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395327000/1 – 7273 – Held_Weißes Gold für weiße Gauchos typoscript [AK] – 26.07.2011 – Seite 3– 3. Korrektur

Fritz Held

Weißes Gold für weiße Gauchos Abenteuer Auswandern


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Inhalt Einführung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Was ist Heimat?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2. Das Lied der Heimat.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 3. Immer muss geschieden sein … .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 4. Meine Auswanderung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 5. Die einzelnen Schicksale.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 6. Wer waren sie, die gingen?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 7. Erzähl doch mal!.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 8. So fingen sie alle an.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Nachwort.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Quellennachweis.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Anmerkungen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141


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Weitere Nachbarn, eine ostpreußische Adelsfamilie

Nach unserem Einzug suchte ich unter anderem auch nach einem der früher üblichen Pferdewagen, die mit dem Einzug der Traktoren nicht mehr genutzt wurden. Nach einigem Herumfragen erfuhr ich, dass ein solcher Wagen noch bei Don Gustavo im Hof stehe und sicher zu kaufen sei. Ich ließ mir den Weg beschreiben, aber nur mit großen Schwierigkeiten fand ich den von Dornengestrüpp zugewachsenen Eingang auf sein Land. Dort grasten ein paar Milchkühe, eine Hühnerschar gackerte im Hof und ein kleiner Hund kam laut kläffend auf mich zugerannt. Dann kam Gustav aus seinem Häuschen, das aus nur zwei Zimmern mit Blechdach bestand. Bald neunzig Jahre alt, ein kleines, mageres Männchen, unrasiert, mit zusammengeflickter Hose und einem mit Stoffflicken vernähtem Hemd. Er begrüßte mich freudig als Landsmann in unverfälschtem ostpreußischen Dialekt und führte mich auch gleich zu dem Wagen, der so viele Jahre unbenützt bei Wind und Wetter im Freien ge­standen hatte. Die Holzteile waren vermodert, sie mussten ersetzt werden. Doch die sehr stabilen Eisenteile von Unterbau und Achsen konnten noch gut verwendet werden. So beschloss ich den Kauf und bat um den Preis. Gustav überlegte nur kurz, dann kam sein 90


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Angebot: »1 000 Pesos!« Das waren um die 20 DM. Ich wehrte mit der Bemerkung ab, dass dies zu wenig wäre. Ich würde das Doppelte bezahlen. Da blickte er mich böse an und stieß hervor: »Den Preis bestimme ich!« Dagegen war nichts zu machen. Der Wagen wurde gekauft, als wir ihn abschleppten brach er bereits nach fünfzig Metern zusammen. Aber damit begann eine Freundschaft, die bis zu seinem Tode 1996 dauern sollte. Wenn meine Frau Marianne einen Kuchen gebacken hatte, brachte ich gerne ein Stück zu Don Gustavo. Auch gebrauchte Kleidung und Wäsche, Schuhe und deutsche Messer fanden ihren dankbaren Abnehmer. Wenn ich kam, musste ich mich unbedingt immer setzen, denn dann begann er zu erzählen. So erfuhr ich nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern auch, dass es ihn sehr beschwere und ärgere, dass ein begüteter Nachbar im Verbund mit einem Notar bereits im Startloch säße, nur auf seinen baldigen Tod wartend. Dann wollten sie sich die Mühe seines langen Lebens unter den Nagel reißen. Da weder eine Familie noch sonstige Erben vorhanden waren, schien dies für die Spekulanten eine klare Sache. So fasste ich den Entschluss, diesen Geiern das Futter zu versalzen. Als ich Gustav den Vorschlag machte, das Land auf Rentenbasis an mich zu überschreiben, ging ein Strahlen über sein Gesicht. Wie war er erleichtert! Mein Angebot, jetzt zu uns zu ziehen und mit uns zu leben, lehnte er jedoch dankend ab. Er wollte in seinem Haus bleiben. Aber weiterhin allein ging auch nicht mehr. So suchte ich eine junge Familie, die dort wohnen und ihn betreuen sollte. Dazu wurde es nötig, das Häuschen zu vergrößern und für Gustav ein Wohn- und Schlafzimmer mit Toilette zu bauen. Ebenso sollte ein Anschluss an das 800 Meter entfernte elek- Gustavo 91


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trische Netz gelegt werden. Wir ließen Lebensmittel für Gustav einkaufen, er bekam einen Kühlschrank, Arzt- und Arzneikosten, Brillen und Hörgeräte wurden bezahlt. Gustav war gut versorgt. Da er, wie fast alle Einwanderer, nie einer Renten- oder Krankenkasse angehört hatte, war Gustav jetzt nicht mehr dazu verdammt, das bittere Los all derer zu teilen, die im Alter ohne jede Versorgung und Absicherung nur noch auf ihr Ende warteten. Natürlich hatten Viele für das Alter mehr oder weniger angespart! Aber dann kamen die Inflationen und vernichteten diese Spareinlagen. Einmal erzählte mir Gustav begeistert von dem guten Limburger Käse aus seiner Jugendzeit, der ihm immer so gut geschmeckt habe. Da brachte ich ihm zu seiner großen Freude von meinem nächsten Deutschlandurlaub eine Stange mit. Aber nur einmal. Trotz bester Verpackung roch man im Flugzeug die Anwesenheit des Käses, sodass sich die Leute nach mir umdrehten. Im Sommer 1996 verschlechterte sich Gustavs Gesundheitszu­ stand dermaßen, dass wir ihn in die Pflegeabteilung des Altenheimes bringen mussten. Es war gerade um die Zeit, als eine fünfzig Per­ sonen starke Reisegruppe aus Deutschland zur Einweihung unserer Sied­lung Ulm angereist war. Sie waren gerne bereit, einen Besuch bei Gustav zu machen. Ich hatte ihn vorher informiert und mitgeteilt, dass viele deutsche Landsleute zu Besuch in Charata seien, die ihm einen Gruß aus der Heimat bringen und ihn kennenlernen möchten. Sie standen Schlange und der sterbende Gustav in seiner armseligen Bettstatt war überwältigt und musste weinen. Es war ein letzter Liebesdienst, den man einem Heimatlosen erweisen konnte. Gustav starb wenige Tage danach; wir haben ihn zusammen beerdigt. Der zugewiesene Platz war hinten in der Ecke des Friedhofs, wo die armen Leute liegen. Wo stacheliges Unkraut und bunte Wildblumen ineinanderwuchern und gnädig ihren Mantel über alle ausbreiten, ohne einen Unterschied zwischen reich und arm zu kennen.

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Und nochmals Ostpreußen Es war in den Siebzigerjahren in einem Familienhotel an der Atlantikküste, als mich meine Schwester, die Besitzerin, informierte, dass die Ehefrau eines Gastes krank im Bette liege und sich bestimmt freuen würde, wenn der Pastor einen Besuch bei ihr machen könnte. Gesagt, getan! Im Bett lag eine immer noch adrette Dame Mitte 50. Und sofort begann auch sie zu erzählen. Sie war die Tochter eines jüdischen Gutsbesitzers, der früher eine hohe Regierungsstelle in Ostpreußen bekleidet hatte. Im Wohlstand aufgewachsen, bekam sie die beste Schulbildung im Internat in Königsberg. Ins Mädchenalter gekommen, verliebte sie sich in einen jungen Soldaten der deutschen Wehrmacht. Sie erzählte mit wehmütigem Blick, wie sie oft am Ufer des Pregels gesessen und von der Zukunft geträumt hätten. Aber dann kam ein brutales, trauriges Ende. Es erging ihnen wie den zwei Königskindern im Volkslied: »Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief«. Es war nicht das Wasser des Pregels, sondern die Kluft des Rassenwahns der Nationalsozialisten, die so viel Unheil auch über ihre Welt gebracht hatten. Ihre Familie konnte noch in letzter Stunde emigrieren und landete in Argentinien. Ihre Liebe zu Ostpreußen, der verlorenen Heimat, war aus allem, was sie mir erzählte, abzuspüren. Als sie dann noch anfing, über die schönen Lieder zu schwärmen, die sie so oft in der Jugendbewegung gesungen hätten, holte ich schnell mein Akkordeon, und wir sangen zusammen: »Kein schöner Land in dieser Zeit«, »Als ich gestern einsam ging«, »Wenn ich ein Vöglein wär«, aber auch die Stammlieder aus dem Osten: »Ännchen von Tharau«, »Es dunkelt schon in der Heide« und das Lied der Masuren »Zogen einst fünf wilde Schwäne«. Ach war das schön! Als ich das Zimmer verließ, hatten wir beide ein Stück Heimat erlebt. Diese Frau hatte in Buenos Aires Jakob, einen ebenfalls emi­ grierten deutschen Juden aus einem Dorf in der Frankfurter Gegend, geheiratet. Auch er erzählte immer wieder von früher, wie er im 93


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dortigen Gesangverein begeistert mitgesungen hatte, wie ihm die Frau Pastor einmal eine Ohrfeige verpasst hatte, weil er als Jude in der Kirche nichts zu suchen hätte … Einmal hatte Jakob später noch eine Erinnerungsreise nach Deutschland gemacht, aber es war ihm wie dem Sänger in dem Lied (das er mir dann vorsang) ergangen: Nach der Heimat kam ich wieder, alles hab ich mir besehn. Als ein Fremder auf und nieder mußt ich in den Straßen gehen. Die alten Straßen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr18 Ich beschaffte ihm dieses Lied und seine Frau teilte mir später mit, dass die Kassette den ganzen Tag im Gerät liefe und bald zu glühen anfangen würde.

»Pommerland ist abgebrannt …« »… Maikäfer, flieg«, so sangen wir als Kinder, ohne zu wissen, wo diese ehemals preußische Ostseeprovinz lag. Wohl war aus dem Heimatlied »Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn« he­rauszuhören, dass es dort hellen Meeresstrand und düstre Wald­ reviere gab, in denen ungesehene Geister das Band von Liebe zur Heimat woben. Das klappte wohl gut, denn das heimliche Sehnen ins Pommernland, auch aus der Ferne, verlöschte nie. Karl Witthaus aus Pommern war davon allerdings nichts anzumerken. Er war nicht nur sehr schweigsam, sondern ebenso zurückhaltend, was Gefühle anging. Der flüchtige Beobachter könnte ihn sehr leicht für stur gehalten haben. Wer ihn aber näher kannte, der wusste, dass er das nicht war. 94


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Hochgewachsen, schon grau um die Schläfen, mit zielsicherem Gang, aber ungeheuer wachen Augen – so lernte ich ihn kennen als ich in den Jahren 1953 bis 1958 in Buenos Aires Theologie studierte. Er war unser Professor für Deutsch und Geschichte der Philo­ sophie. Karl Witthaus wurde, wenn ich mich recht erinnere, 1892 in Pommern als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Er studierte in Berlin Germanistik und Philosophie. Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier der Infanterie. Nach Kriegsende heiratete er. Seine Frau war Professorin für Mathematik; in den unsicheren Zwanzigerjahren wanderten sie nach Argentinien aus. Dort verdingte sich der pommersche Gutsbesitzersohn als Mayor­ domo (Gutsverwalter) auf einer großen Estancia in der Provinz Santa Fe. Vier Söhne wurden dem Ehepaar geboren; bei der Geburt des fünften Kindes verblutete die Frau, weil kein Arzt zur Stelle war. Auch das Kind starb. Karl Witthaus hatte sehr an seiner Frau gehangen, er heiratete nicht mehr. So zog er die vier Buben allein auf. Er wechselte als Lehrer in Internatsschulen der deutschen Gemeinschaft, sparte sich dabei jeden Centavo vom Munde ab, um jedem seiner Buben eine akademische Ausbildung zu ermöglichen. Dies gelang ihm, sodass die begabten Söhne später in sehr hohe Regierungsstellen (Provinzgouverneure) kamen. Ich selbst lernte Karl Witthaus als Student 1953 kennen. Der Lutherische Weltbund hatte damals die Notwendigkeit erkannt, eine Ausbildungsstätte für evangelische Theologen im spanischen Sprachraum Südamerikas zu schaffen. Man hatte das große Glück, einen Mann wie Karl Witthaus zu finden. Er verkörperte den klassischen Vertreter des Humanismus und der europäischen Geisteskultur. Zugleich war er aber auch ein hervorragender Kenner der südländischen Laisser-faire-Mentalität, aus deren Reihen die heimische Studentenschaft gewachsen war. 95


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