KIM VOGEL SAWYER
MEIN HERZ
BLEIBT BEI DIR
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Chambers, Missouri September 1914 Nur keine Tränen. Libby Conley ließ die Schranktür vor ihren spärlichen Habseligkeiten zuschnappen und drehte sich schnell zu ihrer Mentorin und Freundin um. »Na gut, ich glaube, das war’s dann.« Ihre Kehle war wie zugeschnürt und ihre Stimme klang eine Oktave höher als sonst. Sie würde Maelle so sehr vermissen! Sie zwang ihre bebenden Lippen zu einem Lächeln. »Vielen Dank, dass ihr die Jungs und mich zum College gebracht habt. Es war so schön, im Zug eure Gesellschaft zu haben. Aber …« Sie hob die Hände in die Luft und reckte das Kinn. »Ich schätze, jetzt seid ihr mich los.« Maelle Harders ließ ihren Mann stehen und nahm Libby fest in die Arme. Libby schloss die Augen und ließ die Umarmung zu, erwiderte sie jedoch nicht. Wenn sie sich jetzt an Maelle festhielte, würde sie sie womöglich nie mehr loslassen. »Wir sind dich los? Ach, Quatsch.« In Maelles kräftiger Stimme schwang ein humorvoller Ton mit. »Ich denke, wir werden dich wiedersehen.« Sie ließ Libby los und zwickte sie leicht ins Kinn, eine liebevolle Geste, die aus Libbys Kindheit übrig geblieben war. »Schließlich werdet ihr – du, Pete und Bennett – in knapp sechs Wochen bereits wieder nach Shay’s Ford zurückkommen, wenn Matt heiratet. Mattie wird alle seine Trauzeugen benötigen.« Libby nickte. Die Gewissheit, dass sie bald wieder in der Waisenschule sein würde, die in den vergangenen acht Jahren ihr Zuhause gewesen war, hatte ihr gestern geholfen, sich von den Leitern des Hauses, Aaron und Isabelle Rowley, zu verabschieden. Eine vorübergehende Trennung konnte Libby ertragen, aber sie sagte niemals Le9
bewohl, wenn sie davon ausging, dass es ein dauerhafter Abschied war. Sie hatte nicht vor, Lebewohl zu Maelle zu sagen, dem liebsten Menschen, den es für sie auf der Welt gab, obwohl sie wusste, dass es bald ein Wiedersehen geben würde. Sie verabscheute das Wort Lebewohl. »Ich werde ganz bestimmt dabei sein. Ich freue mich schon auf das Tanzen nach der Trauung deines Bruders.« Libby hob ihren nagelneuen Rock und machte ein paar schnelleTanzschritte, bis der braune Stoff über dem Schaft ihrer stabilen Lederstiefel wirbelte. Sie hatte vor, mit Bennett zu tanzen und auch mit Petey, obwohl er mit seinem Holzbein ein bisschen unbeholfen war. »Es wird großartig.« Maelle lächelte und um ihre goldbraunen Augen bildeten sich kleine Fältchen. Sie legte ihre Hand in Jacksons Armbeuge und strahlte zu ihm auf. »Genauso schön wie die Feier nach unserer Trauung.« Libby senkte den Blick auf die Spitzen ihrer neuen Schuhe, als die Blicke zwischen Maelle und Jackson intensiver wurden. Obwohl man sie keinesfalls mehr frisch verheiratet nennen konnte – ihre Hochzeit war sofort nach Jacksons Rückkehr von seiner Amtsperiode in Missouri vor fünf Jahren gewesen –, hatten die beiden nur Augen füreinander. Libby musste sich eingestehen, dass sie eine gewisse Eifersucht gespürt hatte, als Jackson nach Shay’s Ford zurückgekehrt war. Bis dahin hatte sie Maelle für sich allein gehabt. Sie schloss die Augen und ließ einen vertrauten Tagtraum aufsteigen. »Du wirst also wirklich meine Mutter?« Das Glücksgefühl, das in Libbys Innerem explodierte, brach als freudiges Kichern hervor. Maelle strich Libby das wilde Haar aus dem Gesicht. »Ja, natürlich. Ich habe mir immer eine Tochter gewünscht und kann mir keine bessere vorstellen als dich, Libby.« Libby warf sich Maelle in die Arme. »Ach, ich bin so glücklich, dass du mich adoptierst! Danke!« »Nein, ich möchte dir danken, mein Liebes.« Maelle legte ihre Wange auf Libbys Scheitel und die Berührung fühlte sich warm und tröstlich an. »Du hast mich zur glücklichsten Mutter der Welt gemacht …« 10
Ein Räuspern vertrieb die Fantasiebilder. Libby hob den Kopf und merkte, dass Maelle und Jackson sie angrinsten. Jackson sagte: »Entschuldige bitte, Libby.« Er legte seinen Arm um Maelles Taille. »Manchmal verliere ich mich im betörenden Blick meiner reizenden Frau und vergesse, dass es auch noch andere Menschen auf der Welt gibt.« Maelle schüttelte den Kopf und ihre ungebändigten braunen Locken hüpften dabei. »Meine Güte, was du für Sachen sagst …« Aber der zärtliche Blick, den sie Jackson zuwarf, stand im Widerspruch zu ihrer sanften Zurechtweisung. Libby presste die Lippen fest aufeinander, als ihr Zorn wuchs. Warum hatten Maelle und Jackson sie nicht adoptiert? Als Libby zehn Jahre alt gewesen war, hatte sie Maelle gebeten, ihre Mutter zu werden. Maelle hatte ihr liebevoll erklärt, dass sie Libby das Vorrecht gönnen wollte, mit Mutter und Vater aufzuwachsen. Aber dann war Jackson zurückgekehrt. Er und Maelle hatten geheiratet, und nicht einmal dann hatten sie Libby adoptiert. Jetzt war es zu spät. Niemand hatte Libby im Alter von zehn Jahren haben wollen, warum sollte also jemand – selbst Maelle, die behauptete, sie wirklich zu lieben – eine Achtzehnjährige adoptieren? Sie würde nie das Glück erleben, Maelle Mama zu nennen, so wie sie es sich ersehnte. Maelle wandte sich an Libby. »Sollen wir schauen, wo die Jungs sind? Ich vermute, dass Bennett inzwischen Hunger haben wird.« Jackson streckte die Hand Richtung Tür aus und Libby ging schnell an ihm vorbei. Als sie aus dem Zimmer eilte, stieß sie im Flur beinahe mit zwei Mädchen zusammen. Sofort erinnerte sie sich an Isabelle Rowleys Lektionen über gutes Benehmen und entschuldigte sich automatisch. Die beiden musterten Libby von oben bis unten, bevor sie einen schnellen hochmütigen Blick wechselten. Die größere der beiden sagte: »Du musst langsamer gehen.« »Oder zumindest aufpassen, wenn du dein Zimmer verlässt«, ergänzte die zweite. 11
Libby verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe mich entschuldigt. Und es ist ja nicht so, als hätte ich die Absicht gehabt, euch umzurennen. Es war einfach ein ungünstiges Zusammentreffen.« Die größere öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, traten Maelle und Jackson in den Flur. Das Mädchen überlegte es sich anders, fasste die Kameradin am Ellbogen und eilte mit ihr zur Treppe. Mädchen! Libby hatte sich nie gut mit anderen Mädchen verstanden. Sie waren zu hochnäsig, zu zimperlich oder zu albern. Der herablassende, tadelndeTon der Mädchen im Flur hatte zu sehr nach der Gründerin des Waisenhauses geklungen. Wie oft hatte Mrs Rowley mit Libby geschimpft, weil sie sich in Tagträume flüchtete oder undamenhaft auf Bäume kletterte oder Frösche fing? Mit der Zeit hatte Libby Mrs Rowley ins Herz geschlossen, aber sie hatte sich nie völlig von ihr angenommen gefühlt. Mit Mädchen konnte man keinen Spaß haben. Außer mit Maelle. Libby verschränkte die Hände unter dem Kinn und schenkte Maelle ihren flehendsten Blick. »Kann ich nicht mit dir und Jackson nach Shay’s Ford zurückkehren?« Verwirrt runzelte Maelle die Stirn. »Warum solltest du das wollen? Du hast dich so darauf gefreut, auf die Universität zu gehen.« Das war vor meinem Zusammenstoß mit Hochnäsig eins und zwei. Libby griff nach Maelles Arm. »Wenn ich zu alt bin, um in der Waisenschule zu bleiben, könnte ich mir eine Stelle bei der Zeitung besorgen oder vielleicht sogar als deine Assistentin arbeiten.« Sie konnte mit Maelles Kamera umgehen. Sie hatte so viel Zeit in Maelles Fotostudio verbracht, dass sie sich dort genauso zu Hause fühlte wie in ihrem Zimmer im Waisenhaus. »Libby, du weißt doch, dass es dich nicht glücklich machen würde, in meinem Studio zu arbeiten.« Maelles Stimme war freundlich, doch bestimmt. »Du wolltest immer Schriftstellerin werden. Gott muss diese Tür für dich geöffnet haben, denn hier bist du genau am richtigen Ort, um das Handwerk des Journalismus zu lernen. Nicht jedes College in Missouri lässt weibliche Studenten zum Journalismus12
Studiengang zu, aber hier an der University of Southern Missouri können Frauen Seite an Seite mit Männern lernen.« Libby wusste bereits, dass sie eine großartige Chance erhalten hatte, obwohl sie das Stipendium nicht so sehr Gott zuschrieb, sondern eher Mrs Rowleys Begabung, überzeugende Briefe zu schreiben. Wie sehr hatte sie sich darauf gefreut, von ausgezeichneten Professoren angeleitet zu werden und zu lernen, wie man die Worte so setzte, dass sie die Gefühle der Leser anrührten! Maelle hatte das Fotografieren durch die Praxis gelernt, demnach könnte Libby das Verfassen von Zeitungsartikeln sicher ebenfalls durch Praxis lernen. »Ich weiß, aber …« »Wenn Gott eine Tür öffnet, muss man hindurchgehen. Sonst verpasst man den Segen, den er einem zugedacht hat.« Sanft nahm Maelle Libbys Hand von ihrem Arm. »Außerdem hat sich meine Schwester so große Mühe gegeben, um diese Stipendien für dich, Pete und Bennett zu bekommen. Überleg doch mal, wie enttäuscht Isabelle wäre, wenn du all das einfach wegwerfen würdest.« Libby biss sich auf die Unterlippe. Mrs Rowley war vor Aufregung fast schwindelig geworden, als sich ein Spender bereit erklärte, die ersten Schulabgänger des Waisenhauses finanziell zu unterstützen – es war der Trostpreis dafür, dass sie nie adoptiert worden waren. Sie hatten ihr, Pete und Bennett endlose Vorträge darüber gehalten, dass sie diese großartige Chance nutzen sollten. Nein, Isabelle Rowley wäre nicht glücklich darüber, wenn Libby nach Shay’s Ford zurückkäme. Sie seufzte. »Ich fürchte, du hast recht.« Jackson trat einen Schritt vor. »Es ist verständlich, dass du ein bisschen Angst hast, Elisabet. Das ist eine große Veränderung für dich – du verlässt dein Zuhause und triffst neue Menschen. Als ich von Shay’s Ford wegging, um Jura zu studieren, hatte ich Heimweh und fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es dauerte eine Weile, aber schließlich lebte ich mich ein.« Andächtig lauschte Libby Jacksons aufmunternden Worten. Würde ein Vater genauso mit ihr reden? 13
Er lächelte und drückte sie leicht am Oberarm. »Also wart’s ab. Ich wette, dass es dir hier in einem Monat so gut gefällt, dass du nicht einmal zu einem Wochenendbesuch weg möchtest.« Libbys Mund wurde trocken. Nicht mehr den Wunsch haben, nach Shay’s Ford zurückzukehren, nicht einmal für einen Besuch – könnte das College eine solche Veränderung bei ihr bewirken? »Mmeinst du wirklich?« Maelle zog Libby sanft an einer herabhängenden Locke. »Die Gelegenheit, dich zu bilden, solltest du niemals vergeuden. Nicht jeder hat so eine Gelegenheit.« Libby wusste, wie sehr Maelle es bedauerte, so wenig Bildung genossen zu haben. In ihrer Kindheit war sie im Wagen eines Fotografen von Staat zu Staat gereist und hatte das Fotografieren als Handwerk gelernt. Obwohl sie sich ein gutes Leben aufgebaut hatte, hatte sie Libby immer ermutigt, fleißig zu lernen und Gebrauch von den Bildungsmöglichkeiten zu machen, die die Waisenschule ihr bot. Libby war es viel wichtiger, Maelle nicht zu enttäuschen, als Mrs Rowley zufriedenzustellen. »Na gut. Ich werde es versuchen.« »Prima.« Maelle lächelte und bei dieser Anerkennung wurde es Libby warm ums Herz. »Du wirst merken, dass es keinen Grund gibt, sich zu fürchten.« Libby hob das Kinn. »Ich fürchte mich nicht.« Maelles Lächeln blieb unverändert. »Das weiß ich, Libby.« Sie legte Libby den Arm um die Schultern. »Auf geht’s, schauen wir, wo die Jungs sind, damit wir uns verabschieden können. Jackson und ich werden unseren Zug verpassen, wenn wir uns nicht bald aus dem Staub machen.« Als Libby, Maelle und Jackson über den dicken Grasteppich auf das prächtige steinerne Gebäude zumarschierten, in dem sich der Speisesaal befand, seufzte Libby erleichtert auf. Wenigstens würde sie hier in Chambers nicht allein sein. Ihre langjährigen Kameraden Petey Leidig und Bennett Martin waren ebenfalls hier auf dem Campus der University of Southern Missouri. Diese vertrauten Gesichter aus dem 14
Reginald-Standler-Heim für verwaiste und verlassene Kinder würden ihr helfen, das Heimweh niederzukämpfen, das ihr den Magen zusammendrückte. Allerdings waren Petey und Bennett Jungen und hatten andere Studienfächer, was bedeutete, dass sie alle in verschiedenen Häusern wohnten. Es würde nicht mehr so sein wie im Waisenhaus, wo sie auf verschiedenen Stockwerken unter einem Dach gelebt hatten. Sie näherten sich dem Speisesaal und Jackson streckte den Finger aus. »Ist das Pete dort auf der Terrasse?« Petey musste sie zur selben Zeit entdeckt haben, denn er hob winkend die Hand und kam auf sie zugestapft. Der Wind hob die frisch geschnittenen Strähnen seines dicken blonden Haars. Dank des neuen Haarschnitts und dem brandneuen Nadelstreifenanzug wirkte er so würdevoll wie Jackson, der Anwalt war. Libbys Herz hüpfte vor Stolz über ihren Freund. Aufgrund seines Holzbeins – die Folge eines Unfalls in seiner Kindheit – hinkte er, aber das störte Libby nicht. Er zeigte kein Selbstmitleid, deshalb hatte sie nie das Gefühl gehabt, ihn bedauern zu müssen. Er war einfach Petey, ihr bester Freund und Vertrauter. Als sie sich auf einem sonnigen Flecken in der Mitte des Hofs trafen, fragte Libby: »Wo ist Bennett?« »Er ist schon hineingegangen.« Petey zog eine Augenbraue hoch. »Du weißt ja, wie er ist, wenn es ums Essen geht … Er sagte, er könne nicht warten.« Jackson lachte und in den Winkeln seiner dunklen Augen bildeten sich lustige Fältchen. »Das ist okay. Du kannst ihn von uns grüßen.« Er streckte die Hand aus und schlang den Arm um Peteys Hals. Die beiden Männer drückten sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. »Pass gut auf dich auf, Pete.« Jackson löste sich aus der Umarmung und warf ein neckendes Lächeln in Libbys Richtung. »Und behalte auch unser Mädchen im Auge.« Libbys Herz schlug höher, weil er sie »unser Mädchen« genannt hatte. Ach, wenn sie doch wirklich ihr Mädchen wäre! »Pass auf, dass sie keinen Unfug macht«, fügte Jackson hinzu. 15