CLAIRE HÖLIG
Die Weiße Wölfin und der Admiral
Robert sah General Rädel ungeduldig an. »Das kann doch nicht wahr sein!«, rief er zornig. »Sie muss doch zu irgendeiner Militäreinheit gehören! Was ist mit dem Lazarett? Ist sie vielleicht Krankenschwester?« Rädel betrachtete den aufgebrachten Mann, der unruhig in seinem Arbeitszimmer auf und ab ging, mit zusammengezogenen Augenbrauen. Dieser Schneider war ihm wirklich ein Rätsel. Er kam hier an, verlangte sämtliche Truppenlisten verschiedener Einheiten, wollte aber um keinen Preis sagen, wofür er sie brauchte. Und jetzt überrumpelte er ihn damit, dass er die Schwester eines Konteradmirals suchte und er, General Rädel, ihm gefälligst dabei helfen sollte. Lächerlich! »Kapitän Schneider«, erwiderte Rädel wenig entgegenkommend. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich diese Marie Büchner nicht kenne. Sie haben die Truppenliste aller hier stationierten Einheiten bekommen. Ich habe Ihnen auch die Erlaubnis erteilt, persönlich mit den Offizieren und Unteroffizieren zu sprechen. Niemand kennt eine Marie Büchner. Es muss wohl ein Irrtum vorliegen.« Robert knirschte mit den Zähnen. Der General hatte recht. Er hatte sich sogar bei der Gestapo und der SS erkundigt, aber natürlich hatte er nichts erreicht. Und Marie Büchner war auch nicht für Korvettenkapitän Schnarrenberg tätig. Warum nur hatte der Konteradmiral dann gesagt, sie sei von militärischer Bedeutung? »Nun, was ist mit dem Lazarett? Könnte sie Krankenschwester sein? Ich möchte …« »Kapitän Schneider!«, unterbrach ihn der General gereizt. »Wie oft wollen Sie es noch hören? Es gibt keine Marie Büchner in Courseulles! Finden Sie sich gefälligst damit ab und belästigen Sie mich nicht mehr mit diesem schwachsinnigen Auftrag. Ich habe mein Bestmöglichstes getan, um Ihnen zu helfen, und nun sollten Sie den Anstand haben, die Gegebenheiten zu akzeptieren.« Robert betrachtete den General eine Weile schweigend. Mit unbewegter Miene sagte er: »Herr General, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, aber Sie verstehen sicherlich, dass ich nichts unversucht lassen kann. Könnten Sie mir bitte sagen, wo ich die Krankenstation finde?«
Rädel hatte sich etwas beruhigt. Er lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und meinte dann: »Das Krankenhaus befindet sich an der Hauptstraße in der Stadtmitte. Der leitende Arzt heißt Oberst Keller. Sprechen Sie mit ihm. Vielleicht kann er Ihnen helfen. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe zu tun.« Damit wandte er sich seiner Schreibarbeit zu und würdigte Robert keines Blickes mehr. Robert fand das Krankenhaus ziemlich schnell. Es war ein großes, hässliches Gebäude aus grauem Beton und alten Fenstern. Ein junger Infanterist brachte ihn zu Oberst Keller. Der Arzt war ein großer, dünner Mann mit silbergrauem Haar und einer schmalen Brille. Er trug einen weißen Kittel, der ihm etwas zu kurz war, und hob verwundert die buschigen Augenbrauen, als Robert ihm sein Anliegen vortrug. »Marie Büchner? Nein, dieser Name sagt mir überhaupt nichts. Wissen Sie, in diesem Krankenhaus arbeiten Franzosen. Es gibt keine deutsche Krankenschwester hier, tut mir leid.« Robert seufzte ärgerlich, bedankte sich jedoch bei dem Arzt für seine Zeit. »Nichts zu danken, ich helfe gerne. Aber wenn es Ihnen wirklich so wichtig ist, diese Marie Büchner zu finden, so erkundigen Sie sich doch bei der französischen Bevölkerung. Vielleicht hilft Ihnen die weiter.« Robert hatte in dieser Hinsicht seine Zweifel, stimmte aber zu. Ihm blieb ohnehin nichts anderes übrig. Es war bereits eine Woche verstrichen, und bald würde Büchner in Paris sein. Bis dahin musste er dessen Schwester gefunden haben. Die Uhr tickte.
Marie saß im Wohnzimmer von Jeanette und sah durch die großen Türfenster hinaus in den Garten. Beim Anblick der schwer beladenen Obstbäume, deren Äste im Windstoß ächzten, schweiften ihre Gedanken ab.
Sie war immer gerne hier gewesen. Das Haus ihrer Großmutter war der Ort für Marie, der ihr alles gab, wonach sie sich sehnte: Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit. Marie merkte, wie es ihr den Hals zuschnürte, als die alten Erinnerungen in ihr hochkamen. Sie sah sich wieder mit Karl über die Wiese rennen, einen alten Fahrradreifen mit einem Stock neben sich her treibend, und hatte wieder das Gefühl, dass ihr Bruder alles besser konnte als sie. Wie hatte sie ihn als Kind bewundert! Doch als die Pubertät kam, war das vorbei. Immer häufiger war es zum Streit gekommen, irgendwann täglich. Den harmlosen Dingen, wie etwa die Verteilung von Süßigkeiten, waren politische Themen gefolgt. Und schließlich war die Familie daran zerbrochen. Marie spürte noch heute den Zorn und die Empörung, als Karl seinen Entschluss verkündete, zur deutschen Kriegsmarine zu gehen. Karl. Er hatte ihr Leben mehr gezeichnet, als es ihm vermutlich bewusst war. Und irgendwie war er auch Schuld daran, dass sie die geworden war, die sie war. Sie blickte hinaus auf den Garten, der die Geheimnisse und die Erinnerungen ihrer verlorenen Kindheit hütete, und fragte sich voll Bitterkeit, was aus ihrem schönen Frankreich geworden war. 1943 war kein schönes Jahr für die Erben von Napoleon und Ludwig XIV. Das Leben war ein erbarmungsloser Überlebenskampf geworden, es fehlte überall an Nahrung, Kleidung und Kohle zum Heizen. Auf dem Land hatten es die Menschen noch leichter. Wie ihre Großmutter besaßen viele einen großzügig angelegten Gemüsegarten und Holz konnte man sich notfalls einfach und bequem besorgen. Aber in der Stadt sah es schon ganz anders aus. Überall herrschte Mangel. Korruption und Schwarzmarkt blühten, Hass und Terror ebenfalls. Es war eine Welt, in der ein Menschenleben nicht viel zählte. Und während sie den knarrenden Bäumen im Wind zusah, fragte sie sich, ob es ihr jemals wieder möglich sein würde, sich frei zu bewegen, frei zu sprechen, zu lesen, zu lieben, ohne Angst zu haben. Es klingelte. Marie fuhr erschrocken zusammen. Sie warf Jeanette einen Blick zu. Erwartete sie Besuch? Doch an Jeanettes überraschtem Gesichtsausdruck erkannte Marie, dass dies wohl nicht der Fall war.
Rasch stand Marie auf und flüchtete in das obere Stockwerk. Als sie ihr Zimmer erreicht hatte, schloss sie die Tür und setzte sich auf ihr Bett. Dann wartete sie lauschend. Niemand durfte wissen, dass eine Verbindung zwischen ihr und Jeanette Bonnet bestand. Es war viel zu gefährlich für ihre Großmutter. Marie gab immer sorgsam acht, dass ihr niemand folgte, wenn sie zu ihr ging. Sie stellte das Fahrrad im Schuppen ab und versteckte ihren Mantel im Kleiderschrank. So konnte man nicht ahnen, dass ihre Großmutter Besuch hatte. Kein Mensch durfte wissen, dass Marie Büchner zurückgekehrt war. Marie hörte, wie Jeanette die Tür öffnete. Da kein freundliches »Bonjour« ertönte, nahm Marie an, dass es sich um eine fremde Person handelte. Ihr blieb fast das Herz stehen, als sie die Stimme von Kapitänleutnant Schneider erkannte.
3 Robert war zufrieden mit sich selbst. Der Rat des Obersts hatte sich als richtig erwiesen. Die Bekannte einer jungen Krankenschwester hatte ihm mit einem überaus gehässigen Grinsen erzählt, sie erinnere sich an eine Marie Büchner, und ihn zum Haus von Jeanette Bonnet geschickt. Und so hatte Robert sich auf den Weg dorthin gemacht. Er befahl seinem Fahrer, vor der Einfahrt auf ihn zu warten. Dann öffnete er das schlichte Holztor und folgte einem Kiesweg bis zur Haustür. Eine alte Frau öffnete ihm. Sie war sehr klein, zierlich und trug eine strenge Frisur. Ihre braunen Augen waren von Falten umgeben und musterten ihn schweigend. »Madame Bonnet?«, fragte Robert höflich. Die Alte nickte langsam. Robert schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Er hoffte, dadurch ihr Vertrauen zu gewinnen. »Man sagte mir, Sie könnten mir helfen, Marie Büchner zu finden. Wissen Sie, wo sie sich derzeit aufhält?« Sein Französisch war gebrochen und schlecht, aber Madame Bonnet schien seine Worte trotzdem zu verstehen. Mit kalter und ausdrucksloser Stimme meinte sie: »Sie müssen sich irren, Monsieur. Ich kenne keine Marie Büchner. Es tut mir leid.« Die Worte erreichten nicht ihre Augen und Robert war sich sicher, dass sie log. Als er den Namen Marie Büchner genannt hatte, war kurz Furcht in ihren Augen aufgeflammt. Doch gleich darauf hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »Es ist wirklich wichtig. Wissen Sie, wo ich Sie erreichen kann?« Robert war nicht gewillt, kampflos wieder zu gehen. Doch nichts, was er sagte, half. Jeanette Bonnet schwieg verbissen, obwohl Robert sämtliche Register zog. Er versuchte es mit Charme, mit Geduld und Humor. Schließlich blieb ihm nur noch übrig, seine Trumpfkarte auszuspielen und sie einzuschüchtern.
»Wohnen Sie hier alleine?« Seine Stimme war nun nicht mehr so höflich wie am Anfang des Gesprächs. Jeanette nickte langsam und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. Doch als Robert sie aufforderte, ihm das Haus zu zeigen, mischten sich Sorge und Furcht in ihrem Blick. Als sie ins Esszimmer traten, fielen Robert mehrere Fotografien in schlichten Silberrahmen auf dem breiten Holzsims des Kamins auf. Robert musterte sie eingehend. Auf einem erkannte er Monsieur und Madame Bonnet unter den Familienmitgliedern. Das Bild musste schon sehr alt sein. Madame Bonnet war auf dem Foto um einiges jünger. Neben Monsieur und Madame Bonnet standen noch zwei weitere Ehepaare und vier Kinder. Vermutlich handelte es sich hierbei um die Kinder und Enkelkinder. Nur ein Junge war darunter. Stolz blickte er Robert an, den Mund zu einem leichten Lächeln verzogen. Stirnrunzelnd betrachtete Robert die Fotografie. Irgendetwas in den Zügen des Jungen kam ihm vertraut vor. Das restliche Haus brachte keinerlei Hinweise, dass Jeanette Bonnet Marie Büchner kannte. Trotzdem wurde Robert das Gefühl nicht los, dass noch jemand im Haus war. Er hatte ein Fahrrad im Schuppen gesehen und er bezweifelte, dass es Madame Bonnet gehörte. Um sie ein wenig in die Enge zu drängen, machte er der alten Frau klar, dass er vorhatte wiederzukommen, und drohte ihr noch einmal, ihn nicht anzulügen. Dann verließ er grußlos das Haus. Am Wagen angekommen, befahl er seinem Fahrer, hinter der nächsten Biegung zu parken. »Sollte jemand das Haus verlassen, werden wir sehen, um wen es sich handelt.« Jeanette war bleich, als Marie wenige Minuten später in die Küche kam. Der Besuch hatte sie sichtlich verängstigt. »Jemand hat dich verraten«, sagte sie ohne Umschweife mit leicht zittriger Stimme. Marie nickte leicht. Der Gedanke war ihr auch schon gekommen. Im Grunde war es nichts Ungewöhnliches, es war nur eine Frage der Zeit gewesen.
»Du musst gehen.« Jeanette riss Marie aus ihren Gedanken. Sie ging Maries Mantel holen und drückte ihn ihr in die Hand. Dann sah sie Marie eindringlich an. »Komm nicht wieder, das ist zu gefährlich!« Wortlos zog Marie ihren Mantel an und ging zum Schuppen. Als sie ihr Fahrrad ins Freie schob, blieb sie am Tor noch einmal stehen. Jeanette war ihr gefolgt. Sie legte ihr die Hand auf die Wange und Marie sah, dass sie ihr noch etwas sagen wollte, aber sie brachte keinen Ton heraus. Schweigend standen sich die beiden Frauen gegenüber. Jeanettes Augen füllten sich mit Tränen. Marie spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Plötzlich hatte sie wieder vor Augen, wie sie ihre Großmutter nach jahrelanger Trennung wiedergesehen hatte. Es war an einem Donnerstagnachmittag gewesen. Als sie das Haus erblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als seien erst ein paar Monate vergangen, seit sie das letzte Mal dort gewesen war, und nicht Jahre. Alle Geräusche und Gerüche waren ihr noch vertraut gewesen. Das Knarren des Holztores, das Knirschen der Kieselsteine unter ihren Füßen, der tiefe Ton der Klingel, der Geruch von Feuchtigkeit, Meer und frischen Kräutern. Als sie geklingelt hatte, hatte ihre Großmutter sie nicht erkannt. Wie zu einer ihr völlig fremden Person hatte sie gefragt: »Bonjour. Sie wünschen?« Marie hatte keinen Ton herausbekommen. Beim Anblick ihrer Großmutter hatte der Schmerz sie überrannt, tausend bittersüße Erinnerungen waren in ihren Kopf gestiegen. Die Tränen waren ihr in die Augen geschossen und mit einer krächzenden Stimme hatte sie »Mamy« gerufen, ehe sie schluchzend in ihren Armen zusammengebrochen war. Jeanette war im ersten Augenblick völlig überrascht gewesen, doch dann begann sie zu begreifen, und während sie ihr tröstend den Rücken gestreichelt hatte, hatte sie mit tränenerstickter Stimme immer wieder »Marie! Marie! Du bist zurück, du bist wieder da! Ich habe dich wieder!« gerufen.
Maries Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass sie das Haus ihrer Großmutter von nun an nicht mehr betreten durfte. Aber noch schlimmer war die Sorge, dass sie Jeanette vielleicht in Gefahr gebracht hatte. Jeanette drückte Marie einen Kuss auf die Stirn. »Viel Glück und sei vorsichtig!« »Mach dir keine Sorgen um mich. Ich komme zurecht. Aber gib auf dich acht!« Marie wollte Selbstsicherheit demonstrieren, um ihrer Großmutter Zuversicht einzuflößen, aber das Zittern ihrer Stimme war verräterisch. Doppelt so vorsichtig wie sonst radelte sie die Straße zur Stadt entlang, den Blick stets nach vorne gerichtet, um nicht zurückzuschauen, um nicht ein letztes Mal zu sehen, was sie so schnell wieder verloren hatte – durch die Schuld ihres Bruders. Robert sah die junge Frau auf dem Fahrrad sofort. Er hatte also recht gehabt, Madame Bonnet hatte Besuch gehabt. Interessant, dass sie es verschwiegen hatte. War er vielleicht einem Mitglied der Résistance auf die Schliche gekommen? Oder versteckte die alte Dame gar Juden bei sich? Er erinnerte sich an die Furcht in ihren Augen, als er angekündigt hatte, dass er sich das Haus ansehen wollte. Sie hatte Angst gehabt, dass er die junge Frau fand. Warum? Wer war sie? Robert befahl dem Fahrer, ihr zu folgen. Doch das erwies sich als schwierig. Die Frau schien damit zu rechnen, dass man sie verfolgte, und wechselte immer wieder die Richtung. Schließlich nahm sie einen Trampelpfad und ehe Robert es sich versah, war sie auch schon verschwunden. Fluchend befahl er seinem Fahrer, zurück zum Haus von Madame Bonnet zu fahren. Als er ausstieg, rief er: »Fahren Sie zurück zur Kommandantur und sagen Sie dem General Rädel, er soll die Gestapo anrufen. Sie sollen ein paar Beamte nach Vaux schicken.«