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Markus Spieker

faithbook Ein Journalist sucht den Himmel


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Inhalt Start F체r Romantiker 1. Sehnen 2. Suchen 3. Fragen 4. Sehen

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F체r Revolution채re 5. Springen 6. Gehen 7. Ankommen

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Re-Start

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Start Up Wenn man ein Buch mit dem Titel »Mehrwert« geschrieben hat und das Nachfolgewerk nicht »Nochmehrwert« nennen will, steht man vor einer Herausforderung. Man braucht ein neues Thema. Eines, das Neugier weckt und Bedürfnisse befriedigt, eines, das kickt und klickt. Im Zweifel bricht man ein Tabu. Das schafft wenigstens Aufmerksamkeit. Allerdings: Gar nicht so leicht, heutzutage noch ein Tabu zu finden. Alles schon beschrieben. Serienkillerfantasien, Gruppensexorgien. Einschlaflektüre. Zuletzt hat eine Jungautorin sich an das Thema »Hämorrhoiden« getraut. Platz Eins der Bestsellerlisten. Also: Es geht doch. Falls man noch ein Tabu findet. Ich habe eins gefunden. Ich traue mich an ein anderes »H«-Wort. Himmel. Gilt nicht, ist kein Tabu, sagst du? Dann mach mal den Test, abends mit Freunden beim Italiener: »Wie stellt ihr euch eigentlich den Himmel vor?« Ich tippe auf folgende Reaktion: hochgezogene Augenbrauen, gelangweiltes Weggucken, »öh …«, »weiß nicht«, »auf was bist du denn drauf?« 7


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Wenn du die Konversation nicht ganz killen willst, wirfst du schnell ein: »Übrigens, meine Hämorrhoiden …« Dann hast du wieder ihre Aufmerksamkeit. Der Himmel ist ein Tabu. Man spricht nicht darüber. Nicht einmal in der Kirche. Nichts für Erwachsene. Nichts für moderne Menschen. Ab und zu kommt der Himmel noch in der Popkultur vor. Ich habe im Internet nach Platten mit »Himmel« im Titel recherchiert: Ich kam auf über 5000. Bei den ersten Dutzend ging es immer um den Himmel auf Erden: »Der Himmel ist im Siebten Stock«, »Der Himmel ist auf der Rückbank meines Cadillacs«, »Der Himmel ist, wenn du neben mir liegst«. Auch Hollywood wagt sich gerne in himmlische Gefilde vor: »Der Himmel kann warten«, »Irrtum im Jenseits«, nette Komödien darüber, dass eigentlich niemand in den Himmel will. Jedenfalls nicht so schnell. Neuerdings haben in den USA Fernsehserien über die letzten Dinge Konjunktur: »Six Feet Under«, »Dead Like Me«, »Pushing Daisies«, Serien über Bestattungsinstitute, über Sensenmänner und über Männer, die Tote wieder zum Leben auferwecken können. Auch hier geht es um das Davor, nicht das Danach. Noch mehr Filme gibt es, die Himmelsboten als Helden haben: »Ist das Leben nicht schön?«, »Der Himmel 8


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über Berlin«, »Michael«. Den Engeln kommt dabei kurioserweise die Aufgabe zu, den Menschen die Augen dafür zu öffnen, dass das Leben hier unten eigentlich das Bessere ist. In Deutschland werden weder Filme über den Himmel noch über Engel produziert, allenfalls über Engel in Weißkitteln, »St. Angela« statt »Angels«. Nicht mal Kirchenleute reden hierzulande über den Himmel. Über hundert von ihnen schreiben in einem kürzlich erschienenen Sammelband (»Mein Glaube in Bewegung«) darüber, was ihnen der Glaube bedeutet. Ich habe das Buch ein paar Mal nach dem »H«-Wort abgescannt. Ich habe es nicht gefunden. Himmel, wie uncool ist das denn? Vor allem für einen Journalisten wie mich. Der soll sich gefälligst um die Fakten kümmern. Um Mindestlohn, Gesundheitsfonds, die Bankenkrise, erneuerbare Energien. Aber was ist mit dem Fakt, dass ich, dass du, dass alle, die wir kennen, irgendwann sterben? Dass unser Energievorrat irgendwann aufgebraucht ist. Und dann? Ist der vielleicht doch erneuerbar? Wird Zeit, habe ich mir gedacht, dass jemand dazu recherchiert. In die Bestsellerlisten werde ich es damit nicht schaffen. Nicht mal für freundliche Besprechungen in den Feuilletons wird es vermutlich reichen. 9


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Wenn’s gut läuft, unter PR-Gesichtspunkten, kriege ich ein paar Verrisse. »Es ist nur echt, wenn es dunkel ist«, lautet ein ungeschriebenes Gesetz im Kulturbetrieb. Himmel ist zu wenig »noir«, zu hell, zu süßlich. Brrr. Und dazu noch ziemlich ironieresistent. Witze über den Himmel kann man eigentlich nur machen, wenn man nicht an ihn glaubt. Wenn ich gefragt worden bin, wovon mein Buch handelt, bin ich ausgewichen: Von der »Unsterblichkeit«, habe ich gesagt, von den »ewigen Dingen«, von der »Eschatologie«. Ich wollte intellektuell satisfaktionsfähig bleiben. Jetzt strecke ich die Waffen und sage: »Himmel«, auch wenn das doof klingt und sich nur auf Unangenehmes und Unanständiges reimt. Aber alle wissen, was gemeint ist. »Brotlose Kunst«, hat mein C-Jugend-Trainer dazu gesagt, wenn ich mich in der eigenen Hälfte verdribbelt habe. Der Ball muss nach vorne, das Runde ins Eckige, am Ende wird alles vom Ergebnis her beurteilt. Ich habe mir seinen Ratschlag für dieses Buch zu Herzen genommen und bolze lieber aus der zweiten Reihe drauf, als mich im theologischen »Nimm du den Ball, ich hab ihn sicher«Hin-und-Her zu verzetteln. Auch wenn es naiv und egoistisch anmutet, hier ein paar Klarstellungen zu meinen sehr irdischen, äh, himmlischen Motiven, an Gott zu glauben: 10


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Ich glaube nicht an Gott, weil ich die Verhältnisse bessern will. Ich glaube nicht an Gott, weil ich meine Sinnfragen geklärt haben will. Ich glaube nicht an Gott, weil ich etwas länger und ein bisschen glücklicher leben will. Ich glaube nicht an Gott, weil ich Rituale feiern, Ekstasen erleben und Wunder erfahren will. Das alles sind wichtige, aber sekundäre Effekte des Glaubens. Meine primären Beweggründe sind andere: Ich will Leben ohne Verfallsdatum. Ich will echte Nachhaltigkeit. Ich will das wahre Glück. Ich will Liebe auf Dauer. Ich will in den Himmel. Jetzt ist es raus. Deshalb bin ich Christ, deshalb schreibe ich dieses Buch. Der Himmel ist Chefsache. Erst, wenn die letzten Dinge geklärt sind, kann ich mich locker um die Nächstliegenden kümmern, die sozialen Verhältnisse, die Sinnfragen, die Glücksoptimierung, die Glaubensgemeinschaft. Davon handelt dieses Buch zwar auch, aber: Last Things First. Mit der Einschätzung, dass die Jenseitsfrage 11


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Top-Priorität hat, gehöre ich weltweit zur Mehrheit. In Deutschland zur Minderheit. »Du hast da was verloren«, möchte ich dem einen oder anderen Mitbürger manchmal zurufen, »deine Unsterblichkeit«. Laut dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung glaubt nur etwa jeder dritte Deutsche fest oder ziemlich fest daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Das sind weit weniger, als an die Existenz Gottes glauben. Je weniger Leute auf die Himmelsleiter wollen, desto mehr drängeln sich auf dem Jakobsweg. Die Anzahl der Pilger ist in den letzten drei Jahrzehnten von rund 100 auf weit über 100 000 pro Jahr gestiegen. Neulich war Shirley MacLaine in Berlin, um zu erzählen, was sie auf dem Weg nach Santiago de Compostela erfahren hat. »Mich selbst«, berichtete sie. Ihre eigene Göttlichkeit. Der Weg ist das Ziel und das sind wir selbst. Ich muss zugeben: Shirley MacLaine gefällt mir weit besser, wenn sie in »Das Apartment« Jack Lemmon einen Stapel Spielkarten hinhält und sagt: »Halt den Mund und gib!« Die neue Platte der Erfolgsgruppe »Coldplay«, die viele Wochen die Hitparaden anführte, heißt »Viva la Vida or Death and And All His Friends«. Das Leben feiern, dem Tod ins Gesicht sehen, das ist die Spanne, in der sich rein diesseitige Menschen bewegen. Im Vergleich zu ihren Vorfahren 12


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