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Martina Steinkühler

Das Jesus-Camp

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sie die Hand und zupfte an Diakon Jotts Gewand. »Zum Beispiel«, sagte sie, »was das ist?« »Nein«, sagte Diakon Jott. »Warum sollte ich?« Auf einmal war es still. Pitt bückte sich und stellte seinen Stuhl wieder hin. Er drehte ihn aber diesmal zur Tür. Johanna schluckte, ließ die Hand sinken und schob sich rückwärts zu ihrem Platz zurück. »Und jetzt?«, flüsterte sie Britt zu. Britt hob die Schultern. »Wer hätte gedacht, dass er noch langweiliger werden könnte?«, bemerkte sie spitz.

Konfer ist nicht »Ich will euch nichts erklären«, sagte Diakon Jott mit seiner langweiligen Stimme. »Ich frag euch ja auch nicht, warum ihr Jeans tragt, die neu sind, aber alt und zerrissen aussehen, so als hättet ihr drei Jahre Wüstenwanderung hinter euch. Ich frag Matti nicht, was das Monster auf seinem Bauch zu bedeuten hat, und Britt nicht, ob sie davon träumt, einmal so schön zu sein wie die Sängerin auf ihrem Rücken. Ich frag Johanna nicht, warum sie ihre Füße in Stöckelschuhe zwängt, und Andi nicht, warum er alles drei Nummern zu groß kauft. Nee, Leute, ich frag nicht – und ich geb euch keine Antwort.« Damit hatte er zum zweiten Mal in einer einzigen Konfirmandenstunde für Ruhe gesorgt. Matti vom Berg hatte sich hinter Jakob und Tom verzogen, Britts Kopf war so rot wie Simones Haare. Johanna kreuzte die Füße und Andi starrte erwartungsvoll auf seinen Bruder Pitt. »Das sag ich meiner Mutter!«, erklärte auf einmal die kleine Judith. »Ich wette, das dürfen Sie nicht!« Diakon Jott stieß sich vom Türrahmen ab. Er sah sie an und nickte ihr zu. »Gut, dass du mich daran erinnerst«, sagte er mit seiner eintönigen Stimme. »Ich muss eure Eltern sprechen. Alle. Morgen Abend um sieben.« Damit drehte er sich um und verließ den Raum. »Und jetzt?«, sagte Johanna zu Britt. »Konfer ist nicht«, sagte 12

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Britt. Sie stand auf, marschierte an Pitt vorbei und stieg durchs Fenster nach draußen.

Kein Grund zum Feiern Es dämmerte schon, als vor dem Gemeindehaus wieder das Laub raschelte. Es waren wieder zwölf. Die Eltern von Jacques, Simone und Johanna waren zu zweit da, das machte sechs. Der große Dunkle war der Vater von Pitt und Andi, Judiths Mutter lief einen halben Schritt hinter ihm. Die Mühlberger, Tom, Jakob, Philip und Matti, wurden durch zwei Väter vertreten, Tamaras Eltern konnten nicht und Britts hatten sich geweigert. »Verstehen Sie das?«, fragte Johannas Mutter die rothaarige Mutter von Simone. »Nicht die Bohne«, sagte Simones Mutter. »Aber dass es eine Unverschämtheit ist, das weiß ich.« Sie schoben sich durch die blau gestrichene Tür und in den Gemeinderaum. »Wie es hier schon aussieht!«, bemerkte Johannas Mutter naserümpfend. Stühle standen kreuz und quer, ein Fenster war angelehnt. Zwei Stühle lagen mitten im Weg. »Ein Kreis ist das nicht«, ergänzte Pitts Vater. Diakon Jakobsen kam als Letzter. Die Erwachsenen hatten sich Stühle genommen und sich in zwei Reihen vor einen Tisch mit Kerzen und Gesangbüchern gesetzt, von dem sie annahmen, dass er der Platz des Redners sei. Diakon Jakobsen musterte die Anordnung und ging mit langen, langsamen Schritten zum Fenster. Er setzte sich auf das Fensterbrett und verschränkte die Arme im Nacken. »Das ist der Lieblingsplatz von Pitt«, sagte er in die Richtung von Pitts Vater. »Wenn das ein Vorwurf ist«, fuhr Pitts Vater auf, »dann erklären Sie uns erst einmal Ihren Aufzug!« Diakon Jakobsen trug ein ungefärbtes Gewand, und er war barfuß. Das Haar fiel ihm wellig auf die Schultern. Auch wenn er gekämmt und rasiert war, wirkte er irgendwie – unordentlich. 13

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Judiths Mutter stieß Pitts Vater an. »Frag lieber nicht, Jonas«, flüsterte sie. »Sonst fragt er dich, warum du Tennissocken trägst.« »Wir sind hier nicht zusammengekommen, weil wir uns aus­ tauschen wollen«, sagte Diakon Jakobsen mit seiner eintö­ni­gen Stimme. »Nein!«, bestätigte Johannas Mutter. »Denn dazu hätte es einer offiziellen Einladung bedurft, mit einer angemessenen Frist.« Diakon Jakobsen sah kurz in ihre Richtung und runzelte die Stirn. »Jaja«, sagte er irritiert. Dann holte er neu Atem. »Wir sind hier zusammengekommen«, begann er wieder, »um uns aufzulösen.« Und dann erklärte er den sprachlosen Eltern, dass er ihren Kindern keinen Konfirmandenunterricht mehr erteilen und sie – unter den gegebenen Umständen – auch nicht konfirmieren werde. Johannas Mutter stieß einen schrillen Schrei aus. »Sie lässt bereits Tischkärtchen drucken«, flüsterte Pitts Vater Judiths Mut­ter zu. Judiths Mutter verdrehte die Augen, und Pitts Vater grinste breit. »Ich glaube nicht, dass Sie das dürfen«, sagte einer der Väter vom Berg. Die anderen Eltern nickten zustimmend. »Wo kämen wir da hin!«, murmelte einer, und ein anderer ergänzte: »Das ist Ihr Job, mein Lieber!« Diakon Jakobsen hörte ihnen zu und begann zu lächeln. Das Lächeln sah langweilig und freudlos aus – wie der ganze Mann. »Gibt es dafür einen Grund?«, fragte Pitts Vater schließlich. Diakon Jakobsen nickte. »Ja«, sagte er. »Es ist Bußzeit. Wir ha­ ben keinen Grund zum Feiern.«

Der Geist der Flasche? In den nächsten Tagen geschah – für Weihbacher Verhältnisse  – allerlei. Die Eltern der zwölf begannen, sich mit der Kirche auseinanderzusetzen. Die einen wandten sich an den Pfarrer, andere an den Propst. Die Beschwerde an den Bischof, die Johannas Mutter verfasste, wurde als Einschreiben zugestellt. 14

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Leserbriefe erschienen in der lokalen Presse, sogar ein angriffslustiger Artikel über den Diakon J., der seinen Pflichten nicht mehr nachkommen könne, da er offenbar allzu tief in die Flasche schaue. Seltsamerweise fanden all diese Bemühungen kein Echo. Weder der Propst noch der Bischof griffen ein. Die benachbarten Pfarrer weigerten sich, die zwölf in ihre eigenen Konfirman­ dengruppen aufzunehmen, niemand nahm Anstoß daran, dass es in Weihbach im übernächsten Mai keine Konfirmation geben würde. Und die zwölf hatten nach wie vor freie Dienstagnachmittage. Eines Dienstagmittags setzte sich Andi im Schulbus neben die kleine Judith. Pitt hatte eine Stunde länger Unterricht, Simone auch. Er sah eine Weile aus dem Fenster. Dann sah er Judith an. Und endlich machte er den Mund auf. »Fragst du dich eigentlich nicht, warum?« Sie wusste gleich, dass er den Diakon meinte und den Konfer. Den Rausschmiss. »Du weißt doch, was geredet wird.« Ihre Stimme klang seltsam. Sie sprach einen Punkt, aber sie meinte ein Fragezeichen. »Paps sagt, da sei nichts dran«, bemerkte Andi. »Sonst würde die Kirche längst eingreifen.« Sie nickte. Andi rutschte auf seinem Sitz herum. »Was aber ist es dann?«, bohrte er nach. »Irgendwas stimmt nicht mit dem, das ist klar. Aber was?« Judith beugte sich vor und sah ihm direkt ins Gesicht. »Und wenn es an uns liegt?« Der Schulbus fuhr einen weiten Bogen. Bevor er nach Weihbach fuhr, brachte er die Mühlberger auf ihren Berg. Und bergab gab es zwei weitere Dörfer. In Schafhaus stand Andi plötzlich auf und nahm seine Tasche. »Den Rest lauf ich«, erklärte er. Seine Stimme klang seltsam. Er sprach einen Punkt, aber er meinte ein Fortsetzungszeichen. Judith nickte und griff sich ihren Rucksack. »Okay«, sagte sie, und dann stiegen sie beide aus.

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Schafhaus Schafhaus war kleiner als Weihbach, eigentlich bloß ein paar Häuser und Gehöfte um einen Dorfplatz mit Brunnen. Andi und Judith fielen gleich auf. »Was wollen die denn hier?«, wunderten sich zwei Schulkameraden. Judith trat ohne Scheu auf sie zu. »Wo wohnt denn der Jott?«, fragte sie locker. Die beiden starrten sie bloß an. Dann wies einer mit einem Kopfnicken auf das letzte kleine Haus am Ende der holperigen Dorfstraße. Judith und Andi wechselten einen Blick, der bedeutete: Das schauen wir uns mal an. Das Haus war wirklich winzig. »Ein einziges Zimmer«, vermutete Judith. »Klo auf dem Hof?«, ergänzte Andi. Judith zog die Nase kraus. »Wohl kaum«, meinte sie. »Da machen schon andere ihr Geschäft ...« Tatsächlich graste rund um das Häuschen eine kleine Herde Schafe. »Wenn ich das Pitt erzähle!«, sagte Andi. »So doof wirst du nicht sein«, behauptete Judith. Keck klinkte sie das Gartentor auf und betrat das Grundstück. Sie ging aber nicht zur Haustür, sondern mogelte sich unter die Schafe. »Da bist du unter Deinesgleichen«, sagte Andi und grinste. Sie sah ihn schräg an. »Hattest du das jetzt nötig?« Er hob die Schultern. »Pitt hätte das auch gesagt.« Der Jott stand in seiner Wohnküche – das Haus hatte tatsächlich nur einen Raum – über einen Tisch gebeugt und las. Judith und Andi erspähten ihn durch ein Fenster an der Rückseite. »Der liest«, sagte Judith. »Wundert dich das?«, fragte Andi. »Bestimmt in der Bibel.« Judith schob sich noch näher heran. »Ein Kochbuch«, stellte sie fest. Sie hatte versehentlich das Fenster berührt. Jäh schwang es nach innen. Diakon Jott hob den Kopf und sah Judith und Andi ins Gesicht. »Kommt rein«, befahl Diakon Jott, aber er machte keine Anstalten, die Tür zu öffnen. »Ist doch sonst eure Art, über Tische und Bänke und durch Fenster zu gehen.« Seelenruhig sah er zu, wie erst Andi, dann Judith bei ihm einstiegen. Judith zerriss 16

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sich ihre Hose und fluchte. »Wieso schimpfst du?«, meinte der Diakon. »Zerrissen ist in, oder nicht?« Sie strich ihre Haare hinters Ohr und stellte sich gerade hin. »Wieso sind Sie so garstig?«, fragte sie. Andi bekam einen roten Kopf und tat, als lese er in dem Kochbuch. Diakon Jott lächelte sein freudloses, langweiliges Lächeln. »Seht ihr, es ist eben doch schlauer, die goldene Regel zu beherzigen.« Judith fragte nicht nach. »Wenn Sie glauben, dass ich frage ...«, sagte sie bloß und endete mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Behandele andere so, wie auch du behandelt werden willst«, zitierte Diakon Jott unbeirrt. Sie hob die Schultern. »War mir klar.« »Mir ist nicht klar, was ihr hier wollt«, sagte Diakon Jott. »Mir auch nicht«, sagte Judith ärgerlich. Sie sah zu Andi, aber Andi las. »Dattelpaste«, sagte er plötzlich. »Ich wollte wissen, wie man die macht.« »Mit viel Zimt und einer Prise Muskat«, erläuterte Diakon Jott, ohne mit der Wimper zu zucken. Judith fasste sich an die Stirn. »Was ist das für ein Kochbuch?«, fragte sie schließlich. »Indisch«, meinte Andi. »Unsinn«, widersprach Jott. »Israelisch.« Er schlug das Buch zu und zeigte ihnen das Titelbild. Eine Wüste. In der Ferne eine Oase. »Ich will wissen, was er gegessen hat.« »Er ...?«, sagte Andi. Judith biss sich auf die Lippen. »Ja«, sagte Jott. »Und was wollt ihr wirklich?« »Konfer?«, sagte Andi. Dann schlug er sich entsetzt auf den Mund. Judith half ihm. »Das könnte Ihnen so passen, uns einfach in die Wüste zu schicken!« Diakon Jakobsen grinste. »Macht euch Dattelpaste«, riet er. Andi und Judith rochen ein wenig nach Schaf, als sie später den Berg hinunterwanderten. »Du richtest dich wohl in allem nach Pitt«, sagte Judith. Andi schwieg ziemlich laut. »Wehe, du erzählst ihm was«, brachte er schließlich knirschend hervor. »Schaf!«, sagte sie und rannte voraus.

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