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Eva Breunig

Das Finale Seven for Heaven – Band 3


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»Und dann wurde es irre spannend!« Janine quiekte vor Begeisterung, und Tina wünschte sich inständig einen Knopf, mit dem man Janine leiser drehen könnte. »Wir mussten uns neben so eine wachsende Kristallsäule stellen – je mehr Stimmen eine Band bekommen hatte, desto höher wurde sie. Bei uns blieb sie knapp oberhalb der Markierung stehen, und wir waren drin! Wow!« Die Überschwänglichkeit, mit der Janine in ihr Handy jubelte, war echt, obwohl sie diese Geschichte in der letzten halben Stunde schon gefühlte zweihundert Mal erzählt hatte. »Und jetzt sind wir im Finale! Ist das nicht voll der Wahnsinn? – Hm? … Ja, du auch … Tschüs!« Die Tasten von Janines Handy piepsten, dann ging es von vorne los. »Hallo? Onkel Dieter? Hast du schon gehört? Ich und meine Band, wir sind bei einer Casting-Show aufgetreten! Und stell dir vor – ich bin im Finale!« Tina saß eine Reihe hinter Janine in dem Autobus, der eine Ladung jugendlicher Musiker nach der Show »Deutschlands coolster Teenie-Star« nach Hause brachte. Erst waren alle völlig überdreht gewesen – immerhin waren sie gerade live im Fernsehen aufgetreten! Sie hatten alle durcheinandergequasselt, ihre Familien angerufen und laut gesungen. Aber ziemlich schnell gewann dann die Müdigkeit die Oberhand, und es wurde immer stiller im Bus. Der Motor brummte eintönig, während sie durch die Nacht schaukelten. Die Mitglieder der Band »Seven for Heaven« hingen erschöpft in ihren Sitzen. Madeleine, die rothaarige Tänzerin, war neben Tina eingeschlafen. Und Tina wollte gern in Ruhe einem sehr angenehmen Gedanken nachhängen, der von ihr und einem Jungen namens Dave handelte, und von einem Kuss mitten auf der Bühne … Nur Janine telefonierte unermüdlich. 5


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Janine und ihre Band – ha! Lächerlich! Sie alle bildeten die Band, sie alle hatten ihre Talente eingebracht: Tina hatte den Text geschrieben, Florian die Melodie komponiert, Monika die Kostüme entworfen, Madeleine und Christopher den Tanz choreografiert und einstudiert, und so weiter. Nur weil Janine die Leadsängerin war – übrigens zusammen mit Heike, dem Küchenmädchen des Internats –, brauchte sie nicht zu glauben, sie allein wäre jetzt Teenie-Star! Schon war sie dabei, die nächste Nummer einzutippen, aber jetzt räkelte und streckte sich Janines Nachbarin. Es war Caro mit dem leuchtend violetten Haarschopf, die am liebsten in kurzen Schottenröcken, zerrissenen Strümpfen und Totenkopf-T-Shirts herumlief. »Lass gut sein, Janine«, murmelte sie und gähnte. »Es ist schon nach elf – wenn du so spät noch anrufst, glauben deine Verwandten ja, es ist was passiert!« »Ist es doch auch!«, gab Janine aufgekratzt zurück. »Ich meine, was Schlimmes!« Caro verdrehte die Augen und versuchte, ihre Beine in der engen Sitzreihe auszustrecken. »Wenn ich die Geschichte von ›dir und deiner Band‹ noch ein einziges Mal hören muss, fang ich zu schreien an!«, drohte die magere kleine Selma von der anderen Seite des Mittelganges und löste sich dafür sogar aus Theos Umarmung. Theo gehörte zu einer Konkurrenzband, die es nicht ins Finale geschafft hatte. Vorerst war diese Busfahrt die letzte Gelegenheit für die beiden, zusammen zu sein. »Das seh ich genauso!«, mischte Antonia sich von weiter vorne ins Gespräch ein. Die elegante Klavierspielerin mit dem dicken blonden Zopf war so etwas wie die ungekrönte Anführerin der Neuntklässlerinnen und somit auch die Bandleaderin. »Nicht ›du‹ bist im Finale, sondern ›wir‹! Und das sollten wir nach außen hin bitte schön auch demonstrieren!« »War doch nur für meine Familie!«, verteidigte sich Janine mit einem trotzigen Unterton. »Ja, trotzdem! Es geht um die Einstellung!«, dozierte Antonia. »Jetzt, wo wir aufgestiegen sind, werden die Teenie-Zeitschriften sicher wieder über uns berichten, und …« »Und der Deutsche Jugend-Sender macht bestimmt eine Dokumentation über uns!«, warf Selma ein. 6


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»… und da dürfen wir nicht als zerstrittener Haufen dastehen«, vollendete Antonia ihren Satz. »Ja, wir am allerwenigsten – wo wir uns doch als christliche Band geoutet haben«, fand auch Caro. »Wir haben uns nicht als christliche Band geoutet«, gab Janine leicht giftig zurück. »Das wart ihr – die Mädchen vom Internat, ihr ganz allein! Wir Externen wurden gar nicht erst gefragt!« Jetzt hätte Tina sich am liebsten die Ohren zugehalten. Diesen Streit brauchte sie wirklich nicht schon wieder! Die ganzen letzten Wochen und Monate war es um nichts anderes gegangen als um die »christliche Botschaft« in Tinas Songtext. Sie wollte das nicht schon wieder diskutieren. Ja, natürlich bedeutete ihr der Text etwas – weil Gott ihr etwas bedeutete! Aber sie hatte ihre Meinung jetzt wochenlang verteidigt, im Internet, auf Facebook und so weiter. Zuletzt hatte sie sogar ein Interview für die Jugendzeitschrift »Sweet Sixteen« gegeben. Ein Interview! Sie, die schüchterne, dickliche Tina, die sich am liebsten im Hintergrund hielt und möglichst unsichtbar machte! Sie hatte es einfach satt. Mit einem kaum hörbaren Seufzer rappelte sie sich von ihrem Platz neben der schlafenden Madeleine ganz langsam hoch und sah sich um. Weiter vorne im Bus saßen die Mitglieder einiger anderer Bands. Auch von ihnen dösten viele erschöpft vor sich hin. Einige redeten mit gedämpfter Stimme miteinander, was die schläfrige Stimmung sogar noch verstärkte. Manche saßen quer auf zwei Plätzen, lehnten mit dem Rücken halb am Fenster, halb am Sitz und schliefen tief und fest. Eine ganze Bank schien nirgends frei zu sein, und neben fremde Leute mochte Tina sich nicht setzen. Direkt hinter ihr, in der letzten Reihe, die aus fünf Sitzen nebeneinander bestand, saß nur einer: ein ziemlich schräger Typ mit wirren schwarzen Krauslocken, der sich Rib Juice nannte. Sein Image als Rocker und Revoluzzer (was immer das genau sein mochte) schien es zu erfordern, dass er sich mürrisch und unnahbar gab. Tina war – eigentlich mehr aus Versehen – ein paarmal durch seine raue Schale gedrungen; aber jedes Mal, wenn sie dachte, er wäre eigentlich doch ganz nett und in Ordnung, machte Rib plötzlich wieder zu und war so schroff und unfreundlich wie zuvor. 7


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Aber im Moment war ihr das egal, denn er lehnte am linken Fenster im Schatten des Sitzes davor und schien zu schlafen. Leise zwängte Tina sich in den dunklen Winkel am rechten Fenster der letzten Reihe, wobei sie sich an Ribs ausgestreckten, langen dünnen Beinen vorbeischieben musste. Damit tat sie, was sie am besten konnte – sie machte sich unsichtbar. Hauptsache, sie wurde nicht wieder in den ewigen blöden Streit reingezogen! Tina starrte in die Nacht hinaus. In der Ferne waren ab und zu beleuchtete Häuser zu sehen, und manchmal kam ihnen ein einzelnes Auto entgegen. Ansonsten war es stockfinster. Kein Stern war zu sehen. Ein leichter Nieselregen schlug an das Fenster. Tinas Gedanken wanderten wieder zu Dave, dem Drummer der »SchwarzaugErbsen«. Auch diese Band war ins Finale aufgestiegen, da würde sie ihn wiedersehen! Das war für sie der einzige Grund, sich auf das Finale zu freuen. Denn eigentlich hatte sie von der vielen Aufmerksamkeit für ihre Person, dem Theater um ihre Texte und den ständigen Streitereien schon vollauf genug. »Na, Kleine?«, ertönte plötzlich Ribs kratzige Stimme vom Nachbarsitz. Tina zuckte zusammen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er näher gerückt war, und es passte ihr im Moment auch überhaupt nicht. Eigentlich hatte sie sich ja in diese Ecke gesetzt, um ihre Ruhe zu haben! Außerdem ärgerte es sie, dass er immer so herablassend war. Ja, er war ein Stück größer als sie und bestimmt zwei Jahre älter, aber musste er sie »Kleine« nennen?! Er raunte ihr ins Ohr: »Hast du etwa Angst vor mir?« Dazu zeigte sich auf seinem Gesicht sein blutrünstiges Vampirgrinsen. Tina zog die linke Schulter hoch. Insgeheim fürchtete sie sich tatsächlich ein bisschen vor ihm – weil sie nie so recht wusste, woran sie bei ihm war. Aber das hätte sie natürlich niemals zugegeben! »Schon lang nicht mehr«, murmelte sie halbherzig. Bei ihrer allerersten Begegnung, auf einer einsamen Jungentoilette, auf der das Licht ausgefallen war, hatte sie sich fast zu Tode gefürchtet, und das wusste er. »Ich glaub dir kein Wort«, grinste er. Was will er denn bloß? Hat er sich nur zu mir gesetzt, um mir Angst zu machen, oder wie? 8


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»Wolltest du nicht ein bisschen schlafen?«, schlug sie hoffnungsvoll vor. »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, ne?«, winkte er großspurig ab. »Ich, äh … ich weiß, dass du eigentlich gar nich’ ins Finale wolltest, weil dir der Rummel zu viel wird – bist du jetzt traurig?« Tina zuckte die Achseln.»Ich weiß nicht recht … Irgendwie cool ist es schon … Andererseits hätte ich jetzt eigentlich schon genug … Aber ich freu mich, dass du aufgestiegen bist!« »Was – ehrlich?« Seine Augenbrauen wanderten hoch bis unter die schwarzen Locken. Dass jemand sich mit ihm oder gar für ihn freute – noch dazu von der Konkurrenz –, schien er nicht erwartet zu haben. »Klar! Ich weiß doch, wie wichtig es für dich ist.« »Du bist echt ’n schräges Mädel«, wunderte er sich. »Ich weiß.« Sie seufzte leise. Unscheinbar, dick, schüchtern, eine Außenseiterin. Und jetzt auch noch berühmt. Ein Mauerblümchen als Superstar. Wirklich, total schräg. »Nee, komm, so hab ich das doch nicht gemeint!« Er stieß ihr freundschaftlich den Ellbogen in die Seite. Dabei konnte er doch gar nicht wissen, was sie dachte! Aber der Seufzer hatte sie wohl verraten … »Ich komm dich mal besuchen«, fügte er nach einer Pause hinzu. Tina erschrak. Das fehlte ihr noch! »Ich wohne in einem Mädcheninternat!«, wandte sie ein. Er grinste wieder breit. »Na, umso besser!« Es war schon nach Mitternacht, als der Bus vor dem Schulzentrum Josefshöhe anhielt, um »Seven for Heaven« aussteigen zu lassen. Die Eltern der externen Schüler warteten durchgefroren an der Haltestelle. Natürlich hatten alle die Show im Fernsehen verfolgt und wussten daher längst, dass ihre Kinder ins Finale aufgestiegen waren – ganz knapp, aber doch! Entsprechend wurden die Externen mit großem Hallo begrüßt und mit Fragen bestürmt. Auch Selma wurde abgeholt; sie wohnte zwar im Internat, aber ihre Großeltern hatten es sich nicht nehmen lassen, mitten in der Nacht extra anzureisen. Sie konnten es sich leisten, mal eben für ein Wochenende ein Hotelzimmer zu mieten. 9


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»Wir dürfen Selma doch jetzt mitnehmen, nicht wahr, Herr Kutscher?«, fragte Selmas Oma höflich beim Internatsleiter an, der als Begleitlehrer bei der Show dabei gewesen war. »Selbstverständlich«, nickte Herr Kutscher, der von den Mädchen »Hardy« genannt werden durfte. Er winkte Selma zu. »Bis Sonntagabend dann! Auf Wiedersehen!« Selma warf noch ein paar sehnsüchtige Blicke zu dem Busfenster, hinter dem ihr Theo saß, und winkte kurz. Mehr wagte sie nicht, wenn ihre Großeltern dabei waren. Tina war ziemlich froh, dass sie jetzt nicht noch irgendwo hinfahren und tausend Fragen beantworten musste. Sie sehnte sich nach ihrem gemütlichen Bett im Internat, das glücklicherweise nur noch ein paar Schritte entfernt war. Madeleine torkelte schlaftrunken neben ihr her. Tina legte ihren Arm um die Schultern des zarten Mädchens und redete ihr zu: »Gleich sind wir zu Hause! Nicht mehr weit. Du darfst gleich weiterschlafen!« Madeleine hatte den anstrengendsten Part in der ganzen Show, denn sie tanzte nicht nur, sie legte auch ein paar Akrobatik-Einlagen hin, bei denen einem der Atem stockte. Sie hatte im Fernsehstudio zweimal Szenenapplaus bekommen und sicher eine Menge zum Erfolg von »Seven for Heaven« beigetragen. Aber obwohl Radschlagen und Auf-den-Händen-Gehen quasi Madeleines natürliche Fortbewegungsart war, hatte sie sich für die Show restlos ausgepowert. Und jetzt war sie so müde, dass sie kaum noch gerade schauen konnte. »Leise!«, mahnte Hardy, als sie den steinernen Flur betraten, auf dem ihre Zimmer lagen. »Die anderen schlafen längst!« Am Wochenende fuhren zwar die meisten Internatsschülerinnen zu ihren Familien nach Hause, aber es gab immer einige, die dablieben. Das kleine Grüppchen müder Kriegerinnen hatte jedoch sowieso nicht die Absicht, noch lange zu lärmen. Insgeheim spielten die meisten mit dem Gedanken, das Waschen und Zähneputzen auf morgen zu verschieben und einfach nur noch ins Bett zu fallen. Aber kaum hatte die Letzte den Flur betreten, da gingen plötzlich die Lichter im steinernen Gewölbe an, und ein vielstimmiges Geschrei ertönte.

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