Ross Der Betrug
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Damaris Kofmehl ¡ Demetri Betts
Jack Ross Der Betrug
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Inhalt
1 Auf der Flucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 Captain Hook . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Eine verwirrende Begegnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Jacks Geheimnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Ein peinlicher Auftritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Viele Fragen und keine Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Das Versteck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Jenny auf Spurensuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Bittere Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Ein verzweifelter Plan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Der Kuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Ein überraschender Fund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Das perfekte Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Der Strandausflug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Das Geisterschiff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Sonne, Sand und unschöne Entwicklungen . . . . . . . . . . . . 17 Die Stimme des Herzens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Das Bild hinter den Kornblumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Der Fischkutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Außer Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Die Enthüllung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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4 Jacks Geheimnis
»KAREN!«, schrie Jack und riss die Augen auf. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse. Seine Stirn glühte. Er wollte sich aufrichten, doch zwei kräftige Hände drückten ihn sanft zurück. »Schsch. Ganz ruhig, ganz ruhig«, hörte Jack eine männliche Stimme, die das R auffallend hart rollte. Ein sympathisches, schmales Gesicht tauchte über ihm auf. Es war ein Mann Mitte fünfzig mit kurzem, gepflegtem Haar und großen, treuherzigen Augen. Jack sah sich um. Er lag mit nacktem Oberkörper auf einer grauen Wolldecke auf einem Holzboden und war mit einem Fell zugedeckt. Der schlichte Raum, in dem er sich befand, war aus dunklem Holz gefertigt und erinnerte an eine Jagdhütte. »Wo bin ich?«, murmelte Jack verwirrt. »In Sicherheit«, sagte der Mann mit rollendem R und lächelte. Seine Erscheinung hatte etwas Vertrauliches an sich. »Mein Name ist Wladimir.« »Jack«, stellte sich Jack vor. Ihm war heiß. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als würde er in einem glühenden Ofen stecken. Offenbar hatte er hohes Fieber. »Wie bin ich hierhergekommen? Was ist passiert?« »Sag du es mir, Jack.« Wladimir zog einen Stuhl heran und setzte sich. Er trug schwarze Lederstiefel, dunkle Hosen, ein beigefarbenes Hemd und darüber eine olivfarbene, gefütterte Stoffjacke. »Alles, was ich weiß, ist: Es ist ein Wunder, dass du noch am Leben bist«, sagte er. »Du wärst beinahe gestorben, Junge. Hast ’ne Menge Blut verloren. Offenbar hat jemand auf dich geschossen, und die Kugel ist in deiner Schulter stecken geblieben. Aber keine Sorge, ich hab das Projektil bereits entfernt.« Jack schielte auf seine linke Schulter und sah eine Wundauflage, die mit zwei breiten Heftpflasterstreifen auf der vor Schweiß glän30
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zenden Haut befestigt war. Als er versuchte, die Schulter leicht zu bewegen, zuckte er vor Schmerzen zusammen und zischte durch die Zähne. »Wer hat dich denn angeschossen, Kleiner?« Jack runzelte die Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war. Doch es war alles wie verschwommen. »Ich weiß es nicht«, raunte er, und jedes Wort, das er sprach, kostete ihn ungeheure Anstrengung. »Da war ein Haus … und Männer … ich bin gerannt … durch den Wald … es hat geregnet … es hat geregnet und … es war dunkel … ich wusste nicht, wohin ich laufen sollte … und dann war da eine Straße ...« »Ja, die Straße. Da hab ich dich gefunden«, ergänzte Wladimir. »Bewusstlos. Du hast echt Glück gehabt, Jack. Auf der Straße fährt sonst keiner. Wär’ ich nicht vorbeigekommen, würdest du noch immer dort liegen – tot mit großer Wahrscheinlichkeit.« »Wie lange ist das her?« »Dass ich dich gefunden habe? Sechs Tage.« »Sechs Tage?!« »Ich schätze, du hast schon ein paar Stunden da gelegen, als ich dich fand. Das war am Samstag in der Früh. Zuerst hab ich gedacht, du überlebst es nicht. Die Wunde war entzündet. Du hattest hohes Fieber. Hast ständig wirres Zeug geredet. Und nach deiner Freundin gerufen.« »Meiner Freundin?«, fragte Jack erstaunt. »Ich nehm jedenfalls an, dass es deine Freundin ist. Du hast dich in Fieberträumen gewälzt und dabei mehrmals ihren Namen gerufen. Karen.« »Karen?« »Ja. Karen. Kennst du keine Karen?« Jack antwortete nicht. Sein Blick verschleierte sich. Sein Brustkorb bewegte sich heftig auf und nieder. »Karen«, hauchte er und starrte dabei mit glänzenden Augen ins Leere. »Sie war da … auf der Straße …« »Sie war also bei dir? Warum hat sie dich da liegen lassen?«, wollte Wladimir wissen. 31
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»Sie hat … mich angesehen … sie hat geblutet ...« »Geblutet? Ist sie etwa auch angeschossen worden?« »Alles war voller Blut …« »Habt ihr euch getrennt? Wohin ist sie gegangen? Wollte sie vielleicht Hilfe holen?« »So viel Blut … so viel … Blut …« Jacks Augen wanderten unruhig hin und her. »Jack!« Wladimir sprang vom Stuhl und kniete sich neben Jack nieder. »Jack! Mensch, Junge, nicht einschlafen! Das ist wichtig! Sieh mich an!« Er tätschelte ihm die Wange, um ihn wachzuhalten. Doch Jack war kurz davor, wieder die Besinnung zu verlieren. »Was ist im Wald passiert? Wo ist Karen? Versuch dich zu erinnern. Wo ist sie?!« Jack blickte zu Wladimir hoch, doch seine Augen schienen geradewegs durch ihn hindurchzusehen. »Sie ist tot«, flüsterte er. Dann verdrehten sich seine Pupillen, rutschten unter die Lider, dass nur noch das Weiße der Augen sichtbar war, und Jack kippte weg. »Jenny! Kindchen! Was machst du bloß für Sachen?« Nikki stand mit verschränkten Armen in Jennys Zimmer und blickte kopfschüttelnd auf sie herab. Jenny saß barfuß auf ihrem Bett und war gerade dabei, ihren geschwollenen Fuß einzusalben. »Hey, Nikki«, sagte sie und zog verlegen den Mund schief. »Schön, dass du vorbeischaust. Hat Emily es dir erzählt?« »Emily?! Mein liebes Kind, die ganze Schule spricht davon, dass du Jones einen eingerosteten alten Mann genannt und ihm mit der Krücke vor der Nase herumgefuchtelt hast. Was ist denn auf einmal in dich gefahren? Du bist doch sonst nicht so temperamentvoll – jedenfalls nicht während des Unterrichts, und schon gar nicht während Sergeant Jones’ Unterricht!« Jenny schraubte den Deckel auf die Salbe und griff nach dem Verband. »Ich weiß auch nicht, warum mir das rausgerutscht ist. Ehrlich nicht.« Sie begann, ihren Fuß zu verbinden, doch kaum hatte sie ihre Fußsohle zweimal umwickelt, hob Nikki entsetzt die Hände. 32
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»Ach, du liebe Zeit, was soll das denn werden! Lass mich dir helfen, ja?« Er schnappte sich einen Stuhl, den Verband und Jennys Fuß und machte sich fachmännisch ans Werk. »So wird ein Verband angelegt, mein Tülpchen!«, sagte er, während er die Bandage erst um den Knöchel wickelte und sich dann bis zur Fußspitze vorarbeitete. »Von mir kannst du noch was lernen. Ich geb dir auch gerne einen Schnellkurs zum Thema: ›Krücken und ihre Tücken‹ oder ›Samuraischwert oder Krücke – moderne Angriffstechniken für den Schulunterricht‹.« Jenny seufzte. »Ist ja gut. Ich weiß selbst, dass ich Mist gebaut habe. Können wir jetzt über etwas anderes reden?« »Erst, wenn du mir die Wahrheit gesagt hast.« »Hab ich doch.« »Jennyyy«, sagte Nikki und setzte seine »Mir-kannst-du-nichtsvormachen-«Sheriff-Miene auf. »Was war da los?« »Nichts!« »Jennyyyyy.« Nikki zog das Y noch mehr in die Länge und setzte seine »Mir-kannst-du-wirklich-nichts-vormachen-«Sheriff-Miene auf. »Na schön«, gab sich Jenny geschlagen. »Du willst es wissen? Ich sag’s dir, aber nur unter einer Bedingung: Du darfst es niemandem, wirklich niemandem erzählen, o.k.?« »O.K.« »Also gut.« Jenny holte tief Luft. »Ich hab Jones für Captain Hook gehalten.« »Du hast … was?!« »Ich hab geglaubt, Jones wäre Hook.« »Hook?!« »Ja, Hook. Der Hook. Und Peter Pan war auch da, hat seine Purzelbäume durch die Luft geschlagen, bis Hook ihn mit seiner Pistole vom Mastkorb runterschoss und er auf den Schiffsplanken landete. Und als Hook ihn mit seinem Degen töten wollte, hab ich meinen Degen gezogen und mich ihm in den Weg gestellt. Nur dass mein Degen in Wirklichkeit meine Krücke war, was ich natürlich erst realisierte, als ich wieder zu mir kam und mich nicht mehr auf 33
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Hooks Segelschiff, sondern vor der Wandtafel im Schulzimmer befand. Tja, so ist es gewesen. Du kannst mich jetzt offiziell für verrückt erklären.« Nikki starrte Jenny mit offenem Mund an und vergaß sogar für einen Augenblick zu atmen. »Bitte hör auf, mich so anzusehen, und sag was«, flehte Jenny. »Ich …«, stammelte Nikki. »Das … das ist … wow …« Er blinzelte mit den Augen und schüttelte immer wieder den Kopf. »Wow.« Es dauerte einen langen Moment, bis er sich wieder gefasst hatte. »Und du nimmst keine Drogen oder so was?« »Nein.« »Schmerzpillen? Beruhigungsmittel?« »Nein.« »Es gibt ja Medikamente, da sind die Nebenwirkungen schlimmer als die Symptome, die sie bekämpfen sollen.« »Nikki, ich hab nichts geschluckt!« »Warum siehst du dann Hook im Klassenzimmer?« »Ich weiß es nicht!« »Vielleicht leidest du unter Schizophrenie«, überlegte er. »Schizophrene haben manchmal auch Halluzinationen und sehen Leute, die gar nicht da sind. Ich hab mal ’nen Film darüber gesehen.« »Ich bin nicht schizophren, Nikki.« »Oder es hat mit dem ganzen Stress der vergangenen Tage zu tun. Ich glaube, das nennt man posttraumatische Belastungsstörung oder so.« »Und wenn es was ganz anderes ist? Was … Spirituelles vielleicht?« Nikki zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. »Was Spirituelles?« »Wär doch möglich«, sagte Jenny achselzuckend. Nikki schien nicht sehr überzeugt. »Du meinst, eine Begegnung dritter Art? Ein Alien in Form von Captain Hook sozusagen?« »Ich mein es ernst, Nikki. Was, wenn ich nicht krank bin und diese … Halluzination, oder was auch immer es war, eine tiefere Bedeutung hat?« »Eine metaphysische Botschaft aus dem All?« 34
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»Ja! Ich meine, nein. Ich meine, nicht direkt … Ach, ich weiß auch nicht, Nikki. Ich hab den ganzen Nachmittag darüber nachgegrübelt. Und immer wieder bin ich über diesen einen Gedanken gestolpert.« »Was für ein Gedanke?« »Na ja. Bevor Jack in den Wald gerannt ist, hat er mir etwas Interessantes anvertraut«, erzählte Jenny zögerlich. »Er sagte, er sehe manchmal ein Stück in die Zukunft. Er nannte es Visionen.« »Visionen?« »Ja, Visionen. Er sagte, er sei nur meinetwegen aus dem Gefängnis ausgebrochen, weil er wusste, dass mir etwas Furchtbares zustoßen werde. Er habe es gesehen, so als wäre es bereits passiert. Vielleicht … vielleicht ist der Vorfall im Geschichtszimmer ja was Ähnliches, eine Vision von der Zukunft, verstehst du?« »Quatsch.« »Überleg doch mal: Woher hat Jack gewusst, wie er mich finden kann?« »Keine Ahnung.« »Eben«, meinte Jenny, und ihre anfängliche Unsicherheit war auf einmal wie weggeblasen. »Er konnte es nicht wissen. Es sei denn, es ist etwas dran an dem, was er sagte. Ich hab es mir immer und immer wieder durch den Kopf gehen lassen, nachdem Emily mich nach Hause gebracht hat. Ich hab mir dieselben Fragen gestellt wie du. Ob ich durch die Entführung einen psychischen Schaden erlitten hätte, ob ich einen Arzt aufsuchen sollte, um mir irgendwelche Arzneien verschreiben zu lassen. Aber weißt du was? Ich glaube, das ist alles Unsinn. Der Einzige, der wirklich nachvollziehen kann, was heute Nachmittag mit mir passiert ist, ist Jack.« »Jack«, murmelte Nikki und verdrehte die Augen. »Immer wieder Jack.« Es war ihm anzumerken, dass er gar nicht begeistert war von Jennys Theorie. Doch Jenny redete einfach weiter. »Erinnerst du dich an die erste Biologiestunde, als Jack plötzlich grundlos unter den Tisch gehechtet ist? So als hätte er etwas gesehen, was für alle anderen unsichtbar war? Ich meine, genauso ist es mir heute im Ge35