KEN GIRE
ASCHWEITZER L B E RT
BERUFUNG ZUM LEBEN
Aus dem amerikanischen Englisch von Doris C. Leisering
Inhalt Anmerkung des Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9 10 15
Kapitel 1 Glockenschlag in Lambarene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 2 Erster Blick auf fremde Ufer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 3 Zu Hause zwischen den HĂźgeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 4 Der friedliche Kriegsgefangene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 5 Erneute Opfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 6 Leben in Lambarene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
92
Kapitel 7 Leben zwischen zwei Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Kapitel 8 Kleine Wunder in Lambarene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Kapitel 9 Ein Licht leuchtet den Weg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Kapitel 10 Unser guter Hirte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Ein Leben, das Kreise zieht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Anhang Zitate von Albert Schweitzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Krankenhaus heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ăœber den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 3
Zu Hause zwischen den Hügeln Liebe läßt sich nicht reglementieren. Sie gebietet in absoluter Weise. Jeder von uns muß in subjektiver Weise den Entscheid treffen, wie weit er in der Ausführung der grenzenlosen Gebote der Liebe gehen kann.13 Albert Schweitzer
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1913–1914 Der dichte Wald mit seinem Mix aus unverfälschten Lauten weckte Albert Schweitzer an seinem ersten Morgen in Afrika. Er trat hinaus auf die breite Veranda und ließ den Blick über das Bild schweifen, das sich ihm bot. Das Haus lag recht weit unten am Hang eines sanften Hügels. Zwei weitere Hügel flankierten ihn, und weiß getünchte Gebäude standen wie Tupfer in der Landschaft. Jenseits der Hügel zogen sich Mündungen des Ogowe entlang, dessen Hauptteil am Fuß des Hügels vorbeiströmte. Dichte Vegetation wucherte vom Flussufer her, und in den Zweigen wimmelte es von pulsierendem Leben. Nach dem Frühstück wurden Dr. Schweitzer und seine Frau eingeladen, sich das Gelände der Missionsstation genauer anzuschauen. Sie trugen Tropenhelme zum Schutz vor der unbarmherzig brennenden Sonne. Hinter ihrem Haus, an den Hang des Hügels geschmiegt, befanden sich die Quartiere der Missionare. Kleine Gärten waren um die Schulräume und Gebäude, die wie Wohnheime aussahen, angelegt worden. Albert fiel auf, wie baufällig die meisten Holzgebäude und wie termitenzerfressen die Veranden und Schilfdächer waren. Am Rand der Gebäude wuchsen viele verschiedene Früchte – Zitronen, Orangen, Mangos – sowie Kokosstauden und Palmen. »Woher kommen die Obstbäume?«, wollte er wissen. Ihm war aufgefallen, welchen Kontrast sie zu dem dichten Urwald boten, der am Rand der Lichtung begann. Sie war durch eine natürliche »Hecke« aus Gebüsch abgegrenzt. Er wusste, dass diese Früchte auch wild im Dschungel wuchsen. »Sie wurden vor fast vierzig Jahren von den ersten Missionaren hier gepflanzt.« »Es gibt keine Straßen«, bemerkte Frau Schweitzer. Herr Christol zeigte auf den Fluss. »Das ist die einzige Straße, die Sie hier finden werden. Einen anderen Weg durch den Urwald gibt es nicht.« 35
»Wie sicher ist der Fluss?« »Ziemlich sicher, würde ich sagen. Solange man den Flusspferdherden aus dem Weg geht und auf Krokodile achtet. Zweifellos ist Ihnen aufgefallen, dass wir uns nahe am Ufer und weniger in der Flussmitte gehalten haben, um die Stromschnellen zu meiden. Das ist sicherer. Ein Problem gibt es nur, wenn Giftschlangen von den herabhängenden Zweigen ins Boot fallen.« »Und kommt das häufig vor?« »Mir ist es noch nicht passiert.« Herr Christol lachte gutmütig. »Noch nicht.« Sie waren am Ende ihrer kleinen Besichtigungsrunde angelangt, doch über etwas Wichtiges wollte Albert Schweitzer noch sprechen: »Ich habe gar kein Baumaterial gesehen.« »Baumaterial?« »Ja. Holz und Wellbleche. Das Material, das ich brauche, um das Krankenhaus zu bauen. Und wo soll es gebaut werden?« »Ich glaube, das ist noch nicht entschieden.« Dr. Schweitzer verdaute diese entmutigende Information und schrieb in Gedanken schon eine Liste von Materialien, die er brauchen würde. Die meisten davon konnte er beim örtlichen Holzhandel bekommen. Holz war ein großes Geschäft in Lambarene – genau genommen war es fast das einzige Geschäft dort. Sein Gedankengang wurde unterbrochen, als ein junger Missionsschüler herbeigerannt kam und ihn aufgeregt ansprach. »Doktor, Doktor, die Patienten sind gekommen. Sie warten auf Sie!« »Patienten?« Dr. Schweitzer war sichtlich aufgebracht. »Ich hatte doch gebeten, mir nach meiner Ankunft drei Wochen Zeit zu geben, damit ich das Krankenhaus vorbereiten kann.« Seine Frau trat nahe an ihn heran. »Warum empfangen wir nicht wenigstens die Patienten?« Ihr Lächeln überzeugte ihn, dem Gefühl der Verantwortung zu folgen, das sich bereits in ihm breitmachte. »Wo sind sie?« Der Schüler ging den Schweitzers rasch voraus, Herr Christol 36
folgte ihnen. Das Ehepaar wurde zu seinem eigenen Haus geführt, vor dem sich scheinbar aus dem Nichts eine kleine Menschenmenge angesammelt hatte. Dr. Schweitzer überlegte, welche Möglichkeiten er hatte. Es gab kein Krankenhaus, noch nicht einmal das notwendige Baumaterial. Die Medikamente warteten in Kisten verpackt darauf, auf dem Wasserweg nach Lambarene gebracht zu werden. Obwohl er fließend Deutsch, Französisch und Englisch sprach, beherrschte er keine der hiesigen Sprachen. »Könnten Sie bitte die Menschen aufteilen? Diejenigen, die Französisch sprechen, auf diese Seite der Veranda, und die anderen auf die Seite dort drüben.« Der Junge kam der Bitte gern nach. Dann ging Dr. Schweitzer zu denen, die ihn verstehen konnten, und erklärte die Situation. »Guten Morgen. Es tut mir leid, aber ich kann noch keinen von Ihnen behandeln, weil die Medikamente noch nicht eingetroffen sind. Sie werden mit dem nächsten Schiff aus Port Gentil zu uns gebracht. Sobald sie eintreffen, werde ich Sie gern behandeln.« Er unterbrach sich und ein kleines Lächeln trat auf sein Gesicht. »Ein Arzt ohne Medikamente ist wie ein Medizinmann ohne seine Amulette.« »Wir werden auf den Klang der Schiffssirene warten«, erwiderte ein französischsprachiger Einheimischer und die anderen nickten zustimmend. Dr. Schweitzer war von der positiven Reaktion ermutigt und fuhr fort: »Ich brauche Hilfe, um das Krankenhaus zu bauen. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Kranken einen sicheren und sauberen Platz haben, an dem sie sich erholen können. In den nächsten drei Wochen sollten nur diejenigen, die arbeiten können, hierherkommen und beim Bau helfen. Wenn sie herkommen, müssen sie fähig und bereit sein zu arbeiten. Danach will ich gern alle behandeln, die kommen.« Der Doktor fragte den Schüler, ob er es für nötig halte, die Botschaft für diejenigen zu übersetzen, die kein Französisch sprachen. 37
»Ich glaube, alle haben genug verstanden«, erwiderte der Junge. Die Menschenschar zerstreute sich; viele gingen zurück zu ihren Booten und fuhren wieder flussauf- oder flussabwärts. Bald darauf ertönten die Buschtrommeln und verbreiteten die Nachricht – oder zumindest den Sinn der Nachricht – bis in die entlegensten Dörfer: »Oganga – der weiße Medizinmann – ist zu uns gekommen. Er ist machtlos, bis seine Amulette mit dem nächsten Schiff eintreffen.« Amulette oder Fetische wurden von den örtlichen Medizinmännern benutzt, um böse Geister zu verjagen. Alle Medizinmänner wurden als »Fetischmänner« betrachtet. Krankheiten wurden damals von den Afrikanern für etwas gehalten, das entweder durch böse Geister oder den Zauber einer anderen Person in den Körper eines Menschen eindrang und dort Unheil anrichtete. Ein anderer weitverbreiteter Glaube war, dass ein Wurm durch einen Körper wanderte und Krankheiten im Bauch oder Kopf hervorrief.14 Dass Krankheiten auch natürliche Ursachen haben konnten, wurde überhaupt nicht in Betracht gezogen. Inzwischen war Ellenberger eingetroffen und hatte das Gespräch beobachtet. »Das haben Sie wunderbar gehandhabt«, versicherte Herr Christol dem Arzt. »Danke. Aber mir wurde gesagt, dass ein Einheimischer namens N’Zeng mir als Dolmetscher beiseitestehen würde?« »Wir werden dafür sorgen, dass eines der Kanus die Nachricht, dass Sie eingetroffen sind und seine Hilfe brauchen, an N’Zengs Dorf übermittelt.« Schweitzer nickte dankbar. »Eines müssen Sie wissen, Herr Doktor, wenn Sie länger hierbleiben wollen«, fuhr Ellenberger fort. »Diese Eingeborenen werden Sie immer im Stich lassen. Man kann sich nicht auf sie verlassen.«15 Albert Schweitzer war kein Mensch, der leichtfertig über andere urteilte. Er wusste, dass es unter den Angehörigen der Völker, 38
die Kolonien in Afrika gegründet hatten, viele Ansichten darüber gab, was das Beste für »die Eingeborenen« war. Allerdings gab es viele, denen egal war, worin das Beste für die afrikanischen Menschen bestand. Sie interessierte nur, was am besten für das Geschäft war. »Ich weiß Ihre Warnung zu schätzen, Herr Ellenberger.« Albert unterbrach sich, um Luft zu holen und sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. »Doch ich habe schon ganz andere Enttäuschungen erlebt als N’Zengs Mangel an Pünktlichkeit. Was ist mit dem Krankenhaus, das ich bei meiner Ankunft vorzufinden erwartete? Oder wenigstens das Baumaterial? Mir wurde mitgeteilt, dass diese Dinge geregelt sein sollten.« »Davon wissen wir nichts«, erwiderte Herr Ellenberger, und Herr Christol nickte zustimmend. »Sie werden bis zur nächsten Missionssitzung im Juli warten und die Verwaltung fragen müssen.« »Das werde ich tun.« Dr. Schweitzer hatte sich jahrelang vorbereitet, Medikamente und Behandlungen studiert, den menschlichen Körper und eine Unzahl von Krankheiten. Nach seiner Zulassung als Arzt belegte er einen speziellen Kurs für Tropenkrankheiten und ihre Therapien, um die Bedürfnisse der afrikanischen Menschen besser verstehen zu können. Allerdings war ihm nicht bewusst gewesen, dass er einen Großteil seiner Zeit für Verwaltung, Planung und sogar ganz normale körperliche Arbeit würde aufwenden müssen. »Ich bezweifle, dass die Menschen warten können, bis das Krankenhausgebäude fertig ist, besonders, wenn noch nicht einmal der Bauplatz feststeht. Gibt es keinen anderen Raum, den ich in der Zwischenzeit nutzen kann? Vielleicht eines der Klassenzimmer?« Die Lehrer schüttelten beide den Kopf. »Wir sind bereits überfüllt. Wir haben keinen Platz mehr«, sagte Herr Ellenberger. »Es sei denn, Sie wollen den alten Hühnerstall nutzen«, warf Herr Christol in einem Versuch, die Stimmung aufzuheitern, 39
ein. Nachdem er alle Möglichkeiten abgewägt hatte, wurde Albert Schweitzer klar, dass der unbenutzte Hühnerstall wohl für den Moment reichen musste. Er griff zu Schaufel und Schrubber und machte sich sofort an die Arbeit. Die Wände wurden verputzt und weiß angestrichen, das Dach repariert, und als drei Wochen später die Sirene die Ankunft seiner medizinischen Ausrüstung aus Port Gentil ankündigte, war das behelfsmäßige Krankenhaus fertig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Dr. Schweitzer jeden Tag ein paar Patienten behandelt, doch durch die Vorbereitungen, die zu treffen waren, beschränkten sich die Behandlungen auf ein Minimum. Die siebzig Kisten mit Medikamenten und Ausrüstung wurden in Kanus flussabwärts zur Missionsstation von Lambarene transportiert. Den Rest des Tages verbrachte man damit, diese Kisten mühsam den Hügel zum kleinen Haus der Schweitzers hinaufzutragen, sie sorgfältig auszupacken und ihren Inhalt zu prüfen, um sich zu versichern, dass auf der langen Reise nichts beschädigt worden war. Als Dr. Schweitzer am nächsten Morgen aus seinem Haus trat, sah er, dass sich wieder eine Menschenmenge versammelt hatte. Er war berührt von all dem Schmerz und all der Traurigkeit in den Gesichtern derer, die auf ihn warteten. Die meisten, die zur Behandlung kamen, wurden von einem Verwandten begleitet. Die Qual in den Gesichtern der Leidenden spiegelte sich in den Augen ihrer Angehörigen wider. Unsicherheit. Sorge. Angst. Und dennoch Hoffnung. Mit einem Anflug von Besorgnis und einer Welle von Optimismus wurde Dr. Schweitzer bewusst, dass ihre Hoffnung auf seinen medizinischen Fähigkeiten lag. Ein starkes Gefühl der Verantwortung für die leidenden Menschen überkam ihn. Ist es das, was gemeint ist, wenn es heißt: »Es ergriff ihn tiefes Mitgefühl«?, überlegte er und dachte darüber nach, wie oft diese Formulierung in den Evangelien vorkam. Helene stand hinter Albert. »Es sind so viele, dass sie ein ganzes Krankenhaus füllen würden«, flüsterte sie. 40