ANKE WEIDINGER
Mein Anker an der guten Seite des Lebens Das Leben der Johanna von Bismarck
Teil I
Junge Liebe Die Jahre 1844–1851
Nicht auf den ersten Blick
Die Einladung zur Hochzeit seines Freundes und Nachbarn Moritz von Blanckenburg kam nicht überraschend, er hatte es lange gewusst und verstand sich selbst nun umso weniger: War nicht Zeit genug gewesen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es eines Tages so kommen würde? Dass Moritz einmal Marie heiraten würde, sie, die Liebe seines Lebens, und er selbst hilflos, ja, womöglich noch lächelnd ihm dabei zusehen müsste? Sie waren ein schönes Paar, so sagte man, und Moritz würde sie gewiss glücklich machen. Er war ein ehrbarer, rechtschaffener und angesehener Mann, vor allem aber, und das war dem alten Thadden, Maries Vater, wichtig, gehörte er zu dem Kreis der pommerschen Pietisten, dem auch die Blanckenburgs und die von Puttkamers seit Generationen angehörten. Die Pietisten waren nicht nur fromme, bibeltreue Christen, sie übten auch in nicht geringem Maße Einfluss auf die Politik des Landes aus, stammten doch die meisten ihrer Mitglieder aus alten Adelsgeschlechtern, deren Bestreben es war, die alten Strukturen zu erhalten. Sie waren treue Monarchisten und glühende Patrioten, die fest an eine Gott gegebene Ordnung glaubten. Die adligen Gutsherren waren nach Abschaffung der Feudalherrschaft zwar nicht mehr reich, dennoch lebten die meisten von ihnen recht gut, und gefeiert wurde auch in diesen Kreisen – besonders unter den jungen Erwachsenen wurde gespielt, getanzt und geflirtet, wann immer man auf einem der Rittergüter aufeinandertraf. Schließlich erhoffte sich manch junge Dame, bei einer dieser Zusammenkünfte auf einen standesgemäßen Edelmann zu treffen, der sie dann mit auf sein Gut nehmen würde. Besonders die Mitglieder der Gruppe um den eher konservativen Adolph von Thadden blieben gern unter sich. Deswegen war es durchaus erwünscht, dass man auch untereinander heiratete. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, war es eine durch und durch vernünftige Heirat: Moritz liebte Marie, sie erwiderte seine Gefühle durchaus, und sie waren eins im Geist. Vielleicht war es gerade das, was Bismarck so missmutig stimmte. Verärgert warf er die Einladung auf den Tisch, goss
sich noch ein Glas Burgunder nach und leerte es in einem Zug. Sollten sie doch glücklich werden! Das, was ihn und Marie von Thadden verband, würde diese Heirat nicht zerstören können. Er würde sie immer lieben, das musste sie wissen – Blanckenburg vermutlich auch, wenn er nur einmal die rosa Scheuklappen, die er seit der Verlobung trug, ablegen würde. Er, Otto von Bismarck, wusste außerdem, dass sie ihn immer lieben würde. Ihn, den sie schließlich zuerst geliebt hatte. Nachdem er sein Essen ohne Appetit, aber in Windeseile hinuntergeschlungen hatte, pfiff er nach seinen Doggen und verließ das Haus. Er stapfte schweren Schrittes und Herzens zum Stall, rief nach dem Knecht, der wahrscheinlich wieder irgendwo in der Mittagssonne lag und schlief, und sattelte sein Pferd schließlich selbst. Kurz darauf lenkte Bismarck es in scharfem Galopp über die im Sonnenschein liegenden Wiesen und Felder um den elterlichen Gutshof östlich der Oder, der sein Zuhause war, solange er denken konnte. Die pommersche Landschaft, inmitten derer sich Kniephof befand, war seine Heimat, hier fühlte er sich wohl, hier konnte er unbeschwert in den Tag hineinleben und tun und lassen, was er wollte. Allerdings nicht an diesem Morgen, der ihm durch die Ankunft der Post gründlich verleidet war. Sonst konnte er nichts Schöneres finden, als morgens auf seinem Pferd durch Wald und Flur zu streifen, die Hunde munter bellend um sich herum, die Jagdflinte am Sattel, den Tag vor sich liegend wie ein noch unbeschriebenes Blatt Papier. Heute jedoch würde dieses Blatt Papier leer bleiben, leer und ohne jeden Sinn. Nichts Schönes, nichts, was es wert wäre, niedergeschrieben zu werden, konnte ihm heute widerfahren. Selbst die Sonne schien nur ihm zum Hohne zu lachen. Ach, Marie!, entfuhr es ihm im Stillen, wenn du wüsstest, wie mich dies trifft! Lang erwartet, ja, gewusst, und dennoch – und dennoch … Wenige Wochen darauf, an einem strahlenden Herbsttag im Oktober, fand die Hochzeitsfeier auf dem Gut der Familie von Thadden-Trieglaff statt. Bismarck, trotz des Grolls, den er aus verletzter Eitelkeit gegen die beiden Jungvermählten hegte, gab sich redliche Mühe, sich seine Verstimmung nicht anmerken zu lassen. Er hatte es sogar fertiggebracht, die Braut zu küssen und mit dem Bräutigam anzustoßen, hatte mit dem alten, sichtlich
stolzen Thadden ein wenig geplaudert und sich schließlich mit einem zweiten Glas Champagner in den Roten Salon zurückgezogen, wo er ein wenig Ruhe zu finden hoffte. Leider war er auch dort bald wieder in seinen melancholischen Gedanken gestört worden; Blanckenburg machte ihn mit Hans von Kleist-Retzow bekannt und überließ die beiden gleich darauf sich selbst. Eben noch hatte Bismarck den jungen Mann für gar nicht so uninteressant befunden, als seine Aufmerksamkeit durch das Eintreten eines jungen Mädchens in gänzlich andere Bahnen gelenkt wurde. Sie war nicht hübsch im eigentlichen Sinne, ja, vielleicht wirkte sie im Vergleich zu den anderen jungen Frauen, die sich auf dem Fest vergnügten, in ihrem schlichten, weißen Kleid sogar ein wenig farblos, aber etwas in ihrem zarten, ovalen Gesicht ließ ihn unwillkürlich innehalten. Bismarck wusste wohl, dass er sie anstarrte und dass er, wollte er sich nicht hilflos den Spötteleien Blanckenburgs ausgesetzt finden, der unbemerkt neben ihn getreten war, rasch den Blick von ihr würde abwenden müssen. Doch in eben diesem Augenblick sah die junge Frau zu ihm herüber. Ihre Blicke begegneten sich und Bismarck fühlte, wie sich etwas in seinem Herzen zusammenzog, als er der tiefblausten Augen gewahr wurde, die er je gesehen hatte. »Nun, Bismarck, was sagst du? Gefällt sie dir? Gewiss, sie ist nicht annähernd so hübsch wie meine Marie, aber –« »Das ist wohl keine!«, entfuhr es Bismarck, bevor er es verhindern konnte. »Und das weißt du. Aber diese …« »Diese«, unterbrach ihn Blanckenburg sogleich mit scherzhaft erhobenem Zeigefinger, »ist Johanna von Puttkamer, eine gute Freundin Maries – und deine Tischdame für den heutigen Abend. Marie hat es so beschlossen, und du weißt, wenn Marie etwas beschließt …« »… dann ist es beschlossen, ich weiß, ich weiß«, erwiderte Bismarck, der, noch immer in Johannas Richtung starrend, gar nicht so viel dagegen einzuwenden hatte, wie es nach außen hin den Anschein machte. Blau, dachte er, als ihn Blanckenburg und Kleist verlassen hatten und auch Johanna im Getümmel verschwunden war, veilchenblau …
Veilchenblau war der Himmel über dem nahe gelegenen Dorf einige Stunden später nicht, eher bengalisch rot: Während die Hochzeitsgesellschaft mit den angemessenen »Aaahs« und »Ooohs« das zu Ehren der Brautleute entzündete Feuerwerk bewunderte, war im Dorf unten ein echtes Feuer ausgebrochen. Eines, das in dem Moment, in dem die Hochzeitsgesellschaft seiner gewahr wurde, die Feier auf recht dramatische Weise beendete. Der Wind hatte die Funken der Raketen unbemerkt auf die Strohdächer der Häuser im Dorf weitergetragen, die jetzt lichterloh in Flammen standen. Nachdem der Bräutigam als einer der ersten ins Dorf hinabgeritten war, um zu helfen, schwang Bismarck sich ebenfalls auf eines der Pferde, die im Hof angebunden standen. Die Tatsache, dass er noch im Frack war, schien ihn dabei nicht im Mindesten zu stören. »Was steht ihr hier herum und haltet Maulaffen feil?«, schrie er die ängstlich dreinschauenden jungen Frauen an, die im Hof standen und nicht wussten, was sie tun sollten. »Packt gefälligst an und helft mit! Seht doch, wie es im Dorfe brennt – es gibt bestimmt mehr als genug zu tun! Wenn der Bräutigam selbst sich nicht zu schade ist, werdet ihr es wohl auch nicht sein! Und sagt euren Männern Bescheid – die Feier ist vorerst beendet!« »Aber wir tun ja schon etwas, Herr von Bismarck!«, rief eine der Damen mit recht zaghafter Stimme. Sie hielt eine kleine, vom vielen Lesen bereits zerfledderte Bibel in die Höhe. »Wir wollten uns gerade in den Salon zurückziehen und beten!« »Beten! Ha!« Bismarck lachte laut auf. »Das könnt ihr immer noch – jetzt ist die Zeit für Taten! Meine Damen?« Er deutete eine leichte Verbeugung an, wobei er seinem Pferd schon die Sporen gab. »Meine Herren? – Ich empfehle mich!« Nachdem endlich auch der letzte Gast begriffen hatte, dass die Lage ernst war und die Braut selbst sich anschickte, die Pferde anzuschirren, brach plötzlich ein hektisches Treiben auf dem Hof aus: Die Männer schleppten Leitern und Eimer voller Wasser, die Spritze wurde mit vereinten Kräften in Gang gebracht, und selbst die Brautjungfern machten sich nützlich. Allein die Alten standen im Weg herum und erteilten mehr oder weniger nützliche Ratschläge. Gegen Mitternacht rückte die Greifenhagener Feuerwehr an und brach
te das Feuer alsbald unter Kontrolle. Der Schaden war erheblich, aber Dank der Geistesgegenwart einiger hatte es keine Verletzten gegeben und zumindest das Gutshaus samt Kirche war gerettet. Bismarck, selbst müde und erschöpft, übernahm später noch die undankbare Aufgabe des Protokollschreibens, als viele der anderen Gäste bereits gegangen waren. Johanna sah ihm bewundernd dabei zu, wie er, auf einer blauen Wassertonne sitzend, bis zum frühen Morgen mit den Bauern verhandelte, um die Entschädigungen festzusetzen. »Das ist ein Mann der Tat, der Bismarck«, raunte Marie ihrer Freundin zu und versuchte dabei, ihr schmutzig gewordenes Brautkleid zu glätten. »Den solltest du unbedingt noch näher kennenlernen, wenn du kannst. Ich weiß, er scheint wie ein wilder Junker, aber im Grunde seines Herzens ist er ein ehrlicher, aufrechter Kerl.« Etwas lauter fügte sie hinzu: »Wir schreiben einander, nicht wahr, Hanna? Sobald wir von der Hochzeitsreise zurück sind, schreibe ich dir!« Johanna drückte die Freundin und versuchte dabei, nicht zu Bismarck hinüberzusehen. »Ich schreibe dir auch, Marie! Werde glücklich – ich weiß, du bist es schon! Leb denn wohl, bis bald!« Johanna konnte aber nicht umhin, noch einen letzten Blick auf Bismarck zurückzuwerfen, bevor sie in den bereitstehenden Wagen stieg. Erschöpft und müde sah er aus, aber mit sich und der Welt zufrieden. Er hob den Blick und begegnete ein letztes Mal in dieser Nacht dem ihren, und für einen winzigen Moment war ihr, als stünde die Welt um sie herum still. Dann war der Moment vorüber, Bismarck nickte ihr noch einmal freundlich zu – oder war es spöttisch? – und sprang dann von seinem unbequemen Sitz, um mit raschen, weit ausgreifenden Schritten auf das Haus zuzugehen, in dem er gleich darauf verschwand. Johanna seufzte. Ob sie ihn je wiedersehen würde? Würde er sich dann überhaupt noch an sie erinnern? Ein Landjunker wie er, der sicher viel herumkam und in Kreisen verkehrte, von denen sie nicht einmal zu träumen wagte, kannte bestimmt auch die Frauen. Und Johanna wusste, dass sie gegen solche Damen, wie er sie kannte, keinerlei Chance hatte. Bestimmt fand er sie furchtbar langweilig. Nett vielleicht, aber langweilig. Und vielleicht, dachte sie bei sich, als sich der Wagenschlag hinter ihr schloss, ist es auch besser so.