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Melanie Keppler Pelze, Tee und vier Babuschkas Geschichten aus dem Herzen eines sibirischen Dorfes


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Inhalt Endlose Weite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jenissei ... Slobino ... Kamartschaga . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Endlich angekommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Katjas Gartenhäuschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fast alles hier ist hellblau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein dunkler Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Tante-Emma-Laden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fremde mit dem Lächeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Odyssee zwischen den Grenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit dem Fischer unterwegs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Galinas Sommerküche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Sascha ist für mich kein Mensch mehr!« . . . . . . . . . . . . . . . . Eis in der Sauna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pascha ist ein Mann der Tat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rotkäppchen, der Wolf und fliegende Babotschkas . . . . . . . . Die Gerüchteküche brodelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Haus der Geborgenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Feuer und Flamme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christos woskres! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begegnung mit göttlichem Funken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das hellere Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Chirurg, der an Wunder glaubt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entdeckung im Fotoalbum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Wenn ich mal pensioniert bin« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pudelwohl im Getümmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ins Schwarze getroffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Feinde werden zu Freunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Josefs-Karriere im Arbeitslager . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Liebeslied von Onkel Oleg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Ich will deine Freude haben!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Frage mit den Stöckelschuhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fischsuppe im Regen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Sträfling, die schöne Sweta und der Jericho-Transporter

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Ex-Häftling trifft Ex-Polizist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das weichste Plumpsklo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit einem Bein im Gemeindehaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Funkturm, der sich im Wald verirrte . . . . . . . . . . . . . . . . Drogen und Bibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nun war die Familie komplett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Blockhütte im Wald . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leise, still und heimlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beten lohnt sich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gemeinde – eine Gebetserhörung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Scharfer Senf und Salo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein »windiges Mädchen« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dreißig Hennen und drei Hähne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Überrumpelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hüterin der Bücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Ich komm mit!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kühe im Stau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tjotja Polja . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Denk an Jesus! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Der Verlauste denkt nur an die Banja« . . . . . . . . . . . . . . . . . Das große, dunkle Buch auf der schneeweißen Tischdecke . »Komm, schau es dir an!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bärige Grüße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Knistern und Knacken im Unterholz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Mafia-Auto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Besuch mit Auswirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom obdachlosen Mörder zum strickenden Missionar . . . . »Küss mich, mein Häschen!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Am Ende doch nicht tot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aus der Luftfahrtgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiter als die Weiten Sibiriens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Odyssee zwischen den Grenzen

»Was, ihr wollt doch nicht allen Ernstes nach Sibirien? Das Leben dort ist viel zu hart!«, hatten Walkers schon in den USA zu hören bekommen. »In Sibirien gibt es so viele Betrunkene und Gefangenenlager!« Aus Liebe zu den Menschen machten sich Walkers dennoch auf den Weg. Es handelte sich um eine Missionarsfamilie aus Idaho; er war gelernter Forstwirt. Ihre Heimatgemeinde, eine Calvary-Chapel, hatte sie nach Sibirien entsandt, um Menschen zu helfen und eine christliche Gemeinde zu gründen. Walkers wollten so gut wie möglich Russisch lernen, deshalb absolvierten David und June ein siebenmonatiges Sprachstudium in Lettland. »Überlegt es euch gut, ob ihr tatsächlich nach Sibirien wollt!«, rieten ihnen auch die Letten ab. Krasnojarsk erschien ihnen recht zentral in Sibirien gelegen, sie kamen im Juni 1994 in diese Stadt. Doch die Verlängerung ihrer Visa wurde abgelehnt, sodass sie Russland bereits nach drei Tagen wieder verlassen mussten. Um nicht zurück nach Amerika fliegen zu müssen, fuhren sie mit dem Zug nach Lettland. Was dann folgte, war eine echte Odyssee. An der Grenze schauten die Beamten ihre Pässe wieder und wieder kritisch-prüfend an. Just während Walkers fast fünftägiger Zugfahrt war ein neues Gesetz herausgekommen. Vorher brauchten Amerikaner für Lettland kein Visum, das hatte sich geändert. Natürlich hatten sie keine Visa für Lettland. »Aussteigen!«, hieß es deshalb für sie an der lettischen Grenze. »Ohne Visum ist es laut des neuen Gesetzes unmöglich, auch nur eine einzige Nacht in Lettland zu bleiben!« 48


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Sie wurden am Bahnhof in Riga als ganze Familie in ein kleines Gefängnis gebracht. Zwei ehemalige Eisenbahnwaggons waren halb in die Erde eingelassen und mit Stacheldraht umzäunt. Hier waren bereits ein südafrikanischer Tourist, ein iranischer Flüchtling und andere inhaftiert, ebenfalls aufgrund des neuen Gesetzes. Die bohrende Ungewissheit zerrte an ihren Nerven. Nach einem Tag im Gefängnis wollten die lettischen Grenzbeamten sie zurück nach Russland verfrachten, aber ihre russischen Visa hatten sie am Vortag an der Grenze abgeben müssen. Auf russischer Seite mussten sie in einer Ecke des Bahnhofs übernachten, wo ständig Leute vorbeikamen. Soldaten mit Maschinengewehren bewachten sie. Walkers fühlten sich behandelt wie Schwerverbrecher – dabei wollten sie doch einfach nur neue Visa. Sie schliefen auf dem blanken Boden. Gott sei Dank hatten sie ihre Schlafsäcke dabei. Am nächsten Morgen wurde Familie Walker wieder nach Lettland überführt. So ging es vier Mal hin und her – tagsüber im lettischen Gefängnis, nachts in ihrer Ecke auf dem russischen Bahnhof. Täglich versuchten die neuen Missionare, ihre amerikanische Botschaft in Riga zu erreichen. Interessanterweise kam gerade Bill Clinton zum Staatsbesuch nach Lettland. Die Botschafter hatten wohl Wichtigeres zu tun, als sich um Familie Walker zu kümmern. Niemand war erreichbar. Über drei Ecken hörte man in der Botschaft von Walkers Schicksal. Schließlich rief ein Beamter David an und sorgte dafür, dass die lettische Regierung ihnen ein provisorisches Visum ausstellte. In Lettland erhielten sie dann auch die nötigen Visa für Russland wieder. Einen Monat später wurde dieses Gesetz in Lettland übrigens rückgängig gemacht.

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Mit dem Fischer unterwegs

Zurück in Krasnojarsk standen Walkers im Juli 1994 vor der Frage, wohin es konkret gehen sollte. Die christlichen Missionare waren sich sicher, dass Gott sie in ein Dorf in Sibirien bringen wollte, um Menschen mit seiner Liebe zu erreichen. Aber selbst in Krasnojarsk sagte man ihnen: »Ihr könnt doch nicht wirklich in so ein Kaff mitten im Wald ziehen! Nicht einmal unsere russischen Stadtbewohner wollen dort leben!« Man hat Familie Walker wirklich auf dem ganzen Weg davon abgeraten, in ein sibirisches Dorf zu ziehen. David und June gaben nicht auf. Sie beteten weiterhin dafür. Sie hatten nur eine uralte amerikanische Landkarte von Sibirien zur Verfügung. Das einzige eingezeichnete Dorf war Burny, was so viel wie »laut« bedeutet. David machte sich mit seinem elfjährigen Sohn Justus nach Burny auf, während June mit den Töchtern in der Stadt blieb. Auf dem Weg kamen sie auch durch Osinowy Mys. Hier verbrachten sie einige Tage. Sohn Justus gefiel es auf dem Land viel besser als in der Stadt. Wieder in der Natur zu sein, tat ihm so gut. Es erinnerte ihn an ihre Heimat Idaho, wo er viel Zeit im Wald verbracht hatte. Die Menschen waren auch offener und gastfreundlicher als in der Stadt. Sie schienen so interessiert an Walkers. Ein Fischer nahm sie in seinem Boot für zehn Tage nach Burny mit. Der Wasserweg ist die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen, es gibt bis heute keine Straße in diese Siedlung. Noch war es spätsommerlich warm, doch schon bald würde das Wetter umschlagen und der Winter Einzug halten. 50


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Während der frühen Sowjetzeit war Burny eine Stadt mit rund 5 000 Einwohnern gewesen. Das große Sägewerk war aber nur für ein vorübergehendes Projekt in den Nachkriegsjahren errichtet worden. 1956, als in den umliegenden Wäldern alles abgeholzt war, zogen die Arbeiter weiter. Von der Stadt war nichts mehr erkennbar. Hier hatten sich nur ein paar »Altgläubige« (Orthodoxe, die sich von der Großkirche abgespalten haben) niedergelassen. Weil sie während des Kommunismus ihren Glauben nicht ausleben durften, hatten sie sich in die Einöde geflüchtet. Das Holz der verlassenen Häuser hatten sie als Brenn- und Baumaterial verwendet. Außerdem waren Leute aus umliegenden Dörfern gekommen, hatten Häuser abtransportiert und in ihren eigenen Dörfern wieder aufgebaut. Inzwischen erstreckten sich wieder Wald und Felder, wo einst viele Menschen gelebt hatten. Nur ungefähr sieben altgläubige Familien lebten noch in den fünf verbliebenen Häusern. Die Männer trugen Bärte, die Frauen schwarze Kopftücher. Sie empfingen die Gäste herzlich, aber distanziert. Es war eine geschlossene Gesellschaft. Nach ein paar Tagen verließen Vater und Sohn das Dorf Burny wieder mit dem Fischerboot. Wo wollte Gott sie haben? David und Justus hatten beide Frieden darüber, dass ihre Zwischenstation Osinowy Mys der genau richtige Ort sei. Von der Ortsverwaltung bekam die Familie ein Haus zugewiesen: die ehemalige, zu dieser Zeit leer stehende Kinderkrippe. Sie war in gutem Zustand und hatte, im Vergleich zu sonstigen Wohnhäusern, sehr hohe Räume. Durch die großen Fenster flutete viel Licht herein. Ende September 1994 war es dann so weit, dass auch der Rest der Familie aus Krasnojarsk ins Dorf zog. Sie renovierten das Gebäude, reparierten den Ofen und luden erste Gäste ein. Die Einheimischen wunderten sich, was die Fremden bei ihnen wollten. Es gab sogar Gerüchte, dass sie am anderen 51


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Ufer der Tschuna einen Flughafen für Amerikaner bauen wollten. Als Walkers 1995 als erste Familie in Osinowy Mys einen Internetzugang bekamen, sah sich so mancher Dorfbewohner in der Annahme bestätigt, dass es sich um Spione handeln musste. Bei den sibirischen Kindern gewann die Neugier Oberhand. Die amerikanische Familie hatte allerlei Spiele, die ihnen unbekannt waren. Es beeindruckte sie, dass sogar der Vater mitspielte. Alles war so anders, so interessant. Walkers hatten immer ein offenes Haus, sodass die Dorfkinder gerne zu ihnen kamen. Einige Eltern verboten es jedoch strengstens. Sie drohten Walkers sogar an: »Wenn unsere Kinder weiterhin zu euch kommen, werden wir euch erschießen oder euer Haus abfackeln.« Das war ernst gemeint. Während eines Heimataufenthalts von Walkers in den Staaten, als sich zwei Russen um ihr Haus in Osinowy Mys kümmerten, versuchten Einheimische später tatsächlich, es in Brand zu stecken. Beide Male hielt Gott schützend seine Hände darüber, das Feuer wurde entdeckt und konnte keinen Schaden anrichten. Walkers lebten sich immer mehr ein. Schon bald begann Vater David, an der Dorfschule Englisch zu unterrichten. Sie halfen, wo sie nur konnten, hackten Feuerholz für ihre sibirischen Nachbarn, strichen mit ihnen Häuser, bauten Zäune und packten bei der Kartoffelernte mit an. Sie ließen Hilfsgüter aus Amerika einfliegen. In einem Container befand sich von Rollstühlen über Bandagen bis hin zu Nadeln alles Erdenkliche, um damit das Krankenhaus in Bogutschany zu unterstützen. Damals waren die Kliniken dieser Gegend so schlecht ausgestattet, dass es nicht einmal Nadel und Faden zum Vernähen der Operationswunden gab. Zudem spendeten christliche Gemeinden in den USA Kleider für Osinowy Mys, die Walkers gerne verteilten. 52


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Die Missionarsfamilie wünschte sich, dass viele Menschen Gott persönlich kennenlernen. June machte täglich einen einstündigen Spaziergang um Osinowy Mys herum, bei dem sie mit Gott redete und für das Dorf und seine Bewohner betete. Zwei bis drei Jahre lang hielten sie sonntags einfach als Familie einen kleinen Gottesdienst ab, ohne dass jemand aus dem Dorf dazugekommen wäre. Nur ab und zu verirrte sich einmal ein einzelner Gast zum Gottesdienst, aber keiner kam langfristig. Würde Gott die Augen der Menschen in Osinowy Mys für seine Liebe öffnen?

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