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P H I L C AL L A WAY

Mal ganz ehrlich Zumindest fĂźr ein Jahr


Inhalt Vorgeschichte / Die Herausforderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1 Startblock . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 2 Die vergessene Kunst der Konfrontation . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 3 Wie man die Wahrheit sagt, ohne obdachlos zu werden . . . . 43 4 Wenn man solche Freunde hat … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5 Ein elender Sünder wie ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 6 Auf der Suche nach einem Zeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 7 Engel zu Weihnachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 8 Jagen nach Geld, Jagen nach Gnade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 9 Tauwetter draußen und drinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 10 Verurteilt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 11 Auf und davon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 12 Schlaflosigkeit, Mormonen und noch mehr Engel . . . . . . . 204 13 Sicher zu Hause . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Epilog / Das Leben nach dem Wahrheitsexperiment . . . . . . . . 235 Fragen zum Gespräch / Übers Ehrlich-Sein reden . . . . . . . . . . 239 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259

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Eine Lüge ist dem Herrn ein Gräuel und eine große Hilfe in Zeiten der Not. - Adlai Stevenson2 1. Tag. Alles läuft ausgezeichnet. Noch ist keine Halbwahrheit meinen Lippen entwichen, noch habe ich mich nicht haarscharf an Lügen vorbeilaviert oder bin faule Kompromisse eingegangen. Meine Gedanken über Sex habe ich im Zaum gehalten; meinen Neid gezügelt. Ich habe weder gestohlen noch einem einzigen zornigen Gedanken nachgegeben. Ich spüre, wie mein Hund an meinem Gesicht schnüffelt. Anscheinend ist es Zeit, die Augen aufzumachen und aufzustehen. 2. Tag. Sommer-Zeit. Frühstück-auf-der-Veranda-Zeit. Meine Frau Ramona überschüttet mich mit Liebe und richtet mir ein Erdnussbuttervollkornbrötchen. Dann wartet sie geduldig, bis ich aufgehört habe zu kauen, bevor sie mich freundlich bittet, den Rasen zu mähen. »Kein Problem«, sage ich – und ertappe mich bei meiner ersten Lüge. Ich korrigiere meine vorherige Aussage. »Es tut mir leid. Es ist ein Problem, aber ich mache es trotzdem.« Sie grinst und verdreht die Augen. »Das könnte ein langes Jahr werden, oder?« Beim Rasenmähen kann man nicht lügen. Aber man kann mehrere andere Gebote brechen, während man den Rasenmäher vor sich herschiebt. Zum Beispiel das mit dem Begehren. Der Rasen meines Nachbarn Neil ist die reinste Touristenattraktion, wie einem Disneyfilm entsprungen. Sein Hof ist von einer perfekt ge14

rundeten Hecke eingerahmt und die diagonalen Linien in seinem Rasen sind wie mit dem Lineal gezogen, wie im Fußballstadion. Wie macht er das nur? Mit GPS? Rasenmähen ist auch ein Rezept für Ärger, und nicht nur Ärger über mich selbst dafür, dass ich den blöden Gartenschlauch nicht weggeräumt habe, bevor er unter den Mäher geraten konnte. Aus irgendeinem Grund bringen monotone Tätigkeiten das Schlechteste in mir zum Vorschein. Während meine Gedanken auf Autopilot sind, steuern sie selten auf die »Alles-was-Dinge« aus Philipper 4,8 zu – »Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt«. Stattdessen denke ich an Menschen, die mir damals in der Grundschule Unrecht getan haben, oder an einen hässlichen Brief, der letzte Woche kam. Ich denke darüber nach, wie ich an meinen Feinden Rache nehmen kann. Zum Beispiel, indem ich Unkrautvernichter auf ihren Rasen kippe. Oder indem ich ihren Ruf ruiniere, indem ich anonyme Flugblätter aus einem Leichtflugzeug abwerfe. Manche Leute haben Fantasie-Freunde. Wenn ich den Rasen mähe, habe ich Fantasie-Feinde. Ich entwerfe Gespräche, in denen ich brillante Antworten auf ihre Anklagen gebe. Mein Garten ist der Ort, wo ich mich häufiger als sonst irgendwo frage: Bin ich überhaupt Christ? Was ich brauche, ist Ablenkung, und tatsächlich … Zwei Männer kommen auf dem Weg auf mich zu, in Anzug und Krawatte. Es ist Samstag, verflixt nochmal! Ich schalte meinen Rasenmäher aus. Die Besucher haben Namensschilder, stellen sich vor und bieten mir ihre Schriften an. So sehr ich es auch versuche, ich kann dem nicht widerstehen, was da in mir hochbrodelt. Ich strecke meine Hände aus – nicht um das Buch zu nehmen, das sie mir anbieten, sondern um Gebärdensprache vorzutäuschen. Ich

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deute auf meine Ohren und schüttele den Kopf und forme mit den Lippen das Wort »taub«. »Ich glaube, er ist taub«, sagt der Schlauere der beiden. Sie lächeln, runzeln die Stirn und ziehen von dannen. Ich glaube, sie wissen, dass ich hören kann. (Die Kopfhörer von meinem MP3-Player könnten der entscheidende Hinweis gewesen sein.) Ich wette, sie reden darüber, was für ein totaler Heide ich bin. Ein Kerl, der ein so knallharter Lügner ist, dass er nicht mal Worte dafür braucht. Ein Kerl, der ein so hoffnungsloser Fall ist, dass sie mir den Beitritt zu ihrer Kirche verweigern würden, selbst wenn ich einen Mitgliedsantrag ausfüllen und eine Beichte ablegen würde und Referenzen hätte. Wie soll ich es bloß schaffen, auch nur einen Tag ohne Lügen durchzuhalten? Ich habe bereits gelogen, und es ist erst Samstag. Zumindest ist alles, was ich bisher geschrieben habe, wahr. Alles außer dem Teil über die Mormonen. Es stimmt zwar, dass ich an einem Sonnabend meinen Rasen mähte und dabei schreckliche Dinge dachte. Doch ich habe mich nicht taub gestellt. Das war ausgedacht. Obwohl das bestimmt witzig gewesen wäre. Was für eine Tragödie, dass die Wahrheit einer so großartigen Geschichte im Weg steht. Ist es zu spät, noch mal mit diesem Buchprojekt anzufangen? Warum nicht? Morgen kann auch Tag 1 sein.

»Nein. Ich kann nicht.« Das war alles. Ich habe keine ausgeklügelte Ausrede mit Krankheit, Tod oder einem imaginären Tubakonzert meines Sohnes erfunden. Ich bin echt optimistisch. Ich glaube, dieses Projekt ist machbar. Tag 2b. Ein Bekannter aus den Südstaaten hat mir gemailt. Ich fragte ihn nach guten Opossum-Rezepten. Er fragte mich, ob es da, wo ich lebe, kalt ist. »Im Moment ist es warm«, sagte ich. »Aber im Winter drängen sich alle Männer in einem engen Kreis zusammen und unsere Kinder klammern sich an unsere Beine.« Er hat’s nicht kapiert. Wahrscheinlich hat er nie Die Reise der Pinguine gesehen. Ist es eine Lüge, wenn man einen offensichtlichen Witz macht? Wenn ja, könnte das ein langes Jahr werden.

Tag 1b. Nicht viel zu berichten. Ein wirklich guter Tag. Ich hatte innen an meiner Lippe eine furchtbare Blase, die beim Sprechen wahnsinnig wehtat. Vielleicht war das ganz hilfreich. Keine Lügen heute. Im Gottesdienst war es ganz gut; der Anbetungsteil hatte eine schöne Mischung aus alten und neuen Liedern. Die Predigt war kurz, aber gehaltvoll. Hinterher fragte mich Henry, ob ich mich bereit erklären würde, die Leitung des Bibelkreises zu übernehmen, und ich sagte,

3. Tag. Immer die Wahrheit zu sagen, hat eindeutig seine Vorteile. Zum Beispiel muss ich nicht aufpassen, dass meine Lügen hinhauen. Ich erzählte meinem Kumpel Regi von meinem Wahrheitsprojekt und er fragte mich, ob es okay sei, anderen davon zu erzählen. Er meinte Leute, die mich über die Jahre hinweg kennengelernt haben, Leute, die mir vielleicht ein paar Fragen stellen wollten. Ich sagte, »Klar, kein Problem.« »Willst du das wirklich durchziehen?«, fragte er. »Klar doch.« »Und wirst du mir auf alles, was ich dich frage, mit der absoluten Wahrheit antworten?« »Natürlich.« Regi sagte, wir sollten uns mal auf einen Kaffee treffen. Das dürfte ganz lustig werden, obwohl es Dinge gibt, über die ich lieber nicht reden würde. Was, wenn er fragt, wie das damals war, als –? Nee. Das würde er nicht wagen. Aber ich frage mich doch: Wenn ein Freund einen nach einem vergangenen Ereignis fragt, kann man dann einfach sagen, »Kein Kommentar«, wie bei einem lästigen Reporter?

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4. und 5. Tag. Sehr wenig zu berichten. Habe nichts als die Wahrheit gesagt und dabei kaum mit der Wimper gezuckt. 6. Tag. Habe ein Zitat von Jerry Seinfeld gelesen: »Ich finde, Leute, die die Klatschpresse lesen, verdienen es, belogen zu werden.« 7. Tag. Meine Schwiegermutter fragte mich, ob ich gern zum Abendessen zu ihr kommen würde. Solche Fragen können problematisch sein. Sollte ich sie bitten, die Frage umzuformulieren, statt sofort zu antworten? Und was sage ich, wenn Ramona mich fragt, »Schatz, machen mich die Querstreifen dick?« Und es geht nicht nur um die Familie. Ich habe auch Freunde, die anfangen, mir schwierige Fragen zu stellen. Sage ich einem Freund, der mit seinem Gewicht zu kämpfen hat, dass er beim Gehen von hinten aussieht, als würden in seiner Hose zwei Leoparden miteinander kämpfen? Ganz sicher nicht. Man kann nicht zu jeder Zeit jede Wahrheit sagen. Und ganz ehrlich, wer hat schon die Zeit, auf jedermanns Fragen detailliert zu antworten? Also sollte ich vielleicht den Ansagetext auf meinem Anrufbeantworter ändern: »Ich habe einen Punkt im Leben erreicht, an dem ich mich zu einigen Veränderungen entschlossen habe. Wenn Sie nicht wieder von mir hören, sind Sie wohl eine dieser Veränderungen.« Muss mal darüber nachdenken. 8. Tag. Tolle Predigt heute, aber plötzlich schweiften meine Gedanken total ab und ich musste daran denken, welche Späße ich mir gern am Telefon erlaube. Verbietet mein Wahrheitsgelübde es mir, jemanden am Telefon mit einem imitierten chinesischen Akzent zu veralbern?

einer Autorenkonferenz getroffen habe. Damals beichtete sie mir, sie habe von mir geträumt. Als sie mir den Traum beschrieb und ihre hypnotisierenden blauen Augen dabei funkelten, klang er so, als wäre er direkt einem ihrer Romane entsprungen. Es dauerte einen ganzen Monat, bis ich den Traum aus meinem Kopf verbannt hatte. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, ihn mir anzuhören? Ich habe ihre Freundschaftsanfrage auf Facebook trotzdem angenommen. Man weiß ja nie. Es könnte sein, dass sich eine gute Gelegenheit ergibt, ihr von Jesus zu erzählen. 10. Tag. Wenn ich das ganze Jahr die ungeschönte Wahrheit sagen und vollkommen rechtschaffen leben soll, muss ich dann auch alle entschädigen, denen ich in der Vergangenheit Unrecht getan oder die ich übers Ohr gehauen habe? Heißt das, dass ich mich bei Golfkumpels entschuldigen muss, die meinen, ich hätte sie damals anständig und ehrlich besiegt, während ich in Wahrheit geschummelt habe? Und wie viele Jahre muss ich zurückgehen? Hat so etwas nicht eine Verjährungsfrist? Ich könnte das ganze Jahr damit zubringen, vergangene Sünden zu beichten. Zumindest werde ich die Dinge in Ordnung bringen, die Gott mir ins Gedächtnis ruft. Ich beschloss, darüber zu beten, und sofort rief mir Gott meinen Freund Arlen ins Gedächtnis. Vor zwanzig Jahren habe ich ihm einmal nicht meinen Anteil an einem Mittagessen bezahlt. Also rief ich ihn an und verabredete mich mit ihm zum Abendessen und einer Runde Golf. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

9. Tag. Habe heute auf Facebook eine Freundschaftsanfrage bekommen. Eine Liebesroman-Autorin, die ich vor zwei Jahren bei

11. Tag. Ich habe einigen Freunden gemailt und ihnen von dem Buchprojekt erzählt. »Ich darf 365 Tage lang nicht lügen«, schrieb ich. »Ihr dürft mich alles fragen. Also ran an die Tasten.« Großer Fehler. Es sieht so aus, als hätten einige von ihnen meine Nachricht an andere weitergeleitet, und den ganzen Tag lang landeten Fragen in meinem Postfach.

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