Randy Singer
DER
IMAM Thriller
durch den Hals, was das Baby umbrachte und seinen Hals an den Arm seines Vaters heftete.« Hassan schnappte nach Luft. Ein getötetes Baby! Und nicht durch Juden oder Ungläubige! Durch andere muslimische Krieger! »Sie verlangten, dass Imam Hussein sich ergab, doch das tat er nicht. ›Der Tod ist besser als die Schande, und ich bin bereit, für die Verteidigung des Islams und der Muslime zu sterben‹, sagte er. Und dann begann die Schlacht.« Hassan hörte atemlos zu, als seine Mutter den Kampf beschrieb – wie der Imam auf sein schwarzes Ross stieg und ein Schwert schwang und damit Dutzende von Yazids Soldaten fällte. Doch am Ende wurde der tapfere Mann von seinen Feinden überwältigt. »Die Bösewichte schlugen ihm den Kopf ab und ließen seinen Leichnam drei Tage ohne Begräbnis verrotten«, berichtete Hassans Mutter mit großer Traurigkeit. Hassan war niedergeschlagen. Die Guten verloren selten in den Geschichten seiner Mutter. Und wenn, dann war es niemals so. Umgebracht. Verrotten gelassen. Sein Baby tot in seinen Armen. Hassan sah seinen älteren Bruder an und suchte nach einer Reaktion. Wie immer war die Miene seines Bruders wie versteinert. Genau wie an dem Tag, als Hassans Mutter ihnen Sure 99 beigebracht hatte, wo es um das Erdbeben und den Tag des Jüngsten Gerichts ging. Hassan hatte vor Angst gezittert, als sie die quälenden Flammen der Hölle beschrieb. »Wenn eure schlechten Taten eure guten Taten überwiegen, kommt ihr in die Hölle«, hatte Hassans Mutter erklärt. Und Hassan hatte sofort gewusst, dass die Hölle sein Schicksal war. Sein Gewissen hatte ihn tagelang gequält, und Albträume hatten seinen Schlaf heimgesucht. Doch sein Bruder hatte unbeeindruckt gewirkt. Was wusste er, das Hassan nicht wusste? Die Stimme seiner Mutter holte ihn in die Geschichte zurück. »Aber es war nicht wichtig, was Yazids Männer Imam Husseins Leichnam antaten, denn er war nicht mehr da«, erklärte Hassans Mutter, und in ihrem Tonfall lag die Begeisterung eines großen Geheimnisses, das sie ihnen jetzt erzählen würde. »Er saß am Ufer eines klaren Flusses, umgeben von vielen Frauen, die ihn fütterten und für ihn sorgten.« 37
Hassan erkannte die Beschreibung sofort. Das war Dschanna! Das Paradies! Seine Mutter klappte den Koran zu und schaute feierlich von Hassan zu seinem Bruder. »Wir nennen Imam Hussein ›Sayyid al-Shuhada‹ – den Herrn der Märtyrer. Wer als Märtyrer stirbt – als Schahid –, spürt den Tod nicht. Es ist eher wie der unbedeutende Schmerz eines Mückenstichs. Er wacht im Dschanna auf, und Allah lächelt ihn an und setzt ihm die Krone der Tugendhaftigkeit auf.« Hassans Mutter hielt jetzt zwei Finger und den Daumen zusammen und öffnete sie ein kleines bisschen, als ließe sie ein winziges, wertvolles Ding los. »Egal, was er in diesem Leben falsch gemacht hat, wird ihm mit dem ersten Tropfen Blut vergeben, das er vergießt. Mit dem zweiten Tropfen kann er siebzig Familienmitglieder freikaufen, die sonst in die Hölle gekommen wären. Als Märtyrer zu sterben, bedeutet, niemals zu sterben.« í í í
Gegenwart Washington, D. C. Hassan erhielt die Kurznachricht am Mittwochabend. Die junge Frau eines bedeutenden Leiters einer Moschee in Norfolk war vom Glauben abgefallen. Sie war in Begleitung eines verheirateten amerikanischen Mannes gesehen worden, eines gläubigen Christen. Sie machte nicht nur ihre Ehe zum Gespött, sondern, was noch wichtiger war: Allah. Die Moschee in Norfolk, der sie angehörte, war ursprünglich als Teil der Strategischen Stadtinitiative der Islamischen Bruderschaft gegründet worden, dem Vorhaben, berühmte Moscheen in allen wichtigen Städten Amerikas zu errichten. Norfolk stand wegen seiner strategischen Militärstützpunkte sowie seiner Nähe zu Washington, D. C., auf der Liste. Die Moschee war eine der wenigen islamischen Erfolgsgeschichten im Süden der USA und übertraf alle Wachstumsprognosen. Ihr Imam, Khalid Mobassar, war ein sehr angesehener charismatischer Leiter, auch wenn er reformistische Ideen forcierte, die dem Glauben manchmal ab38
dem Taschenrechner auf ihrem Schreibtisch aus. »Sagen wir einfach, die Geschworenen drehen völlig durch und geben uns zwei Millionen ... geteilt durch drei ... Oh, nicht gut. 666 666 Dollar. Hm. Zu viele Sechser.« Auch wenn Alex nicht abergläubisch war, hatte es keinen Sinn, mit der Zahl des Tieres herumzuspielen. Er tippte noch ein paar Zahlen ein. »Das ist besser. Wenn wir 35 Prozent machen, können wir 700 000 in Rechnung stellen. Und Sieben ist die heilige Zahl.« Shannon seufzte laut und theatralisch, dann hörte sie auf zu tippen und sah Alex an. Sie war süß, wenn sie versuchte, sich über eine Störung verärgert zu geben. »Drei Minuten«, sagte sie. Alex brauchte zehn, um ihr von dem Fall zu erzählen. Er gab wieder, wie Ghaniyah Mobassar nichtsahnend mit dem Auto unterwegs gewesen war, als ein Sattelschlepper sie mehr oder weniger von der North Landing Road gegen einen Baum gedrängt hatte. »Wir können gegen unbekannt klagen und wahrscheinlich hunderttausend herausholen«, sagte Alex. »Damit lägen wir bei 33 000. Aber wenn wir den Lastwagenfahrer finden, ist er wahrscheinlich für ein paar Millionen versichert.« »Hast du einen Unfallbericht?«, fragte Shannon. »Noch nicht. Den bekomme ich heute Nachmittag.« »Ist die Schädigung des Gehirns auf dem MRT oder CT zu sehen?« Wie schaffte es Shannon nur immer wieder, direkt den schwachen Punkt zu treffen? »Nein. Aber es besteht kein Zweifel, dass sie einen Verlust des Kurzzeitgedächtnisses erlitten hat. Die Beifahrerseite des Autos ist ziemlich zerstört. Sie hat den Baum beinahe frontal getroffen.« Shannon blieb sichtlich skeptisch, doch sie schielte inzwischen nicht mehr zwischendurch auf ihren Schriftsatz. »Wie kommt es, dass wir den Anruf bekommen haben?« »Anscheinend hat Mr Mobassar meine Pressekonferenz nach Aischa Hajjars Fall gesehen«, antwortete Alex. Shannons Gesichtsausdruck ging von Skepsis zu milder Überraschung über. »Das ist cool«, sagte sie. Und dann, nur um sicherzugehen, dass Alex sich nicht zu viel darauf einbildete, fügte sie hinzu: »Und es ist ihm egal, dass sein zukünftiger neuer Anwalt diesen Fall verloren hat?« 49
Alex streckte die Hand aus und klebte ihr die Zettel auf den Schreibtisch. »Nicht, wenn er das wahre Genie hinter der ganzen Sache kennenlernt. Kannst du dich um drei mit uns treffen?« »Heute?« »Es könnte ein Superfall werden«, sagte Alex, jetzt in verändertem Ton. Er würde auch betteln, wenn es sein musste. Vielleicht ein bisschen quengeln, wenn es nötig war. Alex war gut darin, die Arbeit an Land zu ziehen, doch Shannon war diejenige, die wusste, wie sie erledigt wurde. Sie seufzte und schaute stirnrunzelnd in Outlook. Alex hatte den Verdacht, sie versuchte nur, ihn ein wenig zu foltern. »Vielleicht schaffe ich es noch, es einzuschieben. Wann sind wir wieder hier?« »Spätestens um fünf«, versprach Alex. »Es klingt ziemlich unkompliziert.« »Ja, klar.«
14 Alex wurde bei einem Nachmittagstermin aufgehalten und rief Shannon an, um ihr zu sagen, dass er sich verspäten würde. Sie war natürlich schon dort. »Kein Problem«, sagte sie mit fröhlicher Stimme. Doch Alex und Shannon arbeiteten lange genug zusammen, dass er einen Hauch Eis in ihrer Stimme heraushören konnte. Er fuhr eine Viertelstunde zu spät in die Auffahrt, parkte ein paar andere Autos zu und schnappte sich sein Jackett vom Beifahrersitz. Die Mobassars wohnten in einem bescheidenen Doppelhaus ein paar Häuserblocks vom Shore Drive entfernt, einem von mehreren identisch aussehenden Doppelhäusern, die in Reih und Glied zusammengequetscht wie Soldaten die Straßen säumten. Autos drängten sich auf jedem freien Quadratzentimeter Bordstein und Auffahrt. Die Häuser sahen aus, als wären sie in den Achtzigern gebaut worden, mit Ziegelfassaden, wild wuchernden Büschen und ein paar kleinen schattenspendenden Bäumen in den Vorgärten. 50
Offen gesagt hatte Alex beim Imam einer Moschee, deren Bau dreizehn Millionen gekostet hatte, ein kunstvolleres Haus erwartet. Shannon kam mit Khalid an die Tür, und Ghaniyah stand direkt hinter ihnen. Alex schüttelte seinen neuen Mandanten die Hand und spürte, wie Shannon ihm diskret auf die Zehen stieg. Mit einem Blick nach unten bemerkte er ihre nackten Füße und die Schuhständer neben der Tür. Nach der Vorstellung streifte er seine Slipper ab und stellte sie auf einen der Ständer. Vielleicht hätte ich mir Socken anziehen sollen. »Khalid war gerade dabei, mir sein Arbeitszimmer zu zeigen«, sagte Shannon. »Ghaniyah macht uns eine Kleinigkeit zu essen.« Obwohl er nicht der Typ für Small Talk war, folgte Alex Khalid und Shannon pflichtbewusst zurück in Khalids Büro. Es überraschte ihn ein bisschen, dass Khalid sich in Shannons Nähe wohlzufühlen schien, angesichts dessen, was Alex über die Art zu wissen meinte, wie Muslime Frauen behandelten. Das Arbeitszimmer war an einer Wand mit Eichenholz vertäfelt; raumhohe Bücherregale bedeckten die anderen Wände. Der Raum war überfüllt, aber die Bücherregale waren sorgfältig geordnet. Arabische Kunstgegenstände standen zwischen den gebundenen Büchern. Auf dem obersten Regal stand ein einsames Buch. »Der Koran«, sagte Shannon, die Alex’ Blick gefolgt war. »Sie bewahren ihn als Zeichen des Respekts dort oben auf.« Alex dachte an die verschiedenen Orte, wo er normalerweise seine Bibel in der Wohnung herumliegen ließ. Im Moment lag sie vermutlich auf dem Boden neben seinem Bett. »Ich hatte Mr Mobassar gerade nach diesem Regal gefragt«, sagte Shannon und deutete auf ein Fach in Augenhöhe, das neben anderen Büchern eine englische Ausgabe des Korans enthielt. Alle Bücher in dem Regal sahen alt aus, besaßen weiche Ledereinbände und goldene Stickereien auf den Buchrücken. »Das sind alles Versionen des Korans«, erklärte Khalid. »Aber sie sind nicht auf Arabisch; deshalb werden sie lediglich als Kommentare des Textes betrachtet und nicht als der heilige Text selbst.« Er sah von Alex zu Shannon und glitt kurz in den Dozentenmodus hinüber. »Wir glau51
ben, dass der Koran dem Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm, direkt auf Arabisch vom Engel Gabriel diktiert wurde. Aus diesem Grund glauben Muslime, dass die Sprache des Himmels Arabisch ist und unser heiliger Text nur in dieser Sprache gelesen werden sollte.« Alex nickte. »Was sind die anderen Sprachen?«, fragte Shannon. Khalid ging zu dem Regal und legte den Finger nacheinander an die einzelnen Buchrücken. »Französisch. Englisch. Türkisch. Deutsch. Spanisch. Mandarin. Russisch.« »Und Sie sprechen all diese Sprachen?«, fragte Shannon. Khalid wurde ein bisschen rot. »Ja, aber das ist nicht so beeindruckend. Die meisten Libanesen wachsen mit Arabisch, Französisch und Englisch auf. Viele europäische Sprachen haben denselben Ursprung.« Er unterbrach sich kurz. »Mandarin war schwer. Aber nicht so schwer wie unsere Muttersprache. Manche sagen, Arabisch sei die Sprache des Himmels, weil es eine Ewigkeit dauert, sie zu lernen.« »Ihr Englisch ist hervorragend«, sagte Shannon. »Wie ich schon sagte, ich spreche Englisch schon seit meiner Jugend.« Alex wusste, was Shannon da tat, und er studierte die Regale noch etwas eingehender. Die Einschätzung der Mandanten war der Schlüssel zur Entscheidung, ob man einen Fall übernahm oder nicht. Man konnte viel über eine Person lernen, wenn man etwas Zeit mit ihren Lieblingsbüchern verbrachte. Und Alex erschien Khalids Auswahl an Büchern überraschend für einen muslimischen Geistlichen. »Sie scheinen ein Fan von Thomas Jefferson und Martin Luther zu sein«, sagte er. »In gewisser Weise bin ich ein Jünger von beiden«, antwortete Khalid. »Sie glaubten an den einfachen Menschen. Sie waren Reformer, genau wie ich. Jeffersons Gedanken über Gleichheit und die Tugend des einfachen Mannes würden ihn in meinem Volk populär machen. Aber Luther ... eher weniger.« »Warum das?«, fragte Shannon. »Mein Heimatland war immer das größte Labor der Welt für Demokratie«, begann Khalid, dann unterbrach er sich. »Sind Sie sicher, dass Sie 52
das alles hören wollen? Manche Leute langweilen meine Vorträge über Staatsbürgerkunde.« »Absolut«, antwortete Shannon mit ihrem Turnerinnen-Enthusiasmus. »Natürlich«, sagte Alex, auch wenn er sich langsam Sorgen machte, ob sie Ghaniyah gegenüber unhöflich waren. »Die meisten Amerikaner wären überrascht, wenn sie erführen, dass die Mehrheit der Muslime – inklusive denen im Nahen Osten – glauben, dass die beste Regierungsform für ihr Land die Demokratie ist, und nicht die Theokratie«, sagte Khalid. »Eine Studie des Pew-Global-AttitudesProjekts stellte das in muslimischen Ländern wie Pakistan, Kuwait, Indonesien und natürlich im Libanon fest. In meinem Land gibt es viele verschiedene religiöse Sekten und Nationalitäten. Wir sind der Schmelztiegel des Nahen Ostens. Doch die große Teilung besteht zwischen Christen und Muslimen. Per Gesetz besteht unser Parlament zu je fünfzig Prozent aus Christen und Muslimen. Unser Präsident muss maronitischer Christ sein, der Premierminister ein sunnitischer Muslim und der Sprecher des Parlaments ein schiitischer Muslim. Das klingt in der Theorie zwar nett, aber es wird der wachsenden Zahl der Schiiten nicht gerecht. Ich sähe gern mehr von der ›Ein-Mensch-eine-Stimme‹-Demokratie, für die sich Thomas Jefferson in diesem Land engagiert hat.« Alex dachte einen Augenblick darüber nach. »Aber würde das nicht ein zerbrechliches politisches Bündnis zerstören?« »Das ist natürlich das Argument. Aber jedes Land mit ethnischen oder religiösen Minderheiten hat mit eben diesem Problem zu kämpfen. Die Stärksten lösen es, indem sie Minderheiten durch ein Rechtssystem schützen, nicht durch eine Quotenregelung in der Volksvertretung.« »Ergibt Sinn«, sagte Shannon, auch wenn sich Alex da nicht so sicher war. Die Libanesen hatten die hässliche Angewohnheit, sich für politische Vorteile gegenseitig umzubringen. Manche Länder waren nicht bereit für eine Repräsentativdemokratie. »Wie passt Martin Luther hier herein?«, fragte Alex. Khalids Tonfall wurde ehrfürchtig. »Ich identifiziere mich mit Luther mehr als mit jeder anderen Person der Geschichte. Reformer leben unruhig. Sie werden von denen, die sie lieben, ausgegrenzt. Ihre Ideen erschrecken die Machthaber.« 53