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Svenja La nge

Ein Traum wird wahr

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1 Mias Wecker klingelte um sieben Uhr morgens. Sie erwachte langsam und schlug ihre Augen vorsichtig auf. Als ihr klar wurde, dass an diesem Tag der erste Schultag in der achten Klasse war, stieg sie schnell aus dem Bettsofa und zog sich an. Sie wählte ihr Lieblingsoberteil, ein weiches grünes Shirt mit einer Palme und einem Flamingo darauf. Sie hatte es in den Sommerferien in der Reha gekauft, weil es ihre Figur schön umspielte. Dazu eine schwarze Karottenjeans, wie sie gerade in Mode war. Alle anderen waren bereits aus dem Haus, als Mia zur Schule aufbrach. Klara und Jerome, ihre Nachbarn von gegenüber, warteten schon auf sie. Mia war fröhlich und entspannt, als sie in der Schule ankamen. So fröhlich und entspannt man eben sein konnte am ersten Schultag und mit dem üblichen Gefühlschaos. Ihre Freundinnen umarmten sie zur Begrüßung und sie unterhielten sich alle über die Ferien. Alle freuten sich, dass Mia nun nicht mehr im Rollstuhl saß und wieder vollkommen gesund war. Alle Klassenkameraden waren da und unterhielten sich. Klara kam um die Ecke, weil sie dort mit Torben geredet hatte. Sie waren nicht mehr zusammen. Beide waren jeweils in eine andere Person verliebt. Das wusste Mia ja bereits. Torben und Melissa, das passt doch, dachte sich Mia. Mia hörte zu, was die anderen zu berichten hatten, da sie es hasste, so früh am Morgen schon einen Roman zu erzählen. Die Erzählungen der anderen lenkten sie ab von ihren Gedanken, ihren merkwürdigen Träumen, von ihren Gefühlen. Was sie am meisten störte waren ihre Gefühle für Santino, den sie einfach nicht vergessen konnte. Nach ihrem ersten Zusammentreffen im Freibad hatte sie die ganze Zeit versucht, sich die-

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sen Jungen aus dem Kopf zu schlagen – bisher erfolglos. Dabei hatte sie ihn doch seit Wochen nicht mehr gesehen. Er besuchte ja auch eine andere Schule. Plötzlich verdeckte jemand von hinten ihre Augen. Sie erschrak zunächst fürchterlich, doch dann dachte sie nach: Wer kann das sein? Ich habe doch bereits allen Hallo gesagt. Aber diese Hände fühlen sich auch anders an. So vertraut und doch so fremd! Sie sind rau und kräftig, aber zugleich auch zart und vorsichtig  … Das sind Männerhände! Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Ich kenne diesen Griff! Aber zu wem gehört er? Toni? Nein! Er ist ja bereits hier, schließlich geht er ab heute in meine Klasse. Aber wer kann es sonst sein? Alle lachen! Ich kann mich nicht umdrehen, der Griff ist zu fest – und dennoch vorsichtig. Wer kann das nur sein? Der Junge mit dem besonderen Griff lockerte diesen und ließ Mia los, als er bemerkte, dass sie es nicht erraten konnte. Mia drehte sich um, noch ganz benommen, weil sie kaum etwas sah außer diesen schwarzen und bunten Punkten, die man sah, wenn man sich auf die Augen drückte. Als sie dann endlich alles wieder klar sah, traute sie ihren Augen nicht. Ohne nachzudenken fiel sie dem jungen Mann um den Hals. Es war Santino! Santino … Was macht er denn hier? Er ist es wirklich. Er ist hier und umarmt mich. Nein! Ich umarme ihn. Oh … peinlich! Mia ließ ihn los, aber er hielt sie noch so, dass ihre Beine in der Luft baumelten. Sie grinsten sich an, als er sie dann wieder runterließ. »W-Was machst du hier? Santino, du bist es wirklich, was machst du hier?«, stotterte Mia und wurde knallrot wie eine Tomate. Sie sah ihn mit großen Augen an, weil sie glaubte, sie träume. »Ich gehe in die Klasse 8c. Und du?« Er wusste natürlich, dass sie ebenfalls in diese Klasse ging. Aber Mia wusste das noch nicht. »Was?«, rief sie. »Du gehst in meine Klasse!? Du? Wow. Hi.« Mia war außer Atem. Da entdeckte sie Len. »Und du hast mir nichts gesagt! Mann, du Fiesling«, scherzte Mia.

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Len lächelte und meinte: »Ich dachte, du wusstest das!« Santino blickte nicht mehr ganz durch, wovon Mia und Len sprachen, und fragte deshalb nach. »Na ja, ich war im Krankenhaus. Hatte eine Lungenentzündung und brach mir dazu noch das Bein. Also eher gesagt, ich hatte mir das Bein gebrochen, und die Ärzte stellten dann noch fest, dass ich eine Lungenentzündung hatte. Durch die Lungen­ entzündung lag ich anderthalb Tage im Koma. Klara und Len haben mir im Krankenhaus Gesellschaft geleistet. Klara ist die Tochter der Krankenschwester, die mich betreute, und Len machte da sein Praktikum. Und dann musste ich in den Sommerferien in eine Reha nach Nissingen bei Flensburg.« Da fiel ihr ein, dass sie einen Brief an Santino geschrieben hatte, und sie wollte nun wissen, warum er nicht zurückgeschrieben hatte. »Was für ein Brief?«, war Santinos Reaktion. »Und du warst im Krankenhaus? Len, warum hast du mir das nicht gesagt und … Ach deshalb waren die so … Und was war das für ein Brief und warum ein Dankeschön an mich?« Mia war ein wenig verwirrt. Dann merkte sie plötzlich, wie alle sie ansahen. Besonders alle Jungs starrten sie an, als wollten sie gerne wissen, woher Mia diesen gutaussehenden Jungen kannte. »Na ja, du hattest mich gerettet. Ohne dich wäre ich vielleicht ertrunken. Und als ich bei dir so heftig geweint habe …« Eine Pause der Scham überkam Mia, dennoch versuchte sie weiterzusprechen. »Das war wahrscheinlich deshalb, weil ich bemerkt hatte, dass mit mir irgendetwas los war, das ich nicht einordnen konnte – die beginnende Lungenentzündung.« Wegen irgendwas schien Santino sauer zu sein. Mia wurde immer röter. Aber sie sah ihm auch an, dass er nicht auf sie sauer war. Sie freute sich unheimlich, dass er nun in ihre Klasse gehen würde. Dann schob Santino seine Wut auch schon wieder beiseite und fragte Mia: »Sag mal, kann ich in der Klasse neben dir sitzen? Ich kenne ja noch fast niemanden.« Mia nickte und wurde noch röter, wenn das überhaupt möglich war.

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Natascha war sitzen geblieben, ging allerdings noch auf dieselbe Schule. Dennoch gab es andere Zimtzicken in der Klasse, die sie sehr gut ersetzten. Sie machten sich an Santino ran, doch er interessierte sich nicht für diese Mädchen. Er war nur an Mia interessiert. Doch er wusste nicht, ob sie für ihn dasselbe empfand wie er für sie. Mia wurde ein wenig eifersüchtig, aber dann schob sie diese Gedanken in die hinterste Ecke ihres Herzens. Frau Schlitz kam braun gebrannt und fröhlich den Gang herunter und ließ die Schüler ins Klassenzimmer. Alle stürmten hinein und suchten sich Plätze. Santino besetzte neben sich für Mia und Len. Zuerst begrüßte Frau Schlitz die Neuen: Klara, Santino und Len. Diese standen auf und stellten sich vor. »Mia, würdest du ein sogenannter Pate für Klara, Len und Santino sein? Du kennst sie ja bereits«, schlug Frau Schlitz vor. »Ja, gern. Ich habe nichts dagegen.« Da unterbrach Klara Mia: »Ich könnte ja auch Len alles zeigen, schließlich kenne ich mich hier ja schon aus. Und wäre es nicht auch geschickt, jemand würde mit Len und Santino den Stoff aufholen, der ihnen noch fehlt? Die Hauptschule hat ja nicht denselben Stoff wie die Realschule. Mia könnte Santino Nachhilfe geben und ich Len. Ich komme ja auch von einer Realschule.« Len stimmte ihr zu. Mia blickte mal wieder nicht, was das sollte, aber ihr war es egal und deshalb mischte sie sich da nicht ein. »Also, gut. Mia, Santino und Len, seid ihr damit auch einverstanden?« Die drei nickten. »Gut. Hier teile ich euch noch euren neuen Stundenplan aus. Jetzt holt bitte etwas zum Schreiben raus und schreibt mit, was ich an die Tafel schreibe.« Daria sah die ganze Zeit Len an. Sie vergaß sogar mitzuschreiben und musste deshalb danach von Mias Blatt abschreiben. Mia schrieb inzwischen wieder Schreibschrift, weil sie das schöner fand. Santino bewunderte ihre Schrift. Das schmeichelte ihr.

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In der großen Pause ging Mia mit ihm durch die ganze Schule und zeigte ihm alles. Klara musste die beiden entschuldigen, weil Mia bis weit in die nächste Stunde dazu brauchte. Auch das separate Gebäude mit den Technikräumen, der Küche und einem Musikzimmer führte sie ihm vor. Santino hatte ebenfalls Technik gewählt und war daher mit Mia im gleichen Unterricht. Immer wieder berührten sich die Finger der beiden, aus Versehen, versteht sich. Dann blickten sie sich wieder direkt in die Augen und sahen förmlich in das Herz des anderen. Doch keiner von beiden traute sich den ersten Schritt zu machen und über seine Gefühle zu sprechen. Santino hat wirklich Nachhilfe nötig, dachte Mia im Laufe der Woche, denn er wusste fast gar nichts von dem, was Mias Klasse schon längst behandelt hatte. Aber dass Santino das nur spielte, um in ihrer Nähe zu sein, das bemerkte sie nicht. Mia schlug vor, dass sie von nun an öfter zusammen lernen könnten. So begannen die beiden, sich fast jeden Tag zu treffen – mal bei Mia, mal bei Santino. Ab und zu kam auch Toni vorbei, wenn Santino bei Mia war. Dann lernten sie zu dritt.

Wenn Santino und Toni nicht da waren, setzte sich Mia jetzt regelmäßig an den Computer und schrieb ihrer Cousine, die gerade aus den USA nach Deutschland gekommen war, um hier zu studieren. Als Mia nach der Reha ihre Großeltern in Sachsen besucht hatte, hatte Mia Rosie kennengelernt. Die beiden hatten sich in der kurzen Zeit richtig gut angefreundet, sodass sie sich alles anvertrauten, was sie bewegte. Rosie war in den USA bereits verlobt. Dabei war sie gerade mal einundzwanzig. Die Hochzeit würde stattfinden, wenn sie wieder in den USA wäre. Rosie und Mia malten sich immer wieder aus, wie es wäre, wenn Mia mal über die Sommerferien zu ihnen fliegen würde und wie es wäre, wenn Mia ihre Brautjungfer wäre. Aber daraus würde wohl erst einmal nichts werden. Die beiden hielten aber, nachdem Mia und ihre Familie wieder nach Hause gefahren wa-

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ren, regen E-Mail-Kontakt. Jeden Tag schrieben sie sich und ohne einander konnten sie sich ihr Leben gar nicht mehr vorstellen. Hey Rosie, wie geht’s? Ich hoffe gut! Ich bin froh, dass du schon ein bisschen Deutsch lesen kannst, aber ich versuche es trotzdem auf Englisch. Was deine Frage betrifft, wie mein erster Schultag in der achten Klasse war: TOLL! Nein, wirklich. Das war vielleicht eine Geschichte! Erinnerst du dich daran, was ich dir in Sachsen bei unseren Großeltern erzählt habe? Wie ich Santino im Freibad kennengelernt habe? Den Jungen, wegen dem ich solchen Liebeskummer hatte? Er ist jetzt in meiner Klasse! Er hat mich an diesem ersten Schultag damit überrascht. Er hat mir die Augen zugehalten und ich musste raten, wer er ist. Aber da ich nicht wusste, dass er jetzt in meine Klasse geht, konnte ich es nicht erraten. Als ich ihn dann sah, war ich so glücklich wie schon lange nicht mehr. Jetzt lernen wir gemeinsam für die Schule und verbringen viel Zeit miteinander. Ich weiß, dass ich in ihn verliebt bin, aber ich bin mir sicher, dass er nicht dasselbe fühlt. Als ich neulich in der Stadt war, habe ich ihn mit einem Mädchen gesehen. Sie haben viel miteinander geredet und gelacht, so als ob sie gut befreundet wären. Ich kenne sie, da sie letztes Jahr in meiner Klasse war. Allerdings ist sie sitzen geblieben, geht aber noch auf dieselbe Schule wie wir. Es ist wirklich nicht schön, den Jungen, den man liebt, zusammen mit einem Mädchen, das man nicht mag, zu sehen! Aber Santino und ich werden niemals zusammen sein. Er liebt wohl Natascha. Was machen Grandma und Grandpa? Arbeiten sie viel im Garten? Hast du in letzter Zeit von deinen Eltern gehört? Ich hoffe, es geht ihnen gut. Was machst du so? Und wie ist die Universität hier in Deutschland? Ich hoffe, die Studenten sind sehr nett zu dir! Wenn nicht, komm ich vorbei und dann gibt’s Ärger – natürlich nicht. Das war nur ein Witz. J

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Morgen gehe ich mit Santino und der Clique ins Freibad. Ich weiß nicht genau, wie ich mit Santino umgehen soll, aber ich bekomm das schon irgendwie hin. Ich freu mich auf deine Antwort. Liebe Grüße Mia All das schrieb Mia auf Englisch, da ihre Cousine noch nicht gut Deutsch konnte.

In der zweiten Schulwoche ging Mia mit der Clique wieder ins Freibad. Daria war inzwischen mit Len zusammen, Klara hatte keinen Freund, nachdem sie und Len Schluss gemacht hatten. Michelle und Mia hatten ebenfalls keinen Freund. Melissa war total verknallt in Torben, das wusste aber nur Mia. Nun wollte Mia versuchen, Melissa mit Torben zu verkuppeln. »Mia, kommst du?«, rief Santino ihr zu. Mia war mal wieder total in Gedanken versunken. »Was ist denn los, Sü – Mia?« »Nichts. Was soll los sein?!« Mia ging einfach an ihm vorbei. In Wahrheit dachte sie an die Albträume, die sie seit dem letzten Freibadbesuch immer noch manchmal hatte. Die Gedanken an Santino hatten die Albträume vom Wasser immer wieder überdeckt und sie hatte diese immer seltener. In der Reha hatte Toni sie als Schocktherapie ins Wasser geschubst. Dank der Reha traute sie sich überhaupt wieder ins Wasser. Anfangs war die Angst so groß gewesen, dass sie gerade mal duschen konnte. Wieder hier im Freibad zu sein, wo alles angefangen hatte, löste ein mulmiges Gefühl in Mia aus. »Was machen wir zuerst?«, fragten sich alle und schauten Mia an. »Wie wäre es mit Rutschen?«, war Mias Vorschlag, genau wie an jenem Tag, an dem sich Mia und Santino das erste Mal gesehen hatten. Alle waren einverstanden und zogen sich aus. Sie

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