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GĂœNTHER BECKSTEIN

Die Zehn Gebote Anspruch und Herausforderung


Inhalt Vorwort .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Einführung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 I. Dem Allerhöchsten verantwortlich.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Zentrum: Die Menschenwürde.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Als Christ in der Politik, als Innenminister in der Synode. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Unterschied zwischen Pfarrer und Politiker.. . . . . . . Luthers Unterscheidung der Zwei Reiche. . . . . . . . . . . . . . Das Verständnis der Zehn Gebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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II. Vom Ewigen Gott zur Freiheit berufen .. . . . . . . . . . . . . . . . 1. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wenn Geld, Macht und Sex zum Götzen werden.. . . . . . Religionspluralismus und Wahrheitsanspruch.. . . . . . . . . Verhältnis zum Islam .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Für ein offenes Gespräch mit Muslimen.. . . . . . . . . . . . Gefahren durch islamistischen Extremismus und Fundamentalismus .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konsequenzen für die Politik.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Streitthemen: Moscheen, Burka, Kopftuch.. . . . . . . . . Der Unterschied zwischen Kopftuch und Ordenstracht.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selbstbewusster Dialog: Wir glauben nicht an denselben Gott!.. . . . . . . . . . . . . . Der fehlende Gottesbezug.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Blasphemie im Namen der Kunstfreiheit?.. . . . . . . . . . . . . Der Streit um das hohe »C«.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was »christliche Politik« bedeuten kann – und was nicht .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Warum uns der Sonntag heilig sein sollte .. . . . . . . . . . . . . 66 Lockerung des Sonntagsschutzes?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Für die Wiedereinführung des Buß- und Bettages .. . . . . 70 4. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 Die »alten« Eltern ehren .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Erziehung ist zuerst Elternsache. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Kinder brauchen Zuwendung und Zeit.. . . . . . . . . . . . . . . 77 Dank an die Großeltern.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Gegen das Gerede von der »Herdprämie« .. . . . . . . . . . 79 Aufgaben der Wirtschaft.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Demografie und Generationengerechtigkeit.. . . . . . . . . . . 82 Wie uns die Staatsverschuldung belastet.. . . . . . . . . . . . 86 Kinder sind ein Segen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 5. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 »Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!«.. . . . . . . . . . . . 94 Die Debatte um den »gerechten Krieg« .. . . . . . . . . . . . . . . 96 »Finaler Rettungsschuss«.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Amoklauf an Schulen – was ist zu tun?.. . . . . . . . . . . . . . . . 101 Kinder fördern – und ihnen Grenzen setzen.. . . . . . . . 102 Ja zum Leben – von Anfang an.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Beratung für das Leben .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Mein Nein zur »Rosenheimer Erklärung« .. . . . . . . . . . 111 Grenzen der Medizin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 »Sterbehilfe« und Sterbebegleitung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Nicht töten, aber sterben lassen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 6. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Meine Frau ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall.. . . . . . . . 121 Die Ehe – eine gute Gabe Gottes.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Wie ist das mit Scheidungen?.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 An die Kinder denken .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Ehe versus Lebenspartnerschaft .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 7. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Das Soziale neu denken.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134


Was Soziale Gerechtigkeit heute bedeutet.. . . . . . . . . . . . . 135 Eigentum verpflichtet .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Steuerrecht und Steuerhinterziehung .. . . . . . . . . . . . . . . . . 140   8. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Worte haben Wirkung.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Die Bedeutung der Medien .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Kritik ist leicht, Konstruktives schwer .. . . . . . . . . . . . . . . . 149 Missbrauch der Meinungsfreiheit .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153   9. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 10. Gebot.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Macht in der Politik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 Der Traum vom Ministerpräsidenten-Amt.. . . . . . . . . . . . 158 Spannende Stunden in Kreuth .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Wettbewerb und Moral.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Von der Finanzkrise zur Schuldenkrise.. . . . . . . . . . . . . . . . 164 Ja zum Gewinn, aber auch zur Verantwortung .. . . . . . . . 166 Zurück zu den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 »Das Maß der Wirtschaft ist der Mensch.«. . . . . . . . . . . . . 169 Ethik währt am längsten.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 »Das Maß des Menschen ist sein Verhältnis zu Gott.«.. . 173 III. Gott vergibt – und er gibt Kraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Gesetz und Evangelium.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Mut zur Verantwortung, Demut vor Gott.. . . . . . . . . . . . . . . 179 Umgang mit Fehlern .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Der Glaube trägt – auch in Niederlagen .. . . . . . . . . . . . . . . . 183 Anstelle eines Nachworts: Gedanken zu Psalm  90 . . . . . . . . . 186 Bildnachweis.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 Anhang.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191


zen. In vielen ethischen Fragen, die heute diskutiert werden, geht es zum Beispiel darum, dass niemand – auch nicht der Embryo im Reagenzglas – für die Interessen anderer »verzweckt« werden darf.

Als Christ in der Politik, als Innenminister in der Synode Ich habe das Glück, dass ich schon früh mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen bin und diese Erfahrung dann auch in mein politisches Engagement einbringen konnte. Im CVJM, der damals noch Christlicher Verein Junger Männer hieß (heute sind auch die Mädchen mit dabei und der CVJM heißt Christlicher Verein Junger Menschen), habe ich nicht nur Freunde kennengelernt, sondern auch die Bibel. Als 15-Jähriger durfte ich im CVJM Nürnberg-Lichtenhof eine Jungschargruppe leiten – was mir übrigens auch dabei geholfen hat, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das hat später mit zu jenem Schritt geführt, Verantwortung auch in der Politik zu übernehmen – 1974 wurde ich in den Landtag gewählt, 1988 als Staatssekretär vereidigt und 1993 zum Staatsminister im Bayerischen Innenministerium bestellt. 1996 wurde ich als Innenminister und CSU-Politiker in die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern berufen – in ein Amt, das übrigens meine Frau ein paar Jahre vor mir auch schon einmal innegehabt hatte. Meine Berufung war innerhalb der Kirche freilich umstritten und Ministerpräsident Edmund Stoiber riet mir regelrecht davon ab, diese Aufgabe wahrzunehmen. Manche meinten, ein Innenminister, der die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber zu verantworten habe, könne nicht Mitglied in einem kirchenleitenden Organ sein. Zumal nur ein Jahr zuvor ein 28-jähriger Togoer aus Bayern abgeschoben worden war, der im Gebäude einer evangelischen Gemeinde im oberfränkischen Wunsiedel »Kirchenasyl« erhalten hatte. Nach meiner Überzeugung handelte es sich dabei, unabhängig von der rechtlichen Fragwürdigkeit des sogenannten »Kirchenasyls«, nicht um 17


einen sakralen Raum. Der junge Mann wurde abgeschoben – eine Entscheidung, die mir nicht zuletzt der damalige Landesbischof Hermann von Loewenich schwer verübelte. Der Vollständigkeit halber erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass der Togoer in seiner Heimat später zugab, bei seinem Asylantrag in Deutschland gelogen zu haben. Die Kritik, die angesichts dieser meiner Entscheidung laut wurde, weist auf ein allgemeines Problem hin, das fast jeder Christ kennt – ob er nun Innenminister ist oder einen beliebigen anderen Beruf ausübt: Wir sind als Christen in dieser Welt mit Aufgaben konfrontiert, die wir einerseits auf einem christlichen Fundament, andererseits aber auch nach unserem jeweiligen Verantwortungsbereich bewältigen müssen. Dieser Verantwortungsbereich ist mal überschaubarer, mal größer, er kann manchmal nur den Nächsten betreffen, manchmal aber auch weite Kreise der Bevölkerung. Es ist ein Unterschied, ob ich als Einzelner meinem Nachbarn helfe oder ob ich als Politiker Verantwortung für ein ganzes Land habe. Der Unterschied zwischen Pfarrer und Politiker Als christlicher Politiker muss ich über die Gegenwart hinaus denken und langfristige Perspektiven sehen. Meine Entscheidungen muss ich dabei auch vor meinen Kindern und Enkelkindern vertreten können. In der Politik ist deshalb manches nicht möglich, was die Kirche sehr wohl tun kann. Nur ein Beispiel dazu: Ein Freund von mir war Pfarrer in Nürnberg-Langwasser. Er kann einem Bettler, der am Samstagnachmittag bei ihm am Pfarrhaus klingelt und um Geld für seine Frau und seine kleinen Kinder bittet, zehn Euro in die Hand drücken, auch wenn er fürchten muss, in neun von zehn Fällen belogen zu werden und dass das Geld keineswegs für eine Not leidende Familie gebraucht wird. Als Politiker kann ich diese Großzügigkeit nicht an den Tag legen. Ich muss die Folgen meines Handelns bedenken: Ich würde unser Land nicht nur in die Pleite, sondern auch ins Chaos führen, wenn ich einfach aus einem Gefühl 18


Das Verständnis der Zehn Gebote Wie sind vor diesem Hintergrund die Zehn Gebote zu verstehen? Für das Volk Israel waren und sind sie ein verbindliches Gesetz – zusammen mit vielen anderen Regeln, die in den Mose-Büchern überliefert sind. Weil Gott Israel auserwählt hatte, waren die Gebote auch von dem Kollektiv Israel zu befolgen – an eine Unterscheidung zwischen Religionsgemeinschaft und Staat war dabei nicht zu denken; man würde heute von einer Theokratie sprechen. Das ist für Christen anders: Sie können bei aller Plausibilität nicht erwarten, dass auch alle anderen Menschen in einem Staat, seien sie nun Anders- oder Nichtgläubige, die Bibel und die Zehn Gebote zum Maßstab ihres Lebens machen. Das bedeutet: Christen und die gesamte Kirche können (und sollen!) für die Beachtung der Zehn Gebote in einer säkularen Gesellschaft werben, sie können die Gebote aber nicht zum allgemein bindenden Gesetz machen. Nicht jeder Übertritt eines Gebotes kann mit Gefängnis geahndet werden. Es sind vielmehr ethische Gebote, die für das Zusammenleben von Menschen von großer Bedeutung sind. Es gibt jede Menge Handlungen, die nicht in Ordnung sind, die aber nicht bestraft werden. Das Strafrecht – darüber muss man sich im Klaren sein – bildet nur das ethische Minimum ab, das Voraussetzung ist, damit ein Staat überhaupt funktionieren kann. Aber es ist klar, dass beispielsweise nicht jede Lüge strafrechtlich sanktioniert wird, auch wenn durch Lügen das Vertrauen zwischen Menschen beschädigt wird. Es ist hier einfach wichtig zu sehen, dass das Christentum keine Gesetzesreligion ist und damit offen steht für die Unterscheidung zwischen staatlich gesetztem Recht und Moral. Die Stärke der Zehn Gebote liegt zunächst in ihrer Kürze und Prägnanz: In der Kurzfassung in Luthers Kleinem Katechismus sind es gerade einmal 103 Wörter. Diese 103 Wörter schaffen eine Ordnung für das menschliche Zusammenleben, die ihresgleichen sucht, während wir heute für die kleinste Kleinigkeit Regelungen 27


mit einem Hundertfachen an Wörtern haben. Wir haben Zehntausende von Paragrafen geschaffen – doch ist die Welt dadurch gerechter geworden? Ich fürchte, an vielen Stellen sind wir mit der Bürokratie und der Reglementierung inzwischen schon zu weit gegangen, so weit, dass die ganz einfachen Regeln für das menschliche Zusammenleben darunter leiden. Albert Schweitzer hat dieses Kuriosum der modernen Welt auf den Punkt gebracht: »Worüber ich mich immer wieder wundere, ist dies: Es gibt in der Welt über dreißig Millionen Gesetze, um zehn Gebote durchzuführen.« Würden alle Menschen die Zehn Gebote einhalten, wir bräuchten für vieles keine kleinteiligen rechtlichen Regelungen mehr! Es ist daher bedauerlich, dass vielen Menschen die Zehn Gebote heute nichts mehr sagen. In Umfragen bekennen zwar viele, dass ihnen die Zehn Gebote wichtig sind, wenn man sie aber genauer nach den Inhalten fragt, kommt nur wenig. Am bekanntesten ist noch das 5. Gebot »Du sollst nicht töten«. An das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, erinnern sich dagegen die wenigsten. Gleichzeitig wird in vielen Umfragen das Jesuswort »Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst« als Teil der Zehn Gebote benannt. Der ehemalige Landesbischof von Hannover, Horst Hirschler, erzählte bei einem Kirchentag folgende Geschichte dazu: Eines Spätnachmittags wurde er von RTL aus Köln angerufen. Eine junge Frauenstimme war am Apparat: »Ist da jemand von der Kirche?« – »Ja, Landesbischof Hirschler.« – »Toll«, sagte sie, und rief in den Hintergrund: »Ich habe hier einen richtigen Bischof dran.« Und zum Bischof: »Wir sind hier das Team für die Sendung Soundso. Und wir haben eine Frage. Es gibt doch in der katholischen Kirche so Gebote. Kennen Sie die?« – »Ja klar«, so Hirschler, »das sind dieselben wie in der evangelischen Kirche.« – »Ach«, sagte sie, »sehr interessant. Was steht denn da drin? Sind das viele?« – »Ja, das sind die Zehn Gebote.« – »Ach«, sagte sie, »zehn?« – »Ja«, sagte der Bischof, »da stehen ganz vernünftige Sachen drin: Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten. Siebtes: Du sollst nicht stehlen. Sechstes Gebot – kann man sich gut merken 28


wegen Sex: Du sollst nicht ehebrechen. Achtes Gebot: Du sollst keine falschen Nachrichten senden.« – »Ach«, sagte sie, »das ist ja hochinteressant.« – »Und dann gibt es noch Luthers Erklärungen dazu, beim fünften zum Beispiel sagt Luther, dass wir unserem Nächsten an seinem Leben keinen Schaden noch Leid tun sollen, sondern ihm helfen und ihn fördern in allen Leibesnöten.« – »Toll«, sagte sie. »Gebote gleich mit Gebrauchsanweisung. Sagen Sie, können Sie uns das nicht mal durchfaxen?« Auf diese Weise sei Luthers Kleiner Katechismus zu RTL nach Köln gekommen, berichtete der frühere Landesbischof Hirschler. Die Zehn Gebote haben eine doppelte Bedeutung: Sie stellen eine gute Ordnung für das menschliche Zusammenleben dar, sagen aber auch etwas über unser Verhältnis zu Gott aus. Sowohl die horizontale als auch die vertikale Ebene werden von den Zehn Geboten geregelt. Natürlich ist mir klar, dass allein schon die Bezeichnung »Gebot« für viele Menschen heute befremdlich ist. Gebote wirken ja zunächst einmal wie eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Zehn Gebote stellen nachgerade eine Gebrauchsanweisung für die Freiheit dar. Sie sind Leitplanken des Lebens. Denken Sie an eine rote Ampel: Natürlich bremst sie mich in meinem Verkehrsfluss, doch nur deshalb, um mich und andere zu schützen. Interessant finde ich deshalb den Gedanken mancher Theologen, die Zehn Gebote nicht nur aus der Perspektive der Handelnden zu betrachten, sozusagen der »Täter«, sondern auch aus der Perspektive der Betroffenen – also der Opfer beispielsweise von Ehebruch, Diebstahl oder übler Nachrede. Dadurch wird der schützende Charakter der Gebote besonders deutlich: Gott will, dass Leben gelingt und geschützt ist. Die Zehn Gebote sind aber nicht nur Ausdruck der Liebe, sondern auch des Herrschaftsanspruchs Gottes. Wenn Gott der Schöpfer ist, dann steht es ihm ganz einfach zu, mir als seinem Geschöpf zu sagen, was richtig und was falsch ist. Mag sein, dass das aus der Sicht des modernen Menschen alles andere als sympa29


thisch klingt, wenn es da heißt »du sollst« oder »du sollst nicht«. Und auch die Eindeutigkeit der Gebote ist etwas, woran wir nicht mehr so gewöhnt sind. Wir Heutigen haben schließlich keine »Probleme« mehr, sondern sprechen von »Herausforderungen«. Eine Rezession nennen wir »Minus-Wachstum«. Und wenn uns das Essen absolut nicht schmeckt, dann finden wir es immer noch »interessant«. Die Gebote nehmen aber weder auf unsere psychische Befindlichkeit Rücksicht noch passen sie sich unserer weichgespülten Business-Diktion an. Sie reden nicht herum. Sie sind wie Zügel – unnachgiebig und eine klar erkennbare Beschränkung. Über dem Einhalten der Gebote steht daher der Segen Gottes, über dem Brechen der Fluch: »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an den vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.« Demnach können die Zehn Gebote auch nicht der Beliebigkeit der Diskussion überlassen werden. Ich stehe daher dem Versuch, die Gebote zu »Angeboten« umzudeuten, die wir annehmen können oder nicht, skeptisch gegenüber. Richtig ist es vielmehr, präzise und (selbst-)kritisch nach dem Sinngehalt und der Bedeutung der Gebote für meine Lebenswelt und für den Bereich, den ich in dieser Welt verantworte, zu fragen. Anhand von Themen, die mir vertraut sind, möchte ich dies im Folgenden tun. Die Zehn Gebote finden sich in der Bibel im 2.  Mose 20,1-17 und 5.  Mose 5,6-21.

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