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JULIE KLASSEN

Das

M채dchen

im Torhaus


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Wo sie untergebracht werden konnte, wurde zum Gegenstand äußerst trauriger und folgenschwerer Beratungen. Jane Austen, Mansfield Park

September 1813 Das ist also das Ende des Lebens, wie ich es bisher gekannt habe, dachte Mariah Aubrey und blickte aus dem Fenster der Kutsche auf die Gestalten ihrer Mutter und ihrer Schwester, die rasch kleiner wurden. Die neunzehnjährige Julia stand vorn, ihre Schultern zuckten unter heftigem Schluchzen. Der Anblick brach Mariah fast das Herz. Halb hinter Julia verborgen war ihre Mutter, die Hand auf dem Arm ihrer jüngeren Tochter – um sie zu trösten, weil sie mit ihr litt, aber vielleicht auch, um sie zurückzuhalten. Soeben kam auch ihr Vater die Stufen von Attwood Park herunter. Er hatte sich nicht von ihr verabschiedet. Er sei unter keinen Umständen bereit, so hatte er gesagt, »das Laster gutzuheißen oder ihre Schande zu mildern«. Jetzt trat er zwischen seine Frau und seine jüngere Tochter, legte beiden einen Arm um die Schultern, drehte sie um und führte sie ins Haus zurück – in das Haus, das bis jetzt auch Mariahs Zuhause gewesen war. Und das sie vielleicht niemals wiedersehen würde. Mariah wandte sich vom Fenster ab. Miss Dixon, die ihr gegenübersaß, schlug rasch den Blick nieder und beschäftigte sich intensiv mit ihrem Pompadour, als hätte sie Mariahs Tränen nicht gesehen. Mariah biss sich auf die Lippen, damit sie aufhörten zu zittern. Sie sah wieder aus dem Fenster, obwohl sie wusste, dass der Anblick sie nur traurig stimmen würde. Doch dann nahm sie die vorüberziehende Landschaft kaum mehr wahr, während ihr wieder die Ereig9


nisse des letzten Monats durch den Kopf gingen. Sie stöhnte leise auf, doch die herzzerreißenden Szenen vor ihrem inneren Auge änderten sich nicht und verschwanden auch nicht. »Wir haben eine lange Reise vor uns, Miss Mariah«, sagte Dixon. »Möchten Sie nicht versuchen, ein wenig zu schlafen? Die Zeit vergeht dann viel schneller.« Mariah rang sich ein Lächeln ab und nickte. Gehorsam schloss sie die Augen. Sie bezweifelte zwar, dass sie schlafen konnte, doch mit geschlossenen Augen sah sie wenigstens das Mitleid im Gesicht der einzigen Freundin, die sie auf der Welt noch hatte, nicht mehr.

Die Reise dauerte zwei Tage. Sie machten mehrmals halt, um die Pferde zu wechseln, sich ein wenig die Beine zu vertreten und eine eilige Mahlzeit einzunehmen. Gegen Ende des zweiten Tages fiel Mariah endlich in einen Schlaf der Erschöpfung, nur um gleich wieder hochzuschrecken, als die Mietkutsche plötzlich heftig schlingerte, sodass sie schmerzhaft gegen das Seitenfenster geschleudert wurde. »Was ist passiert?«, fragte sie und rappelte sich auf. Dixon rückte den Hut zurecht, der auf ihrem mit Silberfäden durchzogenem Haar thronte. »Ich glaube, der Fahrer ist einem Lamm ausgewichen.« Sie blickte aus dem Fenster auf das Weideland, das sich vor ihren Augen in alle Richtungen erstreckte. »Wir befinden uns ganz unbestreitbar im Schaf-Land.« Mariah rieb sich die lädierte Schulter und sah ebenfalls aus dem Fenster, erst auf der einen, dann auf der anderen Seite. Auf der einen Seite schlängelte sich ein ruhig dahinfließendes, in der Sonne glitzerndes Flüsschen, auf der anderen lag ein von sanften Hügeln durchzogenes Tal, gesprenkelt mit weißgesichtigen Schafen und schon fast ausgewachsenen Lämmern. Unmittelbar vor ihnen machte der Fluss eine scharfe Biegung. Sie überquerten ihn auf einer Steinbrücke und fuhren an ein paar roten Ziegelhäuschen vorüber, die an seinem Ufer standen. Dann gelangten sie in ein Dorf mit Häusern aus hellem 10


Sandstein, einem Gasthaus, einer Apotheke, einem Steinmetz und einer Pfarrkirche mit Türmchen, alle um einen dreieckigen, begrünten Platz gelegen. »Ist das Whitmore?«, fragte Mariah. »Ich hoffe es von ganzem Herzen«, seufzte Dixon. »Meine armen Knochen haben entschieden genug von diesen ungefederten Sitzen.« Mariahs ehemaliges Kindermädchen war noch keine fünfzig, doch das Jammern beherrschte sie bereits wie eine sehr viel ältere Frau. Sie ließen das Dörfchen hinter sich. Wenige Minuten später bog die Kutsche plötzlich scharf ab. Mariah sah gerade noch rechtzeitig auf, um einen Blick auf den imposanten Eingang zu einem Landgut zu erhaschen, dessen hohe Mauer von einem geöffneten Säulentor durchbrochen war. Dixon lehnte sich aus dem Fenster wie eine Topfpflanze, die zum Licht strebt. »Wo ist das Torhaus?« »Dies muss der Haupteingang sein«, meinte Mariah und zitierte damit die Ausführungen aus dem Brief ihrer Tante. »Das Torhaus steht an einem anderen Eingang, der nicht mehr benützt wird.« Mariah konnte noch immer kaum fassen, dass sie jetzt ganz allein, ganz auf sich gestellt leben sollte. Miss Dixon würde fortan ihre einzige Gesellschaft sein. Ihr Vater war unerbittlich gewesen. Selbst wenn kein anderes junges Mädchen im Haus gelebt hätte, deren Unschuld durch Mariahs bedenklichen Charakter in Gefahr war, wäre er nicht bereit gewesen, seine Nachbarn vor den Kopf zu stoßen, indem er ihr weiterhin Obdach bot. Wie weh hatten ihr seine Worte getan und wie sehr schmerzten sie sie noch immer! Die Kutsche passierte das Tor und folgte dann einer Auffahrt, die in langen, sanften Bögen durch eine wunderschön gestaltete Parklandschaft führte – mit sauber geschnittenen Hecken und einem gepflegten Rosengarten rund um einen Teich, dessen Oberfläche im Sonnenlicht wie ein Spiegel schimmerte. Am Ende der geschwungenen Auffahrt stand das imposante, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammende Windrush Court. Das Herrenhaus aus hellem, fast goldfarbenem Sandstein war zweieinhalb Stockwerke hoch. In dem 11


grauen Schieferdach waren Mansardenfenster eingelassen. Im Erdgeschoss und im ersten Stock glitzerten lange Reihen hoher, zweiflügeliger Fenster. Die Kutsche hielt vor dem Herrenhaus und schwankte, als der Stallbursche heruntersprang, um das Treppchen zum Aussteigen auszuklappen. Doch da ging auch schon die Vordertür des Hauses auf und aus dem Säulenportal trat nicht ihre Tante, sondern eine etwas absonderliche Gestalt. Es war ein Mann Ende fünfzig, doch weder in der Livree eines Butlers noch mit dem vornehmen Gebaren eines solchen, sondern in einem schlicht geschnittenen Anzug aus dunklem Tuch. Seine Haltung hatte etwas Unnatürliches; es hatte den Anschein, als sei die eine Schulter ein Stückchen höher als die andere. Der Stallbursche öffnete die Wagentür, doch der Mann im dunklen Anzug trat näher und hob die Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. »Halt. Einen Augenblick.« Steif verbeugte er sich vor Mariah. »Jeremiah Martin.« Dann hob er den Kopf, der bis auf einen Kranz silbergrauen Haares kahl war. »Sind Sie Miss Aubrey?« »Ja. Erwartet meine Tante mich denn nicht?« »Doch. Aber ich habe den Auftrag, Sie zum Torhaus zu begleiten.« »Danke.« Mariah zögerte. »Darf ich Mrs Prin-Hallsey vielleicht zuvor noch begrüßen?« »Nein, Madam. Ich soll Sie direkt ins Torhaus bringen.« Ihre Tante, die ihr Zuflucht gewährt hatte, einen Ort, an dem sie nun wohnen konnte, wollte sie nicht persönlich empfangen? Mariah blickte zu Dixon hinüber, um zu sehen, wie diese Frau, die normalerweise ihr feste Meinung zu allem und jedem hatte, auf diesen Affront reagierte, doch Dixon nahm sie gar nicht wahr. Sie starrte auf den Mann – oder vielmehr auf den Haken, der dort zu sehen war, wo eigentlich seine linke Hand hätte sein sollen. »Ich verstehe.« Mariah hoffte, ihre Enttäuschung und Verlegenheit hinter einem steifen Lächeln verbergen zu können. Die blauen Augen des Mannes hielten die ihren einen Augenblick fest und wandten sich dann ab. »Ich klettere zum Kutscher auf den Sitz. Windrush Court ist recht weitläufig.« 12


Einen Augenblick später setzte sich die Kutsche, heftig schwankend, erneut in Bewegung und fuhr die geschwungene Auffahrt auf der anderen Seite wieder hinunter. Mariah blickte noch einmal zum Haus zurück. An einem der Fenster im ersten Stock teilten sich kurz die Vorhänge, schlossen sich aber gleich darauf wieder. Dann bog die Kutsche nach rechts ab, weg vom Herrenhaus, und tauchte in ein Wäldchen aus Redwood- und Kastanienbäumen ein. Während sie den Weg entlangrumpelten, versuchte Mariah die Kränkung darüber, dass ihre Tante sie nicht wenigstens begrüßt hatte, hinunterzuschlucken. Als Tante Fran Mariahs Onkel geheiratet hatte, hatte sie anfangs ein gewisses Interesse an ihrer Nichte gezeigt und sie sogar mehrmals zu sich eingeladen. Obschon man sie nicht unbedingt als warmherzig bezeichnen konnte, war sie doch immer sehr freundlich zu der kleinen Mariah gewesen. Das machte die jetzige Zurückweisung umso schmerzlicher. Impulsiv griff Mariah nach der Hand ihrer Begleiterin und drückte sie fest. »Danke, dass du mit mir gekommen bist.« Dixon erwiderte den Druck. Ihre blauen Augen glänzten von ungeweinten Tränen. »Was hätte ich denn sonst tun sollen?« Die Kutsche passierte ein Gärtnerhäuschen, vor dem eine Schubkarre, bepflanzt mit Chrysanthemen, stand. Neben dem Cottage befand sich ein Treibhaus aus Glas. Es folgte eine Schreinerei, erkennbar an langen, schmalen, auf Sägeböcken gestapelten Brettern. Ein dünner Mann in mittlerem Alter war über die Bretter gebeugt. Er tippte grüßend an die Mütze, als sie vorbeifuhren. Dann wurden die Bäume dichter und der Weg verengte sich. Gras und Unkraut wucherten in die ehemals sicher sehr gepflegte Auffahrt hinein. Mariah reckte den Hals und versuchte, durch die Bäume zu spähen, um einen Blick auf das Torhaus zu erhaschen. Da war es. Hoch und schmal, erbaut aus karamellfarbenem Cotswold-Stein. Gar nicht so übel, dachte Mariah. Das Torhaus wirkte wie die Miniaturausgabe eines zweistöckigen Schlosses. Es stand neben einem Bo13


gentor, flankiert von zwei runden Türmchen, die etwa ein Stockwerk höher waren als das Haus selbst. Auf der dem Torhaus gegenüberliegenden Seite machte die hohe Mauer, die das gesamte Anwesen umgab, einen Bogen und verschwand zwischen den Bäumen. Die Kutsche hielt an, der Stallbursche sprang wieder vom Wagen und öffnete die Tür. Diesmal hatte Mr Martin nichts dagegen, dass sie ausstiegen. Vielmehr schien der Abstieg vom Kutschbock seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Mariah betrachtete das große Tor mit dem filigranen Gitterwerk und den Spitzen aus stabilen Eisenstäben. Ganz eindeutig war dies früher einer der Haupteingänge zum Grundstück gewesen. Jetzt hatte man es mit einer schweren Kette und einem verrosteten Schloss gesichert. Auf den zweiten Blick machte das Torhaus einen eher heruntergekommenen Eindruck. Die Mauern waren mürbe, die Fenster schmutzig, die Scheiben zum Teil gesprungen. Der kleine Garten erstickte im Unkraut. Die Nebengebäude – ein kleiner Stall und ein Holzschuppen – befanden sich im Zustand der Auflösung. An einem Baum hing eine Schaukel, deren hölzerner Sitz zerbrochen war. Mariah blickte zu Dixon hinüber, die jedoch schon wieder Mr Martin anstarrte. Er war neben ihnen stehen geblieben und nestelte gerade einen Schlüsselbund aus seiner Tasche. Dixon drückte sich ohne jedes Zartgefühl ein parfümiertes Taschentuch unter die Nase. Der Angestellte verströmte tatsächlich einen penetranten Geruch. Er roch allerdings nicht ungewaschen, überlegte Mariah, sondern nach etwas anderem, Undefinierbarem. Was es auch war, Dixon schien es zu missbilligen. Martin sah Mariah an und sagte streng: »Das Tor muss geschlossen bleiben, es sei denn im Brandfall oder einem anderen Notfall.« »Darf ich fragen, warum?«, antwortete Mariah neugierig. Er hob seine normal hohe rechte Schulter zu einem Achselzucken, bei dem daraufhin beide Schultern angehoben wurden. »Es wird seit vielen Jahren nicht mehr benutzt. Seit die Straße vor dem Haupttor zur Mautstraße wurde.« 14


Die Antwort erklärte zwar nicht ganz, warum dieses Tor geschlossen bleiben musste, doch Mariah forschte nicht weiter. Mr Martin schloss die Haustür auf und öffnete sie weit. Dann reichte er ihr die Schlüssel. Gespannt betrat Mariah ihr neues Heim. In der kleinen Küche empfing sie der süßliche Geruch modriger Feuchtigkeit und abgestandener Luft. Tisch und Arbeitsfläche trugen eine dicke Staubschicht. Dixon hob einen alten Korb an, der umgedreht auf einem Regal stand. Darunter lag eine Ansammlung fenchelsamenähnlicher Mäuseköttel. Sie rümpfte angewidert die schmale Nase. Mariah ging aus der Küche in den Salon, der zur Frontseite des Torhauses hinausging. Als sie das Zimmer betrat, huschte etwas an ihr vorbei. Ein durchgesessenes Sofa und ein Schaukelstuhl waren zum Schutz vor dem Staub in große weiße Tücher gehüllt. Die Wand zwischen den Bogenfenstern wurde von Wasserflecken geziert, doch das Dach schien dicht zu sein. Die mottenzerfressenen Vorhänge gehörten eigentlich abgenommen und durch neue ersetzt, aber vielleicht gelang es ihnen, sie noch einmal zu waschen und zu flicken. Mariah seufzte. Es gab so viel zu tun und ihre Mittel waren äußerst beschränkt. Mr Martin bat den Kutscher und den Stallburschen, ihre Koffer und Taschen aus dem Wagen zu holen und hereinzutragen, bot jedoch seinerseits keine Hilfe an. Vielleicht konnte er es nicht, mit dem Haken anstelle seiner Hand. Aber vielleicht hielt er die seltsame junge Frau, eine entfernte Verwandte seiner Herrin, auch einfach nicht der Mühe wert. Dixon überwachte den Transport zweier Kisten mit Lebensmitteln und Haushaltsgeräten in die Küche, in die so gut wie kein Tageslicht fiel. Eine Kiste mit Büchern und Tischwäsche wurde im Salon abgestellt, die Koffer brachten die Diener nach oben. Dixon und Mariah stiegen hinter den Männern die schmale Stiege in den ersten Stock hinauf. Das Treppengeländer war wackelig. Oben befanden sich, am Ende eines schmalen Flurs, zwei Schlafzimmer mit einem kleinen Wohnzimmer dazwischen. 15


»Welches möchtest du haben, Dixon?«, fragte Mariah, erleichtert, dass die Zimmer bewohnbar wirkten. »Sie sollten natürlich das Größere nehmen.« Dixon blieb vor dem Fenster des größeren Schlafzimmers stehen, von dem aus man auf die Straße und den dahinterliegenden Wald blickte. Über den Wipfeln erhob sich das Dach eines festen, kastenartigen Gebäudes, aus dem drei große schwarze Schornsteine emporragten, die eine dreigeteilte, rußig-graue Säule schwarzen Kohlenstaubs in die Luft bliesen. »Nicht gerade das, was man eine schöne Aussicht nennt, fürchte ich. Wenn Sie lieber das andere Zimmer möchten, habe ich nichts dagegen.« »Nein, ich nehme dieses, Dixon. Danke. Was sich wohl in dem Gebäude befindet?« »Ich weiß es nicht. Aber bei etwas stärkerem Wind werden wir hier ständig den Ruß im ganzen Haus haben.« Sie drehte sich um. »Nun, das Beste wird sein, wenn wir uns an die Arbeit machen. Das Haus wird sich kaum von selbst putzen.«

Mehrere Tage lang waren Mariah und Dixon damit beschäftigt, das Torhaus vom Fußboden bis zur Decke, vom Keller bis zum Dachboden zu säubern und zu lüften. Dabei mussten sie mehrere Geschöpfe ausquartieren, die sich in den Kaminen einquartiert hatten, und ganze Berge ihrer Hinterlassenschaften wegwischen. Das war denn auch der einzige Grund, warum Dixon nicht protestierte, als Mariah vorschlug, die Katze zu adoptieren, die ihnen auf Schritt und Tritt folgte, während sie unentwegt aus- und eingingen, schmutzige Vorhänge nach draußen trugen, um sie dort auszukochen, und ganze Abfallberge aus dem Haus schafften, um sie zu verbrennen. Am vierten Tag nach ihrer Ankunft rief Dixon plötzlich: »Miss Mariah! Da kommt eine Kutsche!« Mariahs Herz geriet ins Stolpern. Eine Kutsche aus dem Innern des umzäunten Anwesens. Wer mochte das sein? Sie eilte zum Kü16


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