IRIS MUHL
Drei Sommer wie ein Winter Roman nach einer wahren Begebenheit
»Danke.« Er strahlte Boyle an. Wenn er nur auch so ungezwungen sein könnte, so hemmungslos fröhlich. »Ich möchte gerne Benjamin besuchen, Mr Boyle. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?«, fragte er und schob sich den Kaugummi in den Mund. Bevor Boyle antworten konnte, ertönte eine sanfte Stimme, die kaum von der anderen Seite des Tresens zu Boyle und Jimmy hinüberdrang: »Entschuldigen Sie, heute haben wir in der Bäckerei nicht so viel Brot übrig wie an den anderen Tagen, aber immerhin, vier Pfund. Reicht das?« Jimmy sah auf. Eine schlanke junge Frau sah ihn an. Einen Augenblick schien das Treiben im Raum innezuhalten. Boyle, der mit Zwiebelschneiden beschäftigt war und mit tränenden Augen blinzelte, beobachtete Jimmy und Monica verstohlen. Ihm war es nicht entgangen, dass Jimmy das Messer im langen Hals des Lauchs stecken ließ und den Mund kaum mehr zubrachte. Kannte er Monica etwa bereits? War sie vielleicht eine Verwandte?, fragte sich Boyle und wischte seine Hände an der Schürze ab. Da er sich in Liebesdingen nicht sehr bewandert fühlte, fuhr er sogleich mit seinem üblichen Geplapper fort, das die jungen Leute großzügig zu überhören wussten. »Miss Monica, ich danke Ihnen von Herzen! Heute haben wir zwanzig Gäste mehr, und man kann sich nicht ausdenken, wie dankbar ich für Ihr Brot bin. Möchten Sie einen Tee? Bestimmt sind Sie ganz durchgefroren.« Was auch immer der Grund sein mochte, Jimmy spürte in diesem Augenblick, dass sich all seine Emotionen in seinem Bauch zusammengeballt hatten und nun in sein Herz vordrangen, um dieses ungefragt und unverzüglich einzunehmen. Sein Körper begann zu beben, und er wusste, dass vor ihm nicht irgendeine Frau stand, sondern ein Wesen, das ihn und sein Leben verändern könnte. »I…ich«, stotterte er, und dabei wurde ihm erst schmerzlich bewusst, dass er in den letzten zwei Wochen viel weniger Mühe mit dem Sprechen gehabt hatte als früher. Er würde es noch einmal versuchen. Es musste ihm doch gelingen, diese junge Frau auf sich aufmerksam zu machen, sie kennenzulernen, in sein Leben einzuladen 99
und festzuhalten, wie auch immer. Er durfte sie auf keinen Fall gehen lassen. »Entschuldigt bitte. Das hier ist Jimmy, und diese junge Dame ist Monica, mein Brötchenengel, der jeden Tag frisches Brot aus der Bäckerei bringt«, übernahm Boyle das Ruder. Offenbar hatte er begriffen, dass Jimmy höchst verlegen war und deshalb keine Worte fand. Schon oft hatte Boyle Menschen geholfen, die in Verlegenheit geraten waren, innerlich jedoch haderte er mit sich selbst. Er schätzte sich selbst als Feigling ein, da er insgeheim Frauen gegenüber immer sehr schüchtern gewesen war. Monicas Blick fiel auf den Boden, als ob dieser etwas Interessantes aufzuweisen hätte. Plötzlich kam Jimmy ein Gedanke. »M…M…Mr Boyle, ich möchte jetzt gerne den kleinen Benjamin im Waisenhaus besuchen. Ich kann gerne das nächste Mal wieder das Gemüse schneiden. E…e…erlauben Sie, Sir?« Boyle hatte den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und blickte schmunzelnd erst auf Jimmy, dann auf Monica, die mit ihren Augen nun etwas Imaginäres im Fenster suchte und rot geworden war. »Natürlich, Jimmy. Benjamin wartet bestimmt schon. Und was du heute kannst besorgen, verschiebe nie auf morgen!«, posaunte er vergnügt durch den Raum. »Drei Häuser weiter findest du das Waisenhaus. Sag Mrs Strike Bescheid, dass du … dass ihr von mir kommt. Aber seid nett zu ihr. Sie wittert überall Mord und Totschlag, Diebstahl und Unsittlichkeit. Die Ärmste! Ein freundliches Gesicht wird sie aufheitern, wenn nicht, schlägt sie euch die Tür vor der Nase zu. Wir sehen uns dann ein andermal, Jimmy!« Was für ein merkwürdiger Kerl dieser Boyle doch war, fand Jimmy und blickte zu Monica. Boyles betontes »ihr« und »euch« war beiden nicht entgangen. Das Mädchen lief rot an, stellte die Brötchen auf den Tresen, der voller Gemüse lag, und wandte sich abrupt ab, um das Haus auf schnellstem Weg wieder verlassen zu können. Jimmy sprang hinterher, schob sich an schmatzenden Kostgängern, breiten Tischen und schließlich an Monicas zierlicher Gestalt vorbei und öffnete ihr die Tür. Eilig entwischte sie ins Freie, sodass Jimmy ihr kaum 100
folgen konnte. Sie war nicht nur sehr flink, schloss er, sondern auch sehr geschmeidig in ihren Bewegungen. Monica tauchte in die Dunkelheit ein wie ein ängstliches Reh, und Jimmy sah sie gerade noch die Straße überqueren. Nur nicht die Nerven verlieren, sprach Jimmy sich Mut zu. Lass dir etwas einfallen. Nur nicht die Nerven verlieren, los, Jimmy! »B…b…bitte! Miss …«, hörte er sich rufen. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Seine Lippen zitterten, und hinter ihm fiel die Tür scheppernd ins Schloss. Die eisige Kälte stach ihm ins Gesicht, und sein Atem ging so schnell, dass er sich wie eine Dampfmaschine vorkam. Wie leer sein Kopf war, so leer wie noch nie, und sein gestottertes »Bitte« hallte in seinen Ohren wie ein klägliches Gewinsel nach. Jetzt würde er sie nie wiedersehen. Er hatte auf der ganzen Linie versagt, davon war er überzeugt. Das wunderschöne Mädchen war in die Nacht verschwunden und hatte ihn zurückgelassen. Jimmy ließ den Kopf hängen und blieb einige Sekunden wie erstarrt. Wie Stunden kam es ihm vor. Du bist der größte Idiot, den die Welt jemals gesehen hat, schalt ihn eine Stimme im Innern, du hirnloser, wurmstichiger Trottel! Was sollte denn dieses Gewinsel? Kannst du denn nicht einmal einen Satz geradeheraus sagen, du schwächlicher Stümper? »Willst du nicht diesen Jungen im Waisenhaus besuchen, Jimmy?«, fragte plötzlich eine helle Stimme aus der Dunkelheit. Jimmys Muskeln spannten sich, und er streckte seine Glieder, die sich soeben noch schlaff und kraftlos angefühlt hatten. Da war sie wieder, die junge Frau mit dem langen Hals und den geschmeidigen Bewegungen. Sie sah ihn interessiert an. »W…w…was …«, stotterte Jimmy und kratzte sich im Nacken. Er blickte eine Sekunde zu Boden. Am liebsten wäre er darin versunken, aber da war kein Loch. Und ausgerechnet heute trug er keine Mütze, unter der er wenigstens sein verblüfftes Gesicht hätte verstecken können. »Ich habe es mir anders überlegt. Ich glaube, ich nehme besser die Underground zwei Straßen weiter vorne. Jetzt, im Nebel, kann ich zu Fuß ja fast nichts sehen.« Monica schob ihren Hut zurecht, wies in 101
die Richtung, in die sie verschwunden war, und schloss den letzten Knopf an ihrem Mantel. Offensichtlich hatte Jimmy keins ihrer Worte begriffen, er starrte immer noch auf den vom Schnee und Schmutz der Kohlefabriken verschmierten Boden. Deshalb wiederholte sie vorsichtig und langsam, weshalb sie zurückgekehrt war. »Ich dachte, ich könnte vielleicht die Underground zwei Straßen weiter vorne nehmen, dort, wo es besser beleuchtet ist. Wenn ich hier die Straße runtergehe, kann ich fast nichts erkennen. Und solange niemand bei mir ist, ist mir das zu unsicher.« Jimmy wackelte auf dem Gehsteig herum und hatte keinen Schimmer, wie er sich gegenüber der jungen Dame verhalten sollte. War sie vielleicht sogar älter als er? Doch wie viel – zwei Jahre, drei Jahre? Vielleicht ist der Altersunterschied auch zu groß, dachte Jimmy, dann hat sie sowieso kein Interesse an mir. »Nun, ja«, gab Jimmy etwas zu laut zur Antwort, damit er nicht erneut ins Stottern geriet. »Ich wollte gerade gehen und kann Sie zur Underground bringen.« Dabei hob er den Kopf, drückte seine Brust heraus und schob seine Beine langsam voran. Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinanderher. Jimmy blickte verstohlen auf ihre Hände. Sie waren schmal und zart, wie er es gerne mochte. »Darf ich fragen, warum du stotterst?«, fragte Monica neugierig, aber ohne Spott in der Stimme. »I…i…ich stottere schon von klein auf, aber inzwischen passiert es mir nicht mehr so oft.« Monica lächelte, und Jimmy fühlte sich wie ein Idiot oder als wäre er ein kleines Kind. Er hätte die Sache anders angehen und eine dramatische Geschichte erzählen müssen, vielleicht von einem Tier, das ihn als Kind angefallen und das Stottern ausgelöst hatte … Jimmy fiel nichts ein. Obwohl er in Afrika so einige Abenteuer mit wilden Tieren erlebt hatte, schien jegliche Erinnerung wie verbrannt oder verglüht zu sein. Ihm rauchte der Kopf. Dann blitzte vor seinem inneren Auge ein Gemälde von Gustav Klimt, dem berühmten österreichischen Künstler, auf. Er hatte dieses wunderschöne Bild in einem Bildband seiner Mutter entdeckt. Ein Mann, der sich über eine Frau beugt und sie zärtlich küsst. Der Kuss. Ein 102
Kuss … Ein seltsames Gefühl überkam ihn. Ob Monica ihn wohl gut aussehend fand? Plötzlich überkam ihn tiefe Verzweiflung. Der Kuss, sein Aussehen, der fehlende Hut, das Stottern … er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. So würde er garantiert bei ihr durchfallen. Nichts stimmte mit ihm. So konnte es ja gar nicht gut gehen. Alles wühlte ihn auf, als ob seine Gedanken ihn in einen erbarmungslosen Strudel reißen würden. Seine Hände waren trotz der Kälte schweißnass. Das Rattern der vorbeifahrenden Autos dröhnte unheimlich laut, der Schnee spritzte niederträchtig gegen sein Gesicht, die Kälte verbiss sich in seine Ohren. War denn die ganze Welt gegen ihn? »Ich danke dir, dass du mich hierhergebracht hast. Das war sehr nett von dir.« Sie waren am Ziel angelangt. Monica sah ihn lächelnd an, aber ihre Augen leuchteten nicht. Siehst du, Jimmy, jetzt ist sie traurig, du Idiot. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Diese war bereits rot vor Kälte. Hatte sie etwas gesagt? Wo sind wir überhaupt?, dachte Jimmy verzweifelt. Sein Blick fiel auf die Tafel der Underground. Er hob langsam die Hand. Was sollte er jetzt noch sagen? Er war ein Versager. Ihre Hand war kalt, trotzdem spürte Jimmy die zarte Haut ihrer fünf Finger, die sich zaghaft, fast unmerklich entlang seiner schweißnassen Hand zurückzogen. »Sehen wir uns morgen bei Boyle?«, fragte Monica beiläufig und wandte sich der Treppe zu. »Ja!«, rief Jimmy völlig überrascht, und er hob die Hand, um sich zu verabschieden. Dieser Augenblick sollte nie vorübergehen, fand er. Ihr melancholischer Blick, die kühle, zarte Hand und die schmale Form ihres Gesichts wollte er sich für immer einprägen. Das Stottern hatte er im Rausch seines Glücks ganz vergessen. »Wir kaufen nichts!«, zeterte eine alte Frauenstimme durch die dunkelbraune Haustür, nachdem Jimmy geläutet hatte. »Verschwinde!« »Ich möchte nichts verkaufen, ich möchte nur den kleinen Benjamin besuchen«, versuchte Jimmy der alten Frau klarzumachen. Stil103
le. Nichts regte sich. Jimmy dachte bereits, die Frau sei verschwunden, als sie zwei Riegel hart zurückschob und misstrauisch die Tür öffnete. Ihr Gesicht erschien gelb im Licht der Gaslampe, die sie vor sich hielt. »Benjamin willst du besuchen? Den kleinen Süßen?« »Ja, genau, den meine ich.« »Dann komm.« Die alte Heimleiterin keuchte, während sie die steile Treppe in den ersten Stock stieg und ihren Rock anhob, damit sie nicht über den Stoff stolperte. »Benjamin ist ein guter Junge. Nur Heimweh hat er sehr oft. Morgens sind seine Kissen oft ganz nass vom vielen Weinen.« Nun legte sie die Hand auf den hölzernen Handlauf und schob sich nach oben auf das Podest. Dort lag ein roter, sauberer Teppich. »Es ist gut, dass du ihn besuchst. Vielleicht hört das mit dem Weinen dann schneller auf.« Sie klang wie eine besorgte Mutter, wirkte aber auf Jimmy ein wenig überspannt. Schließlich drückte sie die Klinke der ersten Zimmertür an der linken Seite der Treppe hinunter. Die Tür öffnete sich mit einem Knarren. Jimmy drang der Geruch von Kindern in die Nase. Es duftete nach Brei, Seife und Kinderatem. Leicht süßlich und angenehm in der Nase. Erstaunlich, dachte Jimmy, Kinder riechen niemals schlecht. Er erinnerte sich an Carls Haarschopf, den er früher so gerne beschnuppert hatte. Aber das war lange her. Links und rechts im Raum, der etwa fünfundzwanzig, vielleicht auch dreißig Quadratmeter groß war, standen zehn frisch bezogene Betten. Weiße Leintücher und dicke Kissen lagen ordentlich auf den Matratzen. Jimmy dachte sogleich, dass es Benjamin in diesem Haus sicher gut gehen musste. Der Boden wirkte frisch gewischt, und die roten Vorhänge waren sorgfältig zugezogen worden. Eine große Lampe erleuchtete den Raum. Drei Gaslampen auf einem Tisch in der Mitte des Raumes warfen ein ruhiges, angenehmes Licht auf die Möbel. Auf manchen Nachttischen lagen Bücher oder standen Wassergläser, und über jedem Bett hingen an einem Haken Jacke und Mütze des Bewohners. Jimmy blickte auf die gegenüberliegende Wand, an 104
der ein Kreuz aus hellem Holz mit dem gekreuzigten Jesus Christus hing. »Benjamin«, zeterte die Alte nun zum wiederholten Mal. Dieses Zetern und die vortreffliche Ordnung und Sauberkeit im Zimmer wollten für Jimmy so gar nicht zusammenpassen. Aus einem Nebenraum kamen ein paar Jungen in weißen Nachthemden gerannt. Benjamin schoss als Zweiter durch die Tür und stieß einen anderen Jungen vor ihm mit seinen Händen an. »Schipfuz-schipfuz-schipfu«, machte er und legte den Kopf an den Rücken des Jungen. Dann blieb er neugierig vor dem Besucher stehen und hob den Kopf. »Dich kenne ich, Sir. Du warst der im Park«, sagte Benjamin mit Überzeugung und legte den Kopf wieder an den Rücken seines Freundes. »Schipfuz-schipfu … bomm«, schrie er und ließ sich auf den Boden plumpsen. »Die Eisenbahn wurde von einem Fels zerschlagen. Alle sind tot! Fast alle Fahrgäste sind tot! Rettet die übrigen.« Jimmy sah den Jungen an. Mit Schaudern erinnerte er sich an seinen blutüberströmten Vater, den Unfall. Dann legte er die Hand auf Benjamins Kopf und gab sich einen Ruck. »Wie geht es dir, Kleiner? Hast du auch ein Bett und genug zu essen? Und hast du schon Freunde gefunden?« Benjamin nickte. Er hatte keine Zeit für lange Erklärungen, er wollte mit seinem Freund Eisenbahn spielen, den Zug mit Felsen zertrümmern, Passagiere retten. Doch dann hielt er unvermittelt inne und stellte sich erneut vor Jimmy auf, als wäre er ein Polizist, der ihn überprüfen müsste. Sein Blick wirkte ernst, plötzlich aber begannen seine Augen zu leuchten. »Weißt du was: Ich habe nie Hunger. Und wenn Mrs Strike wütend ist, schlägt sie mich nicht, sie schimpft nur.« Mrs Strike sah prüfend auf die Jungs, die sich nun stampfend als Lokomotive durch den Raum bewegten, blickte auf Jimmy und unterdrückte ein Gähnen. Insgeheim liebte sie diese Kinder sehr, auch wenn ihr Gesichtsausdruck oder ihre Worte nicht immer darauf 105
schließen ließen. Wie lange schon war sie in diesem Waisenhaus tätig? Sie konnte sich nicht mehr erinnern, ob es nun zehn oder elf Jahre waren. Mit jedem Arbeitstag in diesem Haus wurde sie erneut an ihren Sohn Joe erinnert, der nun gerade achtzehn Jahre alt geworden war. Er war im zarten Alter von drei Jahren erkrankt und lebte bei einer Pflegefamilie außerhalb der Stadt, da er immer nur auf dem Bett sitzen konnte. Jimmy konnte es ihr nicht ansehen, aber hinter ihrer Stirn tobte ein Kampf, der sich stetig um dieselben Fragen drehte: Weshalb ist ausgerechnet mein Kind krank geworden? Warum kann ich nicht bei meinem eigenen Kind sein? Und weshalb muss ich schuften, um die Pflegefamilie für Joe zu bezahlen? Inzwischen hatten sich diese Gedanken derart oft in ihrem Kopf wiederholt, dass sie jeden Tag müder davon wurde. Weshalb – warum – warum – weshalb? Mrs Strike, Tochter eines Kohlearbeiters und eines Hausmädchens, blieb nichts als das Nachdenken über diese existenziellen Fragen. Alles andere, was darüber hinausging, strengte sie außerordentlich an. Da sie nie eine Schule besucht hatte und Analphabetin war, vermochte sie es nicht, den Kindern auch nur eine einzige Geschichte vorzulesen. Doch in ihrem Kopf wimmelte es von Geschichten, und wenn sie eine davon erzählte, staunten die Kinder über die Vielfältigkeit der Figuren und den Humor, mit dem sie erzählte. Mrs Strike war eine gute Geschichtenerzählerin, da sie – ohne es zu bemerken – viele Fragen im Erzählen beantworten konnte. Es waren Fragen, die sie sich selbst bereits tausendmal gestellt hatte, weil es ihr Leben erforderte. So, als ob sie das Leben nur auf diese Weise verstehen lernen könnte. Und wenn sie abends erzählte, dann spürten die Kinder, dass diese Frau es mit ihnen ernst meinte, weil das Leben auch sie nicht verschont hatte. Und schon gar nicht ihr eigenes Kind. Mittlerweile hatte sich das Zimmer mit Kindern gefüllt, und der Lärmpegel wuchs deutlich an. Mrs Strike gähnte erneut und wedelte mit den Händen, als wollte sie die lästige Müdigkeit verscheuchen. »Nun, Benjamin geht es gut. Inzwischen spricht er auch mehr. In den ersten Tagen hat er kein Wort herausgebracht. Auch seine Wunde am Auge ist verheilt. Zum Glück hat der Vater das Auge nicht voll 106
erwischt. Der Kleine hätte es bei dieser Wucht verlieren können«, kommentierte Mrs Strike die Begegnung und gähnte erneut, erschöpft, aber zufrieden, den Tag einigermaßen problemlos überstanden zu haben. Jimmy sah beruhigt auf seinen kleinen Findling, der fröhlich durchs Zimmer watschelte und jetzt ein Ungeheuer geworden war. Er formte die Hände zu Krallen und kratzte seinem Freund zärtlich über das Gesicht. Ich habe also doch etwas richtig gemacht, dachte Jimmy und fuhr sich über die Hand, mit der er soeben noch Monica berührt hatte.
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