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NICOLA VOLLKOMMER

Am Rande der gefrorenen Welt Die Geschichte von John Sperry, Bischof der Arktis


Erste Tour aufs Eis »Du hast eine gute Missionsschule besucht, Jack«, sagte Harold Webster. Jack wusste das Kompliment seines Mentors zu schätzen. Sie waren auf Jacks erster Reise mit Hundegespann und Schlitten nördlich von Coppermine, aufs gefrorene Meer, eine Tagesreise weit. Jacks neue Karibumontur bestand ihre erste handfeste Bewährungsprobe. Auf diesen Abstecher ins Kernland des Polarkreises hatte er sich mit einer Mischung aus Angst und immenser Spannung gefreut. »Von wegen Missionsschule! Was haben theologische Exegesen, Vorlesungen und philosophische Extravaganzen mit dem allem hier zu tun? Meine beste Vorbereitung auf dieses Leben war die Marine!« Die beiden Männer saßen nebeneinander vorne auf einem voll beladenen Schlitten, der mühelos durch den frischen Schnee des Winteranfangs zischte. Die Eisoberfläche unter der Schneeschicht war bisher glatt, die Hunde liefen gut. Man konnte sich unterhalten, musste sich seinem Gesprächspartner allerdings zuwenden und direkt ins Gesicht sprechen, um in all den Fellen gehört zu werden. Alle Teile des Kopfs, einschließlich der Ohren, waren in Fell eingehüllt, nur Mund, Nase und Augen nicht. Die Beschaffenheit des gefrorenen Meeres hing immer davon ab, wie das Wetter zur Zeit des Frostes gerade war. Eine ruhige Wetterphase ergab glattes Eis; wenn Stürme tobten, gab es raues Eis und die gefrorene Meeresfläche glich einem Trümmerfeld. »Die Marine?«, fragte Harold neugierig. »Und was hat das Leben auf dem Schiff mit dem Leben mitten in der Arktis gemeinsam?« »Eine ganze Menge«, sagte Jack, »die Wichtigkeit von Gemeinschaft zum Beispiel. Auf einem Schiff in Kriegszeiten bist du auf ein gutes Miteinander hundertprozentig angewiesen, du musst schnell kommunizieren, rund um die Uhr auf der Hut sein. Hier müssen wir genau die gleiche Mentalität haben. Ein kleiner Fehler, und die gesamte Mannschaft kommt in Gefahr.« Harold nickte zustimmend. 


Mitten auf dem vereisten Wasser, das nur durch die gewellte Oberfläche vom Festland zu unterscheiden war, liefen die Männer nach zwei Stunden Fahrt abwechselnd neben dem Schlitten, um ihren Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Das Eis war nicht mehr so glatt wie am Anfang und die Hunde waren enorm beansprucht. Die zurückliegende Wegstrecke war eine unruhige Fahrt gewesen. Jack blickte auf das stille, weiße Meer, das vor ihm lag, schaurig im blassen Mondlicht. Fern vom Lichtradius des Halbmonds funkelten Tausende von Sternen, die die dunkelblaue Kulisse des Nachthimmels mit ihrem dünnen Licht durchstachen. Am Horizont vor ihnen leuchtete das gefrorene Wasser wie eine stahlharte Platte. Die erstarrten Wellen konnte man in dieser Entfernung nicht mehr ausmachen. Einen größeren Unterschied zum Leben auf einem Kriegsschiff, eingepfercht auf engstem Raum, von Dauerlärm und schwitzenden Männerkörpern umgeben, konnte man sich eigentlich nicht vorstellen. Äußerlich gesehen zumindest. »So friedlich, wie es im Moment aussieht, kommt man nicht auf die Idee, dass überall Tod und Gefahr lauern«, sagte Jack. »Und gerade deshalb machen wir jetzt ein kurzes ›Mug-up‹.« Das war Harolds Bezeichnung für eine Teepause. Die Ausrüstung dazu war einfach, aber effektiv: Der kleine Kerosinbrenner wurde schnell angezündet, Schnee in einem Topf gekocht. Teeblätter hinein. Fertig. Schiffszwieback gab es als Imbiss dazu. Manche der Hunde leckten Schnee, um ihren Durst zu löschen, andere hatten sich schon hingelegt und hechelten. Futter bekamen sie erst abends bei der Ankunft. »Sonstige Ähnlichkeiten mit der Marine?«, fragte Harold, während er den heißen Dampf des Tees genüsslich einatmete und seine von Handschuhen bedeckten Hände am Keramikbecher wärmte, bevor er den ersten Schluck nahm. »Schiffszwieback natürlich!«, fuhr Jack mit vollem Mund fort. »Und Zusammenarbeit«, nachdem er den ersten trockenen Bissen dieser unappetitlichen Kost geschluckt hatte. 


»Auf dem Schiff hatte jeder seine feste Stellung. Ich arbeitete unten als U-Boot-Detektor.« »Und was macht man da?« »Unser Job war es, Signale auszusenden, die widerhallten, wenn sie auf Metall stießen. Wir mussten diese Echos interpretieren und feststellen, ob es sich hier um ein feindliches Schiff handelte. Andere standen auf dem Deck mit Ferngläsern, wieder andere hockten auf dem Mast. Wir lauschten unten, die anderen schauten oben. Rund um die Uhr.« »Ich glaube, wir müssen uns wieder auf den Weg machen und IgluDetektor spielen, Jack, sonst reicht der Brennstoff nicht, und das Futter für die Hunde geht aus. Außer, wenn die Leute in der Siedlung genug übrig haben. Wir wollen ihnen aber nicht zur Last fallen.« Es war November und Jack hatte nicht nur mitgeholfen, eine Kirche zu bauen, sondern hatte auch den ersten bedeutsamen Wetterumschwung in einer Landschaft erlebt, die tausend Gesichter hatte. Der Wintereinbruch löste in allen Arktissiedlungen ein regelrechtes Getümmel von Leben und Betriebsamkeit aus und wurde mit Freude begrüßt, aber auch mit unermüdlichen Vorbereitungen auf die bevorstehende Eiszeit. Die Insektenschwärme, die Mensch und Vieh in den kurzen Sommermonaten geplagt hatten, verschwanden. Seen und das Meer waren nicht mehr Hindernisse, sondern verwandelten sich im Nu in breite Straßen. Im November schon machte es eine Schneeschicht möglich, ungehindert mit einem Hundegespann auf dem harten Eis zu reisen. Man konnte einen Abstecher zu den Verwandten machen, Felle an den Handelsposten abliefern. Als sogar der gefrorene Ozean zu einer Hauptstraße wurde, konnten die Missionare selbst Gemeindemitglieder besuchen, die am entferntesten Rand des »Pfarrbezirks« lebten. Auf dem fest gefrorenen Polarmeer wurden ganze Siedlungen gebaut. Eine der näher gelegenen Siedlungen war das Ziel der Reise von Jack und Harold. In keinem anderen Teil der Erde war es möglich, ohne Bahn und geteerte Straßen so schnell und mühelos unterwegs zu sein. Festgefahrene Schlitten


spuren anderer Reisender waren ein guter Ersatz für fehlende Straßenschilder. Außerdem wusste Harold Webster aus jahrelanger Erfahrung, wo sich seine Gemeindemitglieder zu welcher Jahreszeit befanden. Auch der scharfe Geruchssinn der Hunde führte unweigerlich in Menschensiedlungen. Spätestens im Dezember bauten Einheimische, die den Sommer über in Stoff- oder Karibuhautzelten gewohnt hatten, die ersten Schneehäuser. Bis dahin hatte der Wind so viele Schneedünen aufgehäuft, dass es reichlich »Baumaterial« gab. Jede Familie konnte ihr Traumhaus entwerfen und gestalten. Alles kostenfrei. Ohne Baugenehmigungen, ohne Architektengebühren. Diese Fertigkeit hatten die Eskimos durch die Jahrhunderte hindurch zu einer hohen Kunst optimiert. Ein Umzug stellte kein Problem dar. Man baute einfach ein neues Schneehaus. Auch für die Jagd, von deren Erfolg das Überleben der Eskimos abhing, war der erste Schneefall ein wichtiger Einschnitt. Gewehre wurden auf Hochglanz poliert und instand gesetzt. Jagdfieber griff um sich. Der frisch gefallene Schnee war auch für den Jäger wie eine lebendige Landkarte. Tiere hinterließen nun Spuren, die ihre Verfolger mit verlässlicher Orientierung zu ihrer Beute führten oder Bewegungen von Menschengruppen und Siedlungen treu dokumentierten. Man fand sich. Auch ohne Telefone, Post, Straßenschilder und moderne Verkehrsmittel.

»Traumhaft, wie auf einer Weihnachtskarte«, murmelte Jack, als sie sich einer kleinen Traube leuchtender Schneehäuser näherten, die als leicht gelb strahlende Hügelchen aus den Schneemassen hervorstachen. Im Schnee wirkte alles gedämpft, geräuschlos, wie in Watte gepackt. Ein einziges unnötiges Wort, und der Zauber war gebrochen. Das Rauschen der Schlittenkufen auf dem Schnee schien zu diesem Märchen dazuzugehören. 


Die zwei Männer saßen wieder vorne auf dem Schlitten. Aber jetzt schweigsam. Fremd und wie aus einer anderen Welt vernahm man nur das gelegentliche Bellen eines der elf Hunde, die den Schlitten zogen, oder Harolds Rufe, die dem Leithund unmissverständliche Anweisungen gaben. »Wie spät haben wir eigentlich?« Jack hatte seine Stimme zu einem leisen Flüstern gedämpft. »Mitternacht«, flüsterte Harold durch die vereisten Ränder seiner Kapuze zurück, »aber das macht nichts, sie werden schon von anderen Reisenden erfahren haben, dass wir unterwegs sind. Wahrscheinlich sind wir das größte Ereignis, das sie seit Langem hatten.« Jack war hellwach. Sein Körper hatte noch keinen Ersatz für den Tagesrhythmus gefunden, den es in dieser Welt einfach nicht gab. Es fühlte sich nicht wie Mitternacht an. Die schneebedeckte Ebene spiegelte das gedämpfte Licht der Himmelskörper wider und verstärkte es dadurch. Wie eine gespenstige Dämmerung. Irgendwas zwischen Tag und Nacht, oder vielmehr irgendwas ganz anderes, aus einer Welt, in der es Tag und Nacht nicht gab. »Horch, Jack! Einer ihrer Hunde hat uns schon gewittert, obwohl wir noch weit weg sind. Sie haben einen übernatürlichen Geruchssinn.« Tatsächlich. Ein schläfriger Husky in der Iglusiedlung hatte die Witterung aufgenommen. Er sprang hoch, bellte und zog an seiner Kette. Bald waren es mehrere Hunde. Alle bellten in die Richtung, aus der die Besucher kamen. Spätestens jetzt war der Zauber gebrochen. Harolds Hunde sprangen mit neuem Elan nach vorne, frisch angespornt durch die Aussicht auf Gesellschaft und neue Gerüche, Klänge und vor allem Futter. Als der Schlitten endlich ankam, stolperten Kinder aus jedem Schneehaus. Sie lachten und hüpften vor Aufregung hoch und runter. Die Siedlung wimmelte schon von Lärm und Leben. Mahnende Elternstimmen riefen Kindern Anweisungen zu. »Holt das Robbenfleisch! Die Hunde werden Hunger haben!« 


Jack blickte fasziniert um sich. Es war nicht seine erste Begegnung mit Eskimos. Die einheimischen Bewohner Coppermines kannte er nach einem halben Jahr Aufenthalt dort schon gut. Er war es schon gewohnt, sich bücken zu müssen, um ihnen die Hand zu geben. Jack war auch für westliche Verhältnisse ein hochgewachsener Mann. Warum aber kamen ihm diese Leute besonders klein vor? Weil ihre Häuser so niedrig waren? Oder waren sie durch ihre dicken Felle breiter und wirkten deswegen kleinwüchsiger? Während Harold von den Bewohnern, die aus den Schneehäusern herausgerannt kamen, überschwänglich willkommen geheißen wurde, musste Jack sich damit zufriedengeben, mit mehr Abstand neugierig, aber nicht unfreundlich beäugt zu werden. Bald wurden die beiden Besucher zu dem Zwei-Zimmer-Schneehaus eines alten Ehepaares geführt, das Aivgak und Uliguna hieß. Zwei gewölbte Schneeräume fanden sie vor, durch einen gemeinsamen Eingang verbunden. Das alte Ehepaar wohnte mit seinem 40jährigen Sohn in einem der Räume, die Tochter mit Ehemann und zwei Kindern in dem anderen. »Von Privatsphäre kann hier keine Rede sein«, flüsterte Jack, als die zwei Männer sich bückten, um durch den niedrigen Schneeeingang zu kommen. »Tja, Geburten, Intimitäten, Tod, An- und Ausziehen, Toilettengänge: Für alles hast du ein Publikum«, schmunzelte Harold. »Und noch eine Sache, Jack. Der Geruch ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Robbenspeck in den Lampen, das Schwitzen in den dicken Mänteln, kein Bad seit einem Jahr, hausinternes Klo, keine Lüftung. Eine kräftige Mischung. Aber wir tragen ja auch dazu bei.« An Herzlichkeit und Gastfreundschaft fehlte es diesen Menschen nicht. Die Ankunft von Gästen bedeutete Neuigkeiten, Vorräte, eine willkommene Abwechslung von der Mühe des Alltags. Jedes Mal, wenn Jack dachte, dass wirklich kein Mensch mehr in diese vollgepackte Hütte hineinpasste, quetschte sich noch einer dazu. Wie aus dem Nichts erschienen Keramikbecher mit Tee, alle saßen zusam


mengerückt auf der Eisplattform, die die Hälfte des Innenraums füllte, auf Decken aus Karibufell. »Rück noch ein bisschen, Jack, noch zwei Männer müssen hier drauf. Wir sitzen übrigens mitten in ihrem Schlafzimmer«, erklärte Harold. »Liegen die Felle direkt auf dem Schnee?«, fragte Jack verwundert. »Nein, ein Geflecht von Weidengeäst liegt dazwischen. Sonst wären wir bei unserer Körperwärme im Nu alle patschnass. Ist es dir aufgefallen, dass es hier auf halber Höhe wärmer ist als im Eingang? Die Wärme steigt nämlich und staut sich auf der Plattform. So bleibt man auch nachts warm, alle ganz dicht in einer Reihe, wie Sardinen in der Dose. Dieses Abenteuer steht dir noch bevor.« Die Luft war stickig, gelb, Dunstschwaden der Robbenspeck-Lampe und der schwitzenden Menschenkörper durchzogen die muffige Atmosphäre. Stücke gefrorenen Fleischs wurden herumgereicht, jeder bekam dazu ein kleines Messer. »Alles so machen, wie die es machen«, hatte Harold ihm gesagt. Also nicht fragen, was es war, einfach kleine Stücke abschneiden und in den Mund stopfen, schnell schlucken. Dann das Tuch von seinem Nachbarn mit Dank nehmen, Messer und Mund abwischen, Tuch weiterreichen. Und lachen, immer lachen. Letzteres zumindest schien Wirkung zu zeigen. Das verwitterte Gesicht einer alten Frau strahlte zurück. »Ist dir aufgefallen, wie oft sie das Wort ›Kavlunak‹ sagen?«, fragte Harold mitten in die erregte Unterhaltung hinein. »Ich verstehe kein Wort, Harold, nur eine endlose Reihe von KGeräuschen!« Jack war resigniert und leicht niedergeschlagen. »Du bist für sie ein Kavlunak. Das heißt, ein ›weißer Mann‹, so was wie ein blutiger Anfänger, der sich mit ihrer Kultur noch nicht auskennt. Übrigens, hat jemand die Medikamentenkiste hereingebracht?« Er hätte sich keine Sorgen machen brauchen. Die Medikamentenkiste war für diese Menschen wie eine Schatztruhe und wurde immer 


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