SCM Hänssler präsentiert: Randy Singer
Randy Singer Randy Singer wird hoch gelobt in der Fachpresse. Seine Justiz-Thriller sind „mindestens genauso unterhaltsam wie John Grisham“ (Publishers Weekly). Für „Die Witwe“ erhielt er sogar den begehrten Christy Award. Dabei kommt Singer aus der Praxis: Im wirklichen Leben arbeitet er als Anwalt. Und die Botschaft von Gottes Liebe „verteidigt“ er sonntags auf der Kanzel der „Trinity Church“ in Virgina Beach (USA). In seinem neuesten Roman verbindet Singer wieder meisterhaft Spannung und Glaube. Vielleicht ist es sein bisher persönlichstes Buch. Denn vor zwei Jahrzehnten lief ein Schüler Amok an der Schule, an der seine Frau Rhonda unterrichtete. Singer kämpfte daraufhin als Anwalt für die Gerechtigkeit des Opfers Karen Farley.
Auch erhältlich:
Nr. 394.894
26 | SCM Hänssler
Nr. 394.957
Nr. 395.010
Randy Singer
DAS
SPIEL Thriller
Vorwort des Autors Dieses Mal ist es etwas Persönliches. Am 16. Dezember 1988 nahm der sechzehnjährige Schüler Nicholas Elliot eine halbautomatische Handfeuerwaffe mit in die Atlantic Shores Christian School und eröffnete das Feuer. Er erschoss eine Lehrerin namens Karen Farley und verletzte einen der stellvertretenden Schulleiter, dann stürmte er einen Wohnwagen, in dem sich eine Bibelklasse traf. Als er versuchte, das Feuer auf die Schüler zu eröffnen, die sich in der hinteren Ecke des Wohnwagens zusammenkauerten, blockierte die Waffe. Der Bibellehrer, Hutch Matteson, rang Elliot nieder und verhinderte eine Tragödie, wie sie mehrere Jahre später an der Columbine High School in Colorado passierte. Atlantic Shores war die Schule, an der meine Frau Lehrerin war. Es war die Schule, in die meine Kinder gingen (auch wenn sie an diesem Tag nicht dort waren). Als ich erfuhr, dass Elliot die Waffe illegal über einen Strohmann in einem Waffengeschäft im County Isle of Wight gekauft hatte, vertrat ich die Familie von Karen Farley in einem nie dagewesenen Prozess gegen dieses Waffengeschäft. Das Urteil schockierte alle. Dieser Prozess liegt siebzehn Jahre zurück – meine Feuertaufe im amerikanischen Streit um Waffenbesitz. Mit diesem Buch greife ich dieses Thema siebzehn Jahre später bewusst wieder neu auf: weiser (hoffe ich), vorsichtiger und mit mehr Verständnis für beide Seiten. Es ist nicht mein Ziel, Leute zu bekehren (zumindest nicht, was die Waffendebatte und den zweiten Verfassungszusatz angeht), sondern beide Seiten fair darzustellen und den Leser entscheiden zu lassen. Ich habe versucht, fesselnde Charaktere auf beiden Seiten zu schaffen. Um genau zu sein: Ich war so fest entschlossen, ausgewogen zu sein, dass ich etwas getan habe, was ich vorher noch nie getan hatte und was meines Wissens auch kein anderer Autor je getan hat: Ich bat meine Leser, das Urteil für dieses Buch festzulegen. Wir haben ein Video zusammengestellt, das eine Nachrichtensendung über den fiktiven Fall zeigte, um den es in diesem Buch geht, und Teile der Schlussplädoyers beider Anwälte. Wir baten die Leser, das Video anzu9
sehen und ein Urteil zu fällen. Das Urteil in diesem Buch spiegelt deshalb das Urteil der Mehrheit meiner Leser wider. Danke, dass Sie diese Reise mit mir gemacht haben. In einem sehr realen Sinn sind Sie immer die Geschworenen. Und genau wie in meinen echten Fällen habe ich ein etwas flaues Gefühl im Magen, während ich Ihnen meinen Fall darlege. Die Geschworenen ziehen sich zur Beratung zurück ...
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Teil I
Widerrechtliche Tรถtung
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1 Rachel Crawford schloss die Augen, während die Maskenbildnerin der Show, eine quirlige Frau namens Carmen, sie rasch nachpuderte. »Die Sonnenbräune steht Ihnen gut«, sagte Carmen. »Die Diva wird von ihrem Tussitoaster immer eher orangefarben.« »Die Diva« war die Primetime-Moderatorin des Fernsehsenders WDXR, Lisa Roberts. Lisa behandelte die Mitarbeiter wie Dreck, und es fiel nicht schwer, sie zu hassen. Lisa war einsachtundsiebzig groß, hatte lange, dünne Beine und beschwerte sich ständig darüber, wie fett die Kamera sie wirken ließ. Ihr Stuhl musste höher als die aller anderen eingestellt werden, die Kamera musste immer so positioniert sein, dass sie ihre linke Seite einfing (was ein Muttermal auf ihrer linken Wange herausstellte, das sie für sexy hielt), und ihr Wasser musste kalt sein, mit genau der richtigen Menge Eis. »Vielleicht mache ich meinen nächsten Bericht über Sonnenbänke«, sagte Rachel. Carmen nahm ihr den Umhang ab, und Rachel begutachtete sich im Spiegel. Sie war keine Lisa. Sie war ein bisschen kleiner, kräftiger gebaut und sah eher aus wie das Mädchen von nebenan. Doch Rachel hatte etwas, was Lisa nicht hatte – es war der Grund für ihr inneres Leuchten. »Ich habe gehört, von Sonnenbänken bekommt man Krebs«, sagte Carmen, die dieser Gedanke aufmunterte. »Nicht nur Hautkrebs, auch Leber, Schilddrüse – alle möglichen fiesen Sachen.« Rachel drehte sich fast unmerklich zur Seite, so beiläufig, dass Carmen es nicht merkte. Die Bluse, die sie trug, fiel weit – nicht so sehr, dass es offensichtlich gewesen wäre, aber gerade weit genug. Sie hatte noch ein paar Wochen, bis ihr Geheimnis herauskam. Als neue Reporterin im Team für investigative Reportagen bei WDXR arbeitete Rachel seit einiger Zeit an einem Beitrag über die Auswirkungen von Mobiltelefonen auf schwangere Frauen. In zwei Wochen würde sie als Teil dieses Beitrags ihre eigenen aufregenden Neuigkeiten in der Sendung verkünden. Für mindestens einen Abend würde Lisa nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Heute hatte Rachel jedoch über eine ganz andere Story zu berichten. 13
»Danke, Carmen«, sagte Rachel. Sie nahm ihre Unterlagen und die Wasserflasche und ging zur Tür. »Dieses Wasser ist viel zu warm«, sagte sie in einer perfekten Imitation von Lisas Tonfall. Carmen kicherte. »Außerdem geht es mir direkt auf die Hüften!«, schoss Carmen zurück und reckte ihr Kinn in die Luft, während sie Rachel ein abschätziges kleines Kopfschütteln zuwarf. Rachel lächelte, verließ die Maske und wechselte in ihren InvestigativeReporterin-Modus. Der größte Teil des Berichts dieses Abends war schon auf Band. Die Nachrichtensendung um fünf war gut gelaufen. Was sollte also um sechs schiefgehen? Sie liebte ihre Arbeit. Doch der Gedanke daran, Mutter zu sein, gefiel ihr noch mehr. Sie wollte beides machen: Teilzeitreporterin und Vollzeitmutter. Doch das war ein Thema, mit dem sie sich später beschäftigen würde. í í í
Rachel nestelte an ihrem Knopf im Ohr herum und hörte, wie der Redakteur der Sendung Lisa Roberts und Manuel Sanchez, Lisas Co-Moderator, Anweisungen zu den nächsten Abschnitten gab. Rachel setzte sich so aufrecht wie möglich, auch wenn sie dann immer noch ein ganzes Stück kleiner war als Lisa, und lächelte in die Kamera. Der Redakteur startete den Countdown. Lisa behielt ihren finsteren Blick bei, bis der Mann »Null« sagte und damit eine magische Verwandlung von der verwöhnten Diva zur hingebungsvollen und mitfühlenden Nachrichtensprecherin auslöste. »Über dreitausend Studenten aus aller Welt kommen jeden Sommer nach Virginia Beach, um in dem Urlaubsort zu arbeiten«, las Lisa vom Teleprompter ab. »Einige Unglückliche davon enden als Opfer der Menschenhandelsindustrie. Unsere Reporterin Rachel Crawford hat die Einzelheiten für uns.« Lisa hielt ihre Pose, während sie zur Aufzeichnung des Reporterteams schalteten. Sie mochte schwer zu ertragen sein, aber sie war ein Profi. Lisas Topmodel-Aussehen und ihre unerschütterliche Gelassenheit würden sie bald aus Norfolk herausführen, weg von dem Ort, den Lisa verächtlich »Navy-Kaff« nannte; dem Ort, den Rachel liebte und ihr Zuhause nannte. Rachel sah den Bericht zum ungefähr vierzigsten Mal und erlaubte sich einen kurzen Augenblick des Stolzes. Er begann mit ein paar Bildern von 14
The Surf, einem beliebten Lokal in Virginia Beach, mit einem Begleitkommentar von Rachel darüber, wie die internationalen studentischen Ferienarbeiter dazu beitrugen, es über Wasser zu halten. Sie hatten ein Video von zwei osteuropäischen Frauen, die an der Bar arbeiteten, kellnerten und sogar den Müll hinaustrugen. Die Kameraeinstellungen waren sorgfältig ausgewählt, damit die Zuschauer die Gesichter der Studentinnen nie richtig sehen konnten. Dann war wieder Rachel im Bild, die mit ernster Miene vor der Bar stand, den Kopf leicht zur Seite geneigt. »Aber ein paar von diesen Mädchen, die unter der Voraussetzung, dass sie anonym bleiben können, mit WDXR gesprochen haben, sagten, ihr Sommer in Virginia Beach habe auch seine Schattenseiten.« Die nächste Einstellung zeigte Rachel, wie sie eine der Arbeiterinnen interviewte. Die Cutter hatten das Gesicht der Studentin unkenntlich gemacht und ihre Stimme digital verändert. Sie sprach über den Besitzer von The Surf – Larry Jamison –, den Mann, der den Mädchen Jobs versprochen und ihre Reise nach Amerika bezahlt hatte. »Wenn du nicht eines von ›Larrys Mädchen‹ wirst, kommst du nie aus deinen Schulden heraus, egal, wie hart du arbeitest. Außerdem wirst du bedroht.« Während Rachel die Vorgehensweise erklärte, erschien eine Internetseite auf dem Bildschirm. Die Bilder der Mädchen waren verfälscht, doch es war offensichtlich eine Pornoseite, eine, die Rachel bis zu Larry Jamison zurückverfolgt hatte. »Wir haben Mr Jamison zu diesen Vorwürfen befragt«, sagte Rachel in dem Beitrag. »Er war zu keiner Stellungnahme bereit.« In ein paar Sekunden würden sie wieder live auf Sendung sein. Rachel kontrollierte ihren Knopf im Ohr und wandte sich Lisa zu. Sie hörte einen Knall, der sie erschreckte – vielleicht waren es auch mehrere Knalle gewesen –, so etwas wie Feuerwerkskörper auf der anderen Seite der schalldichten Tür des Studios. Sie warf einen Blick auf die Türen, doch niemand außer ihr schien sich Gedanken zu machen. »Fünf Sekunden«, sagte eine Stimme in ihrem Ohr. »Vier, drei, zwei, eins ...« Ein Kameramann deutete auf Lisa, und die wandte sich Rachel zu. »Diese Mädchen, die Sie interviewt haben, schienen mir so verletzlich«, sagte Lisa. »War ihnen klar, dass sie diesen Kerl anzeigen konnten?« 15
Aus dem Augenwinkel bemerkte Rachel plötzliche Unruhe im Studio. Wie ein Profi konzentrierte sie sich weiterhin auf Lisa und erklärte, warum die Mädchen nicht bereit waren, sich zu erkennen zu geben. »He!«, schrie jemand. »Er hat eine Waffe!« Schüsse erklangen, als Rachel zu den Stimmen herumwirbelte, geblendet von den hellen Scheinwerfern, die auf sie herunterbrannten. Sie hörte weitere Schüsse, Angst- und Schmerzensschreie – ein furchtbares Chaos im Studio. »Runter!«, schrie jemand. Es gab Flüche und eine dritte Salve Schüsse, als Rachel sich zu Boden warf und rasch hinter das Moderatorenpult kroch – eine schicke Acrylkonstruktion, die sicherlich keine Kugel abhalten würde. Über ihr ging der »On Air«-Monitor aus. In diesem Chaos sah Rachel zu Lisa hinüber, die mit schreckgeweiteten Augen und einer Faust vor ihrem Mund von einem lautlosen Schluchzen geschüttelt wurde. Einen Moment lang war alles still.
2 Rachel kauerte sich hinter das Pult, gelähmt vor Angst. Ihr Atem ging stoßweise; winzige Explosionen in der ohrenbetäubenden Stille. Sie presste beide Hände vors Gesicht, halb betend, halb horchend – zitternd vor Entsetzen. Sie hörte Schritte und schweres Atmen. Rachel schnappte nach Luft, als sie den Schützen aus dem Augenwinkel über sich aufragen sah: Larry Jamison, das Ziel ihrer investigativen Reportage. Der Mann hatte einen irren Blick, die grauen Haare wirr, mit rotem Gesicht und Bartstoppeln. Er zielte mit einer flachen, schwarzen Pistole, die aussah wie die abgehackte Version einer Waffe aus einem Rambofilm, auf sie. Mit fahrigen Bewegungen löste er das Magazin und rammte ein zweites in die Waffe, während das erste auf den Boden fiel. »Du bist es«, zischte Jamison, schnappte Rachel an den Haaren und riss sie auf die Füße. Er presste ihr den Lauf ins Kreuz. Von hinten legte er ihr den linken Arm um den Hals und riss sie dicht an sich. Rachel roch Schweiß und Alkohol, seinen stinkenden Atem feucht an ihrem Ohr. 16
»Alle auf eure Posten!«, befahl er. »Ich will, dass wir in zwei Minuten live auf Sendung sind, sonst stirbt dieses süße Ding hier.« Zitternd ließ Rachel den Blick durch das Studio gleiten. Einer der Kameramänner, ein sanfter Riese, mit dem Rachel sich oft unterhalten hatte, lag neben seiner Kamera. Blut breitete sich auf seiner Brust aus. Sie sah eine junge Kameraassistentin zusammengekauert in einer Ecke. Die Regiekabine war verlassen. Lisa und Manuel konnte Rachel nicht sehen – sie mussten auf die andere Seite des Moderatorenpults gekrochen sein. »Geh wieder an deine Kamera!« schrie Jamison die Frau in der Ecke an. Er feuerte ein paar Kugeln in die Wand über ihrem Kopf. Funken stieben, und sie schrie auf und kroch zu ihrem Posten. »Zwei Minuten«, wiederholte Jamison. »Ich rede jetzt in diesem Moment über Bluetooth mit einem meiner Partner. Er wartet auf das Fernsehsignal.« Rachel rang nach Atem, als Jamison seinen linken Arm enger um ihren Hals drückte und sie zum Ende des Moderatorenpults zerrte, wo Lisa und Manuel sich auf dem Boden zusammenkauerten. Jamison richtete seine Waffe auf Lisa. »Hallihallo!« Er lachte, als sie ihn voller Entsetzen ansah. »Geh wieder hinter dein Pult! Wir haben eine Sendung zu schmeißen.« Zitternd und schluchzend stand Lisa auf. Sie wich langsam vor Jamison zurück und kletterte auf ihren Moderatorenstuhl. »Braves Mädchen«, sagte er. Er richtete seine Pistole auf Manuel und drückte Rachels Luftröhre mit seinem linken Arm noch enger zu. Der Raum begann sich vor Rachel zu drehen. »Wir sind noch nicht auf Sendung«, zischte er, offensichtlich frustriert. »Los, irgendwer muss in diese Regiekabine!« Manuel warf einen raschen Blick zu der Regie hinüber. »Sie sind weg.« »Das sehe ich!«, schrie Jamison. Er drehte sich um und feuerte eine weitere Ladung Kugeln in Richtung der Regie. Die Pistolenschüsse hallten in Rachels Ohr wider. Die Kugeln zerbarsten das Glas der Kabine in winzige Scherben, die auf das Mischpult regneten. Dann richtete er die Waffe wieder auf Manuel. »Bring uns auf Sendung!« Manuel schüttelte den Kopf, und Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, trotz der feuchtkalten Luft im Studio. »Ich k-kann nicht ... ich weiß nicht, wie.« 17