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DOROTHÉE HECK

Eine

Villa in Bella Colina


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Das war haarscharf gewesen. Erschrocken blickte Pia in die Tiefe. Sie musste sich noch ein Stück weiter nach vorne beugen, um ihr Fahrrad zu erkennen oder das, was davon übrig geblieben war. Sofort wurde ihr schwindelig und sie hatte Mühe, ihren Kopf nach hinten zu reißen. Sie taumelte und stützte sich mit ihrer linken Hand kurz ab, bis sie mit einer ungelenken Drehung auf dem kohlefarbenen Asphalt unsanft zum Sitzen kam. Sie stöhnte. Vorsichtig befreite sie sich von ihrem blauen Fahrradhelm und legte ihn langsam vor ihre Füße. Dann hob sich ihr Blick und sie starrte regungslos auf das Meer hinaus. Von hier oben hatte sie einen atemberaubenden Blick auf die zerklüfteten Küstenfelsen im Nordwesten Mallorcas, die trotzig der gewaltigen, peitschenden Gischt des Wassers standhielten. Einige Möwen zogen in der Ferne langsam ihre Kreise, um sich manchmal auf der Spitze eines Felsens niederzulassen und sich das immer wiederkehrende faszinierende Schauspiel aus der Nähe anzusehen. Man konnte ihre entzückten, spitzen Schreie bis hierher hören. Pia nahm sie nicht wahr. Zum Glück hatte sie rechtzeitig losgelassen. In der Kurve hatte sie noch versucht zu bremsen und sich dann instinktiv auf die Seite geworfen. Bis auf wenige Zentimeter war sie, wie von unsichtbarer Hand geschoben, an den Abgrund herangerutscht und musste mit weit aufgerissenen Augen ansehen, wie ihr silberfarbenes Mountainbike wie in Zeitlupe einen Moment in der Luft zu schweben schien, um dann urplötzlich aus ihrem Sichtfeld hinab in die Tiefe gezogen zu werden. Gar nicht auszudenken, wenn sie auch … na, und wenn schon. Sie presste die Lippen aufeinander. Vielleicht wäre es das Beste gewesen. Pia umschlang mit beiden Armen ihre Knie und schluchzte. Sie hätte es wissen müssen. Zwar hatten sie nie wirklich darüber gesprochen, aber manchmal hatte er doch durchblicken lassen, wie er zu dem Thema stand. 7


Achtlos strich sie sich eine dunkle, widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Erst jetzt nahm sie den metallischen Geschmack in ihrem Mund wahr. Sie kramte in ihrem kleinen, schwarzen Rucksack, den sie immer bei sich trug, und fand zwischen Handy, Autoschlüssel, Terminkalender, diversen Einkaufszetteln und Tankrechnungen ein zerknülltes Taschentuch, mit dem sie sich das Blut aus der schmerzenden Wangentasche tupfte. Pia bewegte den Unterkiefer langsam hin und her und betastete vorsichtig ihr Kinn. Alles dran. Dafür machte sich nun ihre rechte Hüfte bemerkbar, mit der sie bei dem Sturz hart auf den Boden aufgeschlagen war. Ihr Ellbogen blutete ebenfalls, doch Pia kümmerte sich nicht darum. Was sollte sie jetzt tun? Nachdenklich legte sie ihr Kinn auf das angewinkelte linke Knie und seufzte. Sie war jetzt 34. Gerade hatte sie ihren Geburtstag gefeiert. Mit Daniel. Er hatte alles heimlich arrangiert. Ganz romantisch waren sie wie normale Touristen in diesem schnuckeligen Hotel an der Cala Gat im Südosten der Insel untergekommen. Tagsüber hatten sie das süße Nichtstun genossen, während sie nebeneinander am Swimmingpool oder in der kleinen Badebucht in der Sonne lagen. Keine Termine, keine Anrufe, keine wichtigen Kunden. Nur sie beide. Wie glücklich war Pia gewesen. Abends waren sie Hand in Hand die schöne Promenade entlangspaziert, die bis zum Fischerhafen von Cala Rajada führte oder hatten von ihrem winzigen Balkon aus gemeinsam am geheimnisvoll funkelnden Nachthimmel nach Sternschnuppen Ausschau gehalten. »Hast du die gesehen? Die ist für dich, Amore Pia«, hatte er sie geneckt, »für die Frau, der mein Herz gehört. Happy Birthday!« Sie hatte sich mit einem zärtlichen Kuss bedankt, um sich dann genüsslich eine Zigarette anzuzünden und an ihrem eisgekühlten Baileys zu nippen, wie sie es jeden Abend tat, bevor sie zu Bett ging. Daniel amüsierte sich immer über ihr kleines Ritual und hatte es schon lange aufgegeben, ihr das Rauchen abgewöhnen zu wollen. »Irgendwie hat es sogar was Gemütliches«, pflegte er manchmal zu sagen. 8


Pia hatte an jenem Abend liebevoll seine Hand gedrückt und mit einem frechen Augenzwinkern geantwortet: »Dann genieße es noch, so lange du kannst! Mit 35 höre ich nämlich auf.« War das erst sechs Tage her? Sie war sich sicher gewesen, er würde sich freuen. Ganz ausdruckslos war sein Gesicht geworden, als er heute Morgen mit gepresster Stimme gesagt hatte: »Das passt momentan einfach nicht in unser Lebenskonzept, Pia. Sei vernünftig! Wir stehen das zusammen durch, und in ein paar Jahren können wir immer noch Kinder haben. Mein Gott, wie konnte das überhaupt passieren?« Pia schluchzte laut auf. Tränen liefen über ihre erhitzten Wangen. Sie verbarg ihr Gesicht zwischen ihren Armen, die sie wieder fest um ihre Knie geschlungen hatte. Dann hob sie die Fußspitzen ein wenig an und stieß sich mit den Fersen leicht vom Boden ab, bis sie langsam rhythmisch vor- und zurückwippte, wie ein verstörtes Kind, das sich selbst zu beruhigen versucht. »Junge Frau, was ist denn mit Ihnen passiert?« Pia zuckte zusammen und wandte ihren Kopf. Ein gelber Seat hatte hinter ihr in der Kurve angehalten und ein älterer Herr mit silbergrauem, vollem Haar war gerade dabei, auf der Beifahrerseite auszusteigen. Mit besorgtem Gesichtsausdruck ging er auf Pia zu. »Können wir Ihnen irgendwie helfen?« Er stutzte, als er ihren Helm bemerkte, blickte sie ungläubig an und dann flüchtig in Richtung der fehlenden Fahrbahnbegrenzung. »Ach, du liebe Zeit! Sagen Sie bloß, Ihr Fahrrad liegt da unten?«, stieß er fassungslos hervor. Pia nickte apathisch. Er stand jetzt nur noch wenige Schritte von ihr entfernt am Rand des ungesicherten Abhangs. Vorsichtig hob er das Kinn, beugte seinen Oberkörper leicht nach vorne, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und schaute suchend in die Tiefe. »Tatsächlich! Mädchen, Mädchen, da haben Sie aber mehr als einen Schutzengel gehabt.« Pia sah ihn verständnislos an. 9


»Na, Sie hätten jetzt auch dort unten liegen können! Gott sei Dank haben Sie anscheinend nur ein paar Schrammen abgekriegt. Können Sie aufstehen?« »Ich glaube schon«, murmelte Pia und ergriff die Hand, die ihr der Unbekannte hilfsbereit entgegenstreckte. Stöhnend kam sie auf die Beine. »Erika, kommst du mal?«, rief er seiner Begleiterin zu. Die ältere Dame mit den hochgesteckten weißen Haaren, die gerade die Fahrertür zuschlug, eilte mit schnellen Schritten zu Hilfe. Vorsichtig legte sie Pia den linken Arm um die Taille und fasste sie an ihrem rechten Arm. »Geht’s? Können Sie laufen? Wir bringen Sie direkt ins Krankenhaus, ja?« Pia ließ sich in Richtung Auto führen. »Geht schon, danke. Nein, Krankenhaus ist nicht nötig.« »Keine Widerrede, Schätzchen. Das sollte sich auf jeden Fall ein Arzt ansehen.« Dabei deutete sie auf Pias rechte Hüfte, wo der Stoff ihrer hellgrauen Radlerhose vom Sturz ganz zerschlissen war und sich mit dunklem, getrockneten Blut und einigen Splittkörnern unschön vermischt hatte. »Genau«, schaltete sich der ältere Herr ein, während er ihr die Wagentür aufhielt, »damit ist nicht zu spaßen.« Widerstandslos stieg Pia hinten ein und wollte sich gerade zurücklehnen. »Halt, mein Rucksack!«, fiel es ihr ein. »Keine Sorge.« Die alte Dame stand schon wieder am Auto und hielt ihr das gute Stück vor die Nase. »Den nehmen wir natürlich auch mit«, sagte sie. Als sie gerade losgefahren waren, schob Pia ihren Rucksack auf ihren Schoß ganz nach vorn bis an den Vordersitz. Langsam öffnete sie den kleinen Reißverschluss an seiner Rückseite und zog den weißen Plastikstab hervor, den sie heute schon so oft in der Hand gehabt hatte. Sie betrachtete die beiden unscheinbaren, blauen Linien, die sich so selbstverständlich zu gleichen schienen und die ihr Leben doch dadurch so sehr aus der Bahn zu werfen drohten. Zaghaft strich sie mit ihrem Daumen über das tiefer liegende Anzeigefenster. Oh Gott, was sollte sie nur tun? 10


»Machen Sie Urlaub hier?« Der Mann drehte seinen Kopf etwas in Pias Richtung, die hinter ihm Platz genommen hatte. »Nein, ich lebe hier«, antwortete sie knapp, während sie den Teststab hastig zurück in ihren Rucksack schob. »Oh wirklich? Da haben Sie sich aber ein schönes Fleckchen Erde ausgesucht«, meinte die alte Dame lächelnd. »Was hat Sie denn hierher verschlagen, wenn ich fragen darf?« »Gekommen bin ich tatsächlich, um Urlaub zu machen. Mal raus aus dem grauen Alltag in Deutschland. Sonne, Strand und Meer – eben wie die meisten Touristen. Tja, geblieben bin ich dann der Liebe wegen.« »Jakob, hast du das gehört? Ist das nicht romantisch?«, rief Erika begeistert. Jakob brummte zustimmend. »Weshalb sind Sie denn hier? Auch zum Urlaub machen?«, fragte Pia nun höflich. »Zum Teil«, erwiderte Erika mit einem flüchtigen Blick nach hinten. »Wir kommen alle zwei Jahre für mehrere Wochen hierher, seit mein Mann im Ruhestand ist.« Erklärend fügte sie hinzu: »Wissen Sie, Jakob vertritt dann einen alten Freund aus Studienzeiten, der hier auf seine alten Tage eine Art ehrenamtliche Pastorenstelle innehat. Der kann dann in Ruhe daheim in Deutschland seine Verwandten und Freunde besuchen. Wir wohnen solange in seinem Haus, kümmern uns um die Urlaubsgäste und deutschen Bewohner, die hauptsächlich die Gemeinde besuchen, und haben immer noch genügend Zeit zum Ausspannen und für Unternehmungen.« Pia war nun doch ein wenig neugierig geworden. »Wo ist denn diese Gemeinde?«, fragte sie. »Direkt in Palma?« »Ja, ganz recht. In der Altstadt. Etwas versteckt, aber doch zentral, unweit der Plaça Major. Dort haben wir auch einen kleinen Buchladen, der vormittags geöffnet hat. Vielleicht haben Sie Lust mal vorbeizuschauen?« Pia nickte langsam, denn sie meinte zu wissen, wo sich der Laden befand, doch sie sagte nichts. Sie war schon öfter an dem kleinen, angestaubt wirkenden Schaufenster vorbeigegangen und hatte über die unbeholfen 11


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