Katie Davis mit Beth Clark
Katie
Leben fĂźr Ugandas Kinder
Inhalt Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
Verliebt – in ein Land . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Im Kreuzfeuer des Widerspruchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Keine Bitte, sondern ein Auftrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 Einfach nur Ja sagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 »Darf ich Mama zu dir sagen?« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Ein verändertes Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Großer Hunger, tiefe Freude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Willkommen zu Hause . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Alles, was ich brauche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Ein Versprechen, das gehalten werden muss . . . . . . . . . . . . 143 Das Geheimnis leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Ein Vorgeschmack auf den Himmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Unvorstellbare Gnade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Kein Studium, aber eine Ausbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Dreitausend Freunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Nur eines mehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 Ein Zuhause für die Einsamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Die Kosten berechnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Eine Jja Ja für uns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Immer genug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
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2 Im Kreuzfeuer des Widerspruchs 6. Oktober 2007 Das Klassenzimmer, in dem ich unter richte, liegt zwischen der Futterstelle der Tiere und den Plump sklos, dadurch »duf tet« es in meinem Klassenzimmer ständig nach tierischen und menschlichen Ausscheidungen. Das Wetter ist schwülheiß. Kaum bin ich mi t dem Duschen fer tig –– es gibt nur eiskaltes Wasser –– beginne ich zu schwi tzen. Ich schlafe unter einem Moski tonetz, dami t ich vor den Stechmücken geschütz t bin, die Malaria und andere Krankhei ten übertragen. Ameisen und Grillen habe ich trotzdem im Bett. In meinem Badezimmer haust eine Ratte, die so groß wie eine Hauskatze ist, und in der Dusche hängen ein paar Fledermäuse. Heute Morgen wäre meinem Toaster fast eine Eidechse zum Opfer gefallen. Fred, mein piki -Fahrer, kommt fast immer zu spät, stößt manchmal mi t Kühen zusammen oder ihm geht das Benzin aus, und er vergisst während der Fahr t häuf ig, mich vor Schlaglöchern zu warnen. Wenn es regnet, verwandeln sich die f urchtbaren Straßen in matschige Sümpfe, und es ist praktisch unmöglich, irgendwohin zu gelangen. Zum Mi ttag- und zum Abendessen gibt es posho , also Maismehl, das so lange mi t Wasser gekocht wird, bis ein dicker Brei entstanden ist. Es schmeckt nur ein bisschen schlechter als Kleister. Manchmal sind die Kinder so schmutzig, dass sie stinken; man kann sie gar nicht berühren, ohne selbst schmutzig zu werden. 45
Eigentlich ist es aber sowieso unmöglich, irgendwann mal nicht schmutzig zu sein, da der Wind den roten Staub überall hinweht. Jeden Morgen gegen fünf Uhr weckt mich ein Hahn mi t seinem Krähen –– wenn ich wegen eines kranken Baby s oder wegen meinem gelegent lichen eigenen Unwohlsein nicht ohnehin die ganze Nacht auf war. Das alles klingt wie Klagen. Doch dem ist nicht so, denn ich f reue mich am Her rn, denn … Ich mag mein winziges Klassenzimmer. Ich mag es, wenn die Sonne heiß auf mein Gesicht brennt. Nach einem langen Tag f reue ich mich auf mein behagliches Bett unter dem Netz. Ich mag mein Zuhause, einschließlich aller Bewohner. Ich mag Fred, meinen piki Fahrer. Mir gefallen die langen Fußmärsche nach Hause, bei Tag und bei Nacht, bei Regen und bei Sonnenschein. Ich mag den trommelnden, reinigenden Regen in Uganda. Ich mag mein u gandisches Essen, das mi t so viel Liebe und Großzügigkei t zuberei tet wird. Ich mag es, wenn diese wer tvollen Kinder mich umarmen und berühren und um mich herumtanzen und sich an mich schmiegen. Ich mag die kühle, staubige Brise in meinem Haar. Ich bin begeister t von jedem af rikanischen Sonnenaufgang, von der Kühle und Stille eines jeden neuen Morgen. Ich mag jeden einzelnen Tag, jeden Au genblick, den ich in diesem schönen Land verbringe; ich f reue mich an jedem Atemzu g, den ich tue.
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Wenn ich meine ersten Wochen und Monate in Uganda mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es Widerspruch. Uganda ist ein Widerspruch in sich: verblüffende, atemberaubende Schönheit existiert hier neben unermesslicher Armut und Trostlosigkeit. Mein eigenes Leben – insbesondere meine Gefühle – schwankten zwischen uneingeschränkter Liebe zu meinem neuen Leben in Uganda und dem Kampf gegen eine schmerzliche Einsamkeit. Nicht ein einziger Mensch in meiner Umgebung hatte auch nur die geringste Ahnung von meinem gewohnten Leben, meiner Kultur oder meiner Vergangenheit. Alles, was sie kannten, war so anders als mein bisheriges Leben, dass sogar eine höchst ausführliche Erklärung ihnen wenig half, zu verstehen oder zuzuordnen. Die meisten Menschen um mich herum verstanden meine Sprache nicht und ich verstand ihre nicht. Das führte dazu, dass ich mich ziemlich allein fühlte, und ich musste mich sehr anstrengen, um tiefer gehende Beziehungen aufzubauen. Außerdem waren fast alle Menschen hier entweder viel älter oder viel jünger als ich; auch in dieser Hinsicht war ich allein. Und ich kam gerade erst von einer amerikanischen Schule, an der ich sehr viele gute Freundinnen gehabt hatte, deshalb war es für mich besonders schwer, keine Leute in meinem Alter um mich herumzuhaben. In der Anfangszeit lernte ich hier sehr viel – Dinge zu essen, die ich nie zuvor gesehen hatte, mich mit Händen und Füßen mit Leuten zu verständigen, deren Sprache ich nicht kannte. Mein Horizont erweiterte sich erstaunlich; meine Sichtweisen änderten sich täglich; und mein Glaube wurde sehr herausgefordert. All das war sehr aufregend für mich. Ich wollte nicht zugeben, dass ich mich inmitten dieser wunderbaren und erfrischenden Erfahrung manchmal schmerzlich einsam fühlte, wenn ich daran dachte, wie viele Kilometer mich von den Menschen trennten, die ich liebte. Viele Stunden lag ich im Dunkeln zusammengekauert und nass geschwitzt in meinem durchgelegenen Bett, und weinte – teils weil ich überfordert war und an meine Grenzen stieß, teils weil mir 47
meine Familie und mein Freund fehlten. Manchmal weinte ich einfach vor Erschöpfung. Obwohl ich so oft weinte, wollte ich einen Satz auf keinen Fall von den Menschen zu Hause hören, vor allem nicht von denen, die ohnehin Zweifel und Bedenken bezüglich meines Aufenthalts in Uganda hatten: »Ich habe es dir ja gesagt.« Ich wollte nicht, dass irgendjemand erfährt, dass ich mich manchmal nach meinem gewohnten Zuhause im fernen Amerika sehnte, während ich in einem fremden Land so viel Neues entdeckte. Es sollte niemand wissen, dass mir meine alten Freundinnen schrecklich fehlten, während ich wunderbare neue Freundschaften schloss. Ich wollte meinen Freundinnen und meiner Familie nicht sagen, dass ich den ganzen Tag mit Kindern tanzen und singen konnte und trotzdem abends in Tränen ausbrach, wenn ich alleine in meinem kleinen Zimmer war. Ich lobte Gott fröhlich und von ganzem Herzen und später schüttete ich mein Herz vor ihm aus, wenn niemand mich hören konnte. Ich erkannte den Widerspruch darin, dass alle diese Erfahrungen und Gefühle echt waren. Das Glücksgefühl, das mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ, fühlte ich genauso stark wie meine Einsamkeit. Ich war mir ganz sicher, dass ich genau da war, wo Gott mich haben wollte, doch gleichzeitig fragte ich mich, was in aller Welt ich hier tat. Die Frustration, die mich gelegentlich überfiel, war so tief und echt wie die unbändige Freude, die ich sonst empfand. Mir gefiel mein neues Leben, ohne jeden Zweifel. Doch verglichen mit dem Leben, das ich früher führte, war es beschwerlich. Es gab Momente, in denen ich nur durchhielt, weil ich versuchte, nicht zurück, sondern nach vorne zu schauen und mich auf Gottes vollkommenen Plan zu verlassen. Wie so viele andere Dinge war das nicht immer leicht, doch es war der Schlüssel, um die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich wie Berge in der Landschaft meines Lebens auftürmten. 48
Trotz all dieser Hindernisse fühlte ich mich die meiste Zeit in Uganda sehr wohl. Ich hatte die Gewissheit, dass ich geboren worden war, um hier zu sein, und in vielfacher Hinsicht erschien es mir natürlicher, hier zu leben als in meinem eigentlichen Heimatland. Ich hatte dieses unbeschreibliche Gefühl, ja die feste Gewissheit, dass ich mich an dem Ort befand, an dem ich sein sollte. Ich merkte, dass meine Seele hier zu Hause war. Die ugandische Kultur war mir sehr fremd, und ich wurde oft wegen Dingen getadelt, die ich für ganz normal hielt, bevor ich verstand, was man von mir wollte: ein Haus mit Schuhen zu betreten oder den Hunden die Essensreste zu geben, das galt in dieser neuen Kultur als unhöflich. Eine besonders entmutigende Situation gab es, als ich einmal mit schmutzigen Händen zum Mittagessen auftauchte und deshalb ausgeschimpft wurde: Am folgenden Tag kam ich zu denselben Menschen ein bisschen zu spät zum Mittagessen, weil ich mir die Zeit genommen hatte, die Hände zu waschen, und die Gastgeberin schrie mich aus diesem Grund an. Kleinigkeiten forderten mich hier immer wieder aufs Neue heraus. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie man einen frisch gefangenen Fisch zubereitet oder wie viel eine Ananas auf dem Markt kosten durfte, also musste mir jemand bei diesen Dingen helfen. Ich hatte auch keine Ahnung, wie man frische Bohnen, ein Grundnahrungsmittel in Uganda, zubereitet. In Amerika hatte ich einfach im Laden eine Dose Bohnen gekauft, sie in einen Topf geschüttet und auf den Herd gestellt, und ein paar Minuten später konnte ich sie essen. Aber frische Bohnen bereitet man natürlich ganz anders zu! Die Frauen, die für die Mahlzeiten im Waisenhaus zuständig waren, erklärten mir, ich müsse die Bohnen in heißem Wasser sieden lassen. Das klang ziemlich einfach! Aber ich hatte keine Ahnung, wie lange frische Bohnen kochen müssen. Deshalb stellte ich den Topf gegen sechs Uhr abends auf das Feuer und erwartete, um sieben Uhr essen zu können. Die Bohnen waren schließlich gegen Mitternacht fertig. 49
Das Waisenhaus hatte zwar elektrischen Strom, doch er funktionierte selten. Oft gab es tage- oder sogar wochenlang keinen Strom. Viele Nächte verbrachte ich in meinem Zimmer und schrieb für den Unterricht am folgenden Tag im Kerzenschein 138 Arbeitsblätter mit der Hand, denn ein Kopiergerät gab es hier erst recht nicht. In diesen dunklen und manchmal einsamen Nächten, in denen der Kerzenschein mein Zimmer erhellte, erinnerte Gott mich oft daran, dass ich in den Herzen der anderen helle Lichter anzünden kann, solange ich zulasse, dass Gott mein Herz zuerst mit Licht erfüllt. Er erinnerte mich daran, dass ich tatsächlich ein Licht in der Welt bin und dass ich vor den anderen leuchten soll, damit sie Gott lobpreisen können (siehe Matthäus 5,14). Im sanften Schein der Kerze öffnete ich eines Nachts mein Tagebuch und begann zu schreiben: Meine Kerze ist angezündet; ich brenne für Gott, für diesen Or t, für diese Menschen. Meine Aufgabe hier ist, sein Licht auszubrei ten. Eine einzige Kerze kann mein ganzes Zimmer hell machen. Jesus kann dieses ganze Land hell machen, und meine Flamme kann ein Teil davon sein. Ich kann nur staunen, dass mein Gott, der das alles alleine tun könnte, mich meinen kleinen Teil dazu bei tragen lässt.
Ich verbrachte viele Nächte ohne elektrischen Strom, aber ich durfte sehen, wie viel Energie in einem einzigen Leben stecken kann, wie das Herz einer Frau ihre Umgebung erleuchtet. Alles hier war so widersprüchlich: Im einen Moment kauerte ich auf dem Plumpsklo in der Mitte eines Dorfes und presste die Lippen zusammen, damit ich den widerlichen Gestank weniger wahrnehmen musste und damit mir die riesigen Fliegen und Kakerlaken nicht in den Mund fliegen würden. Nur eine Minute später blickte ich über den Nil und atmete die frische Brise tief ein. In materieller Hinsicht waren die Menschen, die mit der Zeit in mein 50