KATHRYN CUSHMAN
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ZEIT DER
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VERGEBUNG
Andie gab sich der Umarmung hin. Sie brach in Schluchzen aus, einer Farbtube gleich, die zerplatzte und ringsum alles verspritzte. Blairs Arme zitterten und sie merkte, dass auch er weinte. Irgendwann lösten sie sich voneinander. Die Tränen waren versiegt. Blairs Gesicht war voller Entschlossenheit. »Wie viel Geld hat der Stipendienfonds im letzten Jahr eingenommen?« »20 000 Dollar.« Blair hob ihr Kinn mit seinen Fingern, sodass sie seinem Blick nicht ausweichen konnte. »Okay, ich sag dir jetzt, was wir tun werden. Morgen gehe ich zum Direktorat und sage ihnen, dass unsere Familie 45 000 Dollar für den Stipendienfonds spendet. Wir tun das in Erinnerung an Chad. Was meinst du dazu?« Sie schaute auf die verschmierte Szene auf der Leinwand. »Und was ist mit meiner Malerei?« »Das wird schon wieder. So etwas zieht dich im Moment nur runter. Wir müssen stark sein und weitermachen. Für Chad.« Andie nickte. Chad hätte sich gewünscht, dass sie weitermachen würde. »Okay. Für Chad.« Es tut mir leid, dass ich dich wieder im Stich lasse, Chad.
Melanie Johnston legte den Stapel Briefe auf dem ausgefransten Bettlaken ab und setzte sich auf die ausgebeulte Matratze. Sie schlitzte den ersten Umschlag auf. Die cremefarbene Karte darin war mit einer Prägung versehen, einem glänzenden Kreuz auf einem Hügel, sowie schimmernde Tauben, die im Himmel darüber hinwegzogen. Sie klappte die Karte auf, ohne die fünf oder sechs Verse des abgedruckten Gedichts zu lesen. Warum sollte es sie interessieren, was irgendein Dichter über Trauer dachte? Sie kannte die Trauer, sie lebte darin und sie fand sie überhaupt nicht poetisch. Sie übersprang die Zeilen und las die mit blauer Tinte daruntergekritzelten handgeschriebenen Zeilen. 11
Jeffs Tod hat eine Lücke in unser aller Herzen hinterlassen. Mein größter Trost ist es zu wissen, dass ich ihn im Himmel wiedersehen werde, eines Tages. Bitte zögern Sie nicht, mich anzurufen oder mich zu besuchen, wenn Sie einmal jemanden zum Reden brauchen. Mit Gottes Segen, Jake Sterling »Schön und gut, Mr Sterling, es mag Sie trösten, dass Sie Jeff eines Tages im Himmel wiedersehen, aber ich will ihn hier haben.« Sie wollte am liebsten die Karte zerreißen und diesem Mann zurückschicken, aber sie wusste, dass seine Worte auch Jeffs Glauben widerspiegelten. Außerdem, wenn sie all die Karten mit ähnlichem Inhalt zerreißen würde, was würde dann aus Jeffs Denkmal werden? Sie betrachtete die lange Leine, die sie quer durch sein Zimmer gespannt hatte, und die in der Mitte von der Schwere der vielen Karten durchhing. Jeff hätte sich so gefreut, das zu sehen. Zu sehen, wie sein Leben Auswirkungen auf das Leben vieler anderer hatte. Er hatte nie verstanden, wie sehr er von allen geliebt wurde. »Kannst du das sehen, Jeff?« Die vergilbte Deckenfarbe antwortete stumm. Sie betrachtete die Wände. Jeder Zentimeter war vollgehängt mit Postern, auf denen Segelboote mit bunten Segeln zu sehen waren, die einem Halbmond gleich sich im Wind aufblähten; Hängebrücken, die von Tausenden weißer Birnen erleuchtet waren, und Harley Davidsons, die am Meer entlangfuhren. Jeff hatte schon immer eine Vorliebe für Physik und Technik gehabt. Jetzt waren seine Träume verweht, wie die Windstöße, die die Segelboote an der Küste vor sich hertreiben. Melanie sank zurück auf die Matratze. Sie wollte mit den Karten fertig werden, bevor Sarah von ihrer Übernachtung mit der Mädchengruppe zurückkam. Melanie musste gestehen, dass dieser Haufen aus 15- und 16-Jährigen Sarah gut integriert hatte und dafür sorgte, dass sie immer beschäftigt und umsorgt war. Sie war froh, dass 12
Sarah Trost und Hilfe fand, obwohl sie wusste, dass Sarah tiefer verletzt war, als sie es je zeigen würde. Melanie hängte eine zweite Schnur auf, parallel zur ersten, und setzte sich wieder zu ihrem Stapel Briefe. Sie kannte den Namen des nächsten Absenders nicht. Sehr geehrte Mrs Johnston, summieren sich Ihre Kosten für die Beerdigung? Benötigen Sie Unterstützung im Kampf gegen das Rechtssystem? Wir von Fraker, Fritz und Krutenat bieten Opfern wie Ihnen umfassende juristische Dienstleistungen an. Wir helfen Ihnen gerne dabei, das Geld zu bekommen, das Ihnen zusteht! Der erste Schritt ist schnell getan – rufen Sie noch heute an! Ganz unten fand sich ein blauer Computeraufdruck, der wie eine handschriftliche Unterschrift aussehen sollte. Wer um Himmels willen verschickte eine derartige Karte? Dieses Mal hielt sie sich nicht zurück und zerriss den Brief in Stücke. Sie warf die Fetzen in den Mülleimer und wandte sich dem nächsten Brief zu. Fünfzehn Karten später griff sie einen grauen Briefumschlag aus dem Stapel, der schwer in der Hand wog, beinahe wie Leinen. Es war kein Absender angegeben. Sehr geehrte Mrs Johnston, ich möchte Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen. Les Stewart 555-9553 Les Stewart. Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie den Namen kürzlich in der Zeitung gelesen hatte. Das war irgendein Staranwalt aus Los Angeles, der kürzlich nach Santa Barbara gezogen war, um hier seinen Ruhestand zu verbringen. Warum sollte er ihr seine Telefonnummer zukommen 13
lassen? Seine Kundschaft bestand doch aus Filmstars und einflussreichen Geschäftsleuten. Melanie wollte die Karte erst an der Leine aufhängen, aber irgendwie hatte sie überhaupt nichts mit Jeff zu tun. Sie steckte sie zurück in den Umschlag und warf sie in den Mülleimer. Nachdem sie den ganzen Stapel geöffnet hatte, ging sie in die Küche, goss sich einen starken Kaffee ein, griff nach der Schere und setzte sich, die Zeitung in der Hand. Sechs Tage waren seit dem Unfall vergangen. Die Berichte wurden schon weniger und erschienen nicht mehr auf den Titelseiten. Langsam blätterte sie die Seiten um. Sie wollte nichts verpassen. Hier. Ein paar kurze Zeilen über Jeffs Engagement als Tutor für Kinder aus schwierigen Verhältnissen während seiner Zeit am College in San Luis Obispo. Sie nahm die Schere und begann den Artikel vorsichtig auszuschneiden, bemüht, ja exakt zu schneiden. Nicht ein Buchstabe einer Geschichte über ihren Sohn sollte ihr entgehen. Als sie damit fertig war, griff sie sich das Album, das sie mit sämtlichen Erinnerungen an Jeff füllte und das immer auf seinem leerem Stuhl am Tisch lag. Sie klebte den Artikel hinein. Eine weitere Seite, die an ihn erinnern würde. Sie las die Zeilen noch einmal durch. Mühsam unterdrückte sie ein Schluchzen, als sie die Worte eines Jungen las, dem Jeff geholfen hatte: »Er war der Einzige, der sich um mich gekümmert hat.« Dann schloss sie das Buch und legte es auf seinen Platz zurück. Erst dann blätterte sie die restliche Zeitung durch, um zu sehen, ob sich noch etwas Interessantes f ände. Der Artikel fand sich auf der letzten Seite. Es war ein halbseitiger Artikel mit Bild über den Jungen, der Jeff das Leben genommen hatte. Ihre Nackenmuskeln verkrampften sich, sodass sie Mühe hatte zu atmen. Sie las die große Schlagzeile unter dem Foto: Familie Phelps spendet 45 000 Dollar an Stipendienfonds im Gedenken an ihren Sohn. Der Kaffee brannte in Melanies Magen. Wie konnten sie es wagen? Diese Familie hatte kein Recht, ihren Sohn zu glorifizieren. Er hatte Jeff umgebracht. Jeff sollte derjenige sein, den man damit ehrte, dass 14
man einen Stipendienfonds nach ihm benannte. Schließlich hatte er sich seine ganze Collegezeit selbst finanziert, hatte Teilzeit gearbeitet, Kredite aufgenommen. Der Phelps-Sprössling hatte vermutlich noch nie auch nur einen Tag in seinem Leben hart gearbeitet. Der Artikel rühmte die Großzügigkeit der Familie Phelps. Großzügigkeit. Großzügig genug, ihrem Sohn einen nagelneuen BMW zu spendieren, während Jeff gearbeitet hatte, um sich seine alte Schrottkiste leisten zu können. Großzügig genug, um das Auto ihres Sohnes mit der bestmöglichen Sicherheitsausstattung zu versehen. Hätte Jeff eine solche Großzügigkeit gekannt, dann wäre er vielleicht nicht bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht worden. Melanie warf die Zeitung an die Wand. Solche Dinge sollten verboten sein. Kein Mensch konnte sich einfach so verhalten. Jemand musste doch etwas dagegen unternehmen. Sie würde etwas dagegen unternehmen. Sie ging zurück in Jeffs Zimmer, ließ sich auf die Knie fallen und wühlte den Mülleimer durch, bis sie den grauen Umschlag gefunden hatte. Ihre Hände zitterten, als sie den Hörer abhob. Sie hatte einen Anruf zu erledigen.
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