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Onkel Nino los zu sein, war wie eine Befreiung für Mafalda, und selbst Tante Cosa musste tagelang noch darüber lachen, wenn sie an Onkel Ninos Mimik dachte. Ihr Husten ließ etwas nach, das Fieber verschwand und sie war sogar wieder in der Lage, im Sessel zu sitzen. »Er wird das Haus noch früh genug erben«, meinte Tante Cosa. »Geduldig ist er noch nie gewesen. Das wird er hoffentlich auf Erden noch lernen.« Sie kicherte. »Im Fegefeuer wird es wahrlich anstrengender sein.« Eines Tages, während Mafalda im Garten das letzte Gemüse erntete und die Beete für den nahenden Winter bearbeitete, sah sie im Hinterhof des Nachbarhauses eine Schwangere stehen, die energisch ein Paar Schuhe bürstete. Das musste die junge Frau sein, von der ihr Tante Cosa erzählt hatte. Ob sie es wagen sollte? Mafalda warf einen Blick auf die Fassade des Nachbarhauses. Die Fenster waren geschlossen und die Alte schien sich im Haus aufzuhalten. Mafalda fasste sich ein Herz und kletterte einfach auf die kleine Mauer, die beide Grundstücke trennte. »Hallo«, grüßte Mafalda und lächelte die junge Frau an. Sie mochte etwas jünger als Mafalda sein und trug ihr blondes Haar zu einem Zopf geflochten. Offensichtlich rechnete sie nicht damit, jemandem zu begegnen, denn sie trug keine Haube. Die Unbekannte zuckte zusammen und hob den Kopf. Dabei ließ sie vor Schreck den Schuh aus ihrer Hand gleiten. Einem Reflex folgend sprang Mafalda hinunter, bückte sich und hob ihn wieder auf. Während sie ihn der jungen Frau reichte, trafen sich ihre Blicke. »Entschuldigt, dass ich hier einfach hinüberklettere«, sagte Mafalda, »ich wollte mich nur vorstellen. Mein Name ist Mafalda Monteferro und ich wohne bei meiner Tante Cosa.« Noch während sie sprach, durchfuhr es sie: Diese Augen hatte sie schon einmal gesehen. Irgend61
wo hatte sie bereits in dieses auffällige, sonnendurchflutete Aquamarin geblickt. Beim besten Willen fiel es ihr im Moment nicht ein. Jetzt waren die Augen gerötet und das Gesicht der Nachbarin fleckig. Bestimmt hatte sie zuvor geweint. »Ich …«, begann die Frau zu stottern und blickte zum Haus hoch. Niemand war am Fenster. »Ich muss wieder rein«, flüsterte sie und raffte Lederfett, Bürste und Schuhe zusammen. »Sie wird gleich vom Markt zurück sein.« »Wartet«, flüsterte Mafalda. Sie fasste sie am Arm. »Ihr könnt mir vertrauen. Ich … ich …« Jetzt fing sie an zu stottern. Ja, was wollte sie eigentlich von der jungen Frau? In diesem Augenblick fiel ihr wieder ein, wo sie ihr begegnet war. In Abbazia di Praglia. Die Frau in der Badestube. Bianca. Doch warum trug sie dieses hässliche Kleid, das uralt sein musste? Hatte sie nicht damals erzählt, sie sei vermögend und mit einem Mann durchgebrannt? Irgendetwas stimmte da nicht. Hatte sie nicht erzählt, er stamme aus höchstem Adel? Wie kam sie hierher? »Wir kennen uns«, sagte Mafalda geradeheraus. »Erinnert Ihr Euch?« Die Schwangere wich einen Schritt zurück. Ihr Gesicht färbte sich totenbleich. Sie schien zu überlegen. Dann nickte sie zögernd und ein unsicheres Lächeln überflog ihr Gesicht. »Signora Cappello?« »Ja.« Mafalda betrachtete den vorgewölbten Leib und lächelte ihr aufmunternd zu. »Ist alles in Ordnung?« Es war offensichtlich, dass es Bianca nicht gut ging. »Mit dem Kind, ja.« Bianca blickte sich scheu um. »Ich muss wieder rein.« »Warum versteckt Ihr Euch? Ihr könnt mich gern drüben besuchen. Ich habe nur meine Tante zum Reden.« »Bitte, Schwester, sagt niemandem, dass ich hier bin!« Bianca seufzte tief. »Ich werde gesucht. Man hat Spione auf mich angesetzt, aber das kann ich Euch jetzt nicht erklären. Bitte, ich muss jetzt wirk62
lich gehen.« Sie war mit einem Schritt an der Hintertür. »Sagt ja nichts.« »Wartet.« Mafalda ging hinter ihr her. Sie musste sie erkannt haben. »Ich heiße Mafalda, erinnert Ihr Euch?« Bianca nickte. »Du kannst ruhig Bianca zu mir sagen.« »Kann ich dich besuchen?« »Bei allen Heiligen, nein!« Es hörte sich an wie die Klage eines Hasen, der von einem Fuchs gerissen wurde. Mafalda wollte nicht aufgeben. Was auch immer dazu geführt hatte, dass Bianca hier wohnte, war in diesem Augenblick nicht von Bedeutung. Sie fühlte tiefes Mitleid mit ihr. »Bist du die Schwiegertochter …?« Die Frage allein war schon absurd. Wer sonst sollte Bianca in diesem Haus sein? »Du hast in Abbazia di Praglia aber erzählt, dass du nicht verheiratet bist.« »Wir haben unterwegs geheiratet.« »Können wir uns gar nicht treffen?« Mafalda war ratlos. »Wenn deine Schwiegermutter außer Haus ist, treffen wir uns doch hier. Ich gucke ab und zu aus dem Fenster und du kannst mir ein Zeichen geben, ja?« In diesem Moment hörte Mafalda ein Knarren. Geistesgegenwärtig hastete sie über die Mauer in Richtung Tante Cosas Haus. Sie hörte, wie ein Fenster aufgerissen wurde. »Bianca!« Die Stimme klang grollend. »He, was machst du da?« Mafalda drehte sich um. Am Fenster stand eine ältere Frau. Sie war schmächtig, trug ein einfaches graues Kleid und offensichtlich fehlten ihr bereits mehrere Zähne. Der letzte Satz hatte ihr gegolten. Sie musste sie noch im Garten gesehen haben. »Entschuldigt, ich dachte, Ihr seid im Garten, aber da war niemand. Ich wollte mich nur vorstellen. Ich bin Mafalda, die Nichte Eurer Nachbarin Cosa.«
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Venedig Seufzend ließ sich Nobile Cappello in einen Sessel fallen. Für die elegante Einrichtung mit ihren wertvollen Skulpturen und Gemälden in seinem Arbeitszimmer hatte er an diesem Morgen keinen Blick. Ein Diener brachte ihm eine Erfrischung. »Ich möchte nicht mehr gestört werden«, ordnete er an. Seine Gedanken schweiften in den Palazzo Ducale. Es hatte mehr als eine Sitzung gebraucht, diese Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Tagelang hatte er gegrübelt und war sich unsicher gewesen. Kannte er seine Tochter wirklich? Wusste er, was sie den ganzen Tag getan hatte? Er hatte sich jeden seiner Diener vorgenommen und ausgefragt. Bei Livia waren ihm Zweifel gekommen, was Wahrheit und was Lüge war. Seine Intuition sagte ihm, dass es nicht möglich war, innerhalb des Palazzos mit seinen vielen Bediensteten Kleider beiseitezuschaffen und ungesehen zu verschwinden. Dazu kam der dreiste Diebstahl aus seinem Arbeitszimmer. Nie und nimmer hätte er geglaubt, dass sein eigenes Fleisch und Blut sich am Brautgeschenk vergreifen würde. Das war das Letzte! Seine süße Bianca eine Diebin? Ein widerlicher Gedanke! Die Augen des Nobile verengten sich und sein Mund glich einer schmalen Linie. Er hatte nicht anders gekonnt und alles dem Consiglio dei Dieci vorgetragen. Die Untersuchungen seitens des Rats kamen zum Ergebnis, dass Bianca nicht entführt worden war. Von Biancas Schreiben mit den wenigen wirren Sätzen hatte er nichts erwähnt. Hatte das tatsächlich sein Kind geschrieben? Insgeheim wusste er, dass etwas mit ihr passiert sein musste, denn es war zweifellos ihre Schrift. Dann war da noch der Diebstahl der Edelsteine. Es gab keine Einbruchsspuren und nur wenige Menschen im Haus, darunter Bianca, wussten, wo er die Steine aufbewahrte. Beides zusammen ergänzte sich zu einem Bild. Bianca hatte ihr zukünftiges Brautgeschenk geraubt und sich damit 64
zu einer Verbrecherin gewandelt. Sie hätte ihn nicht tiefer kränken können. Sie hatte seinem Namen die Ehre geraubt. Ihr Diebstahl war öffentlich geworden. Er würde deshalb nie in den Rat der Zehn aufsteigen. Bianca hatte ihm sämtliche Türen im Dogenpalast zugeschlagen. Mit einer Wucht, die ihm mehr als Bauchschmerzen bereitete. In seiner maßlosen Enttäuschung konnte er der Entscheidung des Rats nur zustimmen: Die Flüchtigen mussten ergriffen und bestraft werden. Sogar eine Belohnung war in Aussicht gestellt worden und tausend Dukaten waren für normale Venezianer ein Vermögen. Er war davon überzeugt, dass man sie aufgreifen würde. Dann sollte der Rat über sie entscheiden. Nobile Cappello hatte sich innerlich von seiner Tochter verabschiedet. Sie hatte sein Herz gebrochen. Was man auch immer als Strafe für sie ersann, sie hatte es verdient! Trotzdem brannte es in seinem Herzen. Er seufzte. Jetzt waren Spione ausgesandt worden, um sie zu ergreifen. Cappello musste wohl einige Stunden einsam in seinem Zimmer gesessen haben, als es an seiner Tür klopfte. Sein ergebenster Diener stand in der Tür. »Was gibt es, Giacomo? Ich wollte nicht gestört werden.« »Gewiss«, Giacomo lächelte höflich und verneigte sich tief, »es ist hoher Besuch für Euch gekommen.« Er sah finster drein. »Besuch? Jetzt?« »Der Patriarch von Aquileia!« Der Nobile sprang erschrocken auf. »Mein Schwager?« Giacomo nickte. »Ja, mein Herr.« »Bitte ihn herein.« Die Begrüßung fiel herzlich aus. Wie viele Jahre mochte es her sein, dass Daniele in Venedig gewesen war? Damals hatte sein Bart noch nicht den Hals bedeckt und war schwarz wie das Haupthaar gewesen. 65
»Du bist mit großem Gefolge gekommen«, sagte Cappello anerkennend, als er das geschäftige Treiben im Eingangsbereich bemerkte, und betrachtete aufmerksam das mit Seide bestickte Gewand des Patriarchen. »Nun, wir waren einige Tage unterwegs. Ein Teil der Strecke führte über einsame Straßen, deshalb die vielen Wachen. Unser allmächtiger Gott hat es geschenkt, dass wir heute ohne Überfälle gesund hier ankommen durften.« »Du bist mein Gast und dein Gefolge ebenso«, sagte der Nobile. »Mein Haus bietet reichlich Platz. Allerdings habe ich dich jetzt am wenigsten erwartet …« Daniele hatte ein sanftes Lächeln auf dem Gesicht. »… aber am meisten gebraucht, lieber Schwager.« Der Patriarch nahm auf dem angebotenen Stuhl Platz und faltete die Hände im Schoß. »Großer Gott! Ist es bereits bis Aquileia gedrungen?«, entsetzte sich Cappello. Er mochte nicht darüber nachdenken, in welchen entlegenen Winkeln man bereits über ihn lästerte. »Deshalb bin ich gekommen.« Nobile Cappello wirkte erleichtert, als er die ganze Geschichte von Bianca erzählt hatte. Bei Daniele glaubte er sie gut aufgehoben. Er berichtete ihm auch von der Verhaftung der Kammerdienerin. »Livia wird man hoffentlich in die Pozzi werfen. Dort in den Brunnen unterhalb des Palazzo Ducale, wo es feucht und kalt ist, gehören Schwerverbrecher wie sie hin! Ihr Vergehen ist nicht so gering, dass sie nur in den Bleikammern unterm Dach ihre Strafe verbüßen darf.« Cappello hatte gehört, dass es durch die Sonneneinstrahlung unerträglich heiß unterhalb des Daches wurde. Wer hätte damals gedacht, als der Palazzo Ducale vor über zweihundert Jahren neu erbaut worden war, dass das in die Decken eingelassene Blei eine Strafe für Verurteilte sein würde? Nicht wenige hauchten dort ihren Lebensatem aus. »Biancas Sünden wiegen schwer«, sagte der Patriarch. Für einen Moment machte er ein Gesicht, als walle Mitgefühl in ihm auf. Er schloss die Augen und bewegte die Lippen wie bei einem Paternoster. 66
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Der Patriarch ließ seine Blicke zum Deckenfresko schweifen, das muskulöse Männer mit Engelsflügeln zeigte. »Wenn sie tot wäre, könnten wir wenigsten eine Messe für sie lesen lassen«, sagte er und nahm einen Schluck Wein. »Was war sie für ein nettes Kind! Ihre hellen Haare erinnerten mich immer an unsere Mutter.« Dann wurde der Klang seiner Stimme messerscharf. »Sie hat gegen die wichtigsten Gebote verstoßen.« »Das weiß ich selbst, das brauchst du nicht zu betonen«, zischte Cappello. Wenn diese Bemerkung der Zweck von Danieles Besuch war, konnte er gleich wieder verschwinden. Was fiel ihm ein? »Sie hat die ganze Familie beleidigt. Nur eine aufrechte Buße kann sie retten.« »Ja«, stimmte der Nobile verdrossen zu. »Sie ist in Ungnade gefallen. Die Verwandten verachten sie. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird der Rat sie zusätzlich mit der Verbannung bestrafen. Man hat Leute losgesandt, sie zu finden. Ich bin überzeugt, sie und dieser Buonaventuri hatten Helfer. Wer das war, wird man noch herausfinden.« »Gott wird alles aufdecken«, versicherte der Patriarch. »Wir wollen gemeinsam für ihre verlorene Seele beten. Vor meiner Abreise aus Aquileia haben die Gläubigen in unserer Basilika mit Fürbittgebeten begonnen. Ach ja, ich möchte dich zudem wissen lassen, dass ich für ihre Ergreifung zusätzlich tausend Dukaten zur Belohnung aussetze. Teile meine Entscheidung dem Consiglio dei Dieci mit, damit es bekannt gemacht wird. Man muss sie finden!« »Tausend Dukaten?«, fragte Cappello verwirrt. »Woher nimmst du so viel Geld? Es sind doch bereits tausend Dukaten für ihre Ergreifung ausgesetzt worden. Damit wären es zweitausend!« »Umso besser. Lieber Schwager, woher das Geld stammt, tut nichts zur Sache. Hauptsache, wir finden deine Tochter.«
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