ROLF D. SABEL
Der Pompeji-Papyrus Roman
Inhalt
Der Pompeji-Papyrus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Anhang: Rรถmische Tageseinteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Karte von Pompeji . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Prolog I
Galiläa, 1. Jahrhundert nach Christus Mühsam tasteten sich die Schritte durch den glutheißen Sand. Der Mann blieb stehen und ließ seine Augen über die karge, von steter Sonnenglut gegerbte Landschaft schweifen. Sein müder Blick streifte die dürren Ölbäume, die ausladenden Palmen und Myrten, die vereinzelten, wie hingeworfenen Hütten und die wenigen Menschen, die in nicht enden wollendem Gleichmut versuchten, dem Boden das Nötigste abzuringen. Aber das Herz des Mannes war schwer und voller Trauer. Abschied! Sein ganzes Herz atmete Abschied. Von seinen Reisen abgesehen hatte er sein ganzes Leben hier verbracht, hier war ihm die größte Gnade Gottes zuteil geworden, hier aber hatte er auch den größten Schmerz empfunden, der einem Menschenherz zugefügt werden kann. Wie Bilder flogen Gedanken an Tod, Verrat und Hoffnungslosigkeit an ihm vorbei, dann wieder an unendliche Freude und maßloses Glück. Er schüttelte den weißhaarigen Kopf, als wollte er die Gedanken der Vergangenheit abschütteln. Seine kraftvolle Gestalt straffte sich. Fest schloss sich die Hand um den Wanderstab. Er war noch nicht am Ziel angekommen. Im Gegenteil: Er wusste, welch große, fast unmenschliche Aufgabe vor ihm lag. Und um dieser Aufgabe willen galt es, Abschied zu nehmen, und zwar jetzt. Sie duldete keinen weiteren Aufschub. Sein Blick heftete sich auf das kleine, geduckte Haus vor ihm. Aus massivem Stein gemauert, das Dach mit ineinander verflochtenen Zweigen und Holzbohlen abgedeckt, auf die eine feste Schicht Lehm aufgetragen worden war, bot es den Einwohnern den nötigen Schutz vor den Stürmen, die mitunter über den öden Landstrich fegten. Einige Ziegen suchten im dürren Gras rund um den Brunnen ihre Nahrung und schauten nur kurz auf, als der Besucher an sie herantrat. Die Tür stand offen und der Mann trat ein. Das Haus war klein, einfach, sparsam eingerichtet, aber sauber. 9
Eine Frau von zarter Gestalt, das lange braune Haar in ein blau schimmerndes Tuch gehüllt, stand an dem Tisch vor dem Ofen und knetete einen Teig. Als sie die Schritte hörte, drehte sie sich um. Ein feines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie den Besucher erkannte. Rasch putzte sie die Hände an dem Wolltuch ab, das ihr als Schürze diente, und eilte dem Besucher entgegen. »Simon«, ihr Gesicht strahlte voller Freude, »es ist lange her, dass sich unsere Wege kreuzten.« Der Mann, den eine spätere Welt nur noch Petrus nennen würde, ergriff die Hände der Frau und drückte sie herzlich, aber behutsam. »Die Freude ist bei mir, Maria. Es erfüllt mich immer wieder mit tiefer Freude, die Mutter unseres Herrn zu sehen, mit Freude, mit Stolz, und mit …« Seine Stimme geriet ins Stocken. »… und mit Schmerz, wolltest du sagen, nicht wahr? Glaubst du, ich wüsste nicht, wie es dir ums Herz ist? Und doch hat er uns gezeigt, dass sein Tod einen Sinn hatte. Wenn jemals ein Tod einen Sinn hatte, dann war es seiner. Schau nur, wie die Gemeinde in Jerusalem blüht, und nicht nur dort. Seine Worte fallen auf fruchtbaren Boden, in Jerusalem und in vielen anderen Gemeinden, die du und deine Freunde besucht haben. Aber ich gerate ins Plappern. Sicher bist du hungrig und durstig vom langen Weg. Ich werde dir rasch einen Imbiss …« Simon Petrus verneinte. Seine Miene verriet großen Schmerz. »Aber ich habe ihn verraten«, flüsterte er atemlos. »In der Situation, in der er mich am meisten gebraucht hätte, habe ich gefehlt. Ich habe …« Behutsam legte Maria ihre Arme um den erschütterten Mann, dessen Stimme am Ende zu versagen schien. »Treuer Simon, du magst in dieser Situation, in der Unmenschliches von dir verlangt wurde, allzu menschlich gehandelt haben. Wer könnte dich dafür tadeln? Aber seitdem hast du deine Treue tausendfach bewiesen. Du bist der Fels geworden, als den mein Sohn dich bezeichnet hat. Ohne das Feuer deines Glaubens, ohne die Kraft deiner Liebe hätte seine Botschaft nie verbreitet werden können.« Sie wischte seinen Schweiß von der Stirn und schaute ihn voller Liebe an. 10
»Möchtest du nicht doch etwas zu dir nehmen? Sieh, ich habe frisches Brot gebacken und dazu steht eine kräftige Suppe vom Huhn auf dem Feuer.« Sie zeigte zur Feuerstelle, wo sie goldbraune Fladen noch dampfend aus der ummauerten Feuerstelle geholt hatte. Über der offenen Feuerstelle daneben dampfte ein Topf, der verführerische Düfte aussandte. Aber Petrus schüttelte den Kopf. »Die Karawane, der ich mich angeschlossen habe, wartet. Sie bringt mich nach Caesarea. Dort werde ich ein Handelsschiff besteigen, das mich nach Rom bringt. Die Brüder dort erwarten mich mit Sehnsucht. Ich werde sofort aufbrechen.« Maria verstand. Schweigend nahm sie ihn in den Arm. Sie sollte ihn nie mehr wiedersehen.
Pompeji nuova, Ausgrabungsgelände, 13. März nachts Für März war es entschieden zu kalt und zu neblig. Der Mond schien sich beleidigt hinter die dichten Wolken zurückgezogen zu haben und gewährte der Welt nur ungnädig einen blassen, mageren Schein. Giuseppe Baldoni warf die angerauchte Zigarette fluchend auf den Boden und zog seinen Schal fester um den Hals. Umständlich griff er nach seinem Taschentuch und schnäuzte lautstark hinein. Elende Erkältung! Er war mit sich und der Welt unzufrieden, nicht nur mit diesem lausigen Wetter. Weit hatte er es gebracht: Nachtwächter im Ausgrabungsgelände des antiken Pompeji. Ha! Hatte ihm so etwas sein Vater nicht immer vorhergesagt? »Giuseppe«, hatte er gesagt und nicht einmal dann die filterlose Zigarette aus dem Mund genommen, »du wirst irgendwo bei den Adettos landen und den Müll anderer Leute wegräumen, oder als Nachtwächter oder … Tankstellenkassierer. Was kannst du schon, du jämmerlicher Versager? Du bist dumm und faul, in der Schule hast du nie was gelernt, obwohl ich dich immer …«, an dieser Stelle unterbrach der unvermeidliche Raucherhusten meist die väterlichen Unterweisungen. 11
»Schau mich an. Ich hätte etwas werden können, wenn der Krieg nicht gewesen wäre …« Und dann schwadronierte er wieder von seiner Zeit bei der Resistenza, als er ganz allein einen Proviantzug der Nazis in die Luft gesprengt hatte, fabulierte von Abenteuern und tapferen Taten, und schließlich von seiner Gefangennahme durch die vermaledeiten Deutschen bei Perugia und … Halt, war da nicht ein Geräusch? Baldoni blieb stehen und griff nach seiner Koppel, an der sein Schlagstock befestigt war. Eine wirksamere Waffe hatte man den Nachtwächtern vom alten Pompeji dann doch nicht zugestehen wollen, so gefährlich war der Job nicht. Ha! Erst vor einer Woche hatten sie eine Bande von Jugendlichen geschnappt, die mitten zwischen den Ruinen eine von ihren verrückten Kokspartys feierte. Nicht gefährlich! Der eine hatte eine halb volle Wodkaflasche nach ihm geworfen, die ihn nur äußerst knapp verfehlt hatte. Wieder ein Geräusch, ein Rascheln. Unzweifelhaft links von ihm, in der Nähe des Vicolo Di Mercurio. Aber er konnte nichts sehen, zum einen wegen der nebelverhangenen Dunkelheit, dann aber auch wegen der kleinen Zypressen und der dichten Holunderbüsche, die dazwischen lagen. Vielleicht war es auch nur ein Tier? Die Anlage war voller Kleintiere, Ratten, Kaninchen, Katzen, Füchse, wilder Hunde, allerlei Getier war hier in den stillen Nächten unterwegs. Und nachts war es besonders gespenstisch, wenn sie sich gegenseitig jagten und … Oder waren es doch Menschen? Merda, dass es nur so dunkel war! Seine Taschenlampe mochte er nicht anmachen, das hätte die Schurken gewarnt. Und das wollte er nicht riskieren. Die spröden Lippen verzogen sich kurz zu einem stolzen Lächeln. Sein Traum war es, auf der Titelseite des Messaggero abgebildet zu werden. Er, Giuseppe Baldoni, mit einer Titelzeile wie: Tapferer Nachtwächter stellt todesmutig Bande von Grabräubern! Dann würde seine Lucia große Augen machen und ihn endlich ernst nehmen! Waren es doch wieder marodierende Jugendliche oder gar Grabräuber, die versuchten, die armen Toten der verschütteten Stadt zu berauben? 12
Auf jeden Fall würde er das nicht zulassen, auch wenn er mit fünfundsechzig schon ein Alter erreicht hatte, in dem man an so einem Abend lieber bei seiner Frau auf der Couch säße. Stimmen. Leise zwar, mehr zu ahnen als zu hören. Ihm war, als flüstere jemand im schweren Akzent Kampaniens. Vorsichtig schlich sich Baldoni an und bog leise die Zweige eines Holunderbusches zur Seite. Jetzt konnte er sie im fahlen Mondlicht sehen: Mehrere dunkle Gestalten von kräftiger Statur, mit Kapuzen vermummt, die nicht gerade wie Halbwüchsige aussahen. Und irgendetwas verstauten sie flüsternd in einem Sack. Hätte er doch bloß das Funksprechgerät bei sich gehabt. Aber das lag auf dem Tisch im Wachzimmer am Eingang des Geländes. Er nahm es nie mit, weil es so schwer war und er es ohnedies nie brauchte. Außerdem funktionierte es meist sowieso nicht, hätte halt mal wieder neue Batterien nötig. Porca Miseria, jetzt hätte er es gebrauchen können! Halt! Was war das? Ein leises Lachen tönte zu ihm herüber, als wollten sich die Burschen über ihn lustig machen. Basta! Er erhob sich zu voller Größe, obwohl die bei 160 Zentimetern nicht gerade beeindruckend war, und schritt mit amtlicher Miene auf diese illegale Versammlung zu. Mutig baute er sich vor der Gruppe auf. Seine nikotingelben Finger tasteten nach der Trillerpfeife in seiner Tasche, die er für Notfälle bei sich hatte. Würden seine Kollegen ihn hören? Aber zunächst wollte er dem schändlichen Treiben ein Ende bereiten. »Fermate vi!«, schrie er. Stammte dieses ängstliche Krächzen etwa von ihm? Im blassen Mondschein gewahrte er drei kräftige Gestalten, die sich lässig zu ihm umdrehten. Täuschte er sich oder grinsten sie ihn frech an? »Was macht ihr da, Gesindel? Wollt ihr wohl …« Zu spät hatte er das warnende Knirschen der Schuhe hinter sich wahrgenommen. Er versuchte noch, sich umzudrehen, und erhielt im gleichen Augenblick einen harten Schlag auf den Kopf. Merda!, zuckte es ihm durch den Kopf. Seine Taschenlampe polterte zu Boden, dann umhüllte ihn gnädige Schwärze und er sank mit einem seufzenden Laut zu Boden. 13