Eva Breunig
Die Tour Seven for Heaven – Band 5
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»Ende der Autofahrt!«, verkündete Mama. »Aber das Tuch bleibt noch über den Augen!«, befahl Onkel Robert. »Wir sind noch nicht am Ziel!« Tina tastete blind nach dem Türgriff und öffnete die Autotür. Tief atmete sie die frische Frühlingsluft ein; mit verbundenen Augen im Auto zu sitzen hatte ihr eine leichte Übelkeit verursacht, obwohl Onkel Robert ohnehin ganz vorsichtig gefahren war. Es roch nach Gras und Bäumen. Offenbar hatten sie die Stadt verlassen. »Vorsichtig, der Boden ist nicht ganz eben!« Mama hakte sich bei Tina unter und zog sie langsam voran. Tina spürte Schotter und Kies unter ihren Schuhen. Wo brachten die beiden sie nur hin? Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich auch nur annähernd befanden. Zu Hause? Oder in der Nähe des Internats auf der Josefshöhe, in dem sie während der Schulzeit lebte? Oder waren sie noch in der Umgebung des Deutschen Jugendsenders, wo die Sieger des Castingwettbewerbes »Deutschlands coolster Teenie-Star« gestern ihr Konzert gegeben hatten? Ich bin echt gespannt, was das noch wird, dachte Tina. Auf jeden Fall geben sie sich Mühe, mich zu überraschen! Heute war ihr Geburtstag. Endlich wurde sie fünfzehn! Aber eigentlich war der gestrige Tag für sie schon wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern gleichzeitig gewesen. Denn gestern war sie, die schüchterne, pummelige Tina, mit ihrer Band »Seven for Heaven« vor Hunderten von Zuschauern live aufgetreten. Und, was noch tausendmal besser war – Rib Juice hatte sie geküsst! Rib Juice, dieser schräge Typ, der Sieger des Castings. Groß, dünn und blass, mit schwarzen Wuschellocken und immer schwarz angezogen. Er war geheimnisvoll, faszinierend und irgendwie auch furchterregend. Bei ihrem ersten Treffen vor einigen Monaten hatte Tina sich vor ihm 3
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fast zu Tode gefürchtet! Inzwischen kannte sie ihn natürlich sehr viel besser und wusste von seiner schlimmen Kindheit und warum er manchmal so schwierig war. Und jetzt war er hochoffiziell ihr Freund! Hurra! Dass sie heute auch noch Geburtstag hatte, war nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Sie schienen die Straße zu verlassen. Der Boden fühlte sich jetzt weich an, eine Wiese vielleicht? Es war ziemlich still, nur von ferne wehte der Wind ein paar Fetzen von Zurufen und Gepolter herüber. Irgendwo wurde gearbeitet. Wo waren sie hier bloß? »Gleich sind wir da«, freute sich Mama. »Noch nicht!« Onkel Robert nahm Tinas anderen Ellbogen und hinderte sie so daran, den Schal von ihren Augen loszubinden. Sie gingen noch ein paar Schritte. Die Rufe und Arbeitsgeräusche wurden lauter. Metallstangen, die aneinanderklirrten? Dann blieben Mama und Onkel Robert stehen. »Jetzt«, sagte Mama. Aufs Äußerste gespannt, streifte Tina die Augenbinde ab. Vor ihr lag die Wiese, auf der gestern das Konzert stattgefunden hatte. Im Hintergrund waren noch Überreste der riesigen Bühne zu sehen. Mehrere Männer montierten gerade das Gerüst ab, auf dem die Überdachung befestigt gewesen war. Und davor stand eine Gruppe Jugendlicher und stimmte auf Mamas Zeichen hin »Happy Birthday« an. Überrascht schlug Tina die Hände vor den Mund. Alle waren da! Nicht nur die Mädels aus dem Internat, sondern ihre ganze Band! Und sogar auch noch Mitglieder der anderen Bands, die gestern hier aufgetreten waren – Lukas Maly, der im Casting hinter »Seven for Heaven« den dritten Platz gemacht hatte, mit seiner Bianca, und einige Leute von den »Schwarzaug-Erbsen« und von »Meeresbrise«. Und natürlich Rib! »Voll der Wahnsinn!«, quiekte Tina zwischen ihren Fingern hervor. Mama strahlte wie ein Weihnachtsbaum über die gelungene Überraschung, und Onkel Robert grinste zufrieden. Tina stand zwischen ihnen und wusste nicht recht, ob sie vor Freude kreischen oder lieber vor Verlegenheit im Boden versinken sollte. Einerseits war es unglaublich, dass all diese Leute eigens für ihren Geburtstag hier 4
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angerückt waren – aber andererseits stand Tina überhaupt nicht gern im Mittelpunkt, sondern liebte es, unauffällig und unsichtbar zu sein! Zum Glück dauerte der Gesang nicht lang, und dann löste die Gruppe sich auf und Tinas Freundinnen kamen auf sie zugelaufen. Allen voran die sportliche Monika, Tinas Zimmergenossin im Internat, mit ihrem ewigen schwarzen Hut auf dem Kopf, und Madeleine, die zarte rothaarige Akrobatin. Dann die dunkelhäutige Samira mit den Rastazöpfen, Caro in ihrem Punker-Outfit und die magere kleine Selma. Dahinter folgten die anderen Mädels von »Seven for Heaven«: die elegante Anführerin Antonia, die beiden Leadsängerinnen Heike und Janine, das unscheinbare Mathegenie Miriam und die unzertrennlichen Freundinnen Elsa und Desiree. Sie umringten Tina mit Geschrei und Gehopse und umarmten sie jubelnd. »Alles Gute!«, »Glückwunsch!«, »Happy Birthday!«, riefen alle durcheinander. »Nur noch drei Jahre bis zur Volljährigkeit!«, bemerkte der lange Freddy, Monikas Freund, von oben herab. Endlich bahnte sich auch Rib einen Weg durch die Menge. Er umarmte Tina und drückte ihr einen dicken Geburtstagsschmatz mitten auf den Mund – vor allen Leuten! »Alles Gute, mein kleines Schäfchen«, murmelte er mit seiner rauen Rebellenstimme. Tina lachte und weinte gleichzeitig. Sie sah sich nach Mama und Onkel Robert um, weil sie sich bedanken wollte, aber die beiden hatten vor dem Getümmel die Flucht ergriffen und sich in Richtung Waldrand gerettet. Dort beschützten sie die Tische, auf denen die Geburtstagstorte, die Getränke und mehrere Schüsseln mit Würstchen und Kartoffelsalat aufgebaut waren. Es wurde eine tolle Party. Zwar wäre es noch cooler gewesen, wenn sie am Abend stattgefunden hätte – Nachmittagsveranstaltungen hatten immer ein bisschen den Beigeschmack von Kinderparty. Aber das ging nicht, denn am Abend mussten alle Gäste in verschiedene Richtungen nach Hause fahren. Auch gab es – mitten auf der Wiese – nur einen batteriebetriebenen CD-Player, der für Musik sorgte, aber die Stimmung war trotzdem bombig. Hier feierten schließlich die fünf coolsten Teenie-Stars und -Bands Deutschlands, 5
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die gerade erst gestern einen sensationellen Konzertauftritt hingelegt hatten! Wie konnte die Laune denn da anders als großartig sein? »Schade, dass die Bühne schon wieder weggeräumt wird!«, bedauerte Thomas die Nervensäge. »Ja, sonst hätten wir unsere eigene Musik machen können!«, fand Mike, der Gitarrist der »Schwarzaug-Erbsen«. »Nicht, solange du an jedem Arm zwei Mädels hängen hast!«, grinste Thomas. Mike zog die Augenbrauen hoch und bemerkte gespielt herablassend: »Tja, damit musst du leben, Chorbubi! Der Gitarrist und der Drummer schleppen die Girls ab. So ist das im Leben!« »Na und?« Thomas zuckte die Achseln. »Girls machen doch nur Probleme! No woman, no cry! So ist das im Leben!« »Klar doch!« Mike zwinkerte ihm gönnerhaft zu und widmete sich dann seinen Fans. Madeleine und Christopher führten dem staunenden Publikum gerade ihren »Vertrauens-Tanz« vor, den sie zum Finale-Song getanzt hatten. Den Höhepunkt bildete die Stelle, wo Madeleine sich rücklings fallen ließ und von ihrem Tanzpartner erst aufgefangen wurde, als ihre roten Locken schon fast den Boden fegten. Das erforderte tatsächlich eine Menge Vertrauen – und viel Übung. Die Zuschauer staunten, lachten und klatschten. Die meisten hatten dieses Kunststück schon mehrmals bei den Auftritten von 7fH gesehen, aber nicht live und aus nächster Nähe. »Na los, ihr Couch-Potatoes!«, lachte Madeleine, als sie fertig waren, und wedelte mit der Hand, um die Menge zu verscheuchen. »Selber tanzen macht Spaß!« Überrascht beobachtete Tina, dass sie Christophers Hand auch jetzt nicht losließ, als die Umstehenden sich zerstreuten. Im Gegenteil, jetzt drückte sie seine Hand sogar und legte für einen Moment den Kopf an seine Schulter! Tina sah genauer hin. Madeleine und Christopher – ein Paar? Wieso war ihr das noch gar nicht aufgefallen?! Na klar, da probten die beiden seit Monaten miteinander und dachten sich gemeinsam die Choreografie aus – offenbar waren sie sich nicht nur beim Tanzen nähergekommen! Christopher legte den Arm um die Schulter der zarten Elfe, doch sie befreite sich aus seiner Umarmung und schlug schnell ein Rad. Tina grinste in sich hinein. 6
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Madeleine konnte einfach nicht anders, als immer zu springen, zu tanzen, sich zu drehen oder auf den Händen zu laufen! Ein ungewohntes Gefühl in ihrem Genick ließ Tina zusammenzucken. »Ah!«, kreischte sie schrill und verschüttete Apfelsaft auf ihre Hose. »Ich liebe es, wenn die Frauen vor Lust schreien!«, murmelte Rib und knabberte sanft an ihrem Nacken. »Was schleichst du dich auch immer so von hinten an!«, schimpfte sie. »Schau, jetzt hab ich mich bekleckert!« »Ts, ts, ts!« Rib schüttelte völlig unbeeindruckt den Kopf und knabberte in Richtung Ohr weiter. »Hör auf, das kitzelt!«, kicherte sie und versuchte ihn wegzudrücken. Doch er umschlang sie mit seinen sehnigen Armen, sodass es ihr nicht gelang, sich daraus freizuwinden. »Das soll’s ja auch«, raunte er ihr ins Ohr. »Du bist unmöglich!«, tadelte sie. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Mama und Onkel Robert mit dem Flachmachen der leeren Saftpackungen beschäftigt waren und nicht hersahen. Schnell drehte sie sich zu Rib um und küsste ihn. Das war wohl die Mindeststrafe für so viel böses Erschrecken und Kitzeln! »Gratuliere!«, sagte jemand neben ihnen. »Seid ihr zwei Hübschen doch endlich zu Potte gekommen! Ich hab’s ja kaum noch zu hoffen gewagt!« Nur zögernd löste sich Tina aus Ribs Armen und schaute auf. Es war Dave, der knackige Drummer der »Schwarzaug-Erbsen«. Ausgerechnet! Der Typ, mit dem sie mal eine »Affäre« gehabt hatte! In Wirklichkeit war da so gut wie nichts gewesen, aber dieses Wenige war leider von der gesamten Teenie-Klatschpresse ziemlich breit getreten worden … Tina wollte die ganze unrühmliche Geschichte am liebsten vergessen, aber die Zeitschriften erwähnten sie immer wieder … An Daves Arm hing jetzt die Leadsängerin von »Meeresbrise«, die dralle Natalja mit den Glutaugen. »G…Glückwunsch«, sagte Natalja herzlich. Ob zu diesem Kuss oder zu Tinas Geburtstag, blieb unklar. Sie stotterte beim Reden, nicht jedoch beim Singen, und so hatte »Meeresbrise« es im Casting unter die besten fünf geschafft. 7
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»Danke!«, erwiderte Tina, doch gleichzeitig knurrte Rib in Richtung Dave: »Spiel dich nicht so auf!« und reckte das Kinn vor. »Wieso aufspielen?«, tat Dave unschuldig. »Bloß weil ich es früher wusste als du selbst, dass du auf sie stehst?« Er deutete mit einer lässigen Kopfbewegung auf Tina. »Komm schon! Das ist doch nichts Schlimmes! Ihr seid ein echt süßes Paar!« Tina zog den Kopf ein. »Süß« war ein Wort, das Rib gar nicht gern über sich hörte! Er sah sich selbst als cool und hart, als rauen Rebellen und widerspenstigen Rocker. Sie wusste, dass Daves Bemerkung ihn provozierte. Und schlimmer noch – sie vermutete stark, dass Dave das auch wusste!
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