Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 1
Damaris Kofmehl · Demetri Betts
Jack Ross Die Entführung
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 98
Jack seufzte schwer. »Ich krieg das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Wie dieser maskierte Typ auf mich zukommt, die Waffe zieht … und einfach abdrückt.« Er sah über den Tisch zum Hausmeister hinüber, und zum ersten Mal lag in seinen Augen ein Ausdruck von Hilflosigkeit. »Ich hab gesehen, wie ich erschossen wurde, Mr Wilson. Ich … ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Jedenfalls bestimmt nichts Gutes, schätze ich, und es macht mir Angst. Große Angst, um ehrlich zu sein. Glauben Sie …« Mr Wilson sah ihn mit seinen braunen Augen gütig an. »Denk daran, die Visionen sind Bausteine, die erst zusammengefügt einen Sinn ergeben. Dass dieser Mann auf dich geschossen hat, kann etwas völlig anderes bedeuten, als du im ersten Moment denkst.« »Und was, wenn nicht?«, entgegnete Jack. »Sie verstehen das nicht, Mr Wilson. Seit gestern Nachmittag stehe ich so ziemlich bei jedem hier drinnen auf der Abschussliste. Ich seh es in ihren Blicken. Ich fühle es, wenn sie an mir vorbeigehen. Sie würden mich am liebsten abmurksen.« Er faltete den letzten Overall zusammen und blickte ein paar Sekunden dumpf vor sich hin. »Lange werde ich das hier drinnen nicht mehr durchstehen.« Mr Wilson blieb gelassen. »Hab keine Angst, Jack. Dein Leben liegt nicht in ihren Händen.« »Das fühlt sich aber grad deutlich anders an«, hielt Jack dagegen und schleuderte die letzte Uniform achtlos in den Korb. »Was war die zweite Vision?«, fragte Mr Wilson rasch. »Die war harmlos«, sagte Jack, während er ein paar saubere Leintücher von einem hüfthohen Stoffberg nahm und auf den Tisch legte. Unaufgefordert packte Mr Wilson die zwei Enden des obersten Bettlakens, Jack ergriff die anderen beiden Enden, dann schüttelten sie das Laken und falteten es zweimal der Länge nach. »Es war Silvester und ich habe zusammen mit ein paar Leuten Feuerwerkskörper angezündet und aufs neue Jahr angestoßen.« »Hm«, meinte der Hausmeister. »Vielleicht der Zeitpunkt, an dem das eintreffen wird, worauf die Visionen sich beziehen.« »Sie meinen – was es auch immer sein mag –, es passiert an Silvester? Um Mitternacht?« 98
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 99
»Möglich.« »Ich dachte, man darf die Visionen nicht eins zu eins in die Realität übertragen.« »Jede Vision ist anders. Es gibt keine festen Regeln«, erklärte der Hausmeister. »Na toll«, sagte Jack, übernahm Mr Wilsons Lakenzipfel, faltete das Betttuch zwei weitere Male und legte es in einen neuen Wäschekorb. »Dann haben wir also gar nichts. Und wenn es wirklich dumm läuft, besteht die Möglichkeit, dass ich an Silvester erschossen werde. Pünktlich zum Neujahr. Das sind ja wunderbare Aussichten.« »Mach dir keine Sorgen, Jack. Zu gegebener Zeit wirst du das Rätsel lösen und genau wissen, was zu tun ist. Und bis dahin bleib stark.« Der alte Mann ging um den Tisch herum und legte Jack väterlich die Hand auf die Schulter. »Lass dich nicht unterkriegen, Jack. Du hast schon ganz andere Dinge in deinem Leben gemeistert. Du schaffst das. Ich glaube an dich.« Seine Augen strahlten eine unglaubliche Zuversicht aus. »Danke«, murmelte Jack, auch wenn er selbst nicht halb so optimistisch war wie Mr Wilson. Nur schon der Gedanke, beim Mittagessen wieder auf die anderen Häftlinge zu stoßen, ließ ihm die Galle hochkommen. Der Hausmeister ging zur Tür, nahm seinen Wischmopp von der Wand, drehte sich noch mal um und lächelte Jack zu. »War nett, mit dir zu plaudern, Jack. Bis zum nächsten Mal.« »Ja, bis zum nächsten Mal«, antwortete Jack. Er wartete, bis der alte Mann auf dem Korridor verschwunden war. Dann eilte er rasch hinterher, schloss die Tür und verbarrikadierte sie nicht mehr mit einem Stuhl, sondern gleich mit einem ganzen Schrank. Wenigstens bis zum Mittag bin ich in Sicherheit, dachte er, während er sich für einen Moment gegen den Schrank lehnte und tief durchatmete. Ja, die wenigen Stunden bis zum Mittagessen würde er wohl überleben. Aber was war mit den dreißig Tagen, die er noch vor sich hatte? Und was, wenn tatsächlich jemand an Silvester auf ihn schießen würde? Was, wenn die Visionen seinen eigenen Tod voraussagten? 99
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 100
11 Entführt
Nikki hupte. »Jenny! Hey! So warte doch!« Es war der dreißigste Dezember. Der letzte Schulmonat des Jahres hatte sich wieder mal furchtbar in die Länge gezogen, weil jeder Lehrer noch unbedingt vor Jahresende irgendwelche Prüfungen reinquetschen musste. Jenny hatte gerade ihr Fahrrad losgebunden und sich in den Sattel geschwungen, als Nikki in seinem roten Mustang-Cabrio neben ihr anhielt. Er drehte das Radio, in dem gerade Lady Gaga lief, etwas leiser. »Heute ist der letzte Schultag, und du hast dich nicht einmal von mir verabschiedet!«, sagte er in übertrieben gekränktem Tonfall. »Du wolltest einfach abhauen, ohne deinem besten Freund Tschüss zu sagen. Also wirklich, Jenny! Ich bin schwer enttäuscht!« Jenny stieg wieder vom Rad und lachte. »Wir seh’n uns doch heute Abend in Bart’s Café. Und morgen Abend bei der Silvesterparty.« »Trotzdem. So geht das nicht, mein Seepferdchen. So geht das nicht. Gute Freunde verabschieden sich an ihrem letzten Schultag voneinander. Das gehört sich so. Du solltest morgen übrigens dasselbe Kleid tragen, das du letztes Silvester getragen hast. Das steht dir ausgezeichnet!« »Du weißt immer noch, was ich vor einem Jahr getragen habe?«, staunte Jenny. »Das weiß ich selbst ja nicht mal mehr!« Nikki sah Jenny wehmütig an. »Oh Mann, was würdest du nur ohne mich machen? Es war das weiße Satinkleid. Sehr schick. Sehr elegant. Es hatte den Schnitt einer Lilie, wenn ich mich recht erinnere. Kombiniert mit dem zarten Hauch einer Schneeflocke.« »Einer Schneeflocke?« In diesem Moment brauste Eric in seinem grauen 52er Chevy, einem alten Cabriolet mit offenem Verdeck, heran. Er trug eine 100
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 101
schwarze Sonnenbrille, kaute extra auffällig auf seinem Kaugummi herum und hatte das Auto voller Mädchen, sowie Eminem auf volle Lautstärke aufgedreht. Er bremste so scharf neben Nikkis Mustang ab, dass das Auto zu hüpfen schien. Die Cabrios der beiden Jungs versperrten nun Seite an Seite die gesamte Straße. »Hey Jenny!«, rief Eric, schob sich die Sonnenbrille hoch und schickte Jenny über Nikkis Wagen einen Kuss entgegen. »Na Süße, willst du morgen Abend auf der Party mit mir tanzen?« Jenny ließ ihn eiskalt abblitzen. »Wenn ich tanze, dann bestimmt nicht mit dir, Eric!« »Verstehe«, grinste Eric mit einem flüchtigen Blick auf Nikki. »Aber falls du mit einem richtigen Mann tanzen willst, dann lass es mich wissen, ja?« »Ach, falls du dein Hirn suchst«, konterte Nikki schnippisch zurück. »Ich glaube, es liegt irgendwo unter dem Rücksitz. Ich kann dir eine Lupe leihen, wenn du willst.« »Sehr witzig«, knirschte der schwarze Bursche und wandte sich wieder Jenny zu. »Also dann, bis zur Party, Zuckerpüppchen! Ich freu mich auf dich!« Er zwinkerte Jenny selbstgefällig zu, dann trat er aufs Gaspedal und fuhr mit dröhnender Musik und heulendem Motor davon. »Idiot«, meinte Jenny und blickte ihm kopfschüttelnd hinterher. »Ist mir unbegreiflich, wie Mädchen auf so was Arrogantes stehen. Von mir aus könnte er morgen Abend zu Hause bleiben.« »Mach dir nichts draus. Ich bin ja auch noch da. Und ich bin sicher, wir werden eine Menge Spaß haben.« »Du hast recht«, nickte Jenny. »Ich sollte mir nicht von ihm die Laune verderben lassen.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich muss los, Nikki. Sonst komm ich zu spät.« »Zu spät wofür? Hast du einen Friseurtermin? Du bist doch erst vor zwei Wochen dort gewesen.« »Woher weißt du denn das nun wieder? Spionierst du mir nach?« »Ich bitte dich, Jenny. So was sieht man doch. Übrigens, sag deinem Friseur, er soll dir ein paar farbige Strähnchen reinmachen.« »Farbige Strähnchen? Ich will keine farbigen Strähnchen.« 101
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 102
»Das würde dir sehr gut stehen, mein Zimtsternchen. Glaub mir, ich bin Experte.« Jenny schmunzelte. »Manchmal bist du mir echt ein Rätsel, Nikki. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich gehe nicht zum Friseur. Du weißt doch, ich helfe beim Verein Rettet die Tiere mit. Ich sollte eigentlich um halb vier dort sein.« »Oh«, meinte Nikki. »Dein täglicher Beitrag, um die Welt zu retten. Hab ich ganz vergessen. Die werden dir hoffentlich nicht böse sein, wenn du eine Minute zu spät kommst, um den Weltuntergang zu verhindern. Oder soll ich vor dir herfahren, damit du in meinem Windschatten radeln kannst? Damit gewinnst du mindestens eine halbe Minute!« Jenny schwang sich amüsiert in den Sattel. »Lass mal. Ich glaube, die können auch noch eine Minute nach halb vier meine Hilfe gebrauchen. Dann also bis heute Abend in Bart’s Café!« »Ja, bis heute Abend!«, sagte Nikki und hob mahnend den Zeigefinger und seine Augenbrauen. »Und keine rote Ampel überfahren, Kindchen! Und wenn’s geht, auch keine Koalabären, die die Straße überqueren!« »Koalabären leben in Australien, Nikki.« »Ein Grund mehr, keinen zu überfahren, wenn einer vorbeikommt!« »Ich geb mir Mühe!«, lachte Jenny. »Bis dann!« Sie trat kräftig in die Pedale und fuhr los. Nikki ist einfach unverbesserlich, dachte sie und schmunzelte in sich hinein, während sie in eine Querstraße einbog. Ein Lied vor sich hinsummend, radelte Jenny durch die Straßen. Es war ein schwüler Tag. In Green Valley gab es keinen Winter. Das ganze Jahr hindurch schwankten die Temperaturen tagsüber zwischen zwanzig und fünfunddreißig Grad und nachts zwischen zehn und fünfzehn. Jenny erreichte zwei Minuten nach halb vier das Gebäude, in dem sich das Büro der Tierhilfsorganisation Rettet die Tiere befand. Sie sprang vom Rad, kettete ihren Stahlesel an einen Laternenpfosten und eilte die Treppe in den ersten Stock hoch. Schon über ein Jahr lang engagierte sie sich hier als freiwillige Hel102
Die Entführung
26.07.2011
9:28 Uhr
Seite 103
ferin für vom Aussterben bedrohte Tierarten, tätigte Telefonanrufe, verpackte und verschickte Werbematerial. Außerdem half sie mit beim Organisieren von Spendenaktionen, Aufklärungskampagnen und diversen Veranstaltungen. Die Arbeit machte ihr großen Spaß, auch wenn sie keinen Cent dabei verdiente. Aber sie tat es ja auch nicht des Geldes wegen, sondern aus Überzeugung, und es war einfach ein gutes Gefühl, etwas für die gefährdeten Tiere dieses Planeten tun zu können. Wenn jeder etwas mehr auf die Nöte anderer schauen würde, anstatt immer nur auf seinen eigenen Vorteil aus zu sein, sähe die Welt anders aus, davon war Jenny überzeugt. Gegen 17.30 Uhr verließ sie das Büro. Sie trug immer noch ihre Schuluniform: den dunkelblauen Faltenrock, weiße Turnschuhe, weiße Laufstrümpfe und eine weiße, kurzärmlige Bluse mit dunkelblauer Krawatte. Es dämmerte bereits, als sie das Gebäude verließ, aber es war immer noch angenehm warm. Unbeschwert begab sich Jenny zu ihrem Fahrrad und bückte sich, um die Kette zu lösen, als sie plötzlich dicht hinter sich die quietschenden Reifen eines Autos hörte. Sie drehte sich um und sah einen schwarzen Van, der unmittelbar neben ihr zum Stehen kam. Die Schiebetür wurde aufgerissen, und zwei dunkel gekleidete Männer mit Micky-Maus-Masken sprangen heraus. Jenny erstarrte. Im Bruchteil einer Sekunde war ihr klar, was hier gerade vor sich ging, doch ihr Körper war wie blockiert, und es ging alles so schnell, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatte. Die Männer packten sie, zerrten sie zum Wagen, und bevor Jenny auch nur einen einzigen Laut von sich geben konnte, presste ihr einer der beiden ein Tuch vor den Mund. Jenny spürte, wie sie die Besinnung verlor. Sie hörte nur noch, wie die Schiebetür hinter ihr zufiel und der Fahrer Gas gab. Dann wurde ihr schwarz vor den Augen. Als Jenny wieder zu sich kam, hatte sie für ein paar Sekunden einen kompletten Filmriss. Wo bin ich? Was ist geschehen? Sie versuchte, sich zu bewegen, merkte aber gleich, dass das nur beschränkt möglich war. Sie saß auf einem Holzboden und lehnte 103