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Bianka Bleier

KittelschĂźrzenschĂśnheit Notizen einer frommen Hausfrau

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Inhalt Meiner Mutter

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Selawie Kittelschürzenschönheit Schwellenangst Der badische Krankenhaussegen Gott könnte mich nett finden Hundstage Zeit-Wandel Das Leben ist so schön, wenn es schön ist! Mittelmaß, das Maß aller Dinge? Zeitgeistern Bildergeschichten Dem Tag eine Bedeutung geben Überraschungseier Gott duzen? Ich hab dir nie einen Rosen­garten versprochen Vatertag mit Wallungswert Herz im Wald Mein letzter Wille – lass mich los! Eva-Maria Leiber Rollenspiele Den Bogen spannen und dann – langsam loslassen Very important person

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Lasst uns einander Heimat geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause Leichten Sinnes durch das Leben Genügsamkeit oder göttlicher Applaus Wer bin ich? Der kleine Prinz Krümelmonster Zeit der Erlaubnisse Verachte die klein scheinende Kraft nicht Rote-Kringel-Methode Die Liebe bleibt Sehnsuchtsmelodie Von der Bohnenstange zum G ­ enussbolzen Hin und her gerissen … Schuld oder Schuldgefühle? Die Welt ist voll von Sachen und es ist wirklich nötig, dass sie ­jemand findet Mut zur Lücke! So ist das Leben? Stille Zeiten Ein Zimmer für mich allein Anmerkungen

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Kittelschürzenschönheit

Unbeschwerte Kittelschürzenschönheit 1962

Ich stehe in der Buchhandlung und werde zum hundertsten Mal auf mein schwanger wirkendes Bäuchlein aufmerksam gemacht. Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und finde nichts Passendes. Nichts, was mir passt, nichts, was zusammenpasst, nichts, was für einen bestimmten Anlass passt. Ich stehe in der Umkleidekabine. Mein Deo versagt. Textile Entscheidungen sind für mich Schwerarbeit – bei jedem Kleidungsstück die

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Frage, ob es passt: zu meiner Figur, meiner Garderobe, meinem Stil, meinem Alter, meinem Lebensgefühl und zu meinem Geldbeutel. Wenn das durchstanden ist, taucht die Überlegung auf, ob es überhaupt nötig ist angesichts der Armut der Welt und der Mühe, die es kostete, den Betrag dafür zu verdienen. Und so weiter. In solchen Momenten beneide ich die unbeschwerte Kittelschürzenschönheit meiner Oma, die sich keine Gedanken um ihre Garderobe machte, die nicht im Traum daran dachte, ihre Haare zu färben, Diät zu halten oder Bauch-Beine-Po-Martyrium zu betreiben. Zur Zeit der Kittelschürzen war die Welt noch keine Bühne und frei von Schönheitschirurgen, Schönheitsfarmen, Schönheitswahn. Omas Garderobe bestand aus zwei Basisteilen: dem Dreiteiler Rock, Pullover, Kittelschürze. Und dem Sonntagskleid. Das Ganze ging so: Werktags zog sie den Rock an, der gerade sauber war, den obersten Pullover vom Schrank, darüber einen ihrer vier Kittelschürzen, eben den, der gerade an der Küchentür hing. Und sonntags ihr Sonntagskleid. Sehr entspannend! Meine Mutter meinte dazu neulich: »Du hast deinen Schurz ausgezogen und warst angezogen.«

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In meinem Leben gab es zwei ähnliche Situationen: A) Ich bin klein, meine Mutter kauft meine Kleidung und legt sie mir morgens auf mein Bett. B) Ich bin schwanger, riesendick und trage im Wechsel die altrosé Latzhose mit dem letzten noch passenden Schwangerschaftsoberteil oder das zeltförmige, royalblaue Hängekleid.

Zwei Generationen später

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Ich empfand das nicht als Einschränkung, sondern als ein ziemlich unaufgeregtes Verhältnis zu Kleidung. Kleidung als Nebensache sozusagen. Hauptsache angezogen. Auf Fotos erstrahlt meine Oma in würdiger Kittelschürzenschönheit (und ich in zufriedener Schwangerschaft). Oma war schön! Ich mochte jede einzelne ihrer Lebensspuren. Es fehlte ihr nicht an Ausstrahlung, die viel mit Lachfalten, Lebenserfahrung und Gelassenheit zu tun hatte. Wenn frau sich wohlfühlt in ihrer Haut, strahlt das aus ihr heraus. Dass an Omas linker Hand ein Finger fehlte, weil sie sich beim Brombeerpflücken eine Blutvergiftung zugezogen hatte, war ein Zeichen ihrer Originalität, kein Schönheitsfehler. Ob sie je zuoder abgenommen hat, dafür hatte ich kein Auge, wohl aber für ihren gütigen Blick und ihre Weichheit. Witwe und vierfache Tochtermutter … Anna musste nicht schön sein, konkurrieren, gefallen, sie war schön. Auf die Frage, wer schöner war, Oma oder Miss Universum, war die Antwort für die von ihr heiß geliebte Enkelin klar wie Kloßbrühe. In den Augen eines geliebten Menschen ist man immer schön, er besitzt den Schlüssel, die Geheimzahl, er sieht ins Innere, wo die wahre Schönheit wohnt.

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Schwellenangst Urlaub mit Freunden an einer Felsküste. Leicht amüsiert beobachte ich sie beim Schnorcheln. Wie das aussieht, wie sie da mit Atemrohren auf dem Wasser herumtreiben – irgendwie unbeholfen und unspektakulär! Und wie herrlich plump sie mit ihren Riesenflossen aus dem Meer watscheln … Sollen sie doch gucken, wenn sie unbedingt wollen, ich kann mich zügeln. Mich werden sie nicht in dieses kalte Wasser voller Seeigel und Feuerquallen reinkriegen. In Wirklichkeit bin ich träge, wasserscheu und habe Angst vor meiner eigenen Ungeschicklichkeit im Umgang mit dieser Ausrüstung – jedenfalls komme ich mit der Haltung bis zum vorletzten Tag ungeschoren davon. Bis einer von ihnen mich unter den Armen packt und meint, er werde nicht nach Hause fahren, bevor er mir nicht das Schnorcheln beigebracht habe. Da hilft kein Argumentieren, kein Hochmut und kein Zieren – plötzlich finde ich mich mit fremden Gummischuhen an den Füßen und Taucherbrille im seichten Wasser wieder. Ich habe Angst, mit dem Atmen nicht zurechtzukommen, Feuerquallen zu streifen, einen Wadenkrampf zu bekommen, zu erfrieren, ich habe Angst, nichts zu sehen.

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Es kostet mich einiges, durch die Wasseroberfläche zu tauchen. Noch nie habe ich einen Blick da hinuntergeworfen und ich grusle mich. Mein Freund hilft nach, ermutigt mich mit praktischen Tipps, schubst mich hartnäckig, ist da. Ich gewöhne mich an die Kälte. Ich gewöhne mich an den Atemschlauch. Ich trete in das Meer ein, ohne viel zu erwarten. Was ich sehe, ist eine Offenbarung! Freundliches Blau überall! Wo ich trübe Dunkelheit vermutet habe, finde ich ein lichtes Universum, einen stillen Ort voller Farbe und Licht. Ich bin fassungslos. Weiter vorne, noch ziemlich diffus, bewegt sich etwas. Also schwimme ich hin, weil ich mir das anschauen will. Und so, wie das Leben um mich herum an Form und Farbe gewinnt, entrückt die Welt über mir ins Unwirkliche. Die neue Welt ist jetzt die Realität und ich bin hingerissen. Ein großer Schwarm gelbgrau gestreifter Fische – keine Ahnung, wie sie sich absprechen – schwimmt synchron unter mir her, durch eine Landschaft von Felsschluchten, Sandbänken und hin und her wehenden Pflanzen. Ich sehe Seegurken, Seeigel, einen Oktopus, Schwärme von kleinen und größeren Fischen, Quallen und anderes Unaussprechliches. Noch weiter vorne ist noch mehr Leben, also schwimme ich noch weiter …

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