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Eva Breunig
Das Konzert Seven for Heaven – Band 4
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Strahlendes Licht hüllt Tina ein. Um sie herum rauschen Jubel und Beifall. Aus der Dunkelheit jenseits des Lichtes dringt lautes Klatschen, Stampfen und Rufen herauf. Sie ist ein Star! Die Stimmen rufen: »Bravo, Tina!« »Super, Tina!« Nein, halt, da ist noch etwas anderes ... jemand lacht … ein schadenfrohes Kichern … »Habt ihr ihren fetten Hintern gesehen?« Das war Biancas Stimme. Andere Stimmen fallen ein. »Außenseiterin!« »Mauerblümchen!« Rufen die das wirklich?! Tina bricht der Schweiß aus. Gehetzt sieht sie sich nach einem Versteck um. Nur weg aus diesem grellen Licht! Wieder unsichtbar sein! Eine Gestalt tritt auf sie zu, streckt ihr die Hand entgegen. Tina blinzelt. Jetzt erkennt sie den Mann: Es ist ihr Vater. »Du bist an allem schuld!«, schleudert Tina ihm wütend entgegen. »Warum bist du gestorben? Das ist nicht fair! Du bist gemein!« Sie schlägt nach ihm. Warum ist er überhaupt hergekommen, wo er doch tot ist? Jetzt sieht der Mann eigentlich mehr wie Dave aus, und das macht Tina noch wütender. »Lasst mich alle in Ruhe!«, will sie schreien, aber ihr Hals ist auf einmal völlig vertrocknet und sie bringt keinen Ton heraus. Schweißgebadet schreckte Tina hoch und schnappte nach Luft. Ihr Herz schlug wie wild. Sie saß in irgendeinem Bett und zitterte. Orientierungslos schaute sie sich um und schüttelte den Kopf, um den wirren Traum zu vertreiben. Wo bin ich denn hier? Ach, das war ja ihr Zimmer! Ihr Zimmer zu Hause bei Mama, nicht das im Internat. Aber was machte sie hier, und wie war sie bloß gestern da hergekommen? 5
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Ihr Puls beruhigte sich. Alles war gut. Sie legte sich wieder hin und rollte sich noch einmal zusammen. Der Teenie-Star-Wettbewerb … das große Finale … ihre Erinnerung kam zurück. Glücklich umarmte Tina ihr Kopfkissen. Es war so aufregend gewesen, auf der Bühne des Fernsehstudios zu stehen, zu singen und dabei zu wissen, dass Tausende, nein, Millionen von Menschen zuschauten! Eigentlich blieb sie normalerweise gern im Hintergrund und liebte es, möglichst wenig aufzufallen. Sie war ja auch nur die Textwriterin und konnte gar nicht richtig singen. Deswegen wollte sie zuerst auch nicht auftreten. Aber ihre Freunde von der Schulband »Seven for Heaven« fanden, dass sie einfach dazugehörte – sie, Tina, die schüchterne Einzelgängerin, die früher nie Freunde gehabt hatte! – und deswegen auch mit auf die Bühne musste. Sie seufzte selig. Jetzt, wo die Show vorbei war, freute sie sich eigentlich doch, dass sie dabei gewesen war! Ihr Handy piepste. Widerwillig wälzte Tina sich aus dem Bett und kramte in ihren Sachen. »4 neue Mitteilungen«, behauptete das Display. Drei davon hatte sie offenbar verschlafen! Die, die zuletzt reingekommen war, stammte von ihrer Zimmergenossin im Internat: »Lies mal die neue sweet 16! Xxx monika« Hatte »Sweet Sixteen«, die angesagte Jugendzeitschrift, wirklich schon einen Artikel über das Finale des Castingwettbewerbs drin? Da mussten Ines Fürst und ihre Kollegen ja die ganze Nacht durchgearbeitet haben, denn die Show war gestern erst spätabends zu Ende gewesen! Madeleines Nachricht lautete: »Ist das nicht toll? Wir sind zweite und rib wurde teenie star! Genau dafür haben wir doch gebetet!« Tina lächelte. Madeleine, die zarte rothaarige Tänzerin, die mit ihren irren Akrobatikeinlagen viel zum Erfolg der Band beigetragen hatte … Ihre gute Laune und positive Lebenseinstellung waren wirklich unverwüstlich! Wahrscheinlich war sie außer Tina die Einzige, die 6
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sich völlig vorbehaltlos darüber freuen konnte, dass sie »nur« Zweite geworden waren. Antonia, die Anführerin der Neuntklässler, simste: »Danke an euch alle für diese supertolle Zusammenarbeit! Ich denke, wir dürfen wirklich stolz auf unseren Erfolg sein!« Wieder musste Tina grinsen. Vermutlich war Antonia der einzige Mensch in ganz Europa, der sich die Mühe machte, selbst beim Simsen noch auf korrekte Groß-Klein-Schreibung zu achten! Die letzte – oder eigentlich erste – Nachricht stammte von Rib Juice, dem Sieger des Wettbewerbs. Er hatte sie gegen Mitternacht geschrieben, als Tina bereits ins Koma gefallen war, und lautete schlicht und einfach: »DANKE!!!« Nachdenklich starrte sie das Wort auf dem Display ihres Handys an. Wenn jemals herauskommen sollte, welchen Beitrag sie zu Ribs Sieg geleistet hatte, dann war sie geliefert, soviel war klar. Nicht nur ihre Bandkollegen würden sie in der Luft zerreißen, sondern auch die Klatschpresse … Ach was! Warum sollte das herauskommen? Sie würde es nicht ausplaudern, und Rib Juice schon gar nicht. Und sonst wusste ja zum Glück niemand davon! Zerstrubbelt und im Pyjama schlurfte sie ins Wohnzimmer. »Na, du Murmeltier? Möchtest du ein Frühstück?«, fragte Mama und zwinkerte ihr zu. »Oder lohnt sich das nicht mehr vor dem Mittagessen?«, fügte Onkel Robert hinzu, der überraschenderweise auch schon hier war. »Uups, schon so spät?!«, bemerkte Tina mehr höflich als beschämt. Sie wäre gestern beinahe »Deutschlands coolster Teenie-Star« geworden, da durfte sie schon mal so richtig ausschlafen! »Wir waren schon einkaufen!«, lächelte Mama geheimnisvoll. »Ja …?« »Na, wir haben gedacht, das hier könnte dich interessieren!« Onkel Robert warf einen Stapel bunter Zeitschriften auf den Tisch. 7
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»Wow!«, quiekte Tina begeistert. »Die neue ›Sweet Sixteen‹! Und ›Cool Girl‹! Und ›Music Events‹! Und …« »Wir haben uns gedacht, wir kaufen einfach alle, die deinen Wettbewerb auf der Titelseite haben«, schmunzelte Mama. »Genial!« Tina umarmte ihre Mutter stürmisch. Super! Jetzt brauch ich mich gar nicht erst anzuziehen! Ich kann gleich wieder ins Bett gehen und lesen! Alle Zeitungen, die sie bekommen hatte, zeigten große Bilder des Siegers Rib Juice auf der Titelseite. Von einem einzelnen Scheinwerfer beleuchtet hob er sich scharf vom dunklen Bühnenhintergrund ab. Seine schwarzen Locken ringelten sich wirr um das hagere Gesicht. Er sang voll Hingabe, und eine einzelne Träne lief ihm über die Wange. Auf manchen der Bilder war auch noch seine Gitarre zu sehen, der er überraschend zärtliche Töne entlockt hatte. »Cooler Rocker ganz sanft!«, »Hartes Image, zarter Sound!«, »Rebell mit Gefühl«, so lauteten die Schlagzeilen. Ob Rib das gefallen wird?, überlegte Tina. »Cooler Rocker, hartes Image, Rebell« – das gefällt ihm bestimmt. Aber »sanft« und »zart«? Und die Träne in Großaufnahme? Na ja, Hauptsache er hat gewonnen! Jetzt wird alles gut … Der Drittplatzierte, Lukas Maly, war ebenfalls abgebildet, und natürlich prangten auch Bilder von »Seven for Heaven« auf den Zeitschriften. Allerdings war Tina kaum zu sehen – und darüber war sie eigentlich ganz froh! Denn sie fand sich selbst zu dick, und das musste ja nicht jeder in Farbe und auf Hochglanz bewundern. Man sah Madeleine, deren zarter Körper Rad schlagend und flickflackend über die Bühne wirbelte, dass die roten Locken nur so flogen. Die Leadsängerinnen, Janine und Heike, gemeinsam am Mikrofon. Christophers steppende Füße. Antonia mit Superstar-Strahlelächeln beim Plaudern mit dem Moderator. Zwei Zeitschriften hatten Platz für das Gruppenfoto gefunden, auf dem alle Bandmitglieder in ihren weißblau-goldenen Fisch-T-Shirts in die Kamera grinsten. Tina stand in der letzten Reihe und blieb unauffällig. Sie zog die Vorhänge auf, um die Frühlingssonne hereinzulassen, lümmelte sich gemütlich ins Bett und nahm sich als Erstes die »Sweet Sixteen« vor. 8
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»Der Rocker, der weinte«, verhieß die Überschrift. Darunter stand etwas kleiner »Eklat beim ›Teenie-Star‹-Finale!« Tina wusste nicht genau, was »Eklat« bedeutete. Neugierig blätterte sie zum Artikel weiter. »Rebellisch, rau und wütend – so haben wir Rib Juice (16) im Recall erlebt. Stark und echt brachte der coole Typ seine Feelings zum Ausdruck. Sein Aufbegehren gegen das Establishment, seine Wut auf die gleichgültige Wohlstandsgesellschaft, seine Verachtung für die Fun-Generation, das alles kam voll Power rüber. Und jetzt die Überraschung! Gestern beim Finale schlug der Rocker plötzlich ganz andere Töne an! Sanft, gefühlvoll, ja fast schon zärtlich … und vor allem total traurig! Sein selbst geschriebener Song ›Kleine Schwester‹ enthüllte nach und nach seine persönliche Tragödie. Aufgewachsen in tristen Verhältnissen, verlor er auch noch früh seine geliebte Schwester! Krass: seine Mutter war Alkoholikerin und kümmerte sich nicht um das kranke Mädchen! Bei diesem Song blieb kein Taschentuch in ganz Deutschland trocken. Sogar Rib selbst wurde von seinen Feelings übermannt und zerdrückte eine Träne. Kein Wunder, dass der raubeinige Super-Big-Brother beim Voting voll absahnte! Seine Lyrics gehen unter die Haut und direkt ins Herz!« Tina lächelte still in sich hinein. Die Lyrics stammten ja von ihr, also durfte sie dieses Lob für sich beanspruchen. Dass niemand das wusste und ein anderer den Preis bekommen hatte, machte ihr gar nichts aus. Im Gegenteil – sie hatte diesen Text ja genau deswegen für Rib geschrieben, damit er Teenie-Star werden konnte. Mit dem Preisgeld und dem Plattenvertrag würde er seinen »tristen Verhältnissen« hoffentlich entkommen und ein besseres Leben beginnen! 9
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In einem eigenen Kasten war das Gedicht in voller Länge abgedruckt: »Kleine Schwester Es gab vor vielen Jahr’n ein kleines Mädchen, das stand mir wie kein andrer Mensch so nah. Ich liebte es und wollte es beschützen. Und war, so gut ich konnte, für es da. Kleine Schwester, du gingst heim, lässt mich hier total allein, und jetzt bin ich in der Welt einsam und auf mich gestellt, Schwesterlein! Mein Mädchen wurde krank und immer kränker. Ich konnt nicht helfen, ich war noch zu klein. Die Mutter war betrunken, wollt nichts hören. Und dann ließ meine Kleine mich allein. Kleine Schwester, du gingst heim, lässt mich hier total allein, und jetzt bin ich in der Welt einsam und auf mich gestellt, Schwesterlein! Wo einst mein Herz war, ist jetzt eine Wunde. Du fehlst mir so! Der Schmerz ist mir zu viel! Doch du bist jetzt in Sicherheit, mein Mädchen, ja, kleine Schwester, du bist schon am Ziel … Wird eine kommen, die kann mich erlösen? Ein Mädchen, das so ähnlich ist wie du, das meines Herzens Freundin werden könnte, und meine Seele endlich kommt zur Ruh. Hm, hm, hmhm, hm, hm, hmmm …« 10