich empfand dann immer eine große Liebe zu Vater, sodass ich es auch wagte, ihm von den Problemen zu erzählen, die mich beschäftigten. Er beantwortete mir viele meiner Fragen. Für manche hielt er mich noch für zu jung, besonders wenn ich wiederholt von ihm Auskunft erbat, wo denn die Babys herkämen. In der 22

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damaligen Zeit war man es noch nicht gewohnt, so einfach und offen mit Kindern über diese Dinge zu sprechen, wie das heute üblich ist. Ich erinnere mich an Vaters Antwort: »Stell dir einmal vor, dass ich einen schweren Koffer zu schleppen hätte und ich würde ihn dir zu tragen geben. Deine Arme wären noch nicht stark genug dazu. So trage ich ihn für dich. Und so gibt es manchmal Dinge, die für kleine Mädchen noch zu schwer zu verstehen sind. Solange du noch nicht groß und stark bist, lass Vater und Mutter diese Dinge tragen. Später aber will ich dir gern mehr darüber erzählen.«

Die Welt außerhalb des Hauses In dem überfüllten Haus war nicht viel Platz zum Spielen. Darum gingen wir, wenn das Wetter nicht zu schlecht war, viel auf die Straße, besonders auf die »Allee«, jene schmale Gasse, die längs unseres Hauses auf die Barteljorisstraat stieß und die ihren vielversprechenden Namen sicher holländischem Humor zu verdanken hat. 23

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